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Drei Fragen zum Embryonenschutzgesetz

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch und Forscher drängen auf die Neufassung eines Gesetzes, das nicht mehr zeitgemäß ist. Wir geben Antworten.

13.07.2021
3 Minuten
Die Grafik zeigt die Gesichter von drei Menschen mit Fragen zu einem aktuellen Thema. Sie erhalten Antworten.

Die Spitzenverbände der deutschen Wissenschaft fordern eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes. Sie wollen das Verbot der Forschung an Embryonen kippen, damit Grundlagenforschung zur Entwicklung des menschlichen Lebens auch in Deutschland möglich ist. Zudem sollen Regelungen für Paare gelockert werden, die die Hilfe von Kinderwunschkliniken in Anspruch nehmen.

Warum soll das Embryonenschutzgesetz geändert werden?

Der Name Embryonenschutzgesetz klingt sperrig, aber die Regelungen betreffen viele Menschen. Die größte Gruppe sind Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden. In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos und auf medizinische Hilfe angewiesen. Diese Behandlung fällt unter das Embryonenschutzgesetz. In Deutschland wurden zwischen 1997 und 2018 knapp 320.000 Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren. Die Expertïnnen der Wissenschaftsverbände kritisieren, dass die aktuelle Rechtslage Ärztïnnen in Kinderwunschkliniken zu Behandlungen zwinge, die nicht mehr dem internationalen Standard entsprechen und Mutter und Kind durch Mehrlingsschwangerschaften einem unnötigen Risiko aussetzen. Paare mit hohem Einkommen weichen seit Jahren ins Ausland aus, um die strengen deutschen Regelungen, wie etwa das Verbot von Leihmutterschaft und Eizellenspende, zu umgehen.

Von den Regelungen des Gesetzes unmittelbar betroffen sind auch Wissenschaftlerïnnen, die derzeit nicht an Embryonen forschen dürfen, obwohl es in vielen Ländern erlaubt ist. Die Identifizierung von genetischen und umweltbedingten Ursachen von Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Fehlbildungen und erblichen Erkrankungen sei ein hochrangiges Forschungsziel, dass die wissenschaftliche Arbeit an Embryonen rechtfertige, argumentieren sie. Auch die Frage, wie genau sich menschliches Leben nach der Befruchtung entwickelt, lässt sich nur mit Forschung an Embryonen beantworten.

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Welche Änderungen am Embryonenschutzgesetz sind geplant?

Es gibt noch keinen Entwurf für die Neufassung, aber Abgeordnete aller Parteien haben angekündigt, das Thema nach der Bundestagswahl 2021 endlich behandeln zu wollen. Das Gesetz aus dem Jahr 1990 gilt als veraltet. Bei der Diskussion stehen praktische Aspekte im Mittelpunkt: Wer bezahlt die Behandlung bei einem unerfüllten Kinderwunsch? Gibt es Altersgrenzen? Steht das Verfahren auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen? Dürfen Frauen anderen Frauen (zum Beispiel der Schwester) Eizellen spenden? Welche Rechte haben Kinder, die auf diesem Wege gezeugt werden?

Diskussionen gibt es auch um die sogenannte „Dreierregel“. Laut Embryonenschutzgesetz sollen in einem Behandlungszyklus der künstlichen Befruchtung nicht mehr als drei Eizellen befruchtet und keine von ihnen verworfen werden. Künftig soll diese Beschränkung fallen, es könnten dann mehr Eizellen kultiviert werden, aber nur der Embryo mit der besten Entwicklungschance würde in die Gebärmutter übertragen. Was geschieht dann mit befruchteten Eizellen, die in einer Kinderwunschklinik nicht mehr benötigt werden? Diese Frage ist zum Beispiel noch offen.

Für die Wissenschaft stellen sich bei der Neufassung eher grundlegende Fragen. Da die Forschung an Embryonen derzeit verboten ist, muss geregelt werden, welche Projekte erlaubt sein sollen und woher die Embryonen für die Experimente stammen könnten.

Über welche Themen müssen wir beim Embryonenschutz sprechen?

Der Schutz des Embryos ist kein Thema für Spezialisten. Die Debatte betrifft die ganze Gesellschaft. Die Diskussion über das Embryonenschutzgesetz berührt die Frage, in welchem Ausmaß sich der Staat engagiert, die Bildung einer Familie zu erleichtern oder zu ermöglichen. Welches Familienbild soll von der Gesellschaft unterstützt werden? Genauso muss diskutiert werden, welche Belastungen einem Paar mit Kinderwunsch zugemutet werden dürfen. Da bei künstlicher Befruchtung häufig mehrere Embryonen entstehen, steht die Frage im Raum, ob Eltern ihr potentielles Kind aussuchen dürfen. Gilt diese Wahlmöglichkeit im übertragenen Sinne auch für Paare, die keine ärztliche Hilfe benötigen? Was müssen werdende Eltern über mögliche Erkrankungen oder die Fähigkeiten ihrer noch nicht geborenen Kinder wissen? Der Staat muss aber auch die Rechte der ungeborenen Kinder sicherstellen, die von den Entscheidungen der Eltern und Ärztïnnen direkt betroffen sind.

In der Wissenschaft muss die Frage diskutiert werden, welche Forschungsziele wichtig genug sind, dass dafür entwicklungsfähige menschliche Embryonen eingesetzt und zerstört werden dürfen. Was sollten wir über den Beginn menschlichen Lebens wissen und welches Recht haben wir, darin einzugreifen? Über allem steht die einfach klingende, aber im Detail schwierige Frage, wann schützenswertes menschliches Leben beginnt.

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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