Kolumbien: Vom Bauern zum Kartoffel-Unternehmer

Dank alter Sorten und Experimentierfreude trotzen Pedro Briceño und seine Familie Preisverfall und Klima-Krise

14 Minuten
Eine junge Frau mit Baseball-Kappe und ihr Vater, mit Schnauzbart und Baseball-Kappe, sitzen und hocken auf einem steinigen Feld. Er hält einige Kartoffeln in der Hand.

Pedro Briceño und seine Familie haben geschafft, wovon viele Bauernfamilien in Kolumbien träumen: gut von der Kartoffel zu leben.

Mit dem weißen Hemd und der blauen Daunenjacke sieht Pedro Briceño, 59 Jahre, eher wie ein Hauptstädter aus, der auf Wochenendbesuch auf seiner Finca ist. Nur die blaue Schirmmütze und die Wanderschuhe passen nicht. Dann bückt er sich, wühlt mit bloßen Händen in der schwarzen Erde und zieht eine Knolle nach der anderen heraus. Gelb, himbeerfarben, rostbraun und schwarz sind sie – und der ganze Stolz von Briceño, Bauernsohn, Landwirt, Kartoffel-Unternehmer.

Die Felder der Familie Briceño in Ventaquemada in Kolumbien liegen auf 2.630 Metern mitten in einer hügeligen Landschaft, über die sich wie ein grün-braun-schwarzer Flickenteppich die Felder und Äcker ziehen. Monokulturen, so weit das Auge reicht.

Blauer Himmel mit Wolken über bergiger, grüner Landschaft. Vereinzelt Häuser. Ein Flickenteppich aus kleinen Feldern, Ackern, Bäumen. Kaum mehr intakte Bewaldung auf den Bergkuppen.
Hier leben die Menschen vor allem von Kartoffeln und Kühen: die Kulturlandschaft ums Dorf Ventaquemada in der Region Boyacá in Kolumbien.

Hier im „kalten Klima“ bauen die Familien Gemüse wie Bohnen, Erbsen, Mais, Karotten, knollige Kapuzinerkresse, Kürbis, Blattgemüse, Lauchzwiebeln und Olluco an. Vor allem aber Kartoffeln und Weidegras in Massen. Schwarzweiße Kühe und Schafe stehen verstreut auf dem Flickenteppich, sogar mitten im Gemüsefeld. Die Schafe geben die Wolle für die ruanas, die typischen Umhänge der Bauern mit einem Loch in der Mitte für den Kopf, die Wind und Regen abhalten. Nachts wird es hier bitterkalt.

Die Region Boyacá, in der die Felder liegen, bildet zusammen mit der Nachbarregion Cundinamarca die Kartoffel-Achse Kolumbiens: Nirgendwo sonst werden so viele Kartoffeln angebaut. Ventaquemada liegt etwa anderthalb Stunden von der Hauptstadt Bogotá entfernt. Dort befindet sich der größte Markt des Landes, wo die Großhändler täglich bestimmen, welche Kartoffeln die Kolumbianerïnnen essen – und was die Bauernfamilien für ihre Ware bekommen. Oft ist das zu wenig, um davon zu leben.

Pedro Briceño liebt vergessene Kartoffeln

Auf den Feldern der Briceños wachsen Kartoffeln, die selbst viele Einheimische noch nie probiert haben. Pedro Briceño ist ein Pionier. Als er 2008 anfing, sich für die alten Landsorten zu begeistern, hielten die Nachbarn ihn für verrückt. „Sie kamen vorbei, guckten, fragten: Was sind das für Blüten? Normalerweise sind sie lila, aber wir hatten weiße, fuchsienfarbene auf dem Feld. Die Leute waren sehr neugierig. Niemand glaubte an uns.“ Heute erzählt er das mit einem Lachen.

Nahaufnahme zweier Hände, in denen viele verschieden geformte und gefärbte Kartoffeln liegen.
Bauer Pedro Briceño aus Ventaquemada in Kolumbien hält in seinen Händen eine Auswahl der Kartoffel-Sorten, die auf dem Familienacker wachsen.

Die Kartoffel ist eine Diva

So alltäglich die Kartoffel auch in Kolumbien auf dem Teller ist – so komplex ist ihr Anbau auf zwischen 2.000 und 3.500 Metern in dem tropischen Land. Die Knolle ist eine Diva, die die Extreme scheut. Sie braucht konstant zwischen 12 und 14 Grad und gleichmäßig verteilte Niederschläge von 600 bis 800 Millimetern im Jahr. Zudem ist sie anfällig für Schädlinge und Krankheiten. Die Listen mit Chemiemitteln in den landwirtschaftlichen Ratgebern sind seitenlang.

Ihr schlimmste Feind ist die Kartoffelfäule (Phytophthora infestans), die in Irland zwölf Prozent der Bevölkerung im 19. Jahrhundert Jahren verhungern ließ. Zwei Millionen Irïnnen wanderten aus. In Kolumbien heißt sie im Volksmund la gota (der Tropfen). Dagegen helfen nur Fungizide. Seit ein paar Jahren hat es auch die Guatemala-Kartoffelmotte (Tecia solanivora) aus Zentralamerika bis nach Kolumbien, Venezuela, Peru und Ecuador geschafft. Besonders in heißen trockenen Sommern frisst sie sich durch die Knollen.

Aus Unwissen und Angst, die komplette Ernte wegen der Kartoffelfäule zu verlieren, wenden in Kolumbien viele Bauernfamilien die Mittel prophylaktisch an, bevor sich überhaupt die dunkelbraunen Flecken der Kartoffelfäule auf den Blättern zeigen, sagt María del Socorro Cerón Lasso, Agraringenieurin und Kartoffel-Forscherin von der öffentlichen Agrar-Forschungseinrichtung Agrosavia, die die kolumbianische Genbank pflegt. Die meisten Bauern säten mit Krediten der Agrarbank, weil sie kein Kapital hätten. „Es ist verständlich, dass sie nichts riskieren wollen.”

Geschäft „Agricola los Ruiz“. Auf die Fassade sind die Namen der Ackergifte mit Logos geschrieben, die dort verkauft werden.
In Kolumbien gibt es selbst im kleinsten Dorf in der Regel ein Geschäft für Ackergifte. Dithane und Curathane sind Fungizide, die gegen die Kartoffelfäule eingesetzt werden. Lorsban enthält das Insektizid Chlorpyrifos. Es ist seit 2020 in der EU nicht mehr zugelassen, weil es Entwicklungsschäden bei Kindern verursachen soll.

Hinzu komme die schlechte Bodenqualität in Folge von exzessiver Landwirtschaft: “Feldproben aus Kartoffel-Gegenden zeigen, dass viele Böden in Kolumbien Mikroorganismen beinhalten, die die Produktion zertifizierter Saatkartoffeln begrenzen”, sagt Teresa Mosquera, Biologin und Kartoffel-Kennerin von der Universidad Nacional in Bogotá. “Es gibt sogar Böden, auf denen mehrere Jahre keine Kartoffeln angebaut wurden, die aber, weil sie als Viehweiden genutzt wurden, kontaminiert sind.”

So würden die Kühe mitunter mit Kartoffeln gefüttert, die mit Spongospora subterranea infiziert sind, dem Erreger des Pulverschorfs. Die Sporen sind hochresistent und können selbst den Gang durch Verdauungstrakt der Tiere überleben. Mit den Exkrementen können sie in den Boden gelangen – und dann die Kartoffeln infizieren.

Die alten Sorten sind widerstandsfähiger

Pedro Briceño schlägt einigen dieser Probleme ein Schnippchen „Die papas nativas haben von Natur aus einer etwas höhere Resistenz“, sagt er. „Sie waren lange bio, aber sind es nicht mehr, weil wir uns mitten in einer Gegend von Monokulturen befinden. Es gibt sehr viele Schädlinge und Krankheiten hier, auch wegen des Klimawandels. Und die Böden sind so ausgelaugt, dass wir ihnen Nährstoffe zufügen müssen.“

Auch wenn es nicht mehr bio geht: Die Briceños versuchen, den Einsatz von Chemie zu reduzieren, weniger giftige zu nehmen und mit den Waffen der Natur zu arbeiten. „Beim konventionellen Anbau wird alles gespritzt, was man auf dem Weg so findet“, sagt Pedro Briceño. Selbst im kleinsten Weiler gibt es normalerweise ein Geschäft mit Dünger und Pestiziden.

Dünger aus dem Wald

Die Briceños setzen stattdessen zum Beispiel auf eine wurmförmige Knolle, die in den traditionellen Eintöpfen in Boyacá nicht fehlen darf, die viele junge Kolumbianerïnnen aber nicht mehr kennen. Die anspruchslosen cubios (knollige Kapuzinerkresse) wehren einen gefährlichen Schädling ab: einen Käfer mit dem wissenschaftlichen Namen Premnotrypes vorax aus der Gruppe der Anden-Kartoffelrüssler. Aus der Erde des angrenzenden Waldes holt Pedro Briceño Mikroorganismen, die seine ausgelaugten Felder nicht mehr besitzen.

„Cubios“ heißen die Knollen der einheimischen Kapuzinerkresse. Auf demselben Acker angebaut wie die Kartoffeln wehrt sie Schädlinge ab – und schmecken im Eintopf.
Buschig-grün sind die Blätter der Knolligen Kapuzinerkresse (Tropaeolum tuberosum). Sie stammt aus den Zentralanden und ist eigentliche eine Kletterpflanze – hat auf dem Acker aber nichts zum Hochranken.
Hand hält einen Ballen aus Wurzeln und Erde.
Der Boden im angrenzenden Wald ist voller Mikroorganismen, die dem Ackerboden fehlen.
Mittelalter Mann mit Schirmmütze hält mit beiden Händen einen Klumpen aus Erde und Wurzeln an seine Nase.
Pedro Briceño liebt den Geruch des Waldbodens.

Außerdem arbeiten sie mit Fruchtwechsel, damit der Boden sich regeneriert – mal Hafer, mal Erbsen und Bohnen. „Manche wechseln mit Weideland. Aber Rinder sind eine sehr hohe Belastung, sie verdichten den Boden sehr“, sagt Tochter Judy Briceño. Früher wurde in Kolumbien im Wechsel zur Kartoffel Weizen angebaut. Das ist vorbei. Wegen der Freihandelsverträge wird der meiste Weizen mittlerweile importiert.

Vom Hobby zum Lebensunterhalt

Für Pedro Briceño war die Suche nach den besonderen Knollen erst einmal ein Hobby. Drei Jahre lang reiste er von Dorf zu Dorf und fragte die Bauernfamilien dort nach Pflanzkartoffeln und tauschte mit ihnen gegen seine eigenen. Erst in Boyacá, dann in Cundinamarca – und schließlich im restlichen Land, bis zu den indigenen Gemeinschaften in den südlichen Regionen Nariño und Cauca, die besonders viele alte Sorten anbauen.

Sie hören übersetzt auf klangvolle Namen wie Flaschenbohne, lila Lamm, Mohn, Zudringliche, schwarzer Zaunkönig, Eigelb, schwarzes Herz, Blut-Stier, schwarzer Totenkopf, Apfel und Wunderbare. „Hier auf dem Land haben die Menschen immer diese Kartoffeln gehabt, aber nur für den eigenen Verzehr”, sagt Pedro Briceño. „Niemand hat sie verkauft. Wir waren die ersten.“

Junge Frau mit langen Haaren und Schirmmütze bückt sich mit einem Sack über einen Kartoffelacker. Im Hintergrund Felder, Wald, Wiesen und Wolkengebirge am blauen Himmel.
Judy Briceño erntet Kartoffeln fürs Mittagessen. Die 32-Jährige ist Mit-Gründerin des Kartoffel-Unternehmens „Tesoros Nativos“ und mittlerweile Geschäftsführerin.

Ein Teller voll Gift?

Normal ist in Kolumbien, dass Kartoffeln 14 Mal gespritzt werden, bis sie auf dem Teller landen. Die Verbraucherïnnen haben keine Ahnung, was genau sie essen. Anders als bei verarbeiteten Lebensmitteln oder Waren für den Export gibt keine Einrichtung, die Gemüse und Obst auf Rückstände kontrolliert. Egal ob Schädlinge, Pilze oder Krankheiten – alles wird mit Chemie kontrolliert, teilweise mit Ackergiften, die in der EU längst verboten sind, die von europäischen Konzernen aber weiterhin für den Export in Entwicklungsländer hergestellt werden.

Für Teresa Mosquera von der Universidad Nacional in Bogotá ist das größte Problem der kolumbianischen Bauernfamilien die schlechte Qualität der Pflanzkartoffeln. „Hier werden nur zwischen drei und fünf Prozent zertifiziertes Saatgut verwendet“, sagt Mosquera. „So können sich Krankheiten verbreiten.” Hinzu kommt: „Meist sind die einzigen, die die Bauern schulen, die Agronomïnnen der Firmen, die ihnen die Ackergifte und Dünger verkaufen wollen.” Sie sieht die Regierung in der Verantwortung.

Die Mainstream-Kartoffel heißt Diacol Capiro

Zertifiziertes Saatgut ist das Geschäft von Jairo Rodríguez. Seine Firma Produsemilla ist die größte Arbeitgeberin im Dorf. Sie produziert seit 2005 hauptsächlich Saatgut für den kolumbianischen Ableger des globalen Getränke- und Lebensmittelkonzerns PepsiCo. Die Pflanzkartoffeln werden an Vertragsbauern des Kartoffelchips-Herstellers im ganzen Land geliefert. Der wirbt damit, dass seine Chips aus kolumbianischen Kartoffeln sind. Produsemilla bringt das langfristige Verträge und stabile Preise, was Investitionen in neue Projekte und Maschinen erlaubt, erklärt Rodríguez. Davon können die meisten Kleinbauern in der Region nur träumen.

Für die Industrie sei die beste Sorte die Diacol Capiro (alias R12), sagt Rodríguez. Die kolumbianische Kreuzung wurde 1968 freigesetzt. Obwohl sie hoch anfällig für Kartoffelfäule ist, dominiert sie bis heute mit Abstand den einheimischen Markt und die Kochtöpfe. Das liegt vor allem daran, dass sie sich lange lagern lässt.

Mann in Türkise Hemd und dunkelblauer Jacke steht mit gekreuzten Armen lächelnd vor zwei Reihen gestapelter Kartoffelsäcke in einer seitlich offenen Lagerhalle mit Foliendach.
Jairo Rodríguez ist der Gründer der Kartoffel-Saatgutfirma Produsemilla, des größten Arbeitgebers im Dorf. Seine Lagerhallen sind vor allem gefüllt mit Kartoffeln der Sorte Diacol Capiro.

Mit dem 20-Kilo-Koffer im Bus zu den Spitzenköchen

Die Kartoffeln von Bauer Briceño schließen deshalb eine Marktlücke. Doch bis es dazu kam, war einiges an Überzeugungsarbeit notwendig. Tochter Judy Briceño, 32 Jahre, erinnert sich noch genau, wie ihr Vater mit einem 20-Kilo-Koffer voller Kartoffeln im Bus nach Bogotá fuhr und dort die Restaurants abklapperte. „Ich sagte: Papa, das geht doch mittlerweile in Echtzeit in den sozialen Medien.“ Sie baute daraufhin die Firmenprofile im Internet. Heute kann die Familie von den Knollen leben.

„Nach und nach hatten wir Freunde, die Köche sind, die bei uns Kartoffeln bestellten“, sagt Pedro Briceño. „Ich bin den Spitzenköchen unglaublich dankbar. Sie haben als erste an uns geglaubt.“ Sie erzählten Kollegen davon. Es erschienen die ersten Berichte in Zeitungen und Fernsehen über den „Wächter der heimischen Kartoffel“. Dann bestellten Hotels und ein paar Familien.

Heute hat Familie Briceño Pflanzkartoffeln für 40 Sorten in ihrer Sammlung. Etwa 20 baut sie auf ihren fünf Hektar Land an. Ein Großteil des Ackerlandes, das bis an den Waldrand reicht, ist gepachtet. In der Mitte steht Pedro Briceños bescheidenes Elternhaus, das heute als Lager dient.

Grüner Acker voller Kartoffelpflanzen, am Rand ein einstöckiges, unverputztes Haus mit Blechdach. Davor parkt ein recht neuer Geländewagen, mit dem die Familie Saatgut transportiert. Am Horizont Felder, Wiesen, Wald.
In dem kleinen, einfachen Haus wuchs Pedro Briceño mit seinen Geschwistern auf. Heute dient es seinem Unternehmen als Lager. Es steht mitten in einen eigenen und gepachteten Ackerflächen, auf denen die Familie Kartoffeln anbaut.

Pedro Briceño wuchs mit sechs Geschwistern auf. Seine Eltern hatten kein Geld für weiterführende Bildung oder Ausbildung. Er hat sich seine Ausbildung auf der Landwirtschaftsschule mit Arbeit in der Hauptstadt finanziert – genau wie seine eigenen Kinder später ihr Studium.

Inzwischen wühlt Briceño nur noch selten in der Erde, doch die geübten Handgriffe jahrelanger Erfahrung beherrscht er immer noch, wenn er mit der Harke die Kartoffeln und die Knollen der Kapuzinerkresse fürs Mittagessen aus der Erde holt. Er ist der kreative Kopf des Familienbetriebs Tesoros nativos. Das bedeutet „Einheimische Schätze“, angelehnt an den Namen für die alten Kartoffel-Landsorten, die papas nativas.

Warum es die kolumbianische Kartoffel schwer hat

Der Kartoffelstandort Kolumbien hat es auf dem Weltmarkt schwer, erklärt Saatgutproduzent Jairo Rodríguez. „Länder wie Kanada haben viele Subventionen und Anreize. Für die anderen sind Freihandelsabkommen gut, weil sie mehr produzieren und ihre Produktion verkaufen. Bei uns gehen Arbeitsplätze verloren, weil wir nicht mehr selbst anbauen. Die Idee ist aber, dass ein Land autark ist und gute Produkte für den täglichen Bedarf produziert.“

Doch nicht nur mangelnde staatliche Unterstützung macht den kolumbianischen Bauern zu schaffen: In Europa sind die Felder ebener und größer – und die dortigen Sorten werden nach vier Monaten geerntet, während die Kartoffeln in Kolumbien bis zu sechs Monaten brauchen. „Das sind zwei Monate mehr, in denen man spritzen und düngen muss, das ist also teurer“, sagt Rodríguez. Zumal die Sommer in Boyacá wegen der Klimakrise immer länger und trockener werden, hat Rodríguez festgestellt. Umgekehrt bringt es nichts, Saatgut aus Europa oder den USA zu importieren: In dem Andenland wachsen nur die Kartoffeln der Unterart andígena, die an die tropische Hitze und an die immer gleich wenigen Sonnenstunden angepasst sind.

Mittelalter Mann mit Schnauzer, Käppi, Daunenjacke, weißem Hemd und festen Schuhen steht in einem Acker, auf dem grüne, niedrige Kartoffelpflanzen in sauber gezogenen Reihen wachsen. Er hat die Hände in den Hosentaschen und blickt mit zufriedenem Lächeln in die Ferne.
Pedro Briceño ist Bauer, Kartoffel-Unternehmer und Pionier. Er hat sich als erster in der Region auf das Geschäft mit den „papas nativas“ verlegt, den alten Sorten.

Das Glück der Nische

Der Ertrag der kleinen papas nativas ist pro Pflanze zwar nur halb so hoch wie bei den üblichen großen Sorten. Dafür unterliegt der Nischenmarkt nicht den massiven Preisschwankungen der Standard-Kartoffeln. Bei unserem Besuch kostet das Kilo umgerechnet rund 34 Cent. Einige Monate vorher, als Corona- und Kartoffel-Krise zusammen fielen, lag der Verkaufswert fürs Kilo gerade einmal bei 4,5 Cent. Das hat einige Bauernfamilien an den Rand des Ruins gebracht. Manche mussten den Kartoffelanbau aufgeben.

„Die Leute wollen es günstig haben, die Qualität und der Geschmack zählen wenig, obwohl diese uns hier in den Tropen auszeichnen“, sagt Saatgutproduzent Jairo Rodríguez, der privat eine gute Kartoffel einem Stück Fleisch vorzieht und seine liebsten Rezepte mit Inbrunst teilt. „In den USA müssen sie die Kartoffeln mit Aromastoffen mischen, damit sie nach etwas schmecken. Unsere hat einen sehr spezifischen Geschmack. Ich habe viele Kartoffeln aus anderen Teilen der Welt probiert. Sie sind gut, aber unsere sind etwas ganz Besonderes.“

Chips und Kartoffelbier

Deshalb setzt das Familienunternehmen Briceño heute komplett auf die alten, bunten Landsorten. Sie beliefern damit Gourmetrestaurants und Hotels sowie einzelne Kunden mit frischen Kartoffeln und bieten sie auf Bauernmärkten in Bogotás. Außerdem entwickeln sie neue Produkte wie Kartoffelchips und zuletzt Bier, das in einer befreundeten Craftbier-Brauerei mit Stärke aus einer lilafarbenen Sorte gebraut wird.

Ein Teller voll Kartoffelchips. Sie sind nicht einheitlich gelb, sondern innen gelb-himbeerfarben oder gelb-violett meliert.
Die Kartoffelchips aus papas nativas sind ein Hingucker.

„Man muss analytisch sein, ausdauernd, sich klar sein, was man will. Wir machen nicht heute dies und morgen das. Unser Geschäft sind die papas nativas, und fertig“, sagt Pedro Briceño. Tochter Judy leitet mittlerweile das Unternehmen, ihr Vater ist Stellvertreter. Sohn Iván (23) kümmert sich als Anbau-Leiter um die Produktion der papas nativas, seine Schwester Carolina (27) ist für die Qualitätskontrolle zuständig und die weiterverarbeiteten Kartoffelprodukte. Mutter Maria (58) bekocht die Touristïnnen mit regionalen Kartoffel-Spezialitäten. Aktuell plant die Familie für Touristïnnen eine „Tour der alten Kartoffelsorten“, die das Einkommen zusätzlich erhöhen soll.

Haupt-Kundschaft sind Ausländerïnnen

Während in Peru vor allem Einheimische auf die seltsam geformten, bunten Kartoffeln schwören, sind für die Briceños Ausländerïnnen die wichtigste Kundschaft, von denen viele in der Hauptstadt leben. „Sie sehen das, was wir haben, wie ein Wunder. Wir sehen es noch nicht“, sagt Pedro Briceño. „Pommes bekommen sie auf der ganzen Welt, Kartoffelbrei auch, aber diese lila, roten und gelben Kartoffeln nicht.“

Die Nachfrage ist so hoch, dass die Briceños mittlerweile ein Netz aus etwa 30 Bauernfamilien haben, die ihnen zuliefern und die sie bei der Umstellung unterstützt haben. „Wir nahmen von unseren Pflanzkartoffeln, gingen zu anderen Bauernfamilien und sagten ihnen: Da nehmt, produziert auf diese Weise. Da braucht ihr auch weniger Chemikalien”, sagt Judy Briceño.

Hand mit Handschuh wirft himbeerfarbene, keulenförmige Kartoffel in einen Netz-Sack, in dem schon andere liegen.
María del Milagro Castro, die Frau von Pedro Briceño, verpackt gewaschene Kartoffeln für den Verkauf.
Tochter steht auf Ladefläche von Pick-Up, auf dem schon einige Kartoffelsäcke liegen. Mutter reicht ihr durchsichtigen Netz-Sacke mit mehreren Beuteln darin. Im Vordergrund blickt Vater nach unten und packt (nicht im Bild) den nächsten Sack. Alle tragen Mundschutz.
Alle packen mit an: Familie Briceño Castro lädt an ihrem Lager an der Autobahn Kartoffel-Säcke auf den Pick-up, um sie zur Kundschaft zu bringen. Von links: Mutter María, Tochter Judy und Vater Pedro.

Ihre Ernte kauft ihnen die Familie zum Festpreis von zwischen 25 Cent und 29,6 Cent pro Kilo ab. „Bei uns gibt es keine Verluste, die Produktionskosten sind immer gedeckt”, sagt Judy Briceño. „Sie verdienen nicht viel, aber sie verdienen das ganze Jahr.“ Die Familie übernimmt das Waschen, Sortieren, Verpacken, Vermarkten, Transport, Rechnungswesen. Die Restaurants, bei denen ein Gericht mit zwei, drei Kartoffeln rund 6,80 Euro kostet, zahlen den Briceños fürs Kilo bunter Gourmet-Kartoffeln etwa 68 Cent – das ganze Jahr über.

Wettbewerbsvorteil dank alter Sorten?

Ausgerechnet die alten Sorten trotzen dem globalen Wettbewerb, sagt Pedro Briceño: „Unser Vorteil ist: Was wir haben, gibt es in anderen Ländern nicht. Sie können gewöhnliche Kartoffeln importieren – aber diese nicht“.

Bei den Kartoffeln ist der nationale Markt ihr Ziel. Bei den Kartoffelchips sieht das anders aus. Derzeit ist die Familie im Gespräch mit Procolombia im Gespräch, einer staatlichen Einrichtung, die Tourismus, ausländische Investitionen im Land, aber auch Export und Imagepflege fördert. Wenn alles klappt, werden die Chips der Briceños bald in den USA neben kolumbianischem Kaffee in Spezialgeschäften stehen.

Diese Recherche wurde von der Hering-Stiftung Natur und Mensch gefördert.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Katharina Wojczenko

Margarethenweg 10
94513 Schönberg

www: https://www.torial.com/katharina.wojczenko

E-Mail: katharina.wojczenko@gmail.com

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Tanja Krämer

Lektorat: Hildegard Willer

Fotografie: Andrés BO

VGWort Pixel