Friedhof für Fans

Soldaten aus dem Heer des Diktator Franco errichteten für Sergio Leone eine Filmkulisse, nun wiederentdeckt von Kultur-Nostalgikern.

Björn Göttlicher Sergio Leones Filmkulisse der 5000 Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien.

Ein Reise-Kommentar von Björn Göttlicher.

Das nennt man wohl den billigsten Friedhof Europas. Für läppische 15 Euro bekommt man ein Holzkreuz mit seinem Namen darauf. Einziger Nachteil an der Sache: Man kann leider nicht selbst dort begraben werden. Es gibt keine Kirche weit und breit, höchstens mal einen verkleideten Priester. Wir befinden uns in der Welt des Kinos, und da ist nichts unmöglich.

Rückblende. Wir schreiben den Juli des Jahres 1966. Spanien leidet unter der schrecklichen Diktatur des Francisco Franco, der heute unweit von Sad Hill im monumentalen Valle de los Caidos friedlich unter täglich frischen Blumen begraben liegt. Die Amerikaner befinden sich mitten im Kalten Krieg und haben Anfang des Jahres versehentlich drei Atombomben im spanischen Luftraum verloren, die über den Köpfen der Menschen in Palomares bei Almería niedergingen und die Landschaft auf 24 Tausend Jahre kontaminierten, wie dieser Artikel rekonstruiert. Da kam dem Regime die brieflich übermittelte Anfrage recht, dass der Filmregisseur Sergio Leone seine Spaghetti-Western nicht mehr nur in der Provinz Almería drehen wollte, sondern in der unbesiedelten Gegend um den Ort Burgos, wo der Diktator ein Hauptquartier besaß. Die Landschaft Kastiliens erinnerte Leone an New Mexiko. 

Grab des unbekannten Soldaten am Friedhof Sad Hill in Burgos, Spanien.
Grab des unbekannten Soldaten am Friedhof Sad Hill in Burgos, Spanien.
Björn Göttlicher

Das Filmteam bat das Regime um Abstellung von 9000 Soldaten. 2000 frisch ins spanische Heer eingezogene Rekruten wurden abgestellt, um in Leones Film als Statisten mitzuspielen, und um die von der Crew gewünschten Szenerien aufzubauen. Sie sollten vor den Kameras ein amerikanisches Heer darstellen, aufgeteilt in die verfeindeten Lager der Nord- und Südstaaten. Man benötigte Schützengräben, ein Konzentrationslager, eine Holzbrücke und eben den Friedhof. Das war für die jungen Männer eine nette, wenn auch schweißtreibende Abwechslung. Für einen Monat wurde im Nachbardorf Ortiguela ein Zeltlager zur Unterbringung der Rekruten errichtet. Der Film, der dabei entstand, heißt in der Originalversion „The good, the bad and the ugly“, auf Deutsch „Zwei glorreiche Halunken“. In den Hauptrollen spielten Clint Eastwood, Lee van Cleef und der im Jahre 2014 verstorbene Eli Wallach.

Diego Montero aus dem kleinen Ort Salas de los Infantes kennt die Plätze der Dreharbeiten seit seiner Kindheit. Das Interesse der Öffentlichkeit daran begann erst anzuschwellen, als gelegentlich Fremde kamen, um das neu eingeweihte Dinosaurier-Museum unter die Lupe zu nehmen. „Dinosaurier sind ja schön und gut,“ berichtet Diego von der Neugier der Besucher, “aber hier irgendwo müssen doch die Dreharbeiten zu diesem Western stattgefunden haben.“ Im Jahr 2006, dem 40. Jahrestag des Drehs von Kultregisseur Sergio Leone, gründete Diego mit ein paar Freunden die Asociación Cultural Sad Hill. Eine Route der Orte, die beim Dreh eine Rolle gespielt hatten, wurde erstellt und der Western erstmals im Freien auf Großleinwand projiziert. 

Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien
Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien
Björn Göttlicher

Doch um im weit abgelegenen Tal Valle de Mirandilla Ausgrabungen vornehmen zu dürfen und den berühmten Friedhof wieder ans Licht zu holen, der damals von 250 Soldaten des Franco-Heeres in nur zwei Wochen quasi als riesige Freilichtbühne in konzentrischen Kreisen errichtet wurde, dauerte es bis ins Jahr 2015. Sergio Leone war von der Idee dieses Friedhofs besessen. Ihm gefiel die Vorstellung eines Ortes als Symbol für das anonyme Sterben im Krieg und als Versteck von 200.000 US-Dollar, um die sich in der sich zuspitzenden Endszene des Filmes die drei Hauptdarsteller duellieren.

Genehmigungen für Ausgrabungen bekommt man in Spanien nur nach langer Wartezeit, was damit zusammenhängt, dass in der Erde Kastiliens nicht nur die Knochen längst ausgestorbener Dinosaurier ans Licht kommen können, sondern auch die Gebeine Tausender im spanischen Bürgerkrieg von den Faschisten erschossener Republikaner, Linker oder Intellektueller. 

In Spanien macht derzeit die erschreckende Zahl von 296 Massengräbern die Runde. Diese sind zum größten Teil nie geöffnet worden, da die Regierung in Madrid sich bis heute weigert, den Angehörigen der damals entführten und nie wieder aufgetauchten Menschen das Recht zu gewähren, ihre Väter, Mütter oder Großeltern aus der Anonymität der Gräber zu holen und ihre Gebeine würdig zu bestatten. „In Aranda de Duero wissen wir von einem Massengrab ganz in der Nähe“, sagt Diego Montero mit belegter Stimme. Kein Thema, über das die Menschen in Spanien gerne reden. Die Wunden sind nur schlecht verheilt und laufen ständig Gefahr, erneut aufzureißen.

Diego Montero der Asociación Cultural Sad Hill
Diego Montero der Asociación Cultural Sad Hill
Björn Göttlicher

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Lieber reden die Menschen über Kunst. Filmkunst in diesem Fall. Realisiert vom im Jahre 1989 verstorbenen Italiener Leone, der mit Zwei glorreiche Halunken und Spiel mir das Lied vom Tod in den späten 1960er Jahren seine größten Erfolge feierte, immer unterstützt von der kongenialen Musik des Ennio Morricone. 

Diego Montero träumt von einem Konzert der Rockgruppe Metallica auf Sad Hill.

Als die Filmfans der Asociación Cultural Sad Hill damit begannen, den Friedhof auszugraben, kamen unter Grashügeln an die 5000 Gräber zum Vorschein, unter denen niemand begraben lag. Für Ausgrabungen von Dinosaurier-Knochen benötigt man Archäologen und Paläontologen, für die Exhumation von menschlichen Gebeinen Archäologen und Forensiker, für Grabungsarbeiten auf einem Filmfriedhof reichen Hobby-Archäologen und Western-Fans. Schnell fand sich nicht nur eine große Anhängerschar des Landschaftsprojektes, dem über die sozialen Netzwerke zu Popularität verholfen wurde, sondern ein ehrgeiziger Dokumentarfilmer, um das Projekt auf die große Leinwand zu bringen. 

Sergio Leones Filmkulisse der 5000 Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien.
Sergio Leones Filmkulisse der 5000 Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien.
Björn Göttlicher

Der Galizier Guillermo de Olivera begleitete die Ausgrabungen und ihre Protagonisten von Anfang an und hatte damit beispielhaften Erfolg. Im Rahmen der Dreharbeiten für den Film „Sad Hill Unearthed“ konnten alte Weggefährten des Leone-Teams aufgetrieben werden, Rekruten aus dem Soldatenheer aus der Zeit von Franco sowie ein mächtiger Partner als Sponsor. Einem der Ausgräber fiel siedend heiß ein, dass die Rockgruppe Metallica seit ewiger Zeit ihre Livekonzerte mit der Morricone-Musik von Zwei glorreiche Halunken beginnt. James Hetfield, Leadsänger von Metallica, sagt in der Doku: „In dem Film wird soviel gesagt ohne Worte. Das macht das Projekt universell.“ Kaum ein Film kam je wieder an das Niveau dieses Westernklassikers heran. Zum 50. Jahrestag des Drehs ließ sich sogar Clint Eastwood live ins Valle de Mirandilla schalten, um den Jungs der Asociación Cultural Sad Hill seine Aufwartung zu machen. Nicht wenige Fans fingen an dem Abend neben den brummenden Generatoren, die man zur Stromerzeugung für die Projektion herangeschafft hatte, an zu weinen. 

Filmplakat am Eingang zu Sergio Leones Filmkulisse der 5000 Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien.
Filmplakat am Eingang zu Sergio Leones Filmkulisse der 5000 Gräber auf dem Friedhof Sad Hill, bei Burgos, Spanien.
Björn Göttlicher

Die beliebteste Geschichte der Dreharbeiten war der Aufbau und die Sprengung der hundert Meter langen Holzbrücke über einen Fluss im Valle de Arlanza. Als es endlich zur zweiten Detonation (die erste war dem Regisseur zu wenig eindrucksvoll) gekommen war, die durch mehr als 400 Kilogramm TNT einen in dieser Landschaft nie gehörten Lärm verursacht hatte, soll Sergio Leone getobt haben. Er hatte das Privileg der Sprengung in die Hände eines Coronel der spanischen Armee gelegt und dieser hatte schlicht zu früh auf den Knopf gedrückt. Die zwölf Kameras, die die Explosion aus allen erdenklichen Standpunkten filmen sollten, waren noch nicht aufnahmebereit. Die Brücke lag trotzdem in Schutt und Asche. Dem Filmteam blieb nichts anderes übrig, als sie erneut aufbauen zu lassen. Erst zwei Wochen später konnte zum dritten Mal gesprengt werden. Im Film ist dann diese letzte, erfolgreiche Version zu sehen.

Guillermo de Oliveras Film „Sad Hill Unearthed“ nahm an diversen Festivals teil und wurde mehrfach ausgezeichnet. Netflix erwarb schließlich die Ausstrahlungsrechte weltweit. „Das war eine enorme Befriedigung für uns Filmfans“, erzählt Diego Montero und fügt hinzu, dass im Mai 2019 die Band Metallica zu einem Konzert in Madrid erwartet wird. „Vielleicht kommen sie ja dann vorbei und machen ein bisschen Musik hier. Das wäre natürlich das Größte!“

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