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„Ihr Unternehmen ist auf 6,2 Grad-Celsius-Kurs“

Neue wirtschaftliche Klimametriken zeigen, ob ein Projekt, ein Unternehmen oder gar eine ganze Branche den richtigen Kurs in der Klimakrise setzt.

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07.05.2019
12 Minuten
Die chemische Industrie erzeugt klimaschädliche Emissionen, wie dieses Bild symbolhaft zeigt.

Nach der Pariser Klimakonferenz 2015 haben sich Dax-Konzerne und andere große Unternehmen zu dem Ziel bekannt, die menschengemachte globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber den vorindustriellen Werten zu begrenzen. Doch wie wird aus einem Versprechen für die Unternehmen eine konkrete Managementfrage?

Problem: Wenn Unternehmen ihre Geschäfte auf die 1,5– oder 2-Grad-Grenze ausrichten wollen, brauchen sie Klimamanagement. Hierfür müssen sie nicht nur für das gesamte Unternehmen, sondern auch für einzelne Projekte eine Aussage treffen können. Gesucht wird hierfür eine wirtschaftliche Einheit zum Klimawandel, die auf einen Blick zeigt, inwieweit sich ein Unternehmen in seinem wirtschaftlichen Handeln seinem definierten Grad-Ziel annähert.

Lösung: Ein Frankfurter Startup hat eine Klimakennzahl „X-Degree-Compatibility“ (XDC) entwickelt. Sie drückt aus, um wie viel Grad Celsius sich die Erde bis 2050 erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so wirtschaften würde wie das untersuchte Unternehmen. Daraus lässt sich ablesen, wie weit das Geschäftsgebahren eines Projekts, einer Firma oder einer Branche vom Pariser Klimaziel entfernt ist – und welche Anstrengung für eine Kurskorrektur notwendig ist.

Banken, Versicherungen und Unternehmen wollen die Klimakrise besser verstehen: Ist ihr Geschäftsmodell kompatibel mit Klimaschutz-Zielen? Wie kann die Klimakrise ihr Geschäft beeinflussen, wenn sie nicht ausreichend begrenzt wird? Wie wirkt sich die Klimakrise auf ihre Reputation aus? Wie wirken sich Klimaschutzmaßnahmen auf Geschäftspartner, Märkte, Technologieentwicklungen und die Bonität der Kunden aus? „Die Risikoperspektive treibt die Nachfrage nach wirtschaftlichen Klimametriken“, sagt Ari Pankiewicz, Leiter Sustainable Finance der europäischen Unternehmensberatung d-fine, im Gespräch mit KlimaSocial.

Karsten Löffler, Co-Head des UNEP Collaborating Centre for Climate& Sustainable Energy Finance der Frankfurt School, erklärte im Gespräch mit der Börsen-Zeitung kürzlich, dass „die verschiedenen Ansätze, um den Einfluss von Unternehmen auf den Klimawandel zu messen, zwar noch in den Kinderschuhen stecken, ihre Bedeutung bei der Entwicklung eines Standards aber nicht unterschätzt werden darf.“ Vielfach fehle aber die Transparenz.

Zunehmende regulatorische Anforderungen

Getrieben von reinem Eigeninteresse ist die Entwicklung nicht. Die Unternehmen versuchen vor allem der erwarteten Regulierung für nicht-finanzielle Berichterstattung vorzugreifen. Eine 2014 verabschiedete europäische Richtlinie zu Corporate Social Responsibility (2014/95/EU) verpflichtet Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 40 Mio. Euro oder mit mehr als 500 Mitarbeitern dazu, ihre nicht-finanziellen Kernzahlen zu veröffentlichen.

Umgesetzt wurde dies in Deutschland durch das CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz, das die Berichterstattungspflichten für den nicht-finanziellen Bereich erweiterte. Unter anderem verlangt nun § 289c Handelsgesetzbuch (HGB) von großen Unternehmen, Banken und Versicherern, sich zu Umweltbelangen zu erklären, „wobei sich die Angaben beispielsweise auf Treibhausgasemissionen, den Wasserverbrauch, die Luftverschmutzung, die Nutzung von erneuerbaren und nicht erneuerbaren Energien oder den Schutz der biologischen Vielfalt beziehen können“.

Bisher dürfen die Unternehmen – mit Ausnahme der Versicherer – weitgehend frei entscheiden, wie sie ihre Angaben gestalten. Kritiker weisen darauf hin, dass Firmen aus eigenem Interesse insbesondere diejenigen Merkmale hervorheben, die sie in einem guten Licht erscheinen lassen. Bis 2020 sollen die Richtlinien für Best Practice von den europäischen Finanzaufsichtsbehörden erarbeitet werden. Derzeit orientieren sich viele Unternehmen noch an den Empfehlungen der von internationalen Unternehmen geführten TCFD (task force on climate-related financial disclosures).

Eine  Klimaschutz-Protestaktion in Calgary.
Eine Klimaschutz-Protestaktion in Calgary vom November 2008: Das „Rainforest Action Network“ ordnete fünf größeren kanadischen Banken ihren CO2-Fußabdruck zu. Die Zahl bezieht sich aber auf die Vergangenheit und sagt wenig darüber aus, welchen Grad-Celsius-Kurs eine Bank unterstützt. (Bild: ItzaFineDay/Flickr; CC BY 2.0)

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Die Auswertung von DAX-30-Unternehmen mit Hilfe der XDC-Kennzahlen zu ihren Standardannahmen zeigt eine große Streuung der Werte. (Grafik: right.)
Die Auswertung von DAX-30-Unternehmen mit Hilfe der XDC-Kennzahlen zu ihren Standardannahmen zeigt eine große Streuung der Werte. (Grafik: right.)
Kohlekraftwerk des italienischen Energieunternehmens Enel S.p.A. in Civitavecchia.
Kohlekraftwerk des italienischen Energieunternehmens Enel S.p.A. in Civitavecchia. Die Analyse der Standard XDC 2016 hat ergeben, dass Enel auf 6,08 Grad Celsius kommt.
Die Grafik zeigt, welche Datenquellen in das XDC-Modell einfließen und welche Werte damit generiert werden.
Die Grafik zeigt, welche Datenquellen in das XDC-Modell einfließen und welche Werte damit generiert werden.
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Christiane Schulzki-Haddouti

Christiane Schulzki-Haddouti

schreibt seit 1996 über das Leben in der Informationsgesellschaft, seine Chancen und Schwierigkeiten. Für Riffrepoerter befasst sie sich mit praktischen und theoretischen Fragen der Kommunikation, Organisation und Vernetzung im Rahmen der Klimakrise.


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