„Wenn wir weiter Feuchtgebiete zerstören, haben noch mehr Menschen kein sauberes Trinkwasser“

Ihr Job ist es, die Menschheit vor der Wasserkrise zu bewahren: Martha Rojas Urrego, Chefin der Ramsar-Konvention, im Interview

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Martha Rojas Urrego sitzt lächelnd auf einem Podium und schaut nach links.

Den Schutz der Natur und ihrer Vielfalt hält Martha Rojas Urrego für eine Überlebensfrage – weil es darum geht, ob wir Menschen in Zukunft ausreichend viel sauberes Wasser zur Verfügung haben werden. Die Kolumbianerin ist Generalsekretärin der UN-Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten, die nach dem Ort im Iran, wo sie 1971 verabschiedet wurde, als “Ramsar-Konvention” bekannt ist.

Urrego hat Biologie studiert, später die Nationalparkverwaltung Kolumbiens geleitet und das Land in Naturschutzfragen bei den Vereinten Nationen vertreten. Bei der Weltnaturschutzunion IUCN begleitete sie in den 1990er Jahren die Frühphase der UN-Konvention für biologische Vielfalt (CBD). Nach einer Station bei der humanitären Organisation CARE wurde sie 2016 Generalsekretärin der Ramsar-Konvention.

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Frau Urrego, über Jahrhunderte haben Menschen Feuchtgebiete für wertloses Ödland gehalten, das man möglichst schnell trockenlegen und nutzbar machen sollte. Was halten Sie dagegen?

Martha Rojas Urrego: Diese Auffassung war und ist vor allem in der westlichen Welt verbreitet. Feuchtgebiete wurden und werden als nutzlos oder sogar als gefährlich angesehen. Das war und ist aber nicht überall so, in Reisanbaugebieten hat man da vielfach einen anderen Blick, weil feuchte Habitate die Lebensgrundlage bilden.

Warum sind feuchte Ökosysteme wie Sümpfe, Marschland, Moore, Flüsse, Grundwasserreservoirs und Auwälder wichtig?

Sogar in der Umweltszene wird die Bedeutung von Feuchtgebieten noch immer unterschätzt. Ihr Wert reicht von Biodiversität über Klima bis zur Wasserversorgung. Feuchtgebiete sind für 40 Prozent aller Lebensformen auf der Erde Brut- oder Lebensraum, darunter rund 30 Prozent aller Fischarten. Eine Vielzahl von Zugvögeln nutzen Feuchtgebiete als Zwischenstopps auf ihren langen Reisen, ohne diese Lebensräume würde der Vogelzug in Gefahr geraten. Feuchtgebiete sind aber auch für den Klimaschutz enorm wichtig.

Feuchtgebiete sind das bedrohteste Ökosystem der Welt. Das Tempo der Zerstörung ist dreimal höher als bei Wäldern.

Warum?

Lokal und regional kühlen sie in heißen Gegenden die Umgebung, wovon Milliarden Menschen an heißen Tagen profitieren. Sie sind aber auch global wichtig, weil sie riesige Mengen Kohlenstoff speichern und darin von allen Ökosystemen am effizientesten sind.

Effizienter als Wälder, die normalerweise als Paradebeispiele dafür angeführt werden?

Nehmen sie nur die Moore. Sie erstrecken sich nur auf drei Prozent der Erdoberfläche, aber speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie Wälder, nämlich 30 Prozent des Kohlenstoffs an Land. Ähnlich wichtig sind Mangroven, sie speichern mehr Kohlenstoff als andere tropische Waldtypen.

Eine riesige grüne Sumpflandschaft, durch die sich ein Fluss schlängelt
Eines von mehr als 2000 Feuchtgebieten weltweit, die unter dem Schutz der Ramsar-Konvention stehen: Die Kushiro Marschlandschaft in der Nähe der Stadt Kushiro ist ein ökologisch wertvolles Gebiet.
Mangrovenwald in Thailand, die Bäume stehen auf Stelzenwurzeln im Wasser
Wichtig für Küstenschutz, aber auch für den Klimaschutz: Mangrovenwälder, hier in Thailand, nehmen große Mengen Kohlenstoff auf.
Die Graphik vergleicht das Gesamtvolumen der Erde mit dem Volumen der Wasservorräte. Die Erde hat einen Durchmesser von 12742 Kilometern, alles Wasser Salz- und Süßwasser 1385 Kilometer, nur das Südßwasser 273 Kilometer, und nur das Wasser aus Flüssen und Seen 56 Kilometer.
Kaum zu glauben, aber von Wissenschaftlerïnnen des US Geological Service und der Woods Hole Oceonographic Institution durchgerechnet: So viel Wasser gibt es auf der Erde, wenn man es jeweils in einer perfekten Kugel sammeln würde.
Leerer Wasserschlauch auf einem Feld
Die Anbau unserer Lebensmittel braucht Wasser. In Zukunft könnte die Versorgung damit schwieriger werden, wenn Klimakrise und Habitatzerstörung sich weiter zuspitzen.
Autobahnbaustelle: Die Trasse verläuft mitten durchs Moor.
In Norddeutschland sind in den vergangenen hundert Jahren riesige Feuchtgebiete zerstört worden, meist für die Landwirtschaft. Die Zerschneidung von Habitaten wie hier für die Küstenautobahn A20 bei Tribsees ist ein weiterer Faktor.
Auf der Fahne von Fridays-for-Future-Aktivistïnnen steht: Artenvieltfat bewahren.
Bei den Demonstrationen von Fridays for Future, wie hier am 19. März 2021 in Berlin, rückt zunehmend auch der Schutz der biologischen Vielfalt ins Zentrum.

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