Langer Atem

Das Historische Museum Frankfurt startet durch. Von Carmela Thiele

HMF/Stefanie Kössling

10. Juli 2017

Seit einiger Zeit wird in Deutschland viel geredet über das zeitgemäße Museum, auf Tagungen, bei den Verbänden auf Landes- und auf Bundesebene, in den Verwaltungen, in Buchpublikationen und in den sozialen Medien. Verwirklichen konnten das, was ihnen seit Jahren vorschwebt, bislang erst wenige. Meist bietet ein Neu- oder Erweiterungsbau die Chance, ein neues Kapitel aufzuschlagen, wie etwa im Fall des Historischen Museums Frankfurt , das im Oktober seine teils mit den Bürgern der Stadt gestalteten Dauerausstellungen im Neubau eröffnen wird. 

Wer sich ein chaotisches Mitmach-Museum vorstellt, wo Kuratoren entmachtet und das Volk das Heft in die Hand genommen hat, der irrt. Der Wandel ist äußerst behutsam und durchdacht angegangen worden. Auf der Ebene „Frankfurt 1“, einem Objekt-Parcours auf 2.000 Quadratmetern, wird – ohne große Mitwirkung des Publikums – die Historie Frankfurts gezeigt, unterbrochen allerdings von interaktiven Elementen, etwa von „Studierzimmern“, die zur Vertiefung einladen. Im 1.000 Quadratmeter großen Bereich „Frankfurt Jetzt“ jedoch ist die Arbeit der seit 2010 stattfindenden „Stadtlabore“ eingeflossen. Und es wird auch weiterhin Raum geben für temporäre Projekte, die für das Archiv des Museums dokumentiert werden sollen. 

Am Anfang stand aber die rein technische Notwendigkeit eines Neubaus, den sich auch die Politik städtebaulich wünschte weil der Sichtbeton-Bau aus den 1970er Jahren das Flair des rekonstruierten Altstadtkerns störte. Der Historiker Jan Gerchow, der seit 2005 an der Spitze des Hauses steht, ergriff die Chance, dem stadtgeschichtlichen Museum eine neue Richtung zu geben. Er brauchte auch nicht lange zu überlegen, was der zentrale Punkt der Neuorientierung sein müsste. Nicht nur die Sammlung digitalisieren, nicht nur relevante Themen aufgreifen, nicht nur die Vermittlung stärken, sondern zu allererst, das Leitbild neu formulieren.

„Das Museum wird zum Ort der Information, Reflexion und Diskussion über Frankfurt und bietet differenzierte Erklärungen und Hintergründe der städtischen Geschichte an. Als Forum für die wichtigen Themen der Stadtgesellschaft trägt es zur Verständigung über die Gegenwart und Zukunft der Stadt bei. (…) Das Museum ist partizipatorisch ausgerichtet, es nimmt den Erfahrungs- und Wissensschatz seiner Besucher ernst und nutzt ihn als integrierten Bestandteil. Das neue Historische Museum Frankfurt spricht alle Bewohner/innen und Besucher/innen der Mainmetropole an. Es richtet sich in spezifischer Weise an die zahlreichen Neubürger aus den unterschiedlichsten Kulturen der Welt und an die internationalen Gäste am Messestandort und Verkehrsknotenpunkt Frankfurt.“
Das Museumsquartier von oben.
Die neuen Gebäuderiegel sind unterirdisch mit den dem Saalbau und dem Stauferhof verbunden.
HMF/Robert Metsch

Das Museum vom Besucher her zu denken, war für Gerchow indes nichts Neues. Der Mittelalter-Spezialist studierte in Freiburg und an der nordenglischen Universität Durham und verfolgte neben seiner Museumskarriere seit den 1980er Jahren die museologischen Debatten in Großbritannien. „In England wird das Museum grundsätzlich als eine Einrichtung für die Öffentlichkeit gedacht und weniger als hoheitliche Institution zur Sammlung und Bewahrung von Kulturgütern“, sagt er. In Deutschland sei das eher umgekehrt. Da stünde das Hoheitliche, der Anspruch im Vordergrund, Schätze zu schützen und zu verwalten und den Bestand akademisch abzusichern. Entsprechend sei auch die Ausbildung und das Selbstverständnis des Personals ausgerichtet. 

In Frankfurt bot sich mit dem 2007 beschlossenen Neubau die Chance für einen Neuanfang. Ein Selbstläufer aber war die Umstrukturierung nicht. „Wir sind in der Stadtverwaltung auch nicht nur auf Gegenliebe gestoßen“, sagt Gerchow. Das sei ein langer Prozess gewesen. „Wir haben auch schon mehrere Stadtregierungen erlebt, 2006/2006 haben wir begonnen, 2009 haben wir einen Masterplan gemacht, und haben um 2011 begonnen, das umzusetzen.“ Solch ein Projekt braucht ohne Frage einen langen Atem, eine lange Vorbereitungszeit. Seit einigen Jahren ist bereits die neue Homepage online, berichtet über den Fortschritt der Baumaßnahmen, über die Arbeit der Stadtlabore, über Bürger-Schenkungen, über Forschungsprojekte und demonstriert Barrierefreiheit - wo sonst gibt es per Video eine Begrüßung in Gebärdensprache?

Museum gegen „tote Hose"

Auch konnte der Direktor noch einen Trumpf ausspielen: die Tradition des Hauses. Bereits Ende der 1970er Jahre hatte das Historische Museum deutschlandweit mit seiner Museumsarbeit Furore gemacht. Im Geiste der 68er sollte nicht nur Geschichte aus der Perspektive der Herrschenden oder Regierenden erzählt werden, sondern auch „von unten“. Arbeit und Freizeit wurden in den gesellschaftlich gedachten Ausstellungen museumswürdig. Kultur für alle, Lernort contra Museumstempel, Museum gegen „tote Hose“, also gegen Langeweile, und für eine demokratische Gesellschaft, das waren die Slogans, die den damaligen Aufbruch begleiteten.

Mit aufwändiger grafischer Gestaltung, Audio-Dokumenten und biografischen Geschichten begriff man schon damals das Museum als eine Form der publikumsorientierten politischen Bildung. 1980 wurde die erste partizipative Ausstellung zu Frauenalltag und Frauenarbeit 1890–1980 organisiert, banale – weibliche - Alltagsgegenstände fanden ihren Weg ins Museum. Doch kam es nach einigen Monaten zum Eklat, und die Ausstellung wurde geschlossen. Was damals als Zumutung begriffen wurde, gilt heute als wünschenswert. Das neu aufgestellte Historische Museum knüpft auch inhaltlich an das ehemals politische Museum an. Es plant für 2018 eine Ausstellung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht, zu der im September eine internationale Tagung geplant ist.

Allein aber hätte auch ein wild entschlossener Direktor das Museum nicht umpolen können. O-Ton Gerchow: „Wir als Museumsleute haben daraus (aus dem Neubau) den Anspruch entwickelt, dass wir uns grundsätzlich neu denken, und für das 21. Jahrhundert aufstellen wollen.“ Dass ein gemeinsamer Aufbruch möglich war, lag vielleicht auch an den Frankfurter Verhältnissen. So sind die Stellen der Kuratoren und Museumsvermittler seit langem finanziell gleich dotiert, die Hierarchie damit gemildert, und die Museen ein wichtiges Aushängeschild der Stadtpolitik.

Seitenansicht des Historischen Museums: Man sieht historische und neue Architekturelemente.
Symbiose von historischer und neuer Architektur zwischen Römer und Main.
HMF/Stefanie Kössling

Es werde aber auch weiter „ganz klassische Ausstellungsprojekte“ geben, die herkömmlich kuratiert seien und sich an ein gebildetes Publikum oder das internationale Städtereisepublikum richteten, „das wahrscheinlich gar kein Interesse hat, groß mitzuwirken“, sagt Gerchow. Aber es gebe eben auch Projekte, wo Partizipation im Vordergrund stünde. „Wir machen beides.“

Die Sammlung des Historischen Museums geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Über 600.000 Objekte, Kunstsammlungen aus dem regionalen Raum, beherbergt das aus mehreren, zum Teil historischen Gebäuden bestehende Stadtmuseum. Nichts spreche dagegen, an manchen Stellen partizipative Projekte zu integrieren, die sich direkt auf die Stadtbevölkerung beziehen, ist Gerchow überzeugt. Das eine schließe das andere nicht aus. Keiner will die Sammlungen vergangener Generationen im Depot verwittern lassen. Eben diese Sorge, dass die Pflege der Kunstschätze ins Hintertreffen geraten könnte, scheint in vielen Städten den Gedanken gar nicht aufkommen zu lassen, sich genauer mit Frage zu befassen, wie das Museum vom Besucher gedacht werden könnte – ohne allein die Besucherzahlen, also Blockbuster im Hinterkopf zu haben. 

Aber ist das Historische Museum Frankfurt hierzulande wirklich ein Vorreiter des neuen Museums? Nein, das wohl nicht. Gerchow verweist auf das Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Doch gebe es im Bereich eines alten kulturhistorischen Museums mit einer großen Sammlung nicht so viele, die sich intensiv um einen neuen Ansatz bemühten. „Wir sehen uns ein bisschen als Vorreiter dieser Öffnung für die Supertanker, auch wenn wir jetzt kein Landesmuseum sind.“