Zwei Jahre im Zeichen der Biodiversität: Was wir mit „Countdown Natur“ aufgebaut haben

Mit Förderung von zwei Stiftungen konnten wir den gesamten Weg zum UN-Abkommen von Montreal covern, das Natur und Biosphäre retten soll – mit Recherchen auf fünf Kontinenten und einer einmaligen Ressource zum Jahrhundertthema Biodiversität als Ergebnis

15 Minuten
Das Bild zeigt quirlige Fischschwärme vor einem Korallenriff

Mit einem Hammerschlag besiegelte am 19. Dezember 2022 um halb vier Uhr morgens der chinesische Umweltminister Huang Runqiu in Montreal ein internationales Umweltabkommen von größtmöglicher Tragweite. Es soll nicht weniger leisten als die Natur in ihrer Vielfalt und als Voraussetzung menschlichen Lebens zu erhalten.

Der Klimavertrag von Paris aus dem Jahr 2015 soll sicherstellen, dass wir Menschen nicht durch unseren Ausstoß von Treibhausgasen die Biosphäre überhitzen und im Ozean für dessen Bewohner unerträglich sauer machen. Das Kunming-Montreal-Abkommen von 2022 soll dafür sorgen, dass diese Biosphäre nicht weiter zerstört wird und genetisch verarmt – auch, damit sie das menschliche Leben und Überleben weiter gewährleisten kann.

Nicht zum Schutz einzelner Arten verpflichteten sich die Vertreterinnen und Vertreter von 196 Staaten, sondern zum Schutz der gesamten Natur: Der geschätzt acht Millionen Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen; der Ökosysteme von der arktischen Tundra bis zum tropischen Regenwald; der Vielfalt der Kulturpflanzen; und auch der ökologischen Bedingungen der „Dienstleistungen“ der Natur für unser Essen, Wasser, Erholungsmöglichkeiten und vielem mehr.

So wichtig wie die Klimakrise

Denn die Biosphäre ist bedroht. Rohstoffausbeutung, industrielle Landwirtschaft, chemische Verschmutzung, Erderwärmung und viele weitere Stressfaktoren reißen immer größere Löcher in das Netz des Lebens. UN-Generalsekretär António Guterres spricht sogar von einem „Krieg gegen die Natur“. Dieser Krieg wendet sich gegen uns selbst, wenn Böden unfruchtbar werden, Landstriche veröden und austrocknende Lebensräume die Klimakrise noch anheizen. „Mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung hängt von der Natur ab“, mahnt die Ökonomin Akanksha Khatri vom World Economic Forum, das den Biodiversitätsverlust zu den größten globalen und ökonomischen Risiken der nächsten zehn Jahre zählt.

Auf der Luftaufnahme ist die Grenze zwischen gerodetem und noch bestehendem Amazonas-Regenwald gut sichtbar.
Für Soja und Viehhaltung, aber auch für Bergbau wird der Amazonas-Regenwald abgeholzt

Schon zweimal hat die Menschheit große Anläufe unternommen, ihren Umgang mit der Natur und ihrer über Jahrmillionen gewachsenen Biodiversität grundlegend zu ändern: 1992 beim „Erdgipfel“ von Rio, als die UN-Konvention für biologische Vielfalt geschaffen wurde und 2010, als deren Vertragsstaaten im japanischen Nagoya 20 wegweisende Ziele bis zum Jahr 2020 beschlossen. Doch beide Male verliefen die Bemühungen auf frustrierende Weise im Sand.

Damit geriet das 2010 in Nagoya von der Staatengemeinschaft beschlossene große Ziel in Gefahr, nach der Mensch und Natur zur Jahrtausendmitte in Einklang miteinander existieren. Um die „Vision 2050“ zu retten, begannen bereits vor vier Jahren bei den Vereinten Nationen die Vorbereitungen für einen neuen Anlauf: Die COP15, die 15. Vertragsstaatenkonferenz, sollte den Masterplan der Menschheit für den Schutz der Natur im 21. Jahrhundert bringen. Das war das Ziel und der Anspruch.

Fokus Biodiversitätspolitik – es geht um die ganze Erde

Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich mich als Vorstand der RiffReporter eG darangemacht, ein Rechercheprojekt zur Zukunft der Biodiversität zu konzipieren. Für mich stand am Anfang ebenfalls die Diagnose eines Versagens: Nicht nur die Staaten der Erde hatten die Naturvielfalt zu lange als unbedeutendes statt als existenzielles Thema behandelt, sondern auch die meisten Medien.

kleine kugelförmige Pilze wachsen an einem umgefallenen Baumstamm
Unspektakulär spektakulär: Pilze sind ein wichtiger Bestandteil jedes Ökosystems, hier. Birnen-Stäublinge.
Drohnenfoto eines Moores
Moore, Wälder und Meere sind besonders wertvolle Lebensräume. Doch ihr Zustand in Deutschland ist schlecht, wie zahlreiche wissenschaftliche Analysen zeigen.
Der Nachtfalter Brauner Bär mit ausgebreiteten Flügeln auf einer Rinde
Der Braune Bär (Arctia caja) gehört zu den vielen Insekten, denen die Lichtverschmutzung zusetzt. Er wurde auch deshalb vom Umweltverband BUND zum Schmetterling des Jahres 2021 gekürt.
Der Drachenbaum steht in einer Wüstenlandschaft. Seine zahlreichen Äste wachen so symmetrisch in Himmel, dass daraus eine Art Plattform entsteht. Deren sattes Grün auf der Oberseite steht in starkem Kontrast zur trockenen Landschaft,
Rund 400.000 Pflanzenarten gibt es auf der Erde, darunter diesen Drachenbaum von der Insel Sokotra, dessen Wurzeln und Saft auf vielfältige Weise medizinisch genutzt werden. Die Art bedarf deshalb aber auch eines besonderen Schutzes.
Die große Eule fliegt niedrig mit ausgebreiteten Flügeln über den Boden, sie hat ein Nagetier im Schnabel.
Eine Sumpfohreule nach erfolgreicher Jagd.

Als jemand, der seit Ende der 1980er Jahre über Biodiversität berichtet, habe ich zu oft müdes Lächeln geerntet, wenn ich Vorschläge dazu machte. „Orchideenthema“ – das bringt viele Reaktionen ganz gut auf den Punkt. Ausnahmen – etwa das langjährige Engagement des GEO-Magazins zur Biodiversität – bestätigen leider die Regel. Tierstorys finden in der Medienlandschaft noch am ehesten ihren Platz, aber politische oder gar ökonomische Berichterstattung zur Biodiversität? Es herrschte große Leere.

So entstand die Idee für unser RiffReporter-Projekt „Countdown Natur“. Ziel und Anspruch: Den Weg zur COP15 journalistisch zu begleiten und der Öffentlichkeit attraktive Angebote zu machen, in das Jahrhundertthema Biodiversität einzusteigen und sich zu informieren. Mut machte dabei, dass auch das Klima lange Zeit als Randthema belächelt wurde. „Klima ist vorbei, such dir ein anderes Thema“, sagte mir ein Chefredakteur 2009 nach dem gescheiterten UN-Gipfel von Kopenhagen. „Klima ist wichtig, aber danach kommt das nächste Thema“, sagte Thomas Bellut, bis März Intendant des ZDF, noch 2021. Die Zeiten, in denen das Wort „Klimapolitik“ neu und ungewohnt klang, sind gar nicht so lange her. Heute geht das allen flott von der Zunge.

Beim Klima sind die meisten Medien aufgewacht, bei der Biodiversität noch nicht

Inzwischen ist „Klima“ vollends auf den obersten Ebenen von Politik und Wirtschaft sowie in allen Qualitätsmedien angekommen – und wird kaum wieder verschwinden, wie es früher mehrmals geschah.

Dasselbe ist für Biodiversität dringend nötig. Bei RiffReporter hatten wir dafür die wichtigste Zutat schon parat: Eine Gemeinschaft hervorragender Journalistinnen und Journalisten in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik.

Bild mit zwei Hälften, links ein intaktes Riff, rechts ein ausgebleichtes.
2016 kam es weltweit zu großflächigen Korallenbleichen, wie hier in Amerikanisch-Samoa im Pazifik. Links der Zustand vor der Bleiche, rechts danach.

Doch leider reichten die Abo-Einnahmen von RiffReporter nicht dafür, ein so anspruchsvolles und neuartiges Projekt aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Deshalb machten wir uns auf die Suche nach Institutionen, die unabhängigen Journalismus zum Thema Biodiversität fördern wollen – und das ohne irgendeine Gegenleistung oder gar Einfluss auf die Berichterstattung zu verlangen. Und nach einigen Schlappen fanden wir zwei solche Unterstützer: die Hering-Stiftung Natur und Mensch mit ihrer Gründerin Annette Hering und das European Journalism Centre. Sie haben uns all das ermöglicht, was wir seit September 2020 leisten und bieten konnten.

Und das ist viel. 205 Artikel rund um das Jahrhundertthema Biodiversität sind seither erschienen, also fast zwei pro Woche. Zudem haben wir unsere Arbeit bei einer Vielzahl von Veranstaltungen in die Öffentlichkeit gebracht, etwa bei der Woche der Umwelt des Bundespräsidenten, und in Zusammenarbeit mit der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam, der Zentral- und Landesbibliothek Berlin sowie mit der renommierten Urania.

„Countdown Natur“ ist zu einer großen, einmaligen und frei zugänglichen Informationsquelle zur Biodiversität gewachsen.

Den ganz großen Bogen in der Berichterstattung spannte der Journalist Thomas Krumenacker, der im Projekt die Aufgabe hatte, die politischen Verhandlungen auf dem Weg zur COP15 und bei der Konferenz in Montreal zu verfolgen. Dass Thomas mit seiner vieljährigen Erfahrung in allen Ressorts der Nachrichtenagentur Reuters bestens auf diese Aufgabe vorbereitet war, merkte man seinen Beiträgen an: Schnell knüpfte er Kontakte zu den verantwortlichen Playern auf höchster Ebene, baute sich ein Netz von Informanten auf.

Ein indigener Mann steht mit geschlossenen Augen mitten auf der Straße, hinter ihm stauen sich LKW.
Im August 2020 blockierten Mitglieder der Kayapo in der Nähe der Amazonasstadt Novo Progresso die Hautverbindungsstraße BR-163, um gegen mangelnde Hilfe in der Coronapandemie und die Zerstörung ihrer Territorien durch eine neue Eisenbahnlinie zu protestieren. Auf der Straße werden Holz und Soja aus dem Amazonas abtransportiert.
Satellitenbild von Goldbergbau in einer Regenwaldlandschaft
Goldbergbau im Regenwald in Peru – was ist wertvoller, das Edelmetall oder die intakte Natur?

Ebenfalls zur Politik der Biodiversität war über die zwei Jahre hinweg die Journalistin und Ethnologin Ulrike Prinz aktiv. Sie berichtete über die Menschen, die für den Schutz der Natur zentral sind, aber bei den UN-Verhandlungen nicht selbst verhandeln dürfen: Die rund 400 Millionen Indigenen bewahren auf ihren Territorien rund um den Globus Schätzungen zufolge 80 Prozent der verbliebenen Biodiversität. Ulrike interviewte Interessenvertreter indigene Gemeinschaften und stellte in wichtigen Beiträgen dar, wie sie auf die globalen Naturschutzbemühungen blicken – durchaus auch mit der Sorge, dass weiter über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Fokus Wasser – jeder Schluck verbindet uns mit der Natur

Es war uns wichtig, die Stimmen von führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die Öffentlichkeit zu bringen – etwa von Anne Larigauderie, der Chefin des Weltbiodiversitätsrats IPBES, von Thomas Borsch, dem Direktor des Botanischen Gartens Berlin, von Martha Rojas Urrego, Chefin der UN-Konvention zum Schutz der Feuchtgebiete, von Hans-Otto Pörtner, der Klima- und Biodiversitätsforschung zusammenbringt, von Katrin Böhning-Gaese und Hans Joosten als Träger des Deutschen Umweltpreises oder der Ökologin Sandra Diaz, die warnte: „Das gesamte Gefüge, das uns am Leben erhält und mit dem wir so eng verwoben sind, löst sich gerade auf.“

Satellitenaufnahme eines Agrargebiets, in dem in Kreisen bewässert wird, so dass ein Mosaik grüner Kreise entsteht.
Abstraktes Muster, sehr konkretes Problem: Die Landwirtschaft in weiten Teilen der Welt zapft das Grundwasser zu stark an.

Weil Biodiversität erstaunlicherweise von vielen Menschen als etwas Abstraktes oder gar weit entferntes angesehen wird, haben wir uns besondere Mühe gegeben, die Verbindungen in unser Leben, unseren Alltag sichtbar zu machen. Und womit ginge das besser als mit dem wichtigsten Lebenselixier, Wasser? Jedes Mal, wenn wir den Wasserhahn aufdrehen und einen Schluck nehmen, entsteht eine Direktverbindung in die Natur, in ein Feuchtgebiet oder ein Grundwasservorkommen, das sich daraus speist. Ohne funktionierende Feucht-Ökosysteme säßen wir schnell auf dem Trockenen.

Mit den Fördermitteln des European Journalism Centre organisierten wir deshalb Recherchen zu den „Versteckten Quellen von sauberem Wasser”, mit Berichten aus Kenia von Bettina Rühl, aus Lesotho und Botswana von Leonie March, aus Tunesien von Sarah Mersch, über Kambodscha von Andrea von Bubnoff – und aus Hessen von Rainer B. Langen. Dabei fingen wir auch an, mit der Illustratorin Sarah Heuzeroth zu kooperieren, mit der wir im Lauf des Projekts zahlreiche Infografiken entwickelt haben.

Wir stellten zum Beispiel fest, dass der Wasserkreislauf in den allermeisten Fällen noch immer ohne Menschen dargestellt wird. Die Hälfte allen Süßwassers auf der Erde abseits der Polkappen fließt aber bereits durch menschliche Infrastruktur. Deshalb schufen wir den „neuen Wasserkreislauf“, der dies widerspiegelt.

Wasserkreislauf mit zahlreichen menschlichen Eingriffen wie Kanalisierung, Wasserdepots, Trockenlegung von Feuchtgebieten.
In Schulbüchern wird der Wasserkreislauf meist noch immer ohne Menschen dargestellt. Doch das entspricht längst nicht mehr der Realität.
Ein Fluss fließt durch einen Wald.
Flüsse sind die Lebensadern der Landschaften.
March und Jardine vor einer fast surreal wirkenden Gebirgslandschaft mit Stausee-
Für unsere Leserinnen und Leser in Lesotho auf Recherche: Fotograf Roger Jardine und Journalistin Leonie March
Aufforstung im Mau-Wald
Aus dem Mau-Wald kommt ein erheblicher Teil des Trinkwassers von Kenia. Wo er gerodet wurde, bemühen sich Initiativen, das Ökosystem zu regenerieren.
Ein Mädchen steht in einer feuchten Wiese und hat eine Lilie in der Hand.
Omaata, eine junge Frau, die zu den River San gehört, sammelt Wasserlilien für den Verzehr.

Fokus Vielfalt – von Kartoffeln hoch oben in den Anden bis Fleischfressern im Moor

Eine weitere Serie von Beiträgen beschäftigte sich mit Treibern des Naturschwunds – von exzessiven Bränden wie in Australien und einem Übermaß an Stickstoff, über die Lichtverschmutzung und die Plastikverschmutzung bis zu mangelndem Schutz ausgerechnet von Schutzgebieten in Nord- und Ostsee. Auf keinen Fall zu kurz kommen sollte bei allen Risiken und Bedrohungen und bei allen interessanten Daten, Fakten und Zahlen aber die Faszination für die Biodiversität.

Deshalb boten wir auch regelrechte Hymnen auf die Natur, etwa von Rüdiger Braun zur Vielfalt im Boden, von Johanna Romberg über Moore, von Katja Trippel über den Ozean und von Susanne Wedlich zur Rolle von Parasiten. Ja, richtig gelesen – Parasiten. Der Artikel öffnete mir, obwohl ich Biologie studiert habe, die Augen dafür, dass rund 50 Prozent aller Arten parasitisch leben – und die „Bad Boys der Biodiversität“ –, auch wenn wir sie instinktiv ablehnen, in den Ökosystemen eine wichtige Rolle spielen.

Einen besonderen Akzent setzten die Südamerika-Korrespondentinnen Katharina Wojczenko und Hildegard Willer mit ihrer Artikelserie über die „globalisierte Kartoffel“, in der es um die biologische Vielfalt der Kulturpflanze ging. Sie reisten dazu in die Anden, trafen die Bauern und Bäuerinnen, die den Spagat zwischen traditionellen Anbau und Weltmarkt versuchen.

Fokus 2030 – was wäre, wenn die Regierung tut, was sie verspricht?

Viel Raum bekommen musste natürlich auch die Suche nach Lösungen. Denn unsere Medienwelt ist so voll von schlechten Nachrichten, dass Meldungen über brennende Regenwälder oder aussterbende Arten auch überfordern oder abstumpfen können. Den Beitrag, den Naturschutz für den Klimaschutz leisten kann, haben wir deshalb in mehreren Artikeln beleuchtet.

Ein buntes Tuch, darauf liegen eine Vielzahl von Kartoffeln, Farben rot, violett, braun, schwarz und vielfältige Formen, länglich bis rund und kurz.
Alte Kartoffel-Landsorten in Ayacucho/Peru
Eine junge Frau mit Baseball-Kappe und ihr Vater, mit Schnauzbart und Baseball-Kappe, sitzen und hocken auf einem steinigen Feld. Er hält einige Kartoffeln in der Hand.
Stolz auf ihre Kartoffeln sind Bauer und Firmengründer Pedro Briceño und seiner Tochter Judy. Sie leitet mittlerweile das Familienunternehmen „Tesoros Nativos“. Der Kartoffelacker reicht bis hoch zum angrenzenden Wald. Dessen Mikroorganismen sind wichtig für den Anbau.
Eine Grafik: Sie zeigt eine Kartoffelsorte und Ihre Anbau- und Nutzungsart: Anbau: auf 36.00–3800 m Höhe. Ertrag pro Pflanze: 410 g, Kartoffeln pro Pflanze: 13.
Die peruianische Kartoffelsorte Yana Huayro Machu wird auf vielfältige Weise zubereitet.
Blauer Himmel mit Wolken über bergiger, grüner Landschaft. Vereinzelt Häuser. Ein Flickenteppich aus kleinen Feldern, Ackern, Bäumen. Kaum mehr intakte Bewaldung auf den Bergkuppen.
Hier leben die Menschen vor allem von Kartoffeln und Kühen: die Kulturlandschaft ums Dorf Ventaquemada in der Region Boyacá in Kolumbien.

Neben Beiträgen wie von Judith Blage über die Renaturierung der Altmühl und dem Bericht von Christiane Schulzki-Haddouti über „Samen-Revolutionäre“, die seltenes Saatgut erhalten, setzten wir dafür ein eher selten benutztes Genre ein – positive Zukunftsszenarien.

Alle beginnen mit demselben Satz:

„Nehmen wir an, es träte ein überraschender Fall ein: Die deutsche Politik setzt ihre Versprechen aus den UN-Gipfeln zu Klima- und Naturschutz bis zum Jahr 2030 konsequent um.“

Daniela Becker malte in ihrem Szenario eine naturverträgliche Energiewende aus, Judith Blage eine bessere Zukunft der Landwirtschaft. Katharina Kropshofer erkundete eine Welt, in der 30 Prozent der Landfläche wirklich effektiv geschützt sind, Lisbeth Schröder tat dasselbe für das Meer.

Fokus Pestizide – wie gefährlich sind sie für die Biodiversität?

Doch es ist eine wichtige Aufgabe von uns Journalistinnen und Journalisten, Missstände wie die 1800 Milliarden naturzerstörende Subventionen pro Jahr und Gefahren zu benennen wie künftigen Wassermangel zu benennen. Deshalb gab es auch ein warnendes Zukunftsszenario – darüber, was passiert, wenn in Asien das Wasser knapp wird, mitverfasst von Andreas Rinke, dem Berliner Chefkorrespondenten einer großen Nachrichtenagentur. Und in der Schlussphase von „Countdown Natur“ haben wir deshalb das Augenmerk auf ein Thema gelegt, um das viele Journalistinnen und Journalisten einen weiten Bogen machen, weil es sehr schwer ist, zwischen den Schwarz-Weiß-Botschaften von Umweltorganisationen einerseits und der agrochemischen Industrie andererseits den Boden der Fakten zu finden. Die Rede ist von Pestiziden.

Ein fleckiges Blatt der Gerste ist ein typisches Zeichen für die Ramularia-Blattfleckenkrankheit
Die Ramularia-Blattfleckenkrankheit tritt seit 1995 verstärkt bei Gerste in Europa auf. Die Sporen der Pilze verteilen sich mit dem Wind rasch über das ganze Feld. Die Gerste verliert die Blätter.
Die drei hohen EU-Mitarbeiter Frans Timmermans, Stella Kyriakides und Virginijus Sinkevicius stellen während einer Pressekonferenz ihren Plan zur Verringerung des Pestizideinsatz vor.
Frans Timmermans, Vize-Präsident der EU-Kommission, Stella Kyriakides, EU-Kommissarin für Ernährung und Virginijus Sinkevicius, EU-Kommissar für Umwelt stellen in Brüssel im Juni 2022 die Pläne zur Reduzierung des Pesitzideinsatzes bis zum Jahr 2023 vor.
Vier Wissenschaftler an einem begradigten Bach mit Messinstrumenten und einem Messbecher.
Matthias Liess (2.v.r.) vom Helmholtz-Umweltforschungszentrum Leipzig mit seinem Team bei der Feldarbeit für das Kleingewässermonitoring in der Nähe des sächsischen Trebsen.
Ein Landwirt ist mit einem kleinen Traktor, auf dem ein tank montiert wurde, auf einem Feld unterwegs und versprüht Pestizide.
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker ist umstritten.

Katja Trippel, Rainer Kurlemann und ich haben uns im Sommer und Herbst 2022 intensiv damit beschäftigt, wie wichtig Pflanzenschutzmittel für die Landwirtschaft aktuell sind, aber vor allem, wie gravierend ihre ökologischen Risiken sind und wie wenig die Öffentlichkeit über ihren Einsatz erfährt. Wir stellten auch einen Konflikt dar, der 2023 richtig hochkochen wird: Wird der Einsatz von Pestiziden in Schutzgebieten aller Art verboten, wie es die EU-Kommission gefordert hat?

Denn auch fünf Jahre nach der weltberühmt gewordenen Studie zum Insektenschwund ist unklar, wie der Abwärtstrend bei diesen Lebewesen, die unter anderem Nahrungspflanzen bestäuben und für viele Vögel und Säugetiere die Lebensgrundlage sind, gestoppt werden, soll, wie Joachim Budde in einem Report darstellte.

Wie sehr beim Thema Biodiversität alles mit allem verwoben ist, führte uns das Jahr 2022 drastisch vor Augen. So hatte der menschenverachtende Angriff Russlands auf die Ukraine zur Folge, dass aus Angst vor einer Weizen-Knappheit Agrarminister Cem Özdemir kurzerhand Naturschutzauflagen für die Landwirte in Deutschland aussetzte.

Mit der Oder kippte im Sommer dann ein ganzer Fluss auf weiten Strecken ökologisch um: Erwärmung, Verschmutzung, Salzeinleitungen führten zusammen zur Massenvermehrung einer Brackwasseralge, deren toxische Absonderungen dann Millionen Fische töteten. Die Bilder von der Oder waren ein Menetekel dafür, was passiert, wenn zu viele Stressfaktoren zusammenkommen.

Vor Ort für Sie in Montreal auf der COP15

Solche überraschenden Ereignisse werden sich häufen, wenn die ganze Biosphäre immer stärker unter Stress steht und wir nicht schnell eine globale Regeneration ermöglichen. Doch dafür ist auch globales Handeln nötig.

Halle voller Leute und viele Bildschirme mit Xi
Chinas Präsident Xi Jinping während seiner Videobotschaft.
Ein Kind streichelt umringt von Fotografen einen Plastik-Dinosaurier.
Gegen das Aussterben: Droht der Menschheit das Schicksal der Dinosaurier?
Menschen stehen mit ihren Laptops im Kreis in einer Konferenzhalle.
Ringen um jedes Wort: Bei den Verhandlungen in Montreal beraten Delegierte über das Weltnaturabkommen.

Schließlich – nach zwei Jahren Vorbereitung von „Countdown Natur“ 2019 bis 2020 und fast zwei Jahren kontinuierlicher Berichterstattung seit 2020 – stand die COP15 bevor, Auslöser sowie Dreh- und Angelpunkt des ganzen Projekts. Zwischendurch hatten wir schon fast den Glauben aufgegeben, dass diese Konferenz je stattfinden würde.

Naturzerstörung macht neue Pandemien wahrscheinlicher

Denn eigentlich sollten die Vertreterinnen und Vertreter der 196 Staaten zu der Vertragsstaatenkonferenz unter chinesischer Präsidentschaft nach Kunming im Südwesten Chinas reisen. Das führte aber wieder und wieder wegen der Corona-Maßnahmen der chinesischen Regierung zu Absagen und Verschiebungen.

Der Ort Kunming verband auf gespenstische Weise die Pandemie mit dem Thema Biodiversität. Denn ganz in der Nähe der Stadt befinden sich jene Kupferminen, in denen vor zehn Jahren zum ersten Mal eine mysteriöse Infektionskrankheit bei Arbeitern festgestellt worden war, die den Auftrag bekommen hatten, die Höhlen von Fledermauskot zu reinigen. Später fand man in Blutproben der Arbeiter Coronaviren, die Sars-CoV-2 stark ähneln. Dass wir Pandemien durch Naturzerstörung wahrscheinlicher machen, zählte zu den vielen wegweisenden Themen, die wir bei Countdown Natur behandelt haben.

Nach einem Mini-Gipfel im Oktober 2021 in Kunming fand die eigentliche COP15 dann aber ab dem 6. Dezember in Montreal statt, wo das Sekretariat der UN-Konvention für biologische Vielfalt seinen Sitz hat. Die Eröffnung flankierten bei „Countdown Natur“ mehrere Interviews, etwa mit UNDP-Chef Achim Steiner, der warnte, dass sich die Menschheit mit der Natur „ihres wichtigsten Verbündeten beim Überleben beraubt“ und der eine grundlegend andere Wirtschaftsweise forderte.

Ein Ergebnis mit Substanz

Vor Ort war Thomas Krumenacker für RiffReporter – oder besser gesagt für Sie – als Reporter mit dabei. Tag für Tag schickte er spannende Beiträge, von denen viele in einer Kooperation auch in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Thomas porträtierte zum Beispiel den Chefunterhändler der Vereinten Nationen, stellte die komplizierten Interessengegensätze dar, beleuchtete die besondere Rolle Chinas und berichtete von dem Moment, an dem die Konferenz beinahe implodiert und bei ihrer Mission, einen Masterplan zu beschließen, gescheitert wäre.

Am Ende gelang die Einigung, der chinesische Umweltminister schlug mit dem Hammer auf den Tisch. Doch hat das Abkommen auch Substanz?

Ja, sagt Thomas und spricht vom „weitreichendsten Naturabkommen, da je verabschiedet wurde“. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die größten Organisationen Indigener beurteilen das Weltnaturabkommen positiv.

Mann haut mit Hammer auf Tisch.
Mit einem Hammerschlag erzwang der chinesische Umweltminister die Entscheidung.
Zwei Frauen umarmen sich.
Zwei Delegierte aus Mexiko und der EU liegen sich aus Freude über die Einigung in den Armen.
Thomas sitzt am Laptop in einer großen Veranstaltungshalle mit hellblauem Hintergrund.
Thomas Krumenacker, unser Korrespondent für Biodiversitätspolitik, auf der Weltnaturkonferenz COP15 in Montreal.
Freudig klatschende Menschen vor einer Wand mit der Aufschrift „Kunming-Montreal“.
Der chinesische Umweltminister und COP-Präsident Huang Runqiu (2.v.l.) und die Chefin der UN-Biodiversitätskonferenz Elizabeth Maruma Mrema feiern mit Mitarbeitern.

Ein Scheitern oder ein Abkommen nur mit heißer Luft war möglich, wir hätten journalistisch professionell darüber berichtet. Aber nun steht ein großes Ausrufezeichen im Raum, ein gigantischer Auftrag an Regierungen, zu handeln. Die COP15 war in der Gesamtbilanz ein Erfolg – die Alternative wäre gewesen, dass die Menschheit beim Schutz ihrer Lebensgrundlagen planlos durchs Jahrhundert stolpert und die Kräfte der Zerstörung ungebremst wirken. Es geht um viel: Jede achte Art könnte laut Weltbiodiversitätsrat bis 2100 verschwinden, ganze Ökosysteme wie Korallenriffe kollabieren. Viele sagen: Es geht bei der Frage, wie konsequent die Beschlüsse von Montreal nun umgesetzt werden, um alles.

Wir von RiffReporter haben dank der Förderungen von Hering-Stiftung und EJC viel leisten, Ihnen viel bieten können. Und wir haben dabei viel gelernt – vor allem auch, dass es noch einige Geduld und viel Arbeit braucht, bis das Thema Biodiversität so in der Breite der Gesellschaft angekommen ist, wie dies inzwischen beim Klima der Fall ist.

Doch ein Umbruch ist in Gang. Denn inzwischen wachen auch viele Unternehmen auf, durchforsten ihre Lieferketten daraufhin, ob sie an Naturzerstörung mitwirken, wie uns die Managerin Stefanie Eichiner von der Wirtschaftsvereinigung „Biodiversity in Good Company“ sagte. Manche tun das, weil sie zum Naturschutz beitragen wollen, andere aus nackter Angst, bei ihren Kunden oder Geldgebern in Misskredit zu geraten.

Förderung für unabhängigen Journalismus

Auch die Medienpräsenz in Montreal gibt zu hoffen. Trotz aller großen anderen Themen eroberten die anwesenden Kolleginnen und Kollegen auch in vielen anderen Medien Sendeplätze und Druck- oder Onlinezeilen. Nirgendwo sonst aber konnten interessierte Leserinnen und Leser so in die Tiefe gehen wie bei uns.

Erde aus der Ferne im Dunkel des Weltalls.
Die Erde, der einzige bekannte belebte Planet, zeichnet sich durch eine Vielzahl von Ökosystemen und mehrere Millionen verschiedene Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen aus.

So intensiv wie Thomas das gemacht hat, ist meines Wissens noch nie zuvor über die Politik der Biodiversität berichtet worden. Entsprechend aufmerksam nutzten auch Politikerinnen und Politiker aus Bund, Land und EU-Parlament „Countdown Natur“ als Quelle. In Montreal konnte Thomas zudem Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Thema zuvor nicht so viel zu tun hatten wie er, deshalb auch bei ihrer Arbeit unterstützen. Das war ein schöner Nebeneffekt unseres Projekts.

Die Förderung des EJC endete bereits 2021, die der Hering-Stiftung nun zum 31.12.2022. Wir möchten das zum Anlass nehmen, um uns bei den beiden Institutionen und den Menschen, die dort wirken, zu bedanken. Wir bekamen von ihnen Unterstützung im besten Sinne – völlig unabhängig unsere journalistische Arbeit zu machen.

Bei „Countdown Natur“ haben auch intern viele zusammengeholfen – die 31 Autorinnen und Autoren im Projekt, die Lektorinnen und Lektoren, Fotografen wie Roger Jardine, Patricia Friedek als Social-Media-Managerin, Sarah Heuzeroth als Illustratorin. Unsere Projektmanagerin Louise Hansel hat von Anfang bis Ende alles bestens mit konzipiert und dann koordiniert und organisiert.

Wir wollen weitermachen

Journalismusförderung, wie wir sie bekommen haben, ist in einer Zeit, in der ein Multimilliardär Twitter kauft und zur Plattform für Desinformation umbaut, für die Öffentlichkeit Gold wert. Hering-Stiftung und EJC sind Vorbilder, wie Qualitätsjournalismus seine wichtige Rolle ausüben und ausbauen kann. Sie sollten viele Nachahmer finden – ob durch Privatleute, die uns abonnieren, oder durch Stiftungen, die Umweltjournalismus fördern.

Denn natürlich wollen wir weitermachen. Dass zwischen 2010 und 2020 auch aus dem medialen Blickfeld geriet, ob die Versprechen der Staaten zum Schutz der Biosphäre umgesetzt werden oder eben nicht – das darf sich nicht wiederholen.

Die 23 Ziele, die im Kunming-Montreal-Abkommen festgehalten sind, brauchen journalistische Aufmerksamkeit. Unsere Wächterfunktion ist gefragt – ausgehend von den Regierungen und Schaltzentralen der Wirtschaft über die Menschen, die von, in und mit der Natur leben bis zu den Wäldern, Feuchtgebieten, Riffen und anderen Ökosystemen, die das Netz des Lebens bilden.

Das Weltnaturabkommen beschreibt nicht nur einen Arbeitsplan für Regierungen, sondern zugleich ein neues journalistisches Projekt. Wir sind bereits dabei, es vorzubereiten. Wenn Sie uns dafür Anregungen und Ihr Feedback geben oder uns dabei unterstützen wollen, melden Sie sich gerne bei uns.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christian Schwägerl


Pommersche Straße 11
10707 Berlin
Deutschland

www: https://christianschwaegerl.com

E-Mail: christianschwaegerl@gmail.com

Tel: +49 421 24359394

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Thomas Krumenacker

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