Der Hüter der Kartoffel

Wie sich eine Kleinbauernfamilie in Peru mit alten Sorten gegen die globalisierte Agrarindustrie stemmt

12 Minuten
Rabatten mit grünen Pflanzen (Kartoffeln), in der Mitte sitzt ein Mann von ca. 50 Jahren, mit brauner Haut, schwarzen Haaren. Die ihn umgebenden Pflanzen reichen ihm bis an die Schultern.

Wer Victor Anco auf eines seiner Kartoffelfelder folgt, muss schwindelfrei und trittsicher sein. Links dräut der steile Abhang, geradeaus scheint man direkt auf den Himmel zuzulaufen – bis kurz vor dem Abgrund der Weg eine neue Biegung um den Berg nimmt. Der drahtige kleine Mann geht sicheren Schrittes voran. Nach 30 Minuten Fußweg erreicht er seine Chacra.

Chacra heißen die Felder der Kleinbauernfamilien in Peru. Victor Anco besitzt Dutzende davon: kleine Flächen von bis zu 300 Quadratmetern, die sich an Steilhängen entlang winden. So wie das Feld, auf das Anco nun zusteuert: Es liegt direkt über dem Canyon, auf rund 3.500 Metern Höhe, mit einem Neigungswinkel, der so steil ist, dass man sich beim Ackern oder Ernten gegen den Berg neigen muss, um nicht der Schwerkraft anheimzufallen und den Berg hinunterzukugeln.

Blick von oben auf eine Schlucht, ein mit grünen Pflanzen bedecktes steil abfallendes Feld. Mitten darin steht ein Mann mit brauner Haut und einem schwarzen Filzhut.
Victor Anco steht auf einem seiner steilsten Kartoffelfelder, direkt über der Schlucht.
Unter stimmungsvollen Wolken zeigt sich eine steile, grün bewachsene Schlucht, durch die eine Straße führt.
Eng ist die Schlucht, durch die eine Straße zum Dorf Caruya führt. Hier lebt der Kartoffelbauer Victor Anco.
Eine blühende Kartoffelpflanze.
Die Kartoffeln bei Victor Anco blühen in den vielfältigsten Farben. Diese hier leuchtet in schönstem Violett.

Doch gerade die widrige Geografie birgt einen klimatischen Vorteil. Die steil aufsteigenden Winde verhindern frühen Frost. „Das ist ein besonders gutes Feld für Kartoffeln“, schwärmt Anco. Mit einer speziellen Fußharke, Chaquitaclla genannt, hatte er im November den Boden umgegraben und die besten Saatkartoffeln der vorangegangenen Ernte eingepflanzt. Eine schwere Arbeit für einen Mann von 52 Jahren. Doch Victor Anco ist sie gewohnt. Im März nun erblüht das Feld in sattem Grün, die Kartoffelblüten leuchten violett. Voller Stolz zeigt Anco die hoch aufragenden Kartoffelpflanzen. Es wird eine gute Ernte werden.

Grüner Waldboden, im Hintergrund ein paar Bäume. Im Vordergrund eine in den Boden gerammte Harke aus Holz.
Mit dieser Fußharke, Chaquitaclla genannt, gräbt Victor Anco seine Kartoffelfelder um.

Peru ist der Ursprungsort der Kartoffeln

Was in Europa das tägliche Brot ist, das ist in den Anden die tägliche Kartoffel. Die Knolle ist etwa 10.000 Jahre alt und wurde vor 7.000 Jahren auf der Hochebene rund um den Titicaca-See domestiziert, also in der heutigen Gegend von Süd-Peru und West-Bolivien. Von dort trugen die Menschen sie vor Tausenden von Jahren in Migrationsbewegungen über den Kontinent. Sie half den Andenbewohnerïnnen über Dürren und El-Niño-Überschwemmungen hinweg, trotzte Frost und gleißender Sonne. Ohne die Kartoffel hätte die peruanische Kultur nicht überleben können.

Dies ist bis heute so. Auch wenn die Russïnnen weltweit heute am meisten Kartoffeln essen, so sind die Peruanerïnnen mit 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr die ungeschlagenen Kartoffel-Liebhaberïnnen auf dem amerikanischen Kontinent. Die Deutschen konsumieren dagegen knapp 58 Kilo Kartoffeln pro Jahr.

Ein paar Hände halten frisch aus der Erde gegrabene Kartoffeln
Diese Kartoffeln sind frisch aus der Erde.
Ein Foto voller Kartoffeln, unterschiedlichster Formen und Farben.
Direkt vom Acker kommt diese Auswahl alter Kartoffelsorten in Peru.

Doch nicht nur die Menge der Kartoffeln, auch ihre Vielfalt ist beeindruckend: 4.700 alte Kartoffelsorten lagern in der Genbank des Internationalen Kartoffelzentrums in Lima. 2.500 davon wurden in Peru gesammelt. Wahrscheinlich gibt es mehr: Auf dem ganzen Kontinent pflegen insbesondere indigene Gemeinschaften in “lebendigen Sammlungen” ihre Kartoffelsorten, ohne dass diese jemals registriert worden wären .

Kartoffeln sind das Hauptanbauprodukt der Bäuerinnen in den Anden. Über 711.000 Familien in den peruanischen Anden bauen Kartoffeln an, auf zum Teil winzigen Landflächen von gerade mal durchschnittlich 0,3 Hektar, so der Kartoffelspezialist Miguel Quevedo vom peruanischen Landwirtschaftsministerium. Victor Anco gehört mit seinen 6 Hektar – verstreut auf viele kleine Felder – da schon zu den größeren Produzenten.

Das 400-Seelen-Dorf Caruya, in dem Anco mit seiner Familie wohnt, liegt nur drei Autostunden von Lima entfernt. Von der Küste schraubt sich die Carretera Central in atemberaubenden Serpentinen eine enge Schlucht hoch. Die Straße reicht bis auf 5.000 Meter Höhe, kurz vorher biegt man ab nach Caruya. Ein enges, dunkles Tal, in dem die steil aufragenden Felswände alles dominieren. Ein idealer Ort für den Kartoffelanbau, findet Anco.

Kleinbauernfamilien ernähren die Nation

Während die meisten Lebensmittel in deutschen Supermärkten aus Intensivlandwirtschaft stammen – etwa von Großbetrieben aus den Niederlanden –, essen die Peruanerïnnen hauptsächlich Gemüse, das von Kleinbauernfamilien produziert wurde. Diese bauen vier Fünftel aller in Peru konsumierten Lebensmittel an. Viele dieser Familien schützen traditionelle Sorten, die sogenannten alten Landsorten – teils weil es Tradition ist, teils weil sie ihnen über Hungersnöte hinweg helfen.

Geld verdienen können jedoch die wenigsten damit. Denn die alten Sorten sind wesentlich weniger ertragreich als die gezüchteten „modernen“ Sorten, wie die peruanischen Bauern sie nennen. Sehr viele Landwirtïnnen bauen deswegen die modernen Sorten für den Markt an und kultivieren die alten Sorten, wenn überhaupt, nur noch für den Eigengebrauch. Zwar findet man auch auf dem Großmarkt von Lima – dem größten Kartoffelumschlagsplatz Perus – noch fünf bis sechs alte Sorten. Die machen aber gerade mal 23 Prozent der gehandelten Kartoffeln aus, so die Agrarforscherin Celfia Obregon. Die restlichen drei Viertel sind gezüchtete Sorten, mit weißem Fleisch und einer Schale glatt wie ein Kinderpopo.

Eine Markthalle des Nachts, schummriges Licht. Im Vordergrund nach Sorten aufgestapelte Kartoffeln, dahinter Marktfrauen und noch meterhohe Stapel mit gefüllten Kartoffelsäcken.
Ab zwei Uhr früh werden in Limas Großmarkt Kartoffeln verkauft. Sechs alte Sorten werden auch hier gehandelt und sind nachher in Märkten, Läden und Supermärkten zu finden.
Unzählige Säcke voller Kartoffeln in einer Grossmarkthalle im Morgengrauen. Es ist noch dunkel.  In der Mitte ein Träger mit blauem Drillichanzug, der auf seinem Rücken einen Zentnersack voller Kartoffeln trägt. Daneben sind zwei Frauen mit Handeln beschäftigt.
Auf dem Großmarkt von Lima werden im Morgengrauen die Kartoffeln für die Zehn-Millionen-Stadt gehandelt.

Peruanische Hähnchen mit holländischen Tiefkühl-Pommes

Das liegt auch an der Liebe der Peruanerïnnen zu ihrem Pollo a la brasa, dem Brathähnchen, das, so will es der Volksglaube, eine peruanische Erfindung ist und nirgends so gut schmeckt wie in einer peruanischen Polleria, einem Hähnchen-Restaurant. Und kein peruanisches Hendl kommt ohne papas fritas aus, ohne die dazugehörigen Pommes. 40 Prozent aller Restaurants in Peru sind pollerías, laut eines Marktberichts des Landwirtschaftsministeriums. Dazu zählen internationale Fastfood-Ketten ebenso wie die lokale Hendlbude an der Ecke. Die Pommes zum Nationalgericht sollen möglichst gleichmäßig lang und dick sein – und billig noch dazu. Anforderungen, die alte Sorten in ihrer Vielfalt nicht erfüllen können. Deshalb wandern nun meist Kartoffelstifte moderner Sorten in die Fritteuse.

Doch der Umstieg auf diese modernen Sorten setzt die peruanischen Kartoffelbauern auch der Unbill des Weltmarktes aus: Immer mehr pollerias bevorzugen vorfrittierte und tiefgekühlte Pommes aus den Niederlanden und Belgien und schmälern damit den Marktanteil peruanischer gezüchteter Kartoffeln. Die Importstäbchen verbrauchen weniger Öl und sind schneller gar als die handgeschnittenen Fritten, die in Peru noch in Heimarbeit hergestellt werden.

Eine blaue Plastikwanne, bis oben an den Rand gefüllt mit frisch geschnittenen Kartoffelstäbchen.
Sechs dieser Wannen voller handgeschnittener Fritten stellt Roberto Tirado jeden Tag in seinem Drei-Mann-Betrieb her und beliefert damit die umliegenden „Pollerías“ in seinem Bezirk in Lima.

Ernteroboter wie aus einer anderen Welt

Victor Anco und sein Sohn Edwin haben Fotos gesehen von Ernterobotern und Erntefließbändern auf platten niederländischen Kartoffelfeldern – es sind Bilder aus einer anderen Welt. Edwin Victor Anco, der mit seinen 26 Jahren durchaus für Technik zu haben ist, kommt schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „Auf unseren Steilhängen würden die Maschinen ja gar nicht funktionieren.“

Auch wenn Victor Anco selbst mit seinen alten Sorten nicht in Konkurrenz zu den hochgezüchteten Pommes-Importen aus der EU steht, so findet er es doch seltsam, dass gerade Peru, das Land der Kartoffel schlechthin, die Importe aus den Niederlanden und Belgien benötigt.

Während die kommerziellen Kartoffelbauern – und das ist die große Mehrheit – mit der Weltmarktkonkurrenz und mit schwankenden Preisen zu kämpfen haben, standen die alten Sorten jahrelang abseits des Marktgeschehens. Dabei wird dem Erhalt der alten Kartoffelsorten in Peru zumindest symbolisch ein hoher Wert zugeschrieben.

Bereits vor 20 Jahren hat der peruanische Staat mit Geldern des UN-Umweltfonds ein Programm zum Erhalt der alten Sorten gestartet. Heute sind die Bauernfamilien umso stolzer, je mehr Kartoffelsorten sie ihr eigen nennen. Manchmal entsteht ein regelrechter Wettstreit darum, wer die meisten alten Kartoffelsorten bewahren kann. „Einige Bauern sind stolz darauf, mehrere Hundert Sorten zu bewahren“, sagt Kartoffelforscherin Maria Mayer von der Nichtregierungsorganisation Yanapai. „. Aber sie bewahren sie wie in einer Genbank auf. Ein Bauer, der, nur’ 30 Sorten hat, diese aber auch anbaut und verzehrt, ist mir viel lieber.”

Kartoffelbewahrer auf 3.600 Meter Höhe

Auch Victor Anco ist nicht einfach Kartoffelbauer. Er ist ein guardián de la papa, ein Hüter der Kartoffeln. Die Tradition hat er von seinem Großvater übernommen. „Er hat mir gesagt, ich dürfe die alten Sorten nicht vergessen, “ sagt er. 180 alte Landsorten baut er auf seinen kleinen Feldern an. Manche sind rot, andere blau, fast schon schwarz, manche sind groß wie eine fette Zucchini oder klein wie eine Erdbeere. Einige ähneln einem fingerdicken Wurm, andere sehen aus wie Karotten oder Murmeln mit Dellen. Wieder andere haben Schrunden oder Pickel und weisen so viele Ausbuchtungen auf, dass man sie unmöglich schälen kann. Nicht umsonst ist der Name einer dieser Kartoffeln: „die die Schwiegertochter zu Weinen bringt“. Nur wenn eine Frau auch diese Kartoffel schälen könne, besagt ein alter Brauch, sei sie in den Augen der Schwiegermutter ehetauglich.

Eine Küche, im Hintergrund ein Geschirrschrank, davor ein einfacher Holzstuhl. Darauf sitzt ein Mann, mittelalt, mit Hut und einem Wollponcho. Direkt dahinter steht ein jüngerer Mann mit Pausbacken und legt dem Sitzenden seine Hände auf die Schultern.
Victor Anco und sein Sohn Edwin in ihrer Küche.

Doch die alten Kartoffeln haben viele Vorteile: Sie sind nahrhafter, geschmacklich vielfältig und resistenter gegen Schädlinge.

Selbst wenn der Frost früher eintritt und eine Ernte zunichtemacht, bleiben von den alten Sorten immer ein paar Kartoffeln übrig, die bis zur nächsten Ernte satt machen, sagt Kartoffelforscherin Maria Mayer.

Anco gerät ins Schwärmen, wenn er seine Lieblingskartoffeln aufzählt. Alle Kartoffelsorten haben Quechua-Namen, die so farbig klingen, dass man sich die Kartoffel direkt vorstellen kann: Ñawi azul –„die Kartoffel mit den blauen Augen“, Puka ritipa – „rot“ und „Schnee“, eine Kartoffel mit roter Schale und schneeweissem Fleisch. Oder „die Yana huayra macho „schwarze männliche huayro-Kartoffel“, die rote sumac soncco – „das schöne Herz“, und nicht zu vergessen die Yana Ñata, die „kleine Schwarze mit der plattgedrückten Nase“ .

Victor Anco weiß, welche Kartoffelsorte sich am besten für mit bloßen Füssen zerstampfte Chuños eignet, aus welcher man Püree machen kann oder eine leckere Süßspeise. Auch welche Kartoffel bestimmte Leiden lindern soll oder mit welcher man Haare färben kann. Stundenlang kann Victor Anco über die verschiedenen Sorten und ihren Gebrauch reden. Und wenn er erzählt, wie sie schmecken, kann er gar nicht mehr aufhören: die einen herb, die anderen fast süß wie Karotten. Andere fruchtig wie Äpfel, oder so mehlig, dass man den Mund voller Stärke hat. Und dennoch muss er nicht lange überlegen, welches sein Lieblingsgericht ist: ein Teller voll Kayapi, gestampfte Kartoffeln mit Käse gemischt, zum Frühstück nach der ersten Stallarbeit, und der Tag ist für ihn gemacht.

Das Comeback der alten Sorten

In seinem Bemühen um den Erhalt der alten Sorten ist Victor Anco nicht alleine. Er hat sich mit 74 Bauern und Bäuerinnen aus ganz Peru im Verein Aguapan zusammengeschlossen. Gemeinsam pflegen sie die alten Kartoffelsorten.

Erst vor wenigen Jahren entdeckten die Peruanerïnnen ihre Liebe zu ihren Landsorten wieder. Daran hat der Boom der peruanischen Gastronomie einen großen Anteil, wie Miguel Quevedo vom peruanischen Landwirtschaftsministerium erzählt. Besonders Kartoffelchips aus alten Sorten mit blauem oder rotem Fruchtfleisch ziehen die Aufmerksamkeit der Konsumentïnnen auf sich. Aber die meisten alten Sorten schaffen es nie auf den Markt oder ins Restaurant, . Sie bleiben die unbeachteten Schätze von Kleinbauern wie Victor Anco.

Kampf das Vergessen

An einem Tag im Monat März, an dem sich Wolken und Sonne im Sekundentempo abwechseln, stehen Victor Anco und sein Sohn Edwin auf einem Versuchsfeld in Caruya zwischen unzähligen Kartoffelblüten in weiss, gelb oder lila. Neben ihnen steht Agraringenieur David Vilcashuaman von der NGO Yanapai. Sie wollen heute gemeinsam anhand der Blüten die Kartoffelpflanzen klassifizieren. Fast 300 alte Sorten wachsen auf den knapp 500 Quadratmetern.

Eng aneinander stehen die Kartoffelpflanzen. Die Männer stemmen sich mit ihren Schuhen in die Erde, damit sie nicht das Gleichgewicht verlieren, so steil ist auch hier der Hang. Hinter ihnen tut sich eine Schlucht auf, die Sonne auf über 3.000 Metern verbrennt jeden Hautflecken, der nicht von Jacke oder Hut geschützt ist. Auch in der freien Luft verzichten Victor und sein Sohn nicht auf den Mundschutz – er ist bis heute Pflicht in Peru, das von der Coronapandemie besonders hart betroffen wurde. David Vilcashuaman zeigt anhand einer Liste die verschiedenen Merkmale der Kartoffelpflanze: Stiel, Blüte, Stempel, Größe, Farbe.

Ein steil abfallendes Feld mit grünen Kartoffelpflanzen. Darauf stehen drei Männer, die gemeinsam in ein Dokument schauen.
Victor Anco, sein Sohn Edwin und David Vilcashuaman klassifizieren die Kartoffelblüten.
In Nahaufnahme sieht man eine Farbtafel mit verschiedenen Rot- und Blautönen. Daneben eine Hand, die eine violette Kartoffelblüte hält.
Victor Anco prüft die Farbe der Kartoffelblüte einer seiner alten Sorten.
Drei Männer stehen auf einem Kartoffelfeld, einer hält einen großen Schirm. Sie betrachten die Blüten einer Kartoffelpflanze.
Agraringenieur David Vicashuaman bestimmt mit Victor und Edwin Anco die Kartoffelsorten auf ihrem Feld. Ein Schirm spendet Schatten bei der fotografischen Dokumentation.

„Die Kartoffelsorten heißen in jeder Region anders, deswegen ist es wichtig, dass wir sie klassifizieren und damit ein Register haben, wie es um die Biodiversität bestellt ist“, sagt Vilcashuaman. Denn auf den Feldern der Kleinbauern wachsen viel mehr alte Sorten, als die fünf, die das Landwirtschaftsministerium als kommerzielle Sorten führt.

Mit voller Aufmerksamkeit folgen Victor und Edwin Anco den Ausführungen des Ingenieurs. Dann darf Victor Anco selbst probieren. Er nimmt eine Farbpalette in die Hand, überprüft damit, welche Farbe die Kartoffelpflanze vor ihm hat und trägt sie in die Tabelle ein. Danach stellt er einen Sonnenschirm auf, damit Davis Vilcashuaman gutes Licht hat, um ein Foto von jeder Pflanze zu machen.

Geheimwaffe Meerschweinchen-Dung

Victor Anco verwendet für seine Kartoffeln nur selbst hergestellten Humus und den Dung seiner Meerschweinchen und Kühe. Seine Kartoffeln trotzen den Schädlingen, weil er ein abgeerntetes Feld zehn bis zwölf Jahre lang ruhen lässt, bevor er es wieder bestellt. Dennoch drohen auch ihm Probleme durch die erhöhten Temperaturen und Klimawandel.

“Die Kartoffelfäule bedroht nun auch die alten Landsorten bis auf 4.000 Meter Höhe”, sagt Schädlingsforscher Wilmer Perez vom Internationalen Kartoffelzentrum. Phytophthora infestans ist weltweit der gefürchtetste Feind der Kartoffel. Im 19. Jahrhundert verursachte die Kartoffelfäule die Hungersnot, an der in Irland zwölf Prozent der Bevölkerung starben. Noch trotzt Victor Anco dem Schädling mit natürlichen Mitteln. Viele seiner Kollegïnnen in den Anden sehen sich aber gezwungen, künstliche Fungizide einzusetzen.

Damit die Bauernfamilien weniger und gekonnter Pestizide einsetzen, hat Wilmer Perez eine Handy-App entwickelt, mit dem die Bauern und Bäuerinnen einfach feststellen können, wann und wieviel sie spritzen müssen. Sie müssen nur ihre Kartoffelsorte eingeben, wann es zuletzt geregnet hat und wann sie zuletzt gespritzt haben: Die App rechnet dann aus, wann sie das nächste Mal wie viele Pestizide verwenden müssen. Für Bauern ohne Handyempfang gibt es die App auch als Rad aus Karton.

Die Jungen ziehen in die Stadt

In Caruya macht sich Sohn Edwin Victor Anco keine Illusionen über das Bauernleben in den peruanischen Anden. Kartoffelanbau im Hochland bedeutet harte Arbeit, und das Leben in Caruya ist entbehrungsreich.

Viele Junge wandern deswegen in die Stadt ab. Auch Edwin Victor Anco pendelt zwischen der Hauptstadt und seinem Heimatdorf. In Lima studiert er Internationale Wirtschaft. Ist er zuhause, muss er auf einen Hügel steigen, wenn er ins Internet oder mit dem Handy telefonieren will.

Der junge Mann mit den Pausbacken ist hin und hergerissen, wenn er über seine Heimat spricht. Er liebt das Leben auf dem Land ebenso wie sein Vater und fühlt sich seinem Vater sehr verbunden – nicht zuletzt nach dem Tod der Mutter vor einigen Jahren. Aber er schätzt auch die Annehmlichkeiten der Stadt. Seine Vision: Er will das Landleben mit der Moderne verbinden. Da kommt ihm gerade recht, dass sich seit ein paar Jahren die alten Kartoffelsorten einer neuen Wertschätzung erfreuen – und sich dies auch im Preis bemerkbar macht.

Kartoffel-Lieferservice für Liebhaberïnnen

Während die offizielle Agrarstatistik zeigt, wie der Preis für die modernen, ertragreichen Kartoffelsorten jedes Jahr schwankt und oft so niedrig ist, dass es sich nicht lohnt, die Kartoffeln überhaupt zu ernten, ist der Preis für die alten Sorten langsam, aber stetig gestiegen.

Noch ist es ein Nischenmarkt. Aber für Edwin Victor Anco liegt darin Zukunftsmusik. Er möchte die alten Kartoffelsorten seines Vaters direkt vermarkten oder weiter verarbeiten. Deshalb hat er einen wöchentlichen Lieferdienst zu Verbraucherïnnen in der Hauptstadt mitorganisiert. „Miski Papa“ heißt er. Das ist Quechua für “Süße Kartoffel”. Für Kleinbauernfamilien ist der Lieferdienst ein Segen. Umgerechnet 2,50 Euro zahlen die Kundïnnen für das Zwei-Kilo-Netz mit den bunten Kartoffeln, von denen jede anders aussieht und anders schmeckt. Ohne Direktvermarktung bekämen die Bauernfamilien gerade einmal 50 Cent.

Zwei Männer, einer mit Maske und einer mit Schal vor Nase und Mund, halten Netze mit vielfältig geformten Kartoffeln in die Kamera.
Edwin Anco und ein Kollege zeigen die Kartoffeln, die ihr Lieferservice Miski Papa wöchentlich an Kundïnnen ausliefert.

Doch es ist schwierig, das Netzwerk gut zahlender Kundinnen zu erweitern. Aber das ficht die Ancos nicht an. Sie machen weiter, wie jedes Jahr. Im Juni ist die Kartoffelernte. Vater und Sohn Anco und einige Helfer steigen früh morgens auf die Felder, prüfen mit der raucana (der Andenharke), ob die Kartoffel schon reif sind, und beginnen dann mit der mühevollen Ernte. Ihre bunte, knollige Ausbeute binden sie sich in einem Tragetuch auf den Rücken, je 50 bis 60 Kilogramm, und tragen sie bis ins Dorf hinunter.

Wenn die Felder mehrere Stunden Fußmarsch entfernt sind, schlägt die ganze Familie ihr Lager am Kartoffelfeld auf und übernachtet so lange dort, bis alle Kartoffeln geerntet sind. Die Nächte sind sehr klar und kalt. So kalt, dass „man die Kartoffeln abends auf die Kakteen spießt, und morgens als gefrorene papa seca essen kann“, wie es Sohn Edwin Victor seit seiner Kindheit kennt. Sie nehmen dann Lamas mit hoch, die die Ernte den mehrstündigen Weg ins Tal hinunter tragen.

Im nächsten Sommer werden sie ein anderes Feld abernten. Der Acker, der dieses Jahr die Ernte brachte, darf ruhen. 12 Jahre lang, so, wie es sein soll seit Alters her.

Diese Recherche wurde von der Hering-Stiftung Natur und Mensch gefördert.

Eine Frau mittleren Alters mit breitkrempigem Hut lacht in die Kamera. Sie hält ein sehr großes Meerschweinchen in den Händen.
RiffReporterin Hildegard Willer mit einem der Meerschweinchen der Bauernfamilie Anco. Der Kot der Tiere liefert den Dünger für die Kartoffelfelder.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Hildegard Willer

Calle Henry Revett 228
15074 Lima

E-Mail: hilwiller@gmail.com

Tel: +51 998 999 055

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Tanja Krämer

Fotografie: Luisenrrique Becerra Velarde

VGWort Pixel