Krieg um Wasser und Klima: Was droht, wenn die Gletscher abschmelzen und Trinkwasser knapp wird

Die Klimakrise bedroht den Weltfrieden – vor allem Indien und China könnten sich gezwungen sehen, zu völlig neuen Mitteln der Existenzsicherung zu greifen. Von Andreas Rinke und Christian Schwägerl

38 Minuten
Zwei Panzer bei einer Militärparade, die nicht wie üblich grün, sondern in einem blauen Tarnmuster angestrichen sind.

Schon heute ist der Zugang zu Wasser in vielen Regionen der Erde umstritten. In Zukunft sind vor allem wegen der Klimakrise noch wesentlich dramatischere, die ganze Welt betreffende Konflikte denkbar, wenn Nationen Angst davor haben, zum Beispiel durch Staudämme und Ableitungen von dem Lebenselixier abgeschnitten zu werden.

Deshalb haben wir für einen der möglichen Krisenherde ein fiktives Szenario entwickelt: Wir erzählen, wie ein Interessenkonflikt zwischen zwei Staaten in einer vielleicht nicht zu fernen Zukunft ablaufen könnte – als Gedankenmodell, um die Gefahren einer Eskalation zu zeigen. In einem Sachteil berichten wir, warum der Zugang zu Wasser so große geostrategische Bedeutung hat. Im zweiten Teil des Szenarios am Ende zeigen wir, welche überraschende Wendung ein Wasserkonflikt in Asien nehmen könnte.

Szenario 1, irgendwann in der Zukunft: Der Durst der Großmächte

Einen Augenblick ist es still. Die Arbeiter sind geschockt von der Nachricht, dass sie die Maschinen ausschalten und zusammenpacken sollen. Dann schreien sie los, zuerst wild durcheinander, bis sich aus der Menge ein Chor formt: „Vorwärts, weiter“, rufen sie im Takt, „weitermachen!“

Sechs Jahre haben sie unter der Erde verbracht. Sechs Jahre waren sie zwischen ihrer Barackensiedlung im tibetischen Nirgendwo und dem finsteren Erdinneren gependelt. Selbst an freien Tagen konnten sie ihre Siedlung kaum verlassen. Es gab in weitem Umkreis auch nichts, was sie hätten tun können. Morgens oder abends um fünf Uhr holte ein Bus die Arbeiter ab, fuhr sie hinauf zu einem der schwarzen Löcher im Fels zu den gigantischen Bohrmaschinen und brachte sie nach der Schicht wieder zurück.

Ihr Projekt war so geheim, dass der Abraum nachts aus dem Tunnel gebracht und mit Lastwagen weit weggefahren wurde, damit auf Satellitenbildern keine Baustelle zu sehen war. Welchem Zweck genau der Tunnel dienen sollte, hatte man ihnen nie gesagt. Ein Eisenbahnprojekt, eine militärische Anlage, ein wissenschaftliches Experiment, so lauteten die Gerüchte. Jedenfalls etwas „von nationaler Bedeutung“.

Wenige Jobs sind härter, als einen 50 Kilometer langen Tunnel durch das Gestein des Himalayas zu bohren. Aber das Ende war nah, die sechs Jahre bald abgelaufen. Seit Tagen hatten die Arbeiter von kaum etwas anderem gesprochen. Schichtleiter hatten ihnen erzählt, dass nur noch wenige Meter bis zum Ziel fehlten. Und jetzt, kurz vor dem Durchbruch, sollten sie aufhören?

„Vorwärts, weiter!“, rufen die Arbeiter empört. „Der Baustopp kommt von ganz oben“, schreit der Projektleiter, „und wenn ihr aufhört zu schreien, dann kann ich euch erklären, was los ist. Denn wenn ihr hier weiterbohrt, dann braucht ihr einen Taucheranzug.“ Das macht die Arbeiter neugierig. Wasser in ihrem Tunnel? „Was ihr hier geleistet habt, wird bald die ganze Welt erfahren“, sagt der Chef. „Unser Ziel war nämlich nicht, einen Eisenbahn- oder einen Militärtunnel zu bauen, sondern etwas viel Wichtigeres. Wir sind nur wenige Meter vom großen Yarlung Tsangpo entfernt, der neuen Lebensader Chinas.“

Wenige Tage später bekommen die Arbeiter saubere Arbeitsanzüge ausgehändigt. Die komplette Staatsspitze hat sich zu Besuch angekündigt. Die Politiker bringen Horden von Fernsehteams und Journalisten mit. Eine Bühne wird oben an einer Einfahrt aufgebaut, eine zweite tief unter der Erde. Der Präsident Chinas tritt vor die Kameras.

Eislandschaft im HImalaya, gefrorenes Schmelzwasser eines Gletschers formt sich zu einer Welle, im Hintergrund Berge.
Die Gletscher des Himalaya – wie hier der Laigu-Gletscher in der Region Qamdo – sind Wasserspeicher für Milliarden Menschen.
Hochgebirgslandschaft mit Fluss
Die Flüsse des Himalaya versorgen China, Indien, Pakistan und alle anderen Anrainerstaaten mit Wasser.
Ein maskierter indischer Soldat mit Gewehr schaut aus der Luke eines Militär-LKWs, das Fahrzeug steht an einem Fluss
Die längste ungeklärte Grenze der Welt verläuft zwischen China und Indien. Die indische Armee, hier ein Soldat am Srinagar-Ladakh-Highway bei Gagangeer, ist in ständiger Alarmbereitschaft.
Kohletagebau bei Nacht, die riesigen Maschinen sind hell angestrahlt
Die Verbrennung fossile Energieträger wie Kohle heizt die Erdatmosphäre auf, weil Kohlendioxid die Rückstrahlung von Sonnenenergie ins All abschwächt. Dies macht sich auch in Gletscherschmelze bemerkbar.
Luftaufnahme eines ausgetrockneten Feldes mit rissigem Boden, auf das ein Bauer einen Wasserschlauch zieht.
Verzweifelter Kampf gegen Dürre in China im Mai 2020 in der Nähe von Neijiang: Wasserversorgung ist für das Land eine Überlebensfrage.
Frauen in orangefarbener und roter traditioneller Kleidung stehen im Wasser des Brahmaputra
Lebensader Indiens: Beim Chhath-Puja-Fest stehen Hinduistinnen im November 2020 am Ufer des Brahmaputra.
Eine Frau geht mit einem Eimer in der Hand durch ein trockengefallenes Flussbett, in dem Boote auf dem Trockenen liegen
Wassermangel – wie hier 2014 während einer Dürre im Bundesstaat Assam – ist ein existentielles Problem für Indien.
Großer Staudamm in einem engen Tal, Wasser schießt durch die Turbine
Das derzeit größte Wasserkraftwerk in Tibet – Zangmu.
Modi am Rednerpult, er streckt seinen linken Arm nach oben
Der indische Premierminister Narendra Modi bei der Eröffnung des Kishanganga-Wasserkraftwerks nahe Srinagar in der Nähe der Grenze zu Pakistan.
Xi Jinping steht an der Reling eines Bootes und schaut auf einen See.
Mai 2021: Der chinesische Präsident Xi Jinping besucht das Danjiangkou-Wasserreservoir, das zum Süd-Nord-Wasserumleitungs-Projekt gehört und lässt sich auch über Naturschutzmaßnahmen informieren.
Flusslandschaft ohne menschlichen Einfluss
Der Tongtian-Fluss gehört zu den wichtigsten Zuflüssen des Yangtze. Es gibt Pläne, sein Wasser in Richtung des Gelben Flusses abzuleiten und damit in die nördlicher gelegenen Bevölkerungszentren Chinas.
Luftaufnahme eines großen Kanals
Weit vom Himalaya entfernt, aber doch Teil desselben Süd-Nord-Wassertransfer-Projekts: Das Shahe-Aquädukt in der chinesischen Provinz Henan.
Ein Kanal, der in einem Hügel verschwindet.
Chinesische Wasserbaukunst: Auch dieses Bauwerk bei Shijiazhuang ist Teil des Süd-Nord-Wassertransfer-Projekts.
Luftbild von Zhengzhou – ein Meer von Wolkenkratzern
China wächst wirtschaftlich und damit auch der Wasserbedarf. Luftaufnahme von Zhengzhou in der Provinz Henan.
Gelbe Dämpfe quillen aus einem Berg,
Schwefeldämpfe am Vulkan Kawah Ijen in Indonesien: In der Atmosphäre wirken diese Gase dem Treibhauseffekt entgegen, weil sie die Einstrahlung von Sonnenlicht verringern.
Eine große Bühne in Blau mit Soldaten, die eine Aufführung bieten, an der Rückseite das Bild eines Kampfjets
Galamit Kampfjet: Ende Juni feierte die Kommunistische Partei Chinas, der das Militär untersteht, ihr hundertjähriges Bestehen.

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Lektorat: Christian Schwägerl