Berliner Chef-Botaniker Borsch: „Die Krise der Pflanzenvielfalt ist eine Krise der Menschheit“

Der Direktor des Botanischen Gartens Berlin über „World Flora Online“, indigenes Wissen für den Naturschutz und den UN-Biodiversitätsgipfel 2021

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Der Drachenbaum steht in einer Wüstenlandschaft. Seine zahlreichen Äste wachen so symmetrisch in Himmel, dass daraus eine Art Plattform entsteht. Deren sattes Grün auf der Oberseite steht in starkem Kontrast zur trockenen Landschaft,

Schon seit Jahrhunderten versuchen Naturwissenschaftler, die Vielfalt der Natur zu verstehen. Der Botanische Garten Berlin, einer der größten der Welt, spielte dabei schon immer eine zentrale Rolle. Sein Direktor Thomas Borsch ist nun die treibende Kraft hinter dem Großprojekt „World Flora Online“, mit dem die Erforschung der Pflanzenvielfalt weltweit erstmals sowohl digital als auch kooperativ organisiert werden soll. Dabei gehe es nicht nur um bessere Wissenschaft, sondern um Überlebensfragen der Menschheit, sagt Borsch im Interview für „Countdown Natur".

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Herr Borsch, in Kooperation mit 40 weiteren Botanischen Gärten nimmt der Botanische Garten Berlin nun die „World Flora Online“ in Betrieb. Was hat es damit auf sich?

Borsch: Wir organisieren mit der Weltflora das Wissen der Botanik neu. Statt Listen und gedruckter Bücher gibt es jetzt eine lebendige Online-Datenbank, in der die jeweiligen ExpertInnen für jede einzelne Pflanzenfamilie oder Gattung ihr Wissen teilen und neue Erkenntnisse fortlaufend einpflegen. Die World Flora Online bringt also zum ersten Mal Informationen über die Artenvielfalt der Landpflanzen in einem dynamisch und nachhaltig organisierten Online-System zusammen. Das ist für die Erforschung der Biodiversität ein riesiger Schritt.

Warum?

Bisher haben diese Arbeit Institute und ForscherInnen einzeln gemacht, jetzt arbeiten sie weltweit in einer Plattform zusammen. Wichtig ist auch, dass alle Informationen mit wissenschaftlichen Quellen versehen werden, die rückverfolgt werden können.

Wie viele Pflanzenarten sind der Wissenschaft überhaupt bekannt?

Borsch: Gegenwärtig sind etwa 350.000 Arten von Landpflanzen – also von Moosen, Farnen und Blütenpflanzen – wissenschaftlich akzeptiert.

Und wie viele unbekannte Arten werden noch in der Natur vermutet?

Borsch: Jahr für Jahr beschreiben Botaniker etwa 2000 neue Landpflanzenarten wissenschaftlich. Geschätzt wird die Gesamtzahl auf etwa 400.000.

Botaniker sind schon seit Jahrhunderten damit beschäftigt, die Vielfalt der Pflanzen auf der Erde zu erfassen und herauszufinden, wie die Arten miteinander verwandt sind. Warum ist diese Aufgabe nicht schon längst erledigt?

Das Bild zeigt den Direktor des Botanischen Gartens Berlin im Freien. Mit der einen Hand hält er eine Kamera vor sein Gesicht, mit der anderen Hand hält er die kleine Birnenpflanze in die Luft, um ein Foto zu machen.
Botaniker Thomas Borsch bei der Feldarbeit im Kaukasus mit einer Pflanze aus der Gattung Pyrus, also den Birnen: „Das Sammeln allein reicht nicht. Es braucht auch gute wissenschaftliche Methoden, um Arten voneinander abzugrenzen und ihre Verwandtschaftsverhältnisse aufzuklären.“
Das Bild zeigt einen großen Regenwaldbaum mit zahlreichen von Moos bewachsenen Ästen.
Mehrere zehntausende Pflanzenarten sind nach Schätzungen von WissenschaftlerInnen noch unentdeckt, vor allem in den Regenwaldgebieten der Erde wie hier im Gunung Leuser Nationalpark im Norden der indonesischen Insel Sumatra.
Das Bild zeigt ein Treibhaus des Botanischen Gartens Berlin, das sogenannte Mittelmeerhaus, eingebettet in  die parkartige Landschaft. Dort steht eine Gruppe junger Menschen mit einem Dozenten.
Viel mehr als nur schön anzuschauen: In Botanischen Gärten, wie hier in Berlin, werden Pflanzen nicht nur ausgestellt, sondern auch erforscht und erhalten. Zu den Ergebnissen der Forschungsarbeiten zählt die neue World Flora Online.
Angehörige des Stammes tragen Federschmuck und traditionelle Waffen bei sich, während sie mit nackten Oberkörpern mitten auf der blockierten Straße stehen. Der Anführer hält ein Dokument in der Hand, mit dem die Gruppe aufgefordert wird, die Blockade zu beenden.
Indigene protestieren gegen Regenwaldzerstörung: Im August 2020 blockierten Mitglieder der Kayapo die brasilianische Fernstraße BR163, um besseren Schutz vor der Corona-Pandemie und den Erhalt ihrer Regenwald-Territorien einzufordern. Die Blockade der wichtigen Transportroute für Getreide und Soja hielt mehrere Tage an. Weltweit leiden Indigene unter der Zerstörung ihrer meist artenreichen Territorien.
Das Bild zeigt António Guterres vor einer hellblauen UN-Flagge an einem Rednerpult mit der Aufschrift „Columbia University“.
Die Menschheit führe „Krieg gegen die Natur“, warnte UN-Generalsekretär António Guterres am 2. Dezember bei einer Rede zum „State of the Planet“ an der Columbia Universität in New York. Bisher haben es die Vereinten Nationen nicht geschafft, den Reichtum der Natur effektiv zu schützen. Ende 2021 soll ein Welt-Naturschutzgipfel zu neuen gemeinsamen Zielen beim Erhalt der Biodiversität führen, die bis 2030 erreicht sein sollen.

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