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Berliner Chef-Botaniker Borsch: „Die Krise der Pflanzenvielfalt ist eine Krise der Menschheit“

Der Direktor des Botanischen Gartens Berlin über das Großprojekt „World Flora Online“, die Bedeutung von Indigenen für den Naturschutz und die Ziele für den UN-Biodiversitätsgipfel 2021

von
06.12.2020
12 Minuten
Der Drachenbaum steht in einer Wüstenlandschaft. Seine zahlreichen Äste wachen so symmetrisch in Himmel, dass daraus eine Art Plattform entsteht. Deren sattes Grün auf der Oberseite steht in starkem Kontrast zur trockenen Landschaft,

Schon seit Jahrhunderten versuchen Naturwissenschaftler, die Vielfalt der Natur zu verstehen. Der Botanische Garten Berlin, einer der größten der Welt, spielte dabei schon immer eine zentrale Rolle. Sein Direktor Thomas Borsch ist nun die treibende Kraft hinter dem Großprojekt „World Flora Online“, mit dem die Erforschung der Pflanzenvielfalt weltweit erstmals sowohl digital als auch kooperativ organisiert werden soll. Dabei gehe es nicht nur um bessere Wissenschaft, sondern um Überlebensfragen der Menschheit, sagt Borsch im Interview für „Countdown Natur".

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Herr Borsch, in Kooperation mit 40 weiteren Botanischen Gärten nimmt der Botanische Garten Berlin nun die „World Flora Online“ in Betrieb. Was hat es damit auf sich?

Borsch: Wir organisieren mit der Weltflora das Wissen der Botanik neu. Statt Listen und gedruckter Bücher gibt es jetzt eine lebendige Online-Datenbank, in der die jeweiligen ExpertInnen für jede einzelne Pflanzenfamilie oder Gattung ihr Wissen teilen und neue Erkenntnisse fortlaufend einpflegen. Die World Flora Online bringt also zum ersten Mal Informationen über die Artenvielfalt der Landpflanzen in einem dynamisch und nachhaltig organisierten Online-System zusammen. Das ist für die Erforschung der Biodiversität ein riesiger Schritt.

Warum?

Bisher haben diese Arbeit Institute und ForscherInnen einzeln gemacht, jetzt arbeiten sie weltweit in einer Plattform zusammen. Wichtig ist auch, dass alle Informationen mit wissenschaftlichen Quellen versehen werden, die rückverfolgt werden können.

Wie viele Pflanzenarten sind der Wissenschaft überhaupt bekannt?

Borsch: Gegenwärtig sind etwa 350.000 Arten von Landpflanzen – also von Moosen, Farnen und Blütenpflanzen – wissenschaftlich akzeptiert.

Und wie viele unbekannte Arten werden noch in der Natur vermutet?

Borsch: Jahr für Jahr beschreiben Botaniker etwa 2000 neue Landpflanzenarten wissenschaftlich. Geschätzt wird die Gesamtzahl auf etwa 400.000.

Botaniker sind schon seit Jahrhunderten damit beschäftigt, die Vielfalt der Pflanzen auf der Erde zu erfassen und herauszufinden, wie die Arten miteinander verwandt sind. Warum ist diese Aufgabe nicht schon längst erledigt?

Das Bild zeigt den Direktor des Botanischen Gartens Berlin im Freien. Mit der einen Hand hält er eine Kamera vor sein Gesicht, mit der anderen Hand hält er die kleine Birnenpflanze in die Luft, um ein Foto zu machen.
Botaniker Thomas Borsch bei der Feldarbeit im Kaukasus mit einer Pflanze aus der Gattung Pyrus, also den Birnen: „Das Sammeln allein reicht nicht. Es braucht auch gute wissenschaftliche Methoden, um Arten voneinander abzugrenzen und ihre Verwandtschaftsverhältnisse aufzuklären.“

Borsch: Um die ganze Artenvielfalt zu kennen, müssen BiologInnen erstmal wirklich alle Winkel der Erde abgesucht und botanisch besammelt haben. Um noch unbekannte Pflanzenarten wissenschaftlich zu beschreiben, reisen BotanikerInnen in ihre Lebensräumen, sammeln unbekannt wirkende Pflanzen und konservieren sie, damit sie zuhause in den Instituten untersucht werden können. Es stimmt, dieser Prozess läuft seit Jahrhunderten, aber er ist in bestimmten Weltgegenden, wie zum Beispiel den Anden in Südamerika, noch längst nicht abgeschlossen.

Es müssen also nur genügend BiologInnen ausschwärmen und das Problem ist gelöst?

Borsch: Nein, das Sammeln allein reicht nicht. Es braucht auch gute wissenschaftliche Methoden, um Arten voneinander abzugrenzen und ihre Verwandtschaftsverhältnisse zu klären. Bislang werden Arten meist noch ausschließlich durch Vergleich ihrer äußerlichen Merkmale unterschieden. Mit den heute verfügbaren evolutionsbiologischen Methoden wurden bisher erst rund fünf Prozent dieser Arten untersucht.

„Wir organisieren die Zusammenarbeit der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft neu.“

Als Laie hat man vor Augen, wie Pflanzen gepresst und für das Herbarium auf Papier geklebt werden….

Borsch: Das wird nach wie vor auch gemacht, um Pflanzenbelege im Herbar dauerhaft zu bewahren. Aber wir Botaniker sind längst im Zeitalter von DNS-Sequenzierung und Algorithmen angekommen. Da erleben wir im Moment eine ungeheuer schnelle Entwicklung, denn die Sequenzierung des Erbguts wird immer kostengünstiger. Und mit immer besseren Algorithmen rekonstruieren wir die Stammbäume der Organismen, bringen also Licht in Millionen von Jahren der Evolutionsgeschichte. Dazu kommt heute auch noch die Biodiversitätsinformatik, eine vergleichsweise junge Disziplin an der Schnittstelle von Biologie und Informatik, die sich darum kümmert, Daten zu standardisieren, zu archivieren, zu verknüpfen und allgemein verfügbar zu machen.

Warum reicht es nicht, Pflanzen nach ihrem Aussehen in Arten einzuteilen?

Borsch: Das ist schon deswegen problematisch, weil Exemplare je nach Standort unterschiedlich aussehen können. So kann es sein, dass in zwei Ländern von verschiedenen BotanikerInnen zwei Exemplare als unterschiedliche Arten beschrieben wurden, in Wirklichkeit gehören sie aber zur gleichen Art. Genauso kommt auch der umgekehrte Fall vor: dass äußerlich ähnliche Exemplare in Wirklichkeit zu einer vollkommen getrennten Evolutionslinie gehören. Die molekulare Evolutionsforschung gibt hier dann entscheidende Hinweise.

Es gibt bereits seit 2010 eine von den britischen Royal Botanic Gardens in Kew zusammengestellte „Plant List“. Warum braucht es da jetzt eine „World Flora Online“?

Borsch: Die Plant List war vor zehn Jahren ein wichtiger erster Meilenstein. Sie war aber eben eine statische Liste; neues Wissen wurde nicht eingepflegt. Mit der World Flora Online gehen wir jetzt einen großen Schritt weiter. Sie ist viel mehr als eine reine Artenliste. Wir organisieren die Zusammenarbeit der weltweiten Wissenschaftsgemeinschaft neu.

Was genau ändert sich?

Das Bild zeigt einen großen Regenwaldbaum mit zahlreichen von Moos bewachsenen Ästen.
Mehrere zehntausende Pflanzenarten sind nach Schätzungen von WissenschaftlerInnen noch unentdeckt, vor allem in den Regenwaldgebieten der Erde wie hier im Gunung Leuser Nationalpark im Norden der indonesischen Insel Sumatra.

Borsch: Wir gründen die sogenannten „Taxonomic Expert Networks“ für einzelne Teilgruppen der Pflanzenwelt. Durch diese modular angelegte Struktur mit verteilten Aufgaben und Zuständigkeiten fördert die World Flora Online die internationale Zusammenarbeit und die kontinuierliche Aktualisierung mit neuen taxonomischen Forschungsergebnissen. Das Besondere ist außerdem, dass die Flora über die „Global Strategy for Plant Conservation“ (GSPC) direkt der Konvention über die Biologische Vielfalt zuarbeitet und daher explizit der Umsetzung globaler Biodiversitätsziele dient. Entsprechend größer und internationaler ist der Kreis der Organisatoren.

Wie kann man sich so einen Arbeitsprozess konkret vorstellen?

Borsch: Nehmen wir die Gattung Dianthus als Beispiel. Das sind Nelken aus der Familie der Nelkengewächse, den Caryophyllaceae. Diese Gattung soll nach Literaturangaben 400 Arten umfassen. Sie ist eine der artenreichsten Gattungen Europas und des Mittelmeergebietes sowie des Kaukasus und Zentralasiens. Aber wenn man alle Artnamen zusammenstellt, die WissenschaftlerInnen Pflanzenexemplaren dieser Gattung gegeben haben und die Referenzexemplare dieser Arten in den wissenschaftlichen Pflanzensammlungen, also den Herbaren, vergleicht, sieht es eher so aus, als hätten wir es mit 650 Arten zu tun.

Wie findet so ein Vergleich statt?

Borsch: Für jede wissenschaftlich beschriebene Pflanzenart wird eine ganz konkrete Pflanze zum Maßstab der Beschreibung erklärt. Diese Pflanze ist dann so etwas wie der Urmeter. Wir BotanikerInnen sprechen von einem Typus-Beleg. Und wenn der Vergleich nach äußeren Merkmalen stattgefunden hat, arbeiten wir in einem nächsten Schritt in einem internationalen Team daran, die wirklichen Verwandtschaftsverhältnisse auch durch Vergleich des Erbguts aufzuklären. Da sich auch die Erbinformationen bei Dianthus-Arten sehr ähneln, ist es ein aufwändiger Prozess, bei dem auch wichtig ist, Stammbäume der Arten aufzustellen.

Und in der World Flora Online wird ab jetzt alles neue Wissen fortlaufend von Teams eingepflegt, die sich mit bestimmten Pflanzengruppen am besten auskennen?

Borsch: Genau, das ist das Ziel. Bei 400.000 Arten von Landpflanzen braucht es die Expertise der gesamten internationalen Wissenschaftsgemeinschaft, um die Beschreibung der Artenvielfalt der Erde voranzutreiben. Und diese Expertise bringen wir nun in einem kooperativen Arbeitsprozess zusammen.

Für WissenschaftlerInnen klingt das bestimmt plausibel. Aber was würden Sie antworten, wenn BesucherInnen Sie im Botanischen Garten fragen würde, was sie als NormalbürgerInnen von einem Projekt wie der World Flora Online hat?

Borsch: Pflanzen sind für jeden Bereich unseres Lebens wichtig – für Nahrung, Energieerzeugung, Kleidung, Baumaterialien, psychische Gesundheit und noch viel mehr. Die Pflanzenwelt ist Lebensgrundlage für das Tierreich, für unsere Existenz. Und die World Flora Online ist jetzt schlichtweg die erste digitalisierte globale Wissensressource über die Diversität der Landpflanzenarten.

„Leider respektieren die Regierungen in den meisten Ländern die Kulturen und Rechte der Indigenen kaum, sondern geben Lebensräume für schnellen Profit frei.“

Geht es konkreter?

Borsch: Wir sprachen gerade über Nelken. Mit der gesamten Ordnung der Nelkenartigen befassen wir uns am Botanischen Garten Berlin ganz besonders, und davon würde ich den BesucherInnen erzählen. Zu den Nelkenartigen gehören geschätzt 13.000 bis 14.000 Arten, unter anderem die Fuchsschwanz- und Gänsefußgewächse, von denen wir Nutzpflanzen wie den Amaranth im Müsli oder Spinat, Rote Beete, Zuckerrüben kennen. Zu den Nelkenartigen gehören aber auch die Kakteen oder Familien mit meist tropischen Lianen, Bäumen oder Sträuchern, wie die Wunderblumengewächse und die Arten der Gattung Bougainvillea. Sie sehen schon, es gäbe viel zu erzählen…

Wie lange wird es dauern, bis die World Flora Online weitgehend abgeschlossen ist?

Das Bild zeigt ein Treibhaus des Botanischen Gartens Berlin, das sogenannte Mittelmeerhaus, eingebettet in  die parkartige Landschaft. Dort steht eine Gruppe junger Menschen mit einem Dozenten.
Viel mehr als nur schön anzuschauen: In Botanischen Gärten, wie hier in Berlin, werden Pflanzen nicht nur ausgestellt, sondern auch erforscht und erhalten. Zu den Ergebnissen der Forschungsarbeiten zählt die neue World Flora Online.

Borsch: Bis Ende 2020 werden die derzeit akzeptierten Arten enthalten sein. Aber der Kenntnisstand gleicht noch einem unvollendeten Mosaik – manche Pflanzengruppen sind gut verstanden und bearbeitet, bei anderen stehen wir eher am Anfang ihrer Erforschung. Das liegt in der Natur von Wissenschaft, aber der große Vorteil der World Flora Online ist, dass neues Wissen kontinuierlich eingebaut wird. Das macht sie zu einer Informationsressource von hoher Qualität.

Einen Großteil der globalen Artenvielfalt beherbergen die Tropen. Was kann heute geschehen, damit ärmere Länder und vor allem indigene Gruppen profitieren können, wenn sie die Artenvielfalt ihrer Territorien bewahren?

Borsch: Das wichtigste ist ein Bewusstseinswandel, und das betrifft weite Teile von Gesellschaften und EntscheidungsträgerInnen in Regierungen, Organisationen und Unternehmen weltweit. Mit diesem Bewusstseinswandel meine ich, dass Artenvielfalt endlich als Wert respektiert und bei Entscheidungsprozesse berücksichtigt werden muss! Das gleiche gilt für die Lebensräume und Kulturen indigener Gruppen. Und es betrifft Entscheidungsprozesse in Deutschland genauso wie in anderen Ländern. Bisher ist das häufig nicht der Fall.

Wie beurteilen Sie die Rolle indigener Völker für den Schutz der Artenvielfalt?

Borsch: Indigene Gemeinschaften leben und wirtschaften zumeist biodiversitätsfreundlich. Ihre Kulturen sind an die jeweiligen Lebensräume mit ihren Tieren und Pflanzen angepasst. Leider respektieren nicht alle Regierungen diese Kulturen und die Rechte der Indigenen. Nehmen Sie die Abholzung von Regenwäldern für die Agrarindustrie – dadurch werden nicht nur Arten vernichtet, sondern die indigenen Bewohner dieser Wälder werden in ihrer Existenz gefährdet!

Was ist zu tun?

Borsch: Wichtig und nachhaltig wäre es, dass indigene Gruppen auch wirtschaftlich profitieren, wenn sie die Artenvielfalt in ihren Territorien schützen. Das bedeutet auch, dass andere Produkte den Vorzug bekommen als heute. Soja für die Massentierhaltung in Europa, den USA oder Asien kann das nicht sein. Es geht um Produkte, die unter Wahrung der Interessen indigener Gruppen in naturnahen Lebensräumen produziert werden können. Gerade die Wissenschaft hat hier viele Möglichkeiten aufgezeigt – die Umsetzung findet aber kaum statt. Und klar, das hat auch etwas mit den VerbraucherInnen auch bei uns hier in Deutschland zu tun.

Inwiefern?

Angehörige des Stammes tragen Federschmuck und traditionelle Waffen bei sich, während sie mit nackten Oberkörpern mitten auf der blockierten Straße stehen. Der Anführer hält ein Dokument in der Hand, mit dem die Gruppe aufgefordert wird, die Blockade zu beenden.
Indigene protestieren gegen Regenwaldzerstörung: Im August 2020 blockierten Mitglieder der Kayapo die brasilianische Fernstraße BR163, um besseren Schutz vor der Corona-Pandemie und den Erhalt ihrer Regenwald-Territorien einzufordern. Die Blockade der wichtigen Transportroute für Getreide und Soja hielt mehrere Tage an. Weltweit leiden Indigene unter der Zerstörung ihrer meist artenreichen Territorien.

Borsch: Das reicht vom Fleischkonsum bis zur Frage, ob man nachhaltig produzierten Produkten beim Einkauf den Vorrang gibt. Die Frage, wie indigene Gruppen von der Nutzung der Artenvielfalt ihrer Territorien profitieren können, ist ebenso wichtig wie eine viel breitere Diskussion darüber, was der boomende Begriff „Bioökonomie“ bedeutet und wie eine Bioökonomie wirklich zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung beitragen kann. Hier müssen die Ökosystem-Dienstleistungen, also Klimaschutz und eine nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt, zusammen gedacht werden.

Muss die Wissenschaft selbst auch etwas an ihrem Umgang mit Indigenen ändern?

Borsch: Das Stichwort lautet Transdisziplinarität. Das bedeutet für mich nicht nur Zusammenarbeit mit KollegInnen verschiedener Forschungsgebiete, sondern auch, respektvoll mit den Menschen zusammenzuarbeiten, die in unseren Untersuchungsgebieten leben, dort die Artenvielfalt erhalten und über ein ungeheures Wissen verfügen. Das versuchen wir zum Beispiel bei unseren Projekten in Kolumbien. Da sind indigene Gruppen schon bei der Ausarbeitung von Fragestellungen dabei. Und wir brauchen dafür über die Biologie hinaus die Geo- und Sozialwissenschaften.

„Wenn man dann einfach eine bunte Blühmischung irgendwo aussät, und meint, der Natur etwas Gutes zu tun, aber gleichzeitig jahrhundertealte artenreiche Wiesen dem Maisanbau zum Opfer fallen, dann stimmt etwas nicht!“

Wozu?

Borsch: Die Frage ist, wie können tropisch-karibische Trockenwälder so gemanagt werden, dass sie nicht nur erhalten bleiben, sondern die dort lebenden indigenen Gruppen eine Perspektive haben. Wissen über Pflanzen und deren Nutzungsmöglichkeiten spielen hierfür eine wichtige Rolle, aber auch die Frage, welche Produkte nachhaltig gewonnen werden können und wie dies dazu beitragen könnte, die Lebensgrundlagen indigener Gruppen zu sichern. Das ist im Prinzip sozialökologische Forschung – auch dazu trägt die World Flora Online bei.

Das Projekt World Flora Online steht direkt im Dienst der UN-Konvention für biologische Vielfalt, die 1992 geschaffen wurde, um den Reichtum der Natur zu bewahren. Was ist aus diesem Ziel geworden?

Borsch: Alle Indikatoren für die biologische Vielfalt auf der Erde zeigen nach unten. Die Bewältigung der Biodiversitätskrise steckt in der gleichen Situation wie die Bewältigung der Klimakrise. Sprich: Wir wissen, dass dringender Handlungsbedarf besteht – und es passiert trotzdem wenig.

Was erhoffen Sie sich vom geplanten UN-Naturschutzgipfel Ende 2021?

Das Bild zeigt António Guterres vor einer hellblauen UN-Flagge an einem Rednerpult mit der Aufschrift „Columbia University“.
Die Menschheit führe „Krieg gegen die Natur“, warnte UN-Generalsekretär António Guterres am 2. Dezember bei einer Rede zum „State of the Planet“ an der Columbia Universität in New York. Bisher haben es die Vereinten Nationen nicht geschafft, den Reichtum der Natur effektiv zu schützen. Ende 2021 soll ein Welt-Naturschutzgipfel zu neuen gemeinsamen Zielen beim Erhalt der Biodiversität führen, die bis 2030 erreicht sein sollen.

Borsch: Es müssen verbindliche Meilensteine für die Umsetzung der Biodiversitätsziele in internationaler Kooperation erreicht werden. Dazu gehört nicht nur die Ausweitung von Schutzgebieten, sondern die konkrete Förderung biodiversitätsfreundlichen Handelns auf allen Ebenen. Enorm wichtig ist, dass das die Erforschung der Artenvielfalt und der Ausbau von wissenschaftlichen und technischen Kapazitäten dazu besonders auch in den Entwicklungsländern zu den Biodiversitätszielen für die Zeit bis 2030 gehört.

Unter den Krisen unserer Zeit bekommt aber die Naturkrise die wenigste Aufmerksamkeit…

Borsch: Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für die Krisenbewältigung sind. In der Klimakrise muss sich dieses Bewusstsein noch etwas mehr durchsetzen, und in der Biodiversitätskrise erst recht. Da stehen wir noch viel mehr erst am Anfang eines gesellschaftlichen Prozesses des Umdenkens und Umsteuerns.

„Schon weil die Krise der Pflanzenvielfalt auch eine Krise für die Menschheit ist, müssen wir jetzt handeln, um den natürlichen Reichtum zu erhalten.“

Woran fehlt es?

Borsch: Am Bewusstsein, dass Artenvielfalt sich nicht ersetzen lässt, und dass auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Art enorm wichtig ist – weil sie es Arten ermöglicht, sich an verändernde Umweltbedingungen anzupassen. Dieser Wert der Diversität wird noch zu oft ignoriert. Da werden, einerseits, irgendwo einfach bunte Blühmischungen ausgesät, im Glauben, der Natur damit etwas Gutes zu tun. Andererseits fallen jahrhundertealte artenreiche Wiesen dem Maisanbau zum Opfer. Da stimmt doch etwas nicht!

Was fordern Sie als Botaniker an Maßnahmen, um die Vielfalt der Pflanzenwelt zu erhalten?

Borsch: Die internationale Gemeinschaft der Botanischen Gärten und zahlreiche Botanische Forschungseinrichtungen haben sich zusammengetan und mit der Global Strategy for Plant Conservation (GSPC) 16 konkrete und messbare Ziele vorgelegt, wie ein nachhaltiger Schutz der globalen Pflanzenvielfalt erreicht werden kann. Die Regierungen aller Vertragsstaaten der Konvention über die Biologische Vielfalt haben diese Ziele als offizielle Agenda angenommen. Dass die Diversität von Pflanzen von herausragender Bedeutung für das Funktionieren von Ökosystemen ist, ja die Lebensgrundlage der Menschheit bildet – das ist damit allgemein anerkannt.

Was müsste also konkret geschehen?

Borsch: Zu den Zielen gehört es, dass mindestens 75 Prozent der bekannten gefährdeten Arten in ihren natürlichen Lebensräumen gesichert werden müssen, dass für die Arten effektive Managementpläne erarbeitet und umgesetzt werden, und dass Schäden durch invasive Arten minimiert werden. Von einem weiteren Ziel sind wir global gesehen leider am weitesten entfernt: Dass Wildpflanzen, die gesammelt werden, um aus ihnen Produkte zu machen, nachhaltig geerntet­ werden – also so, dass die Bestände erhalten bleiben. Insgesamt ist die Forderung eindeutig: Schon weil die Krise der Pflanzenvielfalt auch eine Krise für die Menschheit ist, müssen wir jetzt handeln, um den natürlichen Reichtum zu erhalten.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist freiberuflicher Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Buchautor und Mitgründer von RiffReporter.


Countdown Natur

Die Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

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