Katalonien - Fragment eines Staates

Interview mit dem spanischen Historiker Ramón Cotarelo zu den Verhaftungen der letzten Tage in Katalonien, sowie den Spannungen zwischen Katalonien und Spanien aus Sicht der Geschichte.

Björn Göttlicher Der spanische Autor Ramón Cotarelo.

Der spanische Historiker Ramón Cotarelo zu den Spannungen zwischen Katalonien und Spanien. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Machen Sie sich auf einige polemische Aussagen gefasst, die ihr Spanien-Bild ins Wanken bringen könnten!

Björn Göttlicher

Vor einigen Tagen wurden die Menschen aufgeschreckt durch polizeiliche Festnahmen von zwei katalanischen Bürgermeistern, elf Aktivisten, sowie einem bekannten Fotojournalisten, ausgeführt von nicht identifizierbaren Vermummten. Wie werten Sie dieses Vorgehen, Señor Cotarelo?

Ramón Cotarelo

Was für eine Abscheulichkeit! Dabei handelt es sich um illegale Festnahmen ohne richterlichen Erlass. Das lässt leider die Erinnerungen an die Überfälle der politischen Polizei der Franco-Ära wiederaufleben. Vermummte, die ohne gerichtlichen Auftrag handeln und den Leuten noch dazu Angst und Schrecken einjagen. Interpretieren lässt sich das auf zwei Arten: Sie (Der spanische Staat; Anm. d. Autors) machen es, um die Menschen einzuschüchtern und Terror zu säen. Kommt der, hätten sie eine Ausrede, um gewaltsam einschreiten zu können. Mit dem Militär dürfen sie nicht einschreiten. Das frustriert sie. Deshalb haben sie versucht, das Militär durch die Gerichte zu ersetzen, aber das hat auch nicht geklappt. Die Richter haben sich – sozusagen – als noch unfähiger erwiesen als das Militär. 

Die zweite Interpretation ist, es handelt sich um eine Art Ablenkungsmanöver. Am selben Tag kam in Madrid der Skandal der zwanzig Steuer-Inspektoren ans Licht. Sie wurden wegen Korruption festgenommen. Staatsanwälte und Rechtsanwälte sind danach verstrickt in einem Netzwerk von Bestechung. Darüber wurde in den Medien nicht berichtet. Am witzigsten finde ich aber, dass ein Ablenkungsmanöver gar nicht nötig gewesen wäre, da die Leute solche Vorgänge mittlerweile überhaupt nicht mehr überraschen.

Björn Göttlicher 

Señor Cotarelo, wie sehen Sie die Zukunft für die Kinder in diesem Land?

Ramón Cotarelo

Auf welches Land beziehen Sie die Frage? Auf Spanien oder auf Katalonien? Ich hoffe, das sind bald zwei verschiedene Länder.

Björn Göttlicher 

Sagen wir mal Spanien.

Ramón Cotarelo

Okay, nehmen wir Spanien. Für Spanien ohne Katalonien sehe ich schwarz. Der Katalonien-Konflikt hat in Spanien die Unfähigkeit zum Wandel sichtbar gemacht. Wir diskutieren ja, ob Spanien ein gescheiterter Staat ist oder nicht. Allein die Vermutung, dass dem so ist, dass Spanien nicht in der Lage ist, sich als ein modernes Land zu präsentieren, ist schlimm genug. Die Unabhängigkeit Kataloniens erscheint mir beinahe unausweichlich. Ein Zusammenleben von Katalonien und Spanien ist kaum noch vorstellbar. Das Land würde wohl überleben, aber es wären profunde Veränderungen notwendig, wie sie das Land seit Jahrzehnten nicht vollzogen hat. 

Spanien lebt im Grunde noch immer in einem alten Regime. Das stammt aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Alle Anpassungen, die es gegeben hat, sind oberflächlicher Art. Das Herz des Landes ist nach wie vor eine Oligarchie aus nationalbewusstem Klerus und reaktionärem Militär – unfähig, sich an moderne Zeiten anzupassen. Die Sehnsucht nach der Unabhängigkeit Kataloniens, die provoziert wurde durch die Unnachgiebigkeit des Staates Spanien, zwingt die Bürger des gesamten Landes früher oder später dazu, zu reagieren oder unterzugehen. Länder gehen natürlich nicht einfach so unter, aber schwierig wird es trotzdem.

Der spanische Historiker Ramón Cotarelo beim Lesen in einer Bar.
Der spanische Historiker Ramón Cotarelo beim Lesen in einer Bar.
Björn Göttlicher

Björn Göttlicher 

Und wie sehen Sie die Zukunft der Kinder in Katalonien?

Ramón Cotarelo

Sehr gut. Katalonien ist das Fragment eines Staates, wie der deutsche Staatsrechtler Georg Jellinek mal gesagt hat. Es hat ein enormes Potential, um sich zu entwickeln. Die Frage, ob Katalonien als Staat lebensfähig wäre, ist absurd. Natürlich ist es das. Das ist offensichtlich. Es gibt in Europa viele Länder mit weniger Territorium, Einwohnern und Bruttoinlandsprodukt. Das sind trotzdem eigenständige Länder: Dänemark zum Beispiel hat viereinhalb Millionen Einwohner, Katalonien hingegen hat sieben Millionen. Von Luxemburg und derartigen Ländern ganz zu schweigen. 

Katalonien scheint mir eine brillante Zukunft zu haben, aber nur als unabhängiger Staat. Innerhalb von Spanien sieht das dann schon wieder ganz anders aus. Da hat das Land keine Zukunft. Es gibt einen Satz von Voltaire aus der Zeit von Ludwig dem Vierzehnten. Übersetzt lautet er „Katalonien kommt ohne die Welt aus, die Welt aber nicht ohne Katalonien“. Da ist viel Wahres dran. Also: Die Zukunft Kataloniens ohne dieses tote Gewicht Spanien an seiner Seite, das seine Ressourcen absorbiert, ist brillant. Deswegen bin ich hier. Ich will Teil einer brillanten Zukunft sein.

Björn Göttlicher 

Das klingt ja hoffnungsvoll. Gleich die nächste Frage: Existiert dieselbe Gerechtigkeit für alle Spanier?

Ramón Cotarelo

Natürlich nicht. Spanien ist – überspitzt gesagt – gar kein Rechtsstaat. Ein Rechtsstaat zeichnet sich aus durch Gleichheit vor dem Gesetz. Das gibt es hier nicht. Nicht einmal offiziell. In der Konstitution steht, der König steht über dem Gesetz. Wie kann man das verstehen? Ein Rechtsstaat, der zwar sagt, er sei einer, der aber anders handelt, kann nicht als solcher begriffen werden. Der Sozialpsychologe Leon Festinger nennt das eine kognitive Dissonanz. Und sie ist ein Problem für die Menschen. Es liegt aber auch nicht nur an dieser Formalität. Selbst in der Praxis herrscht Ungleichheit. Nicht jeder hat die gleichen Möglichkeiten vor Gericht. Spanien ist ein Land der Privilegien. Die Reichen, die Priester und das Militär haben gesetzlich eine ganz andere Stellung als gewöhnliche Menschen. Aber das ist in vielen anderen Ländern nicht anders. Gesetze sind nicht für die Armen gemacht. Es ist überall dasselbe. 

Wie es aber speziell hier in Spanien gehandhabt wird, ist schon eine Beleidigung. Mit diesen Privilegien wird so viel Missbrauch getrieben, dass ich hingerissen bin, zu behaupten, es handelt sich um das größte Problem in diesem Land. 

Björn Göttlicher

Die Justiz ist also das größte Problem des Landes. Warum ist das so?

Ramón Cotarelo

In Spanien hat es nie eine bürgerliche Revolution gegeben. Auch keine industrielle Revolution. Die Macht ging nie auf die Bürger über. Was war denn das alte Regime unter Franco? Ein Regime der Privilegien. Was ist denn die katholische Kirche in Spanien? Ein Staat im Staate, finanziert mit öffentlichen Geldern, der keine Steuern bezahlt. Die Kirche hat heute mehr Besitztümer als nach der Desamortisation (die Übertragung kirchlicher Güter an den Staat und an Privatpersonen. Sie ereignete sich in Spanien vor allem im Verlauf des 19. Jahrhunderts; Anm. d. Autors).

Die Priester genießen Sonderrechte. Sie müssen nie vor Gericht erscheinen. Und beim Militär? Dasselbe. Werfen Sie mal einen Blick auf die Zusammensetzung des Militärs. Als die Kolonien verloren gingen, ging es den Spaniern wie den Österreichern zur Zeit des Österreich-Ungarischen Imperiums. In beiden Ländern war plötzlich ein riesiges Heer zu versorgen, das zu groß war für so ein kleines Land. Die Konsequenz war, dass das Heer heimkehrte und anfing, sich in die Politik einzumischen. In Spanien handelt das Militär bis heute wie die Partei des Zentralstaates. Bis heute! 

Unter Franco gab es nicht ein Verteidigungsministerium – es gab drei! Jede Truppe hatte ihr eigenes Ministerium. Es gab das Ministerium der Luftstreitkräfte, der Landstreitkräfte und der Marine. Schauen Sie sich heute mal die Proportionen an. Spanien hat mehr Offiziere als Soldaten. Alle leben von ihren speziellen Privilegien. Erzählen Sie mir mal, was das mit Modernität zu tun hat? Gar nichts.

Björn Göttlicher 

Vor kurzem hat in Spanien die Regierung gewechselt. Die Sozialisten sind nun an der Macht. Wer regiert das Land genau?

Ramón Cotarelo

Die Banken, die Kirche und das Militär– auch die Großgrundbesitzer, das Finanzkapital, der IBEX (spanischer Aktienindex; Anm. d. Autors), Geschäftsleute. Beim Begriff Großgrundbesitzer müssen Sie lachen, Herr Göttlicher. Sie scheinen nicht zu wissen, dass Andalusien noch immer dieselbe Landstruktur hat, wie im 16. Jahrhundert. Das ist eine Oligarchie aus 400 Familien plus Kirche, die das Land seit 300 Jahren regiert. PSOE (Partido Socialista Obrero Español, Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) und PP (Partido Popular, spanische Volkspartei): Das sind nur die Hausmeister, die Verwalter.


Demonstrationen in Barcelona für die Unabhängigkeit von Spanien.
Demonstrationen in Barcelona für die Unabhängigkeit von Spanien.
Björn Göttlicher

Björn Göttlicher 

 Neigen Sie hier nicht zur Übertreibung? Ist das denn in Katalonien so anders?

Ramón Cotarelo

Auf eine bestimmte Art ja. Aus einem wichtigen Grund: Spanien ist ein Staat, mächtig im Inneren, nicht nach außen. Aber eine Zivilgesellschaft, wie es sie in Deutschland oder England gibt, hat Spanien nicht. Das sind alles Länder mit einer politischen und rechtlichen Struktur und einer Zivilgesellschaft, auf der sich das Land aufbaut. In allen anderen europäischen Ländern ist die Zivilgesellschaft stark, die Staaten sind es nicht. Außerdem herrschen dort liberale Ideologien vor, sowie die Idee, dass der ideale Staat einer ist, der wenig regiert. 

In Spanien ist es genau umgekehrt: Eine Zivilgesellschaft existiert nicht. Was existiert, ist der Staat. Der spanische Kapitalismus ist ein System der Amigos, der Korruption, der Privilegien. Ich nenne das „staatlichen Klientelismus“. Die gesamte zivile Gesellschaft Spaniens möchte vom Staat leben. Alle wollen Beamte werden. In Katalonien ist es anders: Dort existiert der Staat Spanien nicht nur die meiste Zeit nicht, sondern, wenn er sich dann doch einmal zeigt, handelt er gegen die Region. Die Präsenz des spanischen Staates in Katalonien ist seit dem Erbfolgekrieg die Präsenz des Feindes. Der kommt und holt die Steuergelder. Verbietet dir deine Sprache, deine Kultur. Da geht es um Vereinheitlichung und Kastilanisierung. Was hingegen stark ausgeprägt ist in Katalonien, das ist die Zivilgesellschaft. 

Wo sich in Spanien keine industrielle Revolution vollzogen hat, hat es sie in Katalonien gegeben. Und im Baskenland auch. Das 19. Jahrhundert brachte den Fortschritt nach Katalonien. Die erste Eisenbahnlinie auf der iberischen Halbinsel war Barcelona-Mataro. Sie diente dem Export von Gütern und Waren. Die zweite war Madrid-Aranjuez und ging direkt zur Sommerresidenz der Bourbonen-Könige. Das ist ein Unterschied! Katalonien brauchte seine Zivilgesellschaft zum Überleben. In allen katalanischen Dörfern gibt es Clubs, Ateneus (traditionelle katalanische Kulturvereine; Anm. d. Autors), Bürgerzentren, stets angeregt durch die Bürger. Da hatte der Staat nie seine Finger drin, außer beim Einsammeln der Steuern und beim Zerstören. Innerhalb Kataloniens gibt es eine starke Vernetzung der Bürger, die es schon im 19. Jahrhundert erlaubt hat, die Bewegung der Unabhängigkeit voranzutreiben. Soziale Netze sind heute wichtiger denn je. Der Unterschied ist notorisch.

Björn Göttlicher 

In einem kürzlich zu lesenden Artikel stand geschrieben, dass der spanische König sich dafür einsetzt, dass der Vertrag von Utrecht modifiziert werden solle, damit Gibraltar wieder an Spanien falle. Was hat es damit auf sich?

Ramón Cotarelo

In den Verträgen von Utrecht geht es um die Nachfolge des Königshauses im Spanischen Erbfolgekrieg (1701 bis 1714). Der König von Spanien, besser, einer von denen, die es werden wollten – es gab da einen Interessenten aus Frankreich und einen aus Österreich – schenkte Großbritannien auf Ewigkeit den Felsen von Gibraltar und die Insel Menorca. Dafür zogen sich die Engländer im Gegenzug aus Spanien zurück und gaben ihre Unterstützung für Katalonien auf. Den Engländern hat der Deal gefallen. Sie verrieten die Katalanen. Jahre später hat Menorca keinen strategischen Wert mehr für England gehabt und sie gaben die Insel an Spanien zurück. Das sieht man ja heute daran, dass Menorca nichts mit Mallorca gemein hat. 

Heute haben wir also einen Vertrag auf alle Ewigkeit. Der Inhalt hängt ab vom Einverständnis zweier Länder. Beide Seiten müssen sich einig sein. Ist die eine nicht einverstanden, dann kann sie versuchen, die andere zu überzeugen oder sie kann deswegen einen Krieg anzetteln. Da die Spanier natürlich keinen Krieg führen wollen, versuchen sie nun, England zu überzeugen, auf Gibraltar zu verzichten. Das scheint vernünftig, denn zugegebenermaßen hat der strategische Wert des Felsens von Gibraltar deutlich nachgelassen.

Der Eingang zum Mittelmeer: Ideologisch gesehen gibt es tonnenweise Debatten zum Thema. Der Felsen gehöre zum Gebiet der Iberischen Halbinsel, lautet ein Hauptargument. Die spanische Haltung überzeugt mich allerdings wenig. Gibraltar will man gerne zurückhaben, ist aber nicht bereit, Ceuta und Melilla in Afrika wieder herzugeben. Die territoriale Integrität und ihre Debatte brechen schnell in sich zusammen, wenn man es so sieht. Der Vertrag von Utrecht lässt den Spielraum, ihn folgendermaßen zu interpretieren: Da Gibraltar der Preis eines Verrates ist, kann man den Felsen zurückgeben, sofern im Gegenzug den Katalanen ihre Freiheit wiedergegeben wird. Die Engländer vertreten eben diesen Standpunkt in der UNO. 1967 und 2002 hat es allerdings zwei Mal ein Referendum auf Gibraltar gegeben. In beiden war eine eindeutige Mehrheit der Bürger für den Verbleib in England. Die wollen nicht zurück nach Spanien.

Bewohner des Felsens von Gibraltar beim Referendum um die Unabhängigkeit im Jahr 2002
Bewohner des Felsens von Gibraltar beim Referendum um die Unabhängigkeit im Jahr 2002
Björn Göttlicher

Björn Göttlicher 

Ich hatte das Glück, für das Magazin „Der Spiegel“ eine Reportage zu Gibraltar und dem auf spanischer Seite liegenden Ort La Linea de la Concepcion zu machen. Ich habe den Unterschied gesehen.

Ramón Cotarelo

Der Unterschied ist gewaltig, besonders, was die freie Meinungsäußerung angeht. Stellen Sie sich die vierzig Jahre unter Franco vor. Wer will zurück zu einem tyrannischen Land, wo es keine freie Presse gibt und letztlich gar keine Freiheit? Zurück in Armut und mittelalterliche Demenz. Den Leuten das zu verkaufen, ist was für Schwachsinnige. Klar, die Geschichte Spaniens ist voller Idioten, aber entsprechend geht es dem Land. (Cotalero lacht. Klar, dass er an dieser Stelle polemisiert; Anm. d. Autors). Der König kann sagen, was er will. Gibraltar hängt eben nicht von Spanien ab, wird es nie. Über allem schwebt der Wunsch der Menschen, die dort leben. Der König, der diesen Vertrag damals gemacht hat, verfügte quasi über diese Territorien, als sei es sein eigener Besitz. Das kann sich in der Gegenwart keiner mehr leisten. Territorien gehören heute der Allgemeinheit, die kann niemand verschenken. 

Björn Göttlicher 

Sie sprechen die Medien an. Sie sagten eben, die Presse sei nicht frei in Spanien. Sind die Medien in Spanien eine gute Quelle, um sich zu informieren oder vertreten sie bestimmte Interessen?

Ramón Cotarelo

Alle Medien auf der Welt vertreten bestimmte Interessen. Das sind schließlich Firmen und die wollen Umsatz generieren. Das Besondere in Spanien ist, die Medien halten sich hier an keinerlei deontologisches Prinzip (Deontologische Ethik = Pflichtethik; Anm. d. Autors), sie folgen keinen ethischen Grundregeln. Sie stehen komplett auf der Gehaltsliste des Kapitals.

Die internationalen Medien, jetzt mal verallgemeinernd, verfolgen ihre eigenen Interessen, behalten aber einen guten Stil dabei. Sie sind sich bewusst, dass ihre Macht in ihrer Glaubwürdigkeit liegt. Wenn sie diese aus der Hand geben, weil sie sich offen für eine Seite aussprechen, sind sie vollkommen unnütz, reduziert auf Werbepartner. Das passiert hier in Spanien in so extremer Weise, dass praktisch alle Medien, insbesondere die Presse, defizitär sind. Sie halten sich durch getarnte öffentliche Subventionen am Leben, die man verteilt in umgekehrter Proportion zur Auflage. Da geht es nur um politische Treue. Oder es handelt sich um verlustreiche unternehmerische Abenteuer. So etwas gibt es hier oft: Ist deine Zeitung defizitär, benötigst du Kapital. Eine Firma steckt dann ihr Kapital in deine Zeitung, und ab dann tanzt du nach ihrer Pfeife. 

Der Unternehmer übt dadurch Druck aus auf die Regierung und bekommt seinen Gewinn auf anderer Seite ausgezahlt: politisch. Viele Zeitschriften hier sind nicht als unabhängige Organe zu bezeichnen. Sie dienen den Interessen ausgesuchter Gruppen.

Björn Göttlicher 

Vor einiger Zeit waren meine Frau und ich unterwegs auf dem Jakobsweg. Wir kamen an einen Ort in Kastilien. Dort gab es einen Campingplatz, betrieben von Katalanen. Die erzählten uns, sie zögen von dort fort, denn die Dorfbewohner zeigten mit dem Finger auf sie. Die bösen Katalanen, mit denen wollen wir nichts mehr zu tun haben. Woher dieser Hass?

Ramón Cotarelo

Vor kurzem soll ein hochgeehrter Missionar, ein US-Amerikaner, der auf die glorreiche Idee gekommen war, mit einer abgelegenen Gruppe Ureinwohner Küsschen auszutauschen, von eben denen gefressen worden sein. Wenn sie also denken, es sei eine gute Idee, zu Leuten zu gehen, die auf alles Neue mit Steinen schmeißen, kann sowas passieren. Geschichten, wie die der Leute vom Campingplatz, hört man aber öfters. 

Björn Göttlicher 

Welche Art von „Lügen“ werden denn verbreitet, dass dieser Hass so wächst?

Ramón Cotarelo

Wenn du in Katalonien auf der Straße spanisch redest, wirst du gekreuzigt: So etwas verbreiten die Madrider Boulevard-Medien. Ich habe einen Onkel, der verbringt seine Zeit hauptsächlich damit, fern zu sehen. Der hat zuletzt gesagt „Que, de Cataluña, no? Ei donde estan esos.“ („Was, aus Katalonien, stimmts? Ei, wie weit ist es mit denen gekommen?“, Anm. d. Autors)

Dann frage ich nach. „Was genau meinst du damit?“ Dann sagt er: „Die lassen die Leute doch nicht mehr spanisch sprechen.“ Ich insistiere: „Wer erzählt so einen Unfug?“ – „Das Fernsehen. Und in den Schulen darf man auch nicht mehr spanisch sprechen. Und wenn du in Katalonien Spanier bist …,“ und so fort. Alles gelogen! Die Leute glauben es dennoch, und sie glauben es gerne. Es gibt eine unglaubliche Katalanophobie in Spanien. Hauptsächlich aus Neid und weil die Katalanen zweisprachig sind.

Björn Göttlicher 

Wechseln wir mal das Thema. Die neue Regierung der PSOE will die Gebeine des Diktators Franco aus dem Valle de los Caidos holen und umbetten. Eine gute Idee?

Ramón Cotarelo

Man darf nicht vergessen, Spanien ist das einzige Land in Europa, wo der Faschismus triumphiert und überdauert hat. Das ist entscheidend. In den anderen Ländern verlor der Faschismus. Die Frage, die es zu stellen gilt, lautet: Gegen wen verlor der Faschismus? Er erlitt eine Niederlage gegen den Rest der Gesellschaft, darunter die Rechte und das Bürgertum. Die Rechte in Deutschland, unter Adenauer, meine ich. Das war eine bürgerliche Rechte. Keine Barbaren wie die Nazis und die Faschisten. In Italien kämpfte die Rechte gegen die Faschisten. Nach dem Krieg paktierte man mit den Sozialdemokraten, was Nachkriegseuropa letztlich seinen Reichtum beschert hat. 

In Spanien war es anders. Die spanische Rechte diente total und absolut dem Faschismus. Das hat alles pervertiert. Staaten, die von Nazis oder Faschisten ins Leben gerufen wurden, waren nie wirkliche Staaten. Das waren Räuberbanden, wo Verbrecher und Mörder am Werk waren. Der Unterschied ist, die Deutschen machten ein Ende damit, die Italiener ebenfalls – die Spanier nicht. Und der Staat, den die Transición (Übergang in die Demokratie nach Francos Tod; Anm. d. Autors) geerbt hat, ist ein Konstrukt von Verbrechern, die abgeurteilt gehören. 

Der Beweis dafür ist, dass achtzig Jahre danach immer noch 100.000 Menschen in Massengräbern verscharrt liegen. Und sie bleiben dort. Was bedeutet es dann, wenn man Franco nun aus seinem Grab holen will? Vierzig Jahre nach Beginn der Demokratie. Es sollte nicht nur darum gehen, Franco umzubetten, die anderen 100.000 müssten würdig bestattet werden. Das wäre der Beginn eines Prozesses, dem sich die Spanier nicht aussetzen werden, weil sie nicht dazu in der Lage sind, in die Vergangenheit zurück zu schauen. 

Die Richter, die unter Franco Recht sprachen, tun es heute noch. Señora Mariscal de Gante war Ministerin im Justizministerium unter Aznar (José María Aznar war von Mai 1996 bis März 2004 spanischer Ministerpräsident; Anm. d. Autors). Sie ist die Tochter des Magistrado Mariscal de Gante, der unter Franco Minister für öffentliche Ordnung war. Dieselbe Señora sitzt heute im Tribunal und beschlagnahmt die Besitztümer von Artur Mas, einem Oppositionspolitiker in Katalonien. Sagen Sie mir, was das mit einem Rechtsstaat zu tun hat? Gar nichts. Franco aus dem Tal zu bewegen ist nichts weiter als der Beginn des Beginns des Beginns. Es ist vierzig Jahre überfällig.

Björn Göttlicher 

Señor Cotarelo, wir danken für dieses Gespräch.

Ramón Cotarelo (Madrid, 1943) ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft und Verwaltung an der National University of Distance Education (UNED). Seine Forschungslinien waren politische Parteien, die Theorie des Wohlfahrtsstaates, die spanische und europäische Linke und der spanische Weg in die Demokratie.

Er hat mehrere Bücher über den Konflikt zwischen Spanien und Katalonien veröffentlicht: Die Denationalisierung von Spanien (Valencia, 2015), Die Katalanische Republik (Barcelona, ​​2016), Spanien wurde zurückgelassen (Barcelona, ​​2018), Rede an die Nation Katalonien (Erscheinungstermin Februar 2019), Katalonien und die spanische Linke (Erscheinungstermin 2019).

Cotarelos Blog Palinuro hat eine große Anhängerschaft. Sein Twitter-Konto hat mehr als 190.000 Follower.

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