Der Rohbau steht

DebatteMuseum: Rückblick und Ausblick

Von Carmela Thiele

StephanFalk

31. Juli 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Nach vier Monaten warmlaufen, 16 Berichten und ebenso vielen Themen geht DebatteMuseum in die Sommerpause. Da ist ein kleiner Rückblick erlaubt. Alle bisher erschienenen Texte kreisen um eine Institution, die ich glaubte zu kennen, die aber sehr viel mehr Gesichter hat als gedacht. Und fast allerorten herrscht Aufbruchsstimmung, der Wille zur Veränderung ist in der Museumsszene unübersehbar. Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt diese Entwicklung mit verschiedenen Programmen, sieht sich selbst aber auch als Impulsgeber. Zu den aktuellen Initiativen der Stiftung gehört das lab bode, eine auf Tiefenwirkung angelegte Maßnahme, die nichts dem Zufall überlässt.

Bis Ende 2020 erarbeitet das lab bode über vier Jahre mit Schüler_innen von neun Berliner Schulen im Bode-Museum neue Vermittlungsansätze, die dann „in einer Art digitalem Baukastensystem“ für alle zugänglich sein sollen. Vier Jahre Zeit, um Kontakt mit jungen Leuten aufzunehmen, zu erfahren, was sie eigentlich am Museum interessieren könnte. Das ist in Deutschland wohl einmalig, genauso wie der entschiedene Impuls, mehr qualifiziertes Personal für die Vermittlung einzustellen. Die Stiftung finanziert nicht nur 21 wissenschaftliche Vermittlungs-Volontariate, um die sich Museen bewerben können. Diese Volontäre werden zudem über mehrere 3-Tages-Lehrgänge am lab Bode geschult und tragen somit die in Berlin gemachten Erfahrungen in die Länder. Als dritte Säule des Programms will die Stiftung den Diskurs über Vermittlung anregen und veranstaltet im Bode-Museum öffentliche Vorträge und Diskussionen.

Auch in Zukunft wird DebatteMuseum Erfolg versprechenden, neuen Museumskonzepten auf der Spur sein. Wichtig bleibt aber weiterhin, auch Zwischentöne wahrzunehmen, Übergänge und Brüche zu lokalisieren, Fragen zu stellen. Kann es für Museen zur Einbahnstraße werden, wenn sie ihren Bestand komplett digitalisieren und darüber alles andere vergessen? Was steckt hinter den Schlagworten Partizipation und Relevanz, die inzwischen in Universitätsstudiengängen theoretisch fundiert wurden, aber in der Praxis erst wieder Gestalt gewinnen müssen? Ja, und wer sind eigentlich die Herbergsmütter, Netzstrategen und Kulturkonsorten, die das deutsche Museumswesen momentan vor der drohenden Verkalkung bewahren?

Die Nerds bleiben unter sich

Auf Twitter übertrifft sich die digitale Museumszene wechselseitig in der Schlagzahl der Tweets, Likes und witzigen Insider-Kommentare. Social Media-Beauftragte der Museen, junge Museologen, Dienstleister und Twitter-Gurus hashtagen am Rande des Nachvollziehbaren. Twitter ist einer der lebendigsten Orte der Kommunikation zwischen den Museen, doch bleiben dort die Nerds unter sich. Das Museums-Business setzte bislang auf Arbeitsteilung, jeder macht seins. Neue Organisationsformen wie Projektmanagement oder das – nicht mehr zwischen Vermittlern und Kuratoren unterscheidende – partizipative Museum werden die Hierarchien nicht komplett abschaffen, aber sehr viel durchlässiger machen.

Über Erfahrungen im Bereich Partizipation und Digitalisierung wurde in diesem Frühjahr viel debattiert, auf der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes, dem Internationalen Vermittler-Symposion #WhoseMuseum in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und auf dem Forum The Subjective Museum im Historischen Museum Frankfurt.

Es gibt viele Möglichkeiten, ein Museum für die Zukunft zu rüsten. Dazu gehört auch die Verknüpfung des Museums mit avancierter Forschung. Die Leibniz-Museen etwa müssen sich nicht vom Ruf nach mehr Relevanz und Partzipation aus der Spur bringen lassen. Sie leisten Außergewöhnliches auf ihrem Gebiet, sehen aber auch Veränderungsbedarf in der Vermittlung. So organisierte die Leibniz-Gemeinschaft im Juni gemeinsam mit der Bundeskulturstiftung eine Tagung zu Artist-in-Residence-Programmen in Naturkundemuseen. DebatteMuseum hatte bereits im Mai eine solche Kooperation vorgestellt hat, bei der die Initiative allerdings vom Künstler ausgegangen ist. Mit seinem Film „Arrangement of Skin“ ist Karsten Krause eine berührende Bilderreise gelungen, die dazu anregt, den Tiermodellen in den Dioramen mit mehr Aufmerksamkeit zu begegnen.

Ab September finden Sie auf RiffReporter wieder frische Museumsgeschichten. Schon jetzt kündigen sich zwei große Themenkomplexe an. Das Programm des Europäischen Kulturerbejahr 2018, Sharing Heritage ist online. Diese konzertierte Aktion für mehr Europa-Bewusstsein kommt für die EU-Krise leider zu spät. Aber es wäre auch fraglich gewesen, ob die neu geschaffenen transnationalen Kulturrouten oder die Aktionen zu den Roma- und Sinti-Archiven den Brexit oder den Schwund der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn, Polen und der Türkei verhindert hätten.

Was unterscheidet Rassenkunde von Genforschung?

Neue Formen der Gedenkkultur haben sicher einen nicht zu unterschätzenden symbolischen Wert, doch müssen auch weiter konkrete, aus der Veränderung der Gesellschaft resultierende Museumsfragen gelöst werden. Diese kommen u.a. im September auf der ICOM-Tagung in Helsingborg auf den Tisch. Für Lesestoff und Anregung sorgt schon jetzt das Tagungs-Blog, mit dem die Organisatoren im Vorfeld eine gemeinsame Gesprächsbasis der Teilnehmer_innen schaffen. Das norwegische Museum für Technik und Wissenschaft etwa wird das Projekt FOLK vorstellen, das die während des Zweiten Weltkriegs in Norwegen betriebene Rassenforschung mit der aktuellen Genforschung konfrontiert. Die Ausstellung macht sichtbar, wie sehr sich die wissenschaftliche Praxis des Messens, Klassifizierens und der Standardisierung gestern und heute ähneln. Ziel des vierjährigen Forschungsprojektes ist es, das Publikum für einen kritischen Blick auf die Forschung der Gegenwart zu sensibilisieren.

Wie schwer es heute ist, ein Museum als Ort des lebendigen Austauschs zu konzipieren, zeigt die Debatte um das Humboldt-Forum in Berlin. Der Rohbau steht, aber es wird weiter heftig über das Konzept gestritten. Viel Lärm um nichts? Als Reaktion auf den Rücktritt der Leibniz-Preisträgerin Bénédicte Savoy aus dem Beirat hatte Andreas Kilb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Einrichtung einer Stelle für Provenienzforschung für die Ethnografischen Sammlungen der Staatlichen Museen gefordert, die in das rekonstruierte Berliner Stadtschloss einziehen sollen. Daraufhin stellte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Deutschlandfunk klar, dass selbstverständlich in den betreffenden Sammlungen nach der Herkunft der Stücke geforscht werde. Man habe sogar zwei Afrikaforscher in die Überlegungen miteinbezogen. Savoy hatte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (am 20. Juli 2017) gefordert, die genaue Herkunft aller Objekte aus Afrika oder Ozeanien in der Ausstellung offenzulegen und dem Leitungsgremium Intransparenz vorgeworfen.

Noch eine Bemerkung in eigener Sache: RiffReporter fiebert dem Launch seiner Beta-Version entgegen, die mehr Übersichtlichkeit und Service bieten wird. Auch werden einzelne „Korallen“ wie DebatteMuseum endlich zu abonnieren sein! Bis dahin meldet sich das MontagsRiff weiter über Twitter und Facebook und freut sich über Lob und Kritik.

Ihre Carmela Thiele