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Den Preis für Frankfurts Wasser zahlen Menschen und Natur in der Ferne

Frankfurt braucht mehr Trinkwasser als seine Grundwasservorkommen hergeben. Das bringt in weit entfernten Gegenden Verdruss und Probleme im Naturhaushalt mit sich.

23.09.2021
26 Minuten
Opernplatz mit Brunnen, hinten Commerzbank und Deutsche Bank, Frankfurt, Hessen, Deutschland, Europa

Frankfurt-Niederursel, sieben Kilometer vom Römerberg im Stadtzentrum entfernt: Wenn Wolf-Rüdiger Hansen in seiner Küche den Hahn öffnet, stammt das meiste Wasser ganz aus der Nähe. Das ist etwas Besonderes in Frankfurt, denn die größten Wasserressourcen der Stadt sind weit entfernt. Doch Hansens Garten im Stadtteil Niederursel grenzt an eine weite freie Flur mit einem ergiebigen Grundwasservorkommen am nordwestlichen Stadtrand der Mainmetropole.

„In der Goldgrub“, heißt eines der Flurstücke, „In der Zahnlück“ oder „Auf dem Geiersberg“ sind andere Namen einzelner Abschnitte. Nur das gesamte Gebiet hat keinen Namen – aber eine Projektbezeichnung: „Frankfurt Nordwest – Neuer Stadtteil der Quartiere“ heißt es beim Stadtplanungsamt. Die Stadt möchte dort neue Wohn- und Gewerbequartiere für 30.000 Menschen errichten.

weites Rapsfeld im Vordergrund, dahinter Gehölzstreifen und Gebäude im Dunst vor grau-blauem Himmel
Eine mehr als 500 Hektar große offene Landschaft im Frankfurter Nordwesten verbindet den Grüngürtel der Stadt mit dem Umland und liefert Trinkwasser.
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Das könnte zu Lasten der Wasserversorgung gehen, sorgen sich Naturschützer. Ein großer Teil der freien Flur im Nordwesten gilt als Wasserschutzgebiet. Am südlichen Rand ragen Brunnengebäude für die Trinkwassergewinnung aus einer Wiese. Gemeinsam mit einem Wasserwerk in der Nachbarstadt Hattersheim liefern sie sieben Prozent des Frankfurter Trinkwassers.

16 Prozent des Frankfurter Trinkwassers stammt aus dem Stadtwald. Er ist seit 1895 Frankfurts wichtigste Ressource für Trinkwasser auf eigenem Stadtgebiet. Heute fördern dort vier Wasserwerke Grundwasser aus 66 bis 143 Metern Tiefe und bereiten es zu Trinkwasser auf.

Natürlicherweise entsteht neues Grundwasser, wenn Niederschläge im Boden versickern. Auch Flüsse, Seen und Feuchtgebieten speisen das Grundwasser. Sie alle sind Teil des globalen Wasserkreislaufs: Die ehemaligen Regen- oder Schmelzwassertropfen wandern langsam durch den Boden und die verschiedenen Gesteinsschichten. Dabei bleiben Schmutzpartikel und viele chemische Verunreinigungen hängen. Organische Substanzen werden von Tieren, Pilzen und Bakterien in den oberen Bodenschichten abgebaut.

Frankfurt am Main. Ansicht von der Aussichtsplattform des 43 Meter hohen „Goetheturms“ im Stadtwald Frankfurt Sachsenhausen. Rechts: Das Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB).
Frankfurts Stadtwald ist Naherholungsgebiet und Wasserlieferant.

Grundwasser im Frankfurter Stadtwald wird künstlich angereichert

Beim Reservoir unter dem Frankfurter Stadtwald würde die Neubildung allerdings nicht ausreichen, um die Menge zu ersetzen, die Wasserwerke abpumpen. Deshalb wird Grundwasser unter dem Stadtwald künstlich angereichert: Ein Wasserwerk bereitet dafür Wasser aus dem Main zu Brauchwasser auf. Leitungen führen es in den Stadtwald zu eigens angelegten Gräben und Schluckbrunnen. Durch diese sickert es bis tief in den Untergrund. So werden die Reservoire unter dem Stadtwald fortlaufend aufgefüllt. Infiltration heißt das Verfahren. Nach Angaben der Betreiberfirma Hessenwasser stammen 40 Prozent des geförderten Stadtwald-Grundwassers aus dieser Infiltration.

Der Stadtwald und das große Offenland im Nordwesten sind derzeit die einzigen Wassergewinnungsgebiete in Frankfurt in Betrieb. Immerhin ortsnah, in Hattersheim, direkt vor der Stadtgrenze im Westen, liefert noch ein Wasserwerk nach Frankfurt. Aus dem Stadtwald, aus dem Wasserwerken im Nordwesten und in Hattersheim, stammen 23 Prozent der knapp 48 Millionen Kubikmeter Wasser, die 2020 aus Frankfurter Leitungen flossen.

Grafik zeigt schematisch Grundwasserspeicher unter Vogelsberg, frankfurter Stadtwald und hessischem Ried, aus denen Trinkwasser nach Frankfurt am Main geliefert wird. Dargestellt sind außerdem die Flüsse Rhein und Main, der Odenwald und die Skyline von Frankfurt, zudem Wolken, aus denen Regen fällt
Den größten Anteil an der Trinkwasserversorgung Frankfurts haben der Vogelsberg und das Hessische Ried, dessen riesiges Grundwasserreservoir mit dem Odenwald verbunden ist. Frankfurts wichtigster eigene Ressource ist ein Grundwasserleiter tief unter dem Stadtwald. Grundwasser bildet sich aus Niederschlägen. Im hessischen Ried und im Stadtwald werden die Grundwasserspeicher mit aufbereitetem Wasser aus dem Rhein und dem Main über Infiltrationsbrunnen künstlich angereichert.

Das meiste Leitungswasser in Frankfurt hat einen weiten Weg hinter sich

Mehr als drei Viertel des Frankfurter Trinkwassers stammen aus weit entfernten Ressourcen; aus dem hessischen Ried etwa führt eine 35 Kilometer lange Fernleitung in die Stadt. Der Hauptstrang der Leitung aus dem Vogelsberg ist 66 Kilometer lang.

Die Vogelsbergleitung existiert seit den 1870er Jahren. Viele Menschen im Vogelsberg waren schon damals gegen die Wasserlieferungen nach Frankfurt. Später zog die Wassergewinnung Schäden an Gebäuden und Natur im Vogelsberg nach sich (mehr dazu in Teil 2 dieses Reports).

Der Vogelsberg und das Hessische Ried gehören zu den wichtigsten Wasserressourcen Frankfurts und des Rhein-Main-Gebietes.

Luftaufnahme: Fluss Rhein fließt im weiten Bogen durch Landschaft mit gelben und grünen Feldern, am rechten Ufer Atomkraftwerk Biblis, am Horizont Mittelgebirge Odenwald, blauer dunstiger  Himmel mit Wolken
Das Hessische Ried ist eine 60 Kilometer lange und 15 bis 20 Kilometer breite Ebene zwischen dem rechten Rheinufer und dem Odenwald im Süden von Hessen.

Dort wo heute das Hessische Ried ist, wand sich bis vor 8000 Jahren noch der Neckar mit zahlreichen Kurven und Schleifen durch die Landschaft. Damals mündete er viel weiter nördlich als heute in den Rhein – etwa an der Stelle, wo jetzt die Gemeinde Trebur südlich von Rüsselsheim liegt. Aus dieser Zeit hat der Fluss viel Kies und Sand im Untergrund hinterlassen: bis zu 100 Meter dicke Schichten aus wasserdurchlässigem Material – ideal, um Grundwasser aufzunehmen. Lange war das Hessische Ried eine Gegend mit vielen Feuchtgebieten, bis es seit den 1920er Jahren großflächig trockengelegt wurde.

Wasser quillt in einen Teich mit rotem Sandboden, am Ufer grüne Gras- und Farnpfllanzen
In Quellen, wie hier im Odenwald, wird Grundwasser sichtbar.

So hört sich die Quelle an:

Das Grundwasser im hessischen Ried stammt aus Regen und dem Schmelzwasser von Schnee, die auf den großen Freiflächen, vor allem Äckern, Wiesen und Wäldern, versickern. Dazu kommt Grundwasser, das aus dem Odenwald zufließt. Und dann gibt es noch unterirdische Verbindungen der Grundwasserreservoire zum Rhein sowie zu Bächen und Flüssen, die durch das Ried fließen.

tote Baume ohne rinde stehen mit grauen Stämmen in einem Wald
Bäume, deren Wurzeln das Grundwasser nicht mehr erreichen, sterben im Gernsheimer Wald im Hessischen Ried.

Nauheim, 23 Kilometer vom Frankfurter Zentrum entfernt: Im Gemeindewald von Nauheim, südlich von Rüsselsheim, treffe ich Henner Gonnermann. Der Wald- und Wasserexperte beim BUND Hessen leitete bis zu seinem Ruhestand das Forstamt in Groß-Gerau. Heute setzt er sich ehrenamtlich mit den Folgen der Frankfurter Wasserversorgung für die Wälder im hessischen Ried auseinander; Wälder, für die er früher verantwortlich war.

Wir blicken von einem Waldweg aus nach oben. Das Kronendach ist fast geschlossen. „Das ist das Idealbild eines Buchenwaldes“, sagt er. Die Zweige tragen grüne Blätter bis in die feinsten Verästelungen. Und am Boden stehen Jungbäume in allen Altersgruppen. Das sei sein Vorzeigebeispiel für einen gesunden Wald, dessen Wurzeln ins Grundwasser reichen, erläutert der Waldexperte.

200 Jahre sei das Gehölz alt. Und Lebensraum des Heldbocks, einer bedrohten und streng geschützten Käferart. Die Wälder des hessischen Rieds bilden eines ihrer größten Verbreitungsgebiete in Deutschland.

Der Heldbock braucht sehr alte, dicke Bäume. Nur dort können sich aus den Eiern die Larven des Käfers entwickeln und sich von Pflanzensaft der Bäume unter deren Rinde ernähren. Einen Durchmesser von 60 Zentimeter und mehr müssen die Stämme der Bäume haben, damit die Larven dort gut leben können. 160 Jahre braucht ein Baum zum Wachsen, damit er so dick wird, selbst wenn auf Grundwasser steht, erklärt mir Henner Gonnermann.

länglicher schwarz-rötlicher Käfer, 2 Antennen, jeweils mehr als  doppelt so lang wie der Körper stehen seitlich ab, hält sich mit Vorderbeinen an Eichenzweig fest
Erwachsener Heldbock: In dieser Lebensphase haben die streng geschützten Käfer noch eine Lebenserwartung von zwei bis vier Monaten. Die längste Zeit ihres Lebens, zwei bis fünf Jahre, verbringen sie zuvor als Larven unter der Rinde und im Holz alter Eichen.

Hier im Nauheimer Gemeindewald stimmt der Grundwasserspiegel. Selbst in Jahren mit großer Trockenheit steht das Grundwasser immer noch so nah unter der Oberfläche, dass die Wurzeln der Bäume es erreichen können. Aber der Wald von Nauheim ist nur der erste, den mir Henner Gonnermann zeigt.

Baumwurzeln reichen nicht mehr bis ins Grundwasser

Gernsheimer Wald, 43 Kilometer vom Frankfurter Zentrum entfernt: Nach gut 20 Kilometern Fahrt in Richtung Süden stehen wir im Gernsheimer Wald vor dem krassen Gegenbeispiel. Dort ist schon auf den ersten Blick zu sehen, dass es diesem Wald nicht gutgeht. Nach Feinverästelungen müssen wir gar nicht erst schauen. Von vielen Bäumen ist nur noch das nackte Holz übrig. Grau verwittert ragen die Stämme und Äste in die Höhe.


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tote Baume ohne rinde stehen mit grauen Stämmen in einem Wald
Bäume, deren Wurzeln das Grundwasser nicht mehr erreichen, sterben im Gernsheimer Wald im Hessischen Ried.

„Das war einmal ein junger Eichenwald. Davon ist nichts mehr übrig“, sagt Gonnermann.. Nun sind kranke und vertrocknete Bäume nach den trockenen Jahren 2018 bis 2021 in Deutschland ja leider kein seltener Anblick mehr. Doch das hier sei etwas anderes, erklärt der Experte: „Das kann man nicht mit den letzten drei Radikaljahren erklären. Diese Bäume waren schon vorher tot.“ Als er noch das Forstamt von Groß-Gerau leitete, gehörte dieser Wald zu seinem Bezirk.

Durch Brombeergestrüpp am Rand des Forstwegs stapfen wir vorsichtig in den Wald hinein. Jetzt haben wir die toten Bäume direkt vor uns und entdecken auch Überlebende in dem Bestand. Wie die Eiche direkt neben uns: Stammdurchmesser schätzungsweise 40 Zentimeter. Der ehemalige Forstbeamte ist sicher: „So eine Eiche wird nie 60, 70 oder gar 80 Zentimeter erreichen, wie der Heldbock es braucht.“

Mann steht vor toten Bäumen im Wald und blickt nach oben
Henner Gonnermann setzt sich für den Schutz der durch Wassergewinnung geschädigten Wälder im Hessischen Red ein.

Offiziell dient dieser Wald dem Schutz der Artenvielfalt nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der Europäischen Union. Doch das hier sei ein flächenhaft ruiniertes FFH-Gebiet, empört sich der Waldexperte. „Dabei war das im Jahr 2000 noch der wertvollste Wald im Hessischen Ried.“ Ökologen bezeichnen ihn als Eichen-Hainbuchenwald. „Doch vom Buchenwald ist so gut wie nichts mehr erhalten.“

„Der Wald ist zu einer reinen Wasserfabrik umfunktioniert.“ (Henner Gonnermann)

Nicht weit von den toten Bäumen entfernt ist eine Reihe von Brunnenschächten zu sehen, runde Betondeckel, aus denen ein kaum kniehoher Belüftungsstutzen ragt. Mit seiner halbrunden Abdeckung sieht er aus wie ein grauer Riesenpilz. Die Brunnen gehören zu einem Wasserwerk der Hessenwasser GmbH. Sie fördert hier und an vielen Stellen im Hessischen Ried Grundwasser für die Trinkwasserversorgung Frankfurts und des Ballungsraums Rhein-Main.

Schild „Entnahmebauwerk“ direkt am Rheinufer, Auf dem Fluss fährt ein Schiff zum linken Bildrand
Wasser, das bei Biebesheim, aus dem Rhein entnommen wird, spielt eine wichtige Rolle für die Versorgung des Rhein-Main-Gebietes.

Das ist der Originalklang an der Entnahmestelle:

Grundwasser wird auch im Hessischen Ried künstlich nachgefüllt

Ähnlich wie die Brunnen sehen auch einige der sogenannten Infiltrationsanlagen aus. Doch sie ziehen kein Wasser aus dem Untergrund ab, sondern führen es ihm zu. Sie gehören zu einem System, das die Hessenwasser GmbH als Ökologische Grundwassergewinnung bezeichnet. Bei Biebesheim wird Wasser aus dem Rhein entnommen. Ein nahes Wasserwerk bereitet es zu Rohwasser auf. Das hat fast Trinkwasserqualität. Das Brauchwasserwerk leitet es zu den Infiltrationsbrunnen im Hessischen Ried. Von dort sickert es ins Grundwasser. Nach dem gleichen Prinzip wird auch im Frankfurter Stadtwald Wasser aus dem Main infiltriert.

Die Infiltration soll unter anderem verhindern, dass die Grundwasserspiegel zu stark sinken. Das war im hessischen Ried schon in den 1970er Jahren ein großes Problem, als die ersten Forstschäden auftraten. 1964 hatte die Grundwasserentnahme im Hessischen Ried für Frankfurt begonnen.

Plakat  mit schwarzer Schrift auf vergilbtem Papier, Bekanntmachung des Trinkwassernotstandes in Frankfurt am Main im Jahr 1964

Rettung aus der Not mit Grundwasser aus dem Ried

Am 16. Juli 1964 hatte der Oberbürgermeister von Frankfurt den Trinkwassernotstand für seine Stadt erklärt. Es war schon länger geplant, das Hessische Ried als Ressource für Frankfurter Trinkwasser zu nutzen, doch die Fernleitung dorthin war zum erwarteten Termin noch nicht fertig.

Die Verzögerung betrug nur zweieinhalb Wochen, doch das war schon zu viel für Frankfurt: Am 16. Juli war es heiß in der Stadt, 33 Grad. 280.000 Kubikmeter Wasser verbrauchten die Menschen. Am nächsten reichte das Wasser nicht mehr aus. Bei schätzungsweise 70.000 Menschen kam kein Wasser mehr aus der Leitung. Die meisten von ihnen wohnten in höheren Stockwerken, aber auch in einigen Erdgeschosswohnungen blieben die Hähne trocken. „Fließt Wasser nur noch im Keller?“, fragte die Frankfurter Rundschau am 18. Juli. Wasser musste in Kesselwagen in die Stadt gebracht werden.

Am 5. August 1964 drehten der hessische Ministerpräsident und der Frankfurter Oberbürgermeister im Ried an einem großen Rad und öffneten damit die Riedleitung, die Fernwasserleitung nach Frankfurt. 50.000 Kubikmeter Wasser strömten jetzt jeden Tag zusätzlich in die Stadt. Frankfurt hatte eine große Sorge weniger.

Dafür bekamen die Menschen im Hessischen Ried neue Probleme. Zeitweise wurde so viel Wasser abgepumpt, dass der Grundwasserspiegel stellenweise um fünf Meter sank. Fatal für Bäume, die den Anschluss ans Grundwasser verloren. Landwirte konnten ihre Felder nicht mehr beregnen, weil sie nicht mehr ans Grundwasser herankamen. Vielerorts gab der Boden nach. Viele Gebäude verloren den festen Boden unter ihren Fundamenten und Setzungsrisse bildeten sich in den Häusern. Zwischen 1989 und 1992 kamen Meldungen von Setzungsschäden an 600 Häuser in 25 Gemeinden zusammen.

Mithilfe der Infiltration soll der Grundwasserspiegel so hoch bleiben, dass die Gebäude trotz Trinkwassergewinnung sicher stehen. Außerdem sieht der Grundwasserbewirtschaftungsplan vor, dass durch die Infiltration „grundwasserstandsabhängige Vegetationsstandorte“ geschützt und „durch Grundwasserabsenkung bereits geschädigte Wald- und Feuchtgebiete saniert werden.“


Runder Betondeckel mit pilzformogem Belüftungsstutzen leicht erhöht übder dem Boden eines Waldes
Einer von 230 Brunnen, Sickerschächten und Gräben, uber die im Hessischen Ried aufbereitetes Rheinwasser ins Grundwasser eingeleitet wird.

Wasser rauscht in den Infiltrationsbrunnen auf dem Weg ins Grundwasser:

Im Wald bei Gernsheim liegen Infiltrationsbrunnen an einem Forstweg. Das eingespeiste Wasser fließt langsam durch den Untergrund und wird dabei gereinigt. Parallel zum Forstweg mit den Infiltrationsbrunnen verläuft in 400 Meter Entfernung ein weiterer Weg. Dort ragen die Brunnenschächte für die Wasserentnahme in den Boden. Mindestens ein Jahr braucht das infiltrierte Wasser, bis es in einem Brunnen für die Trinkwassergewinnung ankommt.

Aus Rheinwasser bereitet das Wasserwerk in Biebesheim außer dem Infiltrationswasser auch Wasser für eine eigene Ringleitung der Landwirtschaft auf. Viele Landwirte beregnen daraus ihre Felder.

Für viele Bäume bleibt Grundwasser unerreichbar

Für die Felder ist das eine gute Lösung, doch die Wälder, die auf Grundwasser angewiesen sind, gehen leer aus. Henner Gonnermann zeigt mir einen Rübenacker am Waldrand. Dank Beregnung prangen die Feldfrüchte in saftigem Grün. Anders der Wald: Er bietet das mittlerweile vertraute triste Bild mit toten Bäumen, die neben einigen Überlebenden aus dem Unterwuchs emporragen. „Das nenne ich immer die Wasserscheide im Ried“, sagt Henner Gonnermann. Für den Acker sei immer genug Wasser aus der Aufbereitung da, für den Wald jedoch nie, erläutert er.

Dank Infiltration ist der Grundwasserstand jetzt so, dass die Siedlungen auf sicherem Grund stehen. Es gibt genug Ressourcen für die Trinkwasserlieferungen ins Rhein-Main-Gebiet, und die Landwirtschaft ist großenteils versorgt. Doch in den grundwasserabhängigen Wäldern langen Bäume mit ihren Wurzeln nicht mehr ins Grundwasser. „Die Mindesthöhen für die Grundwasserpegel sind vom Regierungspräsidium in Darmstadt zu tief festgelegt worden, “ sagt Henner Gonnermann. Auch das hessische Umweltministerium sieht im Verlust des Grundwasseranschlusses einen Grund für das Sterben der Bäume, dazu kämen Schädlingsplagen und Trockenheit.

Schutzgebiete von europäischer Bedeutung sind bedroht

Doch was ist mit der Bewahrung der FFH-Gebiete, der Schutzgebiete von europäischer Bedeutung? Der Staat ist immerhin verpflichtet, sie zu erhalten und gegen jede Verschlechterung zu schützen.

Das hessische Umweltministerium schreibt dazu auf Anfrage, es habe mit 890.000 € den Waldumbau gefördert; eine Million sei für weitere Projekte zugesagt. Waldumbau bedeutet, dass Baumarten gefördert oder neu gepflanzt werden sollen, die besser mit zukünftigen Herausforderungen wie Trockenheit und weniger Wasser zurechtkommen.

Investitionen in Waldumbau hält Henner Gonnermann allerdings bei den derzeitigen Grundwasserverhältnissen für „rausgeschmissenes Geld.“ Gegen Ende unserer Waldexkursion im Hessischen Ried führt er mich noch an den Rand des Schutzgebiets im Gernsheimer Wald. Dort sind vor Jahren auf einer Fläche von sieben Hektar Eichen neu angepflanzt worden. Sie sind alle tot. „Wenn man hier sieht, wie die 30-, 40-jährigen Eichen absterben, ist so eine Neustrukturierung des Waldes nicht sinnvoll.“

Kann man den Bäumen, die in den geschädigten Wäldern noch leben, wieder mehr Grundwasser an die Wurzeln liefern? Nach Auffassung des BUND Hessen ist das möglich. Es müsste so viel Wasser infiltriert werden, dass der Grundwasserspiegel unter den Wäldern trotz Trinkwassergewinnung hoch genug bleibt. Aufspiegelung nennen Experten das. Gleichzeitig muss der Spiegel unter angrenzenden Siedlungen so niedrig bleiben, dass die Bewohnerïnnen in ihren Häusern keine nassen Keller bekommen.

Am pilzförmigen Belüftungsstutzen ist einer der Brunnen hinter Garagenwänden zu erkennen, im Hintergrund Wohnhäuser
Am pilzförmigen Belüftungsstutzen ist einer der Brunnen zu erkennen, die Bewohnerïnnen einer Siedlung in Nauheim vor nassen Kellern bewahren.

Zunächst klingt das nach einem Widerspruch, doch man hat beides schon einmal unter einen Hut bekommen. In Nauheim, ganz in der Nähe von Henner Gonnermanns Vorzeigewald, ist das zum Beispiel gelungen.

Dort war in den 1970er Jahren eine Siedlung von Einfamilienhäusern auf einer Fläche namens „Im Teich“ gebaut worden – in einer Phase, als das Grundwasser gerade niedrig stand. Später stieg der Grundwasserspiegel wieder an, und in den Häusern gab es nasse Keller. Daraufhin wurde am Rand der Siedlung eine Reihe von Brunnen angelegt. Sie pumpen automatisch Grundwasser ab, bevor der Wasserstand für die Keller in der Nachbarschaft gefährlich werden kann.

Gleichzeitig bleibt im nahen Wald der Grundwasserspiegel höher und die Bäume bekommen weiterhin genug Wasser.

Umweltministerium lehnt Grundwassererhöhung für Wälder ab

Ob für die geschädigten Wälder im hessischen Ried auch eine Grundwasser-Aufspiegelung infrage kommt, wie der BUND sie fordert, habe ich das hessische Umweltministerium in Wiesbaden gefragt. Nein, war die klare Antwort: Zum einen sei das Wasserwerk, das Rheinwasser für die Infiltration aufbereitet, in den vorangegangenen Trockenjahren bereits ohne Wasser für die Wälder zu 100 Prozent ausgelastet gewesen. Außerdem habe ein Gutachten ergeben, dass die Aufspiegelung viel zu teuer sei.

Für Henner Gonnermann sind die Kosten kein Argument. Die Aufbereitungsanlage sei ja unter anderem deshalb gebaut und finanziert worden, damit es genug Wasser für den Schutz der Vegetation und damit für die Aufspiegelung unter den Wäldern gebe.

Außerdem führe die Trinkwassergewinnung auch zu wirtschaftlichen Schäden in den Wäldern, weil weniger Holz verkauft werden könne, und der Naturschützer fragt: „Wieso wird das nicht der Wasserwirtschaft in Rechnung gestellt?“ Nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie müssten Umweltkosten im Produkt abgebildet werden, in diesem Fall wäre das der Preis für Trinkwasser in Frankfurt und der Rhein-Main Region, erläutert Gonnermann.

In der Frage, wie viel Rheinwasser aufbereitet werden soll, scheint es Bewegung zu geben: In einer Studie soll geprüft werden, ob sich die Produktion ausweiten lässt. Das kündigte Anfang August der hessische Umweltstaatssekretär Oliver Conz an.

Auf dem Boden eines Waldes sind parallel in mehreren Metern Abstand Bewässerungsrohre verlegt.
Bewässerungsrohre im Gernsheimer Wald gehören zu einem Forschungsprojekt.

Forschungsprojekt: Bewässerung im Wald

Der Staatssekretär wies auch auf ein Forschungsprojekt zur Waldbewässerung hin. In Zusammenarbeit mit dem Darmstädter Ingenieurbüro BGS Umwelt haben Forscherinnen der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) im Gernsheimer Wald sechs Versuchsparzellen von jeweils 50 mal 50 Meter angelegt, erläutert Henning Meesenburg von der Versuchsanstalt. Auf dem Boden der Flächen sind Stahlrohre verlegt, wie sie auch für die Beregnung in der Landwirtschaft genutzt werden. Die Rohre im Wald allerdings haben kleine Löcher, aus denen bei Bedarf das Wasser direkt auf den Boden der Waldparzellen fließt.

„Es sind typische Eichen-Hainbuchenbestände, die in ihrer Vitalität beeinträchtigt sind“, so Meesenburg. Auf den Flächen fänden sich aber noch ausreichend lebende Bäume. Der Forstwissenschaftler betont: „Es ist ein Pilotprojekt, mit dem wir die Machbarkeit prüfen wollen. Es geht um die Frage, ob wir die überlebenden Bäume wieder so gut mit Wasser versorgen können, dass sich der Wald erholt.“ Ergebnisse gibt es noch nicht, das Projekt soll noch bis 2024 laufen.

Wasserschutz und Wohnungsnot in Frankfurt

Frankfurt-Niederursel. Was aus einem der wenigen eigenen Wassergewinnungsgebiete in Frankfurt wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Ob auf der weiten freien Flur im Nordwesten gebaut werden soll, darüber will der Magistrat im Frühjahr 2022 abstimmen.

Aber die Pläne sind bereits sehr konkret. Sogar einen Stadtplanungswettbewerb hat Frankfurt schon ausgerichtet. Der Gestaltungsentwurf der Sieger sieht 8600 Wohnungen und Gewerbeflächen in vier Quartieren vor.

Der Naturschützer Wolf-Rüdiger Hansen hat eine Skizze des Entwurfs ausgedruckt und zeigt sie mir an seinem Wohnzimmertisch. „So etwas wie ein Wasserschutzgebiet sehen Sie darauf gar nicht, “ sagt das Vorstandsmitglied des Frankfurter Kreisverbandes des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Doch er hat noch eine andere Karte – mit Wasserschutzgebiet. Jetzt ist deutlich zu erkennen: Die Baugebiete liegen fast vollständig darin.

Das zuständige Regierungspräsidium in Darmstadt hat das zugehörige Wasserwerk Praunheim 2019 für systemrelevant erklärt. Wasserwerk plus Bebauung wird wohl nicht funktionieren, erläutert Wolf-Rüdiger Hansen. „Bei Bauarbeiten wird das Grundwasser möglicherweise beeinträchtigt. Außerdem kann hier nicht mehr so viel Regen versickern wie heute, wenn erst einmal Häuser stehen und Straßen und Plätze den Boden abdichten.“ Ein versiegelter Boden ist schlecht für die Grundwasserbildung.

Mann mit Regenschirm vor grünem Feld
Wolf-Rüdiger Hansen setzt sich für den Schutz eines der wenigen Frankfurter Trinkwassergewinnungsgebiete ein.

Bei einem Regenspaziergang über die freie Flur im Nordwesten Frankfurts weist mich Hansen auf die Lärmschutzwand einer Autobahn hin, die einmal längs durch das Gelände führt. Wenn hier tatsächlich eine Siedlung gebaut würde, müssten die Wand so sehr erhöht werden, dass die Kaltluft, die von hier in die Viertel der Nachbarschaft strömt, sich daran stauen würde, erläutert er mir.

Und falls das Wasserwerk stillgelegt wird, fehlt sein Wasser, für die Versorgung der Stadt, mindestens 1,1 Millionen Kubikmeter jährlich. Gleichzeitig bräuchte die Stadt für 30.000 neue Bewohnerïnnen der Siedlung mehr als 1,6 Millionen Kubikmeter Trinkwasser zusätzlich. Macht ein Defizit von mindestens 2,7 Millionen Kubikmetern. Das wären mehr als fünf Prozent der Menge, die 2020 aus Frankfurter Wasserhähnen floss.

Warum also werden die neuen Quartiere ausgerechnet in einem Wasserschutzgebiet geplant, frage ich bei der Stadt Frankfurt nach. Die Antwort des Stadtplanungsamtes hat mit Wasser erst mal nichts zu tun, sondern mit Wohnungsnot. Der Magistrat habe ein Stadtentwicklungskonzept beschlossen. Jedes Jahr kämen 10.000 bis 15.000 neue Einwohnerïnnen hinzu. Um den enormen Bedarf an Wohnungen zu decken, müssten auch neue Quartiere außerhalb der heutigen Stadtviertel erschlossen werden. „Das Gebiet Frankfurt Nordwest wurde dabei vor allem wegen der guten Möglichkeiten, den schienengebundenen öffentlichen Personennahverkehr in das Gebiet hineinzuführen, ausgewählt", teilt das Amt mit.

Das Problem mit dem Wasser wird delegiert: „Wie das entfallende Grundwasser und das zusätzlich benötigte Trinkwasser beschafft wird, ist Aufgabe des Wasserversorgers, der Hessenwasser GmbH & Co. KG.“ Sie werde dazu entsprechende Konzepte entwickeln, schreibt das Stadtplanungsamt.

Landschaft mit leuchtend grüner wiese in Vordergrund, dahinter ein Waldsaum und Hügelketten am Horizont unter düster-grauem Himmel
Die Hügel und Berge im Vogelsberg gehen auf Vulkanismus zurück, dessen Folgen sich heute noch auf den Wasserhaushalt der Landschaft auswirken.
Protestbanner auf dem Grünstreifen neben einer Straße mit der Aufschrift „Weniger Grundwasser nach Rhein-Main“
Protestbanner am Ortseingang von Rainrod im Vogelsberg.

Vogelsbergerïnnen mischen sich in Frankfurt ein

Schotten-Rainrod, 50 Kilometer vom Frankfurter Zentrum entfernt. Im Vogelsberg zeigt mir Hans-Otto Wack einen stillgelegten Steinbruch in der Nähe des Dorfes Rainrod am Oberlauf der Nidda. Der Ökologe ist wissenschaftlicher Berater der Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV). Diese Organisation kämpft dafür, dass das Wasser hier bleibt.

Der Steinbruch steht wie ein Schaubild aus einem Geologie-Lehrbuch vor uns. Eine zehn bis 15 Meter hohe Wand ist hier nach dem Abbau von Basalt zurückgeblieben.

An der Oberkannte eines Steinbruchs ist bewachsener Boden zu erkennen, aus dem Wasser durch ein Rohr abfließt, Darunter Schichten aus beigem Tuff und schwarz-braunen Basaltblöcken. Am Boden des Steinbruchs hat sich ein Teich gebildet, an dessen Ufer grüne Pflanzen sprießen.
Wie bei einer angeschnittenen Torte sind im Steinbruch bei Rainrod verschiedene Gesteinschichten zu erkennen. Ganz oben fließt Grundwasser durch ein Rohr ab.

Aus der Bodenschicht, ganz oben an der Kante, stürzt Grundwasser in den Weiher:

Wir stehen an einem Weiher am Fuß der Wand. Ganz oben, erklärt mir Hans-Otto Wack, gibt es bewachsenen Boden. Deutlich zu erkennen an Sträuchern, kleinen Bäumen und anderen Pflanzen, die darauf wachsen. Aus diesem Boden ragt ein dünnes Rohr waagerecht ins Freie über den Weiher. Aus ihm stürzt Grundwasser, das sich im Boden gesammelt hat, in den Teich.

Der Vogelsberg ist der größte Vulkan Mitteleuropas. „Er hatte mehr als 400 Ausbruchskrater“, erläutert Hans-Otto Wack. Die Asche, die sie spuckten, bildet heute wasserdichte Schichten aus Tuff im Gebirge.

Hier im Steinbruch kann man diese Schichten gut erkennen, wie bei einer angeschnittenen Torte. Unter dem Boden, aus dem das Rohr ragt, liegt so eine Schicht. Dann folgt nach unten hin eine Schicht aus zerklüfteten Basaltblöcken. Sie entstehen, wenn Lava erkaltet. Dabei schrumpft das Material ein bisschen, reißt. Mit der Zeit werden die Risse durch Verwitterung größer. So bilden sich schmale Klüfte zwischen den Blöcken.

„Durch diese Klüfte wandert das Wasser in den zentralen Grundwasserspeicher. Es ist zwischen einem halben und 10.000 Jahre alt“, sagt Wack. Der zentrale Speicher dehnt sich an der Basis des Mittelgebirges aus, das der Vogelsberg heute bildet. „Die Klüfte zwingen das Wasser zu riesigen Umwegen“, erklärt mir Hans-Otto Wack im Steinbruch. „Der nächste Brunnen eines Wasserwerks ist 500 Meter Luftlinie von hier entfernt. Aber bis Wasser dort ankommt, hat es womöglich 30 bis 40 Kilometer Umweg hinter sich.“

Sogar hier an der angeschnittenen „Vulkantorte“ des Steinbruchs ist zu erkennen, dass es in den Klüften Wasser gibt. Der Ökologe macht mich auf einige der Spalten aufmerksam, aus denen Pflanzen wachsen: ein Hinweis auf Wasser. Im Vogelsberg sind viele Vulkane oft ausgebrochen und haben viele wasserdichte oder gering durchlässige Schichten zurückgelassen. Das Grundwasser sammelt sich nicht nur in den riesigen Vorkommen an der Basis des Gebirges. Es staut sich auch an undurchlässigen Schichten weit oben in den Hügeln und Bergen, die die Vulkankegel hier übrig gelassen haben. „Schwebende Grundwasserstockwerke“ heißen diese isolierten Vorkommen.

Mann mit Bart steht vor einem Weiher an Steinbruchwand.
Der Ökologe Hans-Otto Wack befasst sich seit vielen Jahren mit dem Grundwasser vom Vogelsberg.
Grüne Erdpolster und tote Bäume in einem ausgetrockneten Moor
Anfang der 1990er Jahre fiel das Moor im Vogelsberger Wassergewinnungsgebiet Inheiden trocken, nachdem das nahe Wasserwerk sehr viel Grundwasser abgepumpt hatte.
Pegelmessrohre im wieder vernässten Moor bei Inheiden.
Pegelmessrohre im wieder vernässten Moor bei Inheiden.

Am Vogelsberg hat die SGV unter anderem die sogenannte „Umweltverträgliche Grundwasserförderung“ durchgesetzt: Dass wertvolle Feuchtgebiete trockenfallen, weil zu viel gepumpt wird, soll nicht mehr passieren: Heute wird ständig automatisch überwacht, wie hoch das Wasser in einem Feuchtgebiet und im Grundwasser darunter steht. Fallen die Pegel zu stark, bekommen Wassermeisterïnnen im zugehörigen Wasserwerk ein Signal und können die Pumpen abschalten. Pumpen ab. Das Wasserwerk in Rainrod, in der Nähe des Steinbruchs, kann unter anderem deshalb nur halb so viel Wasser fördern, wie es eigentlich dürfte.

Trinkwasser für Stadtbäume?

Die Schutzgemeinschaft Vogelsberg schaut genau hin, was mit dem Vogelsberger Wasser passiert – und fragt, ob das alles nötig ist. Stadtbäume gießen mit Trinkwasser zum Beispiel finden die Vogelsbergerïnnen gar nicht gut. Brauchwasser täte es doch auch für den Zweck, bemängelte die SGV, als in Frankfurt im Trockenjahr 2017 die für das Stadtklima wichtigen Gehölze dringend Wasser brauchten.

Die Stadt hat inzwischen Tanks für das Grünflächenamt beschafft. Die füllen Stadtgärtnerinnen jetzt regelmäßig mit Wasser aus dem Main auf und bewässern damit Bäume in der Stadt. Ein Park am Main werde direkt aus dem Fluss bewässert, teilte das Umweltdezernat der Stadt mit und betont:

Als Kommune mit dem höchsten Trinkwasserverbrauch in der Rhein-Main-Region und den zur Sicherung der Versorgung erforderlichen großen überregionalen Zuliefermengen habe Frankfurt eine besondere Verantwortung.

„Aufgrund des Klimawandels wird es in Zukunft noch wichtiger werden, mit der Ressource Wasser sparsamer und bewusster umzugehen.“ (Susanne Schierwater, Sprecherin des Dezernat für Umwelt und Frauen, Stadt Frankfurt)

Für Trinken, Kochen und Körperpflege wird nur ein Bruchteil des Trinkwassers verwendet. Vieles könnte man auch mit Brauchwasser erledigen, doch dann müsste man zwei Wassernetze in die Häuser legen: eines für Brauch- und das andere für Trinkwasser.

Im Terminal 2 des Flughafens der Stadt gibt es das schon: Wer dort die Toilette benutzt, spült seine Hinterlassenschaften mit Regenwasser oder Brauchwasser fort. Die Stadt treibe die Regenwassernutzung weiter voran, erklärt das Umweltdezernat. So sei es bei der Aufstellung von Bebauungsplänen heute die Regel, Regenwasserbewirtschaftungskonzepte aufzustellen. „Zudem ist die Stadt an Forschungsprojekten beteiligt, die sich mit den verschiedenen Möglichkeiten der Betriebswassernutzung beschäftigen.“

Die Stadt Frankfurt habe als eine der ersten hessischen Kommunen auf freiwilliger Basis ein kommunales Wasserkonzept erarbeitet. Dieses sieht außer der verstärkten Nutzung von Regen- und Betriebswasser vor, dass Wasserwerke saniert oder ausgebaut werden. Außerdem soll mehr Mainwasser im Stadtwald infliltriert werden, damit dort mehr Grundwasser gefördert werden kann. „Das Konzept soll kurzfristig vom Magistrat beschlossen werden“, teilt die Sprecherin des Umweltdezernats mit. ”In Frankfurt am Main hat das Wassersparen bereits Tradition”, schreibt sie. “So konnte in den 90er Jahren durch eine groß angelegte Kampagne der Wasserverbrauch in der Stadt um mehr als 20 Prozent gesenkt werden.”

Wasser ist eine Ressource, die nicht mehr beliebig ausgebeutet werden kann und mit der man sorgsam haushalten muss: Das, so scheint es, erkennt man in Frankfurt heute an.

In Zukunft weniger Grundwasser am Vogelsberg?

Doch aus Sicht der Schutzgemeinschaft Vogelsberg wird das auf Dauer nicht reichen. „Wir werden infolge der Klimakrise in Zukunft weniger Grundwasser haben als die Rhein-Main-Region“, sagt Hans-Otto Wack. „Hier bei uns im Mittelgebirge hängt die Grundwasserneubildung vom Schneefall im Winter ab.“ Wenn wegen der Klimakrise weniger Schnee falle, ginge auch die Grundwasserneubildung zurück.

Ob das so pauschal gilt, lässt sich allerdings derzeit nach einer Studie von Hydrogeologïnnen der Landesumweltämter von Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen noch nicht beurteilen. Dazu sei die Zahl der regionalen Klima-Projektionen derzeit noch zu gering.

Die SGV möchte, dass die Kommunen im Rhein-Main-Gebiet ihr Wasser aus eigenen Ressourcen gewinnen. Aus dem Vogelsberg solle auf Dauer gar kein Wasser mehr in ferne Städte und Regionen geliefert werden, fordert SGV-Berater Hans-Otto Wack.

Für Frankfurt ist das keine Option. Die historisch gewachsene Versorgung von Frankfurt am Main und des Rhein-Main-Gebiets mit Trinkwasser – vor allem mit Zulieferungen aus Hessischem Ried und Vogelsberg – werde langfristig weiter in ähnlichem Umfang wie bislang benötigt, teilt die die Sprecherin des Umweltdezernats der Stadt mit. Dies gelte auch aufgrund des prognostizierten Bevölkerungswachstums der Stadt. „Eine komplette Trinkwasserversorgung über im Stadtgebiet gelegene Wasserwerke war und wird auch in Zukunft nicht möglich sein", betont sie.

Weite Wassertransporte sind keine Seltenheit

An vielen Orten der Welt wird Wasser aus großen Entfernungen herbeigeschafft. Oft aus schierer Not, weil es vor allem in Trockengebieten sonst nicht genug zu trinken gäbe. Mitunter wird sogar Wasser verkauft, obwohl man selbst nicht genug davon hat. Lesotho etwa verkauft Wasser an Südafrika, obwohl so wertvolle Ökosysteme geschädigt werden.

Ressourcen für Trinkwasser gibt es derzeit in Deutschland noch genug. Wenn sie nicht da sind, wo das Wasser gebraucht wird, wird es eben über große Entfernungen hingeführt. Nicht nur in Frankfurt. Hamburg und München zum Beispiel, Hannover, Bremen, Stuttgart oder Nordbayern bekommen einen großen Teil ihres Trinkwassers aus weit entfernten Ressourcen. Problematisch ist diese Praxis vor allem dann, wenn es in den Fördergebieten selbst nicht genug Wasser gibt.

Wir waren es gewohnt in Deutschland, Wasser buchstäblich aus dem Vollen zu schöpfen. Es ist an der Zeit, genauer hinzusehen, was wir damit anrichten und ob wir uns das leisten wollen.

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Rainer B. Langen

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Einem ganz bestimmten Fluss fühlt sich Rainer B. Langen als Rheinländer schon mal sowieso besonders nah: dem Rhein. Als freier Wissenschaftsjournalist kann er aber auch an anderen fließenden Gewässern nicht achtlos vorübergehen. Da passt es gut, dass es jetzt Flussreporter gibt.


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