Ethnologie in der Identitätskrise – wird sie demnächst von ihren Studierenden gecancelt?

Ein Gespräch mit dem Ethnologen und Religionsforscher Mark Münzel über aktuelle Debatten, Kannibalismus, Völkermord und den Blick von außen

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Im Vordergrund ein Mann mit weißen kurzen Haaren in einem hellblauen Hemd stützt einen Kochlöffel auf den Tisch

Durch Sammlungen aus Unrechtskontexten und postkoloniale Fragestellungen ist die Ethnologie erneut in die Kritik geraten. Und obgleich die Ethnologie sich bereits seit den 1970er Jahren mit Fragen der Ethik befasst, wird sie heute fast ausschließlich in ihrem kolonialen Kontext kritisiert.

Herr Münzel, Sie haben ihr Leben lang über indigene Ethnien und Religionen geforscht. Nun kommt Kritik daran auf, wer über wen sprechen darf. Darf die Ethnologie noch Völker aus dem „globalen Süden“ erforschen?

Mark Münzel: Ethnologie kann Krise, das ist eine gute Fähigkeit von ihr. Aber wenn man diese Auffassung aus den USA, dass Nicht-Schwarze nicht über Schwarze forschen dürfen und umgekehrt, zum Prinzip macht, dann wühlt man immer nur im eigenen Sud. Aber der Blick von außen ist immer auch nützlich – und den bietet die Ethnologie.

Die Kritik betrifft aber hauptsächlich die Hierarchien zwischen Forschern und Erforschten

Blöde war, dass die Forschung zum Teil unter dem kolonialistischen Druck und unter Gewalt erfolgte. Die Welt, so wie sie heute ist, gäbe es aber nicht, wenn die Leute immer nur in ihrer eigenen Kultur verblieben wären.

Wird die Ethnologie demnächst von ihren eigenen Studierenden als überholte Wissenschaft gecancelt?

Also mir sind die heutigen Studierenden nicht kritisch genug. Das mag der alte Mann sein, der findet, früher waren wir viel kritischer, aber heute forschen die Leute an einer fremden Universität im universitären Milieu. Das ist für sie vertraut. Also finden sie einen indigenen Akademiker, über den sie arbeiten – aber Bauern und Hexerei, also das kulturell Fremde, das können sie nicht.

Drei Personen beugen sich über ein Buch mit Bildern. Der Mann rechts im Bild hat sich sein Gesicht mit Federn beklebt.
Forscher und Erforschte beim Betrachten von älteren Berichten über die Aché. Der Mann rechts hat sein Gesicht mit Federn beklebt, für den Fall, dass er bald ins Totenreich fliegen muss. Links Mark Münzel.
Rechts der Forscher mit einem kleinen Kind auf dem Rücken. Im Halbkreis um ihn stehen fünf Kinder, die Szenen aus ihrem Leben als Verfolgte nachspielen.
Beliebtes Umkehr-Spiel: Der Weiße (hier Mark Münzel) wird zum dienstbaren Pferd. Gleich wird ihn das 3. Mädchen von links mit der Pfanne „tothauen“. Die etwa 12jährige war dem Forscher vom Verwalter zur Vergewaltigung freigegeben worden.