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„Wenn wir weiter Feuchtgebiete zerstören, haben noch mehr Menschen kein sauberes Trinkwasser“

Ihr Job ist es, die Menschheit vor der Wasserkrise zu bewahren: Martha Rojas Urrego, Chefin der Ramsar-Konvention, im Interview

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21.03.2021
13 Minuten
Martha Rojas Urrego sitzt lächelnd auf einem Podium und schaut nach links.

Den Schutz der Natur und ihrer Vielfalt hält Martha Rojas Urrego für eine Überlebensfrage – weil es darum geht, ob wir Menschen in Zukunft ausreichend viel sauberes Wasser zur Verfügung haben werden. Die Kolumbianerin ist Generalsekretärin der UN-Konvention zum Schutz von Feuchtgebieten, die nach dem Ort im Iran, wo sie 1971 verabschiedet wurde, als “Ramsar-Konvention” bekannt ist.

Urrego hat Biologie studiert, später die Nationalparkverwaltung Kolumbiens geleitet und das Land in Naturschutzfragen bei den Vereinten Nationen vertreten. Bei der Weltnaturschutzunion IUCN begleitete sie in den 1990er Jahren die Frühphase der UN-Konvention für biologische Vielfalt (CBD). Nach einer Station bei der humanitären Organisation CARE wurde sie 2016 Generalsekretärin der Ramsar-Konvention.

***

Frau Urrego, über Jahrhunderte haben Menschen Feuchtgebiete für wertloses Ödland gehalten, das man möglichst schnell trockenlegen und nutzbar machen sollte. Was halten Sie dagegen?

Martha Rojas Urrego: Diese Auffassung war und ist vor allem in der westlichen Welt verbreitet. Feuchtgebiete wurden und werden als nutzlos oder sogar als gefährlich angesehen. Das war und ist aber nicht überall so, in Reisanbaugebieten hat man da vielfach einen anderen Blick, weil feuchte Habitate die Lebensgrundlage bilden.

Warum sind feuchte Ökosysteme wie Sümpfe, Marschland, Moore, Flüsse, Grundwasserreservoirs und Auwälder wichtig?

Sogar in der Umweltszene wird die Bedeutung von Feuchtgebieten noch immer unterschätzt. Ihr Wert reicht von Biodiversität über Klima bis zur Wasserversorgung. Feuchtgebiete sind für 40 Prozent aller Lebensformen auf der Erde Brut- oder Lebensraum, darunter rund 30 Prozent aller Fischarten. Eine Vielzahl von Zugvögeln nutzen Feuchtgebiete als Zwischenstopps auf ihren langen Reisen, ohne diese Lebensräume würde der Vogelzug in Gefahr geraten. Feuchtgebiete sind aber auch für den Klimaschutz enorm wichtig.

Feuchtgebiete sind das bedrohteste Ökosystem der Welt. Das Tempo der Zerstörung ist dreimal höher als bei Wäldern.

Warum?

Lokal und regional kühlen sie in heißen Gegenden die Umgebung, wovon Milliarden Menschen an heißen Tagen profitieren. Sie sind aber auch global wichtig, weil sie riesige Mengen Kohlenstoff speichern und darin von allen Ökosystemen am effizientesten sind.

Effizienter als Wälder, die normalerweise als Paradebeispiele dafür angeführt werden?

Nehmen sie nur die Moore. Sie erstrecken sich nur auf drei Prozent der Erdoberfläche, aber speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie Wälder, nämlich 30 Prozent des Kohlenstoffs an Land. Ähnlich wichtig sind Mangroven, sie speichern mehr Kohlenstoff als andere tropische Waldtypen.

Eine riesige grüne Sumpflandschaft, durch die sich ein Fluss schlängelt
Eines von mehr als 2000 Feuchtgebieten weltweit, die unter dem Schutz der Ramsar-Konvention stehen: Die Kushiro Marschlandschaft in der Nähe der Stadt Kushiro ist ein ökologisch wertvolles Gebiet.

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Aber weder die Bedeutung für die Artenvielfalt noch für das Klima können bisher die Zerstörung von Feuchtgebieten aufhalten.

Feuchtgebiete sind das bedrohteste Ökosystem der Welt. Wir haben nach Analysen des Weltbiodiversitätsrats IPBES seit dem Jahr 1700 weltweit rund 90 Prozent der Feuchtgebiete verloren. 25 Prozent der Arten in Feuchtgebieten sind bedroht. Und das Tempo der Zerstörung ist dreimal höher als als bei Wäldern. Die Öffentlichkeit weiß über die Bedrohung für die Meere oder die Wälder Bescheid, aber die schnelle Zerstörung der Feuchtgebiete ist nicht ausreichend bekannt.

Man kann Feuchtgebiete die Nieren der Erde nennen.

Wie werden Feuchtgebiete zerstört?

Feuchtgebiete werden trockengelegt, in landwirtschaftliche Nutzflächen verwandelt, mit Dämmen eingegrenzt, begradigt und mit Kanälen durchzogen, sie werden mit Häusern und Gewerbegebieten bebaut, mit Fäkalien und Giftstoffen verschmutzt, überfischt und jetzt auch noch durch die Klimakrise aufgeheizt.

Viele Menschen denken wohl, die Probleme, die fehlende Feuchtgebiete verursachen könnten, sind weit von ihnen weg oder noch lange hin. Was würden Sie ihnen sagen?

Wir nennen die Erde den Blauen Planeten, aber nur etwa ein Prozent des Wassers ist Süßwasser, das wir konsumieren können. Dieses Süßwasser ist eine knappe Ressource. Und es kommt aus… Feuchtgebieten, aus Flüssen, Seen, Sümpfen, Mooren und Grundwasserspeichern. Das ist das Wasser, das wir trinken und mit dem wir unsere Felder bewässern und ohne das unser Leben sehr schnell sehr schwierig wird. Feuchtgebiete sind die für uns wichtigsten Teile des Wasserkreislaufs.

Wasserkreislauf, das klingt sehr abstrakt.

Jeder Griff zum Wasserhahn schafft eine Direktverbindung in Feuchtgebiete. Aber diese Ökosysteme können noch viel mehr als Wasser liefern, sie reinigen es auch, nachdem wir es verbraucht haben. Man kann Feuchtgebiete die Nieren der Erde nennen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Viele Städte sind auf Feuchtgebiete angewiesen, um ihre Abwässer zu reinigen, zum Beispiel Kampala, die Hauptstadt von Uganda. Dort gab es erhebliche Probleme mit Abwasser, bis man auf die Idee kam, Feuchtgebiete als Teil der Lösung einzusetzen. Man stellte vorhandene Gebiete unter Schutz, restaurierte beschädigte Feuchtgebiete und schuf sogar neue. Der Ansatz, Feuchtgebiete als Teil einer grünen Infrastruktur einzusetzen, hat die Situation spürbar entspannt. So ist das in vielen Metropolen. Aber selbst das ist noch nicht alles. Feuchtgebiete schützen uns zudem vor Naturkatastrophen.

Weil sie Wasser wie ein Schwamm aufnehmen, wenn zu viel davon da ist?

Genau. 90 Prozent der Naturkatastrophen haben mit Wasser zu tun, und intakte Feuchtgebiete sind der beste Schutz gegen Überschwemmungen. Und in den trockenen Jahreszeiten schützen diese Gebiete uns dann gegen Dürren, weil sie das Wasser gespeichert haben. Im indischen Chennai hat man es vor Jahren bitter bereut, dass Feuchtgebiete, die von den Vorfahren “Wassertempel” genannt worden waren, nicht pfleglich behandelt worden waren. Bei einer Dürre spitzte sich die Situation so zu, dass Trinkwasser mit Güterzügen herangeschafft werden musste. Jetzt setzen sich Menschen dort sehr für die Wiederbelebung der Feuchtgebiete ein, mit ersten Erfolgen.

Als Generalsekretärin von Ramsar ist es Ihr Job, darauf hinzuweisen. Wie gut hören Verantwortliche Ihnen zu?

Da gibt es noch viel zu tun. Es muss ins Bewusstsein dringen, dass Feuchtgebiete für uns wirtschaftlich gesehen die wichtigsten Ökosysteme sind. Und dass wir uns bereits jetzt in einer globalen Wasserkrise befinden.

Mangrovenwald in Thailand, die Bäume stehen auf Stelzenwurzeln im Wasser
Wichtig für Küstenschutz, aber auch für den Klimaschutz: Mangrovenwälder, hier in Thailand, nehmen große Mengen Kohlenstoff auf.

Zur Klima- und Artenkrise kommt noch eine dritte globale Umweltkrise?

Die Menschheit benutzt heute bereits sechsmal mehr Wasser als vor hundert Jahren. Während unser Wasserverbrauch stark steigt, wird die Natur, aus der das Wasser kommt, zerstört. Wir wollen mehr Wasser, aber zerstören seine Quellen. Wie soll das funktionieren?

Wir sollten uns viel öfter fragen, was es uns kosten würde, Dinge ohne die Hilfe der Natur zu machen.

Die Wasserkrise ist also keine Science-fiction?

Ganz und gar nicht, wir sind mittendrin. Trinkwasser, Nahrungsproduktion, Stromerzeugung – es wird Zeit zu erkennen, dass es beim Wasser um unsere Existenz, unser Überleben geht.

Und doch wird darüber eher selten diskutiert, es fehlt ein Gefühl von Dringlichkeit. Warum?

Das ist echt interessant. Wenn man mit Naturschützern über Feuchtgebiete spricht, dann geht es nicht nur um Tiere und Pflanzen, sondern auch um ihre tragende Rolle für unser Trinkwasser. Aber sobald man mit den Ingenieuren und Planern spricht, die für Trinkwasserprojekte zuständig sind, geht es um Infrastruktur, Bauwerke und Leitungen, aber nicht um intakte Natur und Feuchtgebiete. Die Rolle von Feuchtgebieten für unser Trinkwasser ist ein blinder Fleck in der Entwicklungsdebatte.

Und Ökonomen?

Hier braucht es ein Umdenken. Natur hat viele Werte – spirituelle Werte, kulturelle Werte, ökologische Werte. Aber ja, ich denke in unserer Welt braucht sie auch einen expliziten ökonomischen Wert. Man muss nur überlegen, was es kosten würde, die Reinigungsleistung der Natur mit technischen Mitteln zu leisten, dann ahnt man schon, um welche Summen es dabei geht. Länder wie Mexiko rechnen das alles bereits durch; darüber haben wir beim diesjährigen World Wetlands Day intensiv gesprochen.

Wie würde das konkret funktionieren? Müsste es enorm teuer werden, ein Feuchtgebiet zu zerstören?

Das wäre ja eher eine Kompensationszahlung. Ich finde es erstmal wichtig, den Wert dessen zu kennen, was es noch gibt und was wir deshalb weiter erhalten sollten. Wir sollten uns viel öfter fragen, was es uns kosten würde, Dinge ohne die Hilfe der Natur zu machen, zum Beispiel eine Küste ohne Mangrovenwälder vor Stürmen zu schützen. Die Kosten einer riesigen Deichanlage spiegeln wider, was die Natur für uns macht, ohne dass wir dafür Geld bezahlen müssen. Dasselbe gilt für die Kosten von zusätzlichen Klärstufen, wenn Ökosysteme die Reinigung nicht mehr übernehmen können, weil sie überfordert sind oder zerstört wurden.

Aber braucht es nicht doch einen konkreten Preis für Zerstörung, damit Politikerïnnen oder Entscheiderïnnen in der Wirtschaft diesen Wert auch konkret spüren?

Das funktioniert ganz gut mit Ansätzen wie dem “Netto-Null-Verlust” in den USA, wo man anderswo ein Feuchtgebiet restaurieren oder neu schaffen muss, wenn man eines zerstören will. Das zu tun, kostet dann ordentlich Geld. Wegweisend ist es auch, die Kosten für den Schutz der Ökosysteme, aus denen Trinkwasser kommt, in den Wasserpreis zu integrieren. Das könnten noch viel mehr Städte machen und so eine direkte Verbindung zu den Naturgebieten schaffen, von denen sie abhängig sind. Das schafft sehr positive Anreize.

Für reichere Länder klingt das nach einem interessanten Ansatz, aber wie sieht es mit den den ärmsten Ländern aus, den least developed countries? Die können sich zusätzliche Kosten ja gar nicht leisten.

In diesen Ländern brauchen die Menschen meistens gar nicht daran erinnert werden, wie wertvoll Feuchtgebiete für sie sind, ob für Trinkwasser oder Fischerei. Sie erleben das direkt und wissen es. Das Wichtigste hier ist, dass mit Entwicklungsprojekten nicht von außen die Idee importiert wird, dass man zuerst die Natur zerstören muss, um sich zu entwickeln, und man sich dann um Naturschutz kümmern kann. Dass das nämlich nicht funktioniert, ist bereits bewiesen.

Was folgt daraus?

Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Partnerschaften müssen von Grund auf den Naturschutz integrieren und Lösungen umsetzen, die den Wert der Ökosysteme erhalten. Die vielen hundert Millionen Menschen, die bis heute keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, brauchen Strategien, die den natürlichen Wasserquellen einen hohen Wert zuschreiben.

Die Graphik vergleicht das Gesamtvolumen der Erde mit dem Volumen der Wasservorräte. Die Erde hat einen Durchmesser von 12742 Kilometern, alles Wasser Salz- und Süßwasser 1385 Kilometer, nur das Südßwasser 273 Kilometer, und nur das Wasser aus Flüssen und Seen 56 Kilometer.
Kaum zu glauben, aber von Wissenschaftlerïnnen des US Geological Service und der Woods Hole Oceonographic Institution durchgerechnet: So viel Wasser gibt es auf der Erde, wenn man es jeweils in einer perfekten Kugel sammeln würde.
Leerer Wasserschlauch auf einem Feld
Die Anbau unserer Lebensmittel braucht Wasser. In Zukunft könnte die Versorgung damit schwieriger werden, wenn Klimakrise und Habitatzerstörung sich weiter zuspitzen.

Immerhin gibt es in den Sustainable Development Goals, den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, einen eigenen Punkt, der den Schutz von Ökosystemen speziell wegen ihrer Rolle in der Wasserversorgung einfordert.

Das ist aus meiner Sicht ein Riesenfortschritt. Bei den vorangegangenen Millenium Development Goals waren alle Umweltthemen in einem Ziel zusammengefasst, Umwelt wurde also vom Rest der Entwicklungsfragen abgetrennt. Bei den Nachhaltigkeitszielen bis 2030 ist nun das Teilziel 6.6., Feuchtgebiete zu erhalten und zu restaurieren, Teil des großen Ziels Nummer 6, bis 2030 jedem Menschen Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Diese Integration ist enorm wichtig.

Wir können uns nicht auf Erfolgen ausruhen, aber es gibt sie.

Und wie sieht es in der Praxis aus?

Es ist noch immer mühsam, die verschiedenen Institutionen dazu zu bringen, diese Themen zusammen anzupacken. Aber wir bemühen uns sehr um den Dialog zum Beispiel zwischen den Menschen und Institutionen, die Brunnen graben und Leitungen bauen und denen, die sich für den Schutz von Feuchtgebieten einsetzen. Naturschutz und Zugang zu sauberem Trinkwasser gemeinsam anzugehen, das ist die Mutter aller Win-win-Situationen.

Beim Klimaschutz hat es auch lange gebraucht, bis die Debatte sich nicht nur um Auspuffe und Windräder drehte, sondern auch um naturbasierte Lösungen wie den Schutz von Mooren.

Genau, aber es geht voran. Die Rolle der Natur rückt beim Klimaschutz Stück für Stück stärker ins Zentrum. Und ich setze darauf, dass etwas ähnliches auch bei der Diskussion um Feuchtgebiete und die Zukunft des Trinkwassers passiert. Dabei auf Naturschutz zu setzen statt auf sehr teure technische Lösungen, ist auch ökonomisch das Sinnvollste, was man tun kann.

Die Ramsar-Konvention gibt es schon seit 50 Jahren. Angesichts des Tempos der Zerstörung kann man nicht wirklich von einem Erfolg sprechen, oder?

Wir können uns nicht auf Erfolgen ausruhen, aber es gibt sie. Die Ramsar-Konvention hat zunächst einmal die Umweltdebatte positiv beeinflusst. Sie war 1971 das erste große internationale Umweltabkommen und schon damals wurde die “intelligente Nutzung” der Natur zum Ziel erklärt, woraus dann später das Konzept der nachhaltigen Entwicklung wurde.

Das ist wieder etwas abstrakt. Was sind konkrete Erfolge?

Dank der Ramsar-Konvention kann niemand mehr Feuchtgebiete wie früher als wertlos abtun. Aus anfänglich 80 Staaten, die sich zu unseren Zielen bekennen und versuchen, sie umzusetzen, sind 171 geworden. Es gibt inzwischen 2416 Feuchtgebiete mit internationaler Bedeutung, die unter dem Schutz der Konvention stehen. Das ist das größte Netzwerk von Schutzgebieten. Also kann ich sehr selbstbewusst sagen, dass ohne die Ramsar-Konvention der Trend zur Zerstörung definitiv noch schlimmer wäre.

Autobahnbaustelle: Die Trasse verläuft mitten durchs Moor.
In Norddeutschland sind in den vergangenen hundert Jahren riesige Feuchtgebiete zerstört worden, meist für die Landwirtschaft. Die Zerschneidung von Habitaten wie hier für die Küstenautobahn A20 bei Tribsees ist ein weiterer Faktor.

Aber?

Es muss viel, sehr viel mehr getan werden, das liegt ja auf der Hand, wenn man sich anschaut, in welchem Tempo wir Feuchtgebiete zerstören.

Natürlich braucht es da mehr Biss und konsequentes Handeln.

UN-Konventionen eilt nicht gerade der Ruf voraus, besonders effizient zu sein. Erst braucht es ewig lange, etwas mit Substanz zu vereinbaren – vom ersten Weltklimagipfel bis zum Klimavertrag von Paris vergingen volle zwanzig Jahre. Dann gibt es eigentlich keine ernsthaften Konsequenzen, wenn ein Staat eine Zusage bricht. Wie soll das funktionieren?

Das ist leider die Realität der meisten internationalen Umweltabkommen. Die frühen Umweltabkommen aus den 1970er Jahren – neben der Ramsar-Konvention gehört dazu auch CITES zum Artenschutz und das Abkommen zum Schutz wandernder Tierarten – haben den Vorteil, dass sie sehr praktisch angelegt sind. Da werden keine so großen Worte gesprochen, es geht ums Tun.

Ende 2021 soll in China der Welt-Naturschutzgipfel stattfinden und die globalen Ziele für den Naturschutz bis 2030 festlegen. Was erhoffen Sie sich davon? Und wie arbeiten Sie daran mit?

Dabei sind wir natürlich sehr involviert. Die Konvention für biologische Vielfalt und die Ramsar-Konvention sind getrennte Abkommen, aber die Sekretariate arbeiten eng zusammen. Ganz konkret geht es zum Beispiel darum, dass wir von der Ramsar-Community die Ausdehnung und die Verluste von Feuchtgebieten messen und, dass mit diesen Zahlen dann überprüft wird, ob die für 2030 geltenden Sustainable Development Goals oder Naturschutzziele auch erreicht werden.

Wie groß ist die Gefahr, dass beim Naturschutzgipfel wieder nur hehre Worte gesprochen werden? Von den Zielen des Gipfels 2010 in Nagoya wurde keines wirklich erreicht.

Natürlich braucht es da mehr Biss und konsequentes Handeln.

Der deutsche Umweltpolitiker Klaus Töpfer schlug während seiner Zeit als Chef der UN-Umweltbehörde UNEP vor, analog zu den Blauhelmen Grünhelm-Truppen zu schaffen, die im Notfall intervenieren können.

Die Vereinten Nationen arbeiten anders. Staaten einigen sich auf Ziele und sagen zu, sie zu erreichen. Es werden Indikatoren von Naturzerstörung und Naturschutz festgelegt, über die Länder regelmäßig Bericht erstatten. Das Reporting so zu gestalten, dass es aussagekräftig und übersichtlich ist und die ärmeren Ländern nicht überfordert, gehört zu den wichtigen Zielen für die Naturschutzkonferenz.

Sollte es aber nicht Strafen geben, wenn ein Land Versprechen bricht oder zugesagte Ziele nicht erreicht?

Das Konzept von echten Strafen existiert in internationalen Umweltabkommen so nicht und ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird. Wir arbeiten mit anderen Instrumenten, etwa Kooperationen mehrerer Staaten wie im Amazonas, wo dann acht Länder an einem Tisch sitzen und über Wassermanagement sprechen. Das ist schon viel wert. Ich glaube an dieses multilaterale System, und auch wenn es nicht das effizienteste ist, sollten wir meiner Ansicht nach daran festhalten.

Auf der Fahne von Fridays-for-Future-Aktivistïnnen steht: Artenvieltfat bewahren.
Bei den Demonstrationen von Fridays for Future, wie hier am 19. März 2021 in Berlin, rückt zunehmend auch der Schutz der biologischen Vielfalt ins Zentrum.

Was passiert, wenn eines der 2416 Ramsar-Feuchtgebiete ernsthafte Schäden erleidet?

Immerhin müssen die Staaten dies den anderen mitteilen und erklären, was da passiert. Wir haben dazu das sogenannte Montreux-Register. Betroffene Länder können darum bitten, dass Expertïnnen in das betroffene Gebiet reisen und Empfehlungen abgeben, wie es besser geschützt werden kann. Die Staaten teilen untereinander praktische Tipps, Ideen und Erfahrungen, was funktioniert und was nicht – das klingt nicht sehr großspurig, ist aber enorm wichtig.

Mit einem effektiven Schutz von Feuchtgebieten können alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser bekommen.

Was fehlt Ihnen dann noch, um wirklich effizient Feuchtgebiete zu bewahren?

Das Wichtigste ist, den Schutz von Feuchtgebieten in alle großen politischen Prozesse zu integrieren – in den Klimaschutz, in Strategien für die Welternährung, in die internationale Gesundheitspolitik, in Pläne für die Entwicklung der Metropolen der Erde. Es geht also darum, aus der kleinen Nische der Feuchtgebietsschützer auszubrechen und mit sehr guten Argumenten überall dort mitzumischen, wo es um die großen Zukunftsfragen geht. Das ist die Mission, mit der uns die Mitgliedsstaaten betraut haben und an der wir arbeiten.

Die Vereinten Nationen haben eine ganze Dekade zur Restaurierung von Ökosystemen ausgerufen. Wie gut kann man zerstörte Feuchtgebiete überhaupt wieder zum Leben erwecken?

Bei manchen Ökosystemen ist das langwierig, etwa bei Mooren, die sehr lange brauchen, um Torfschichten aufzubauen, die Kohlenstoff speichern. Gerade deshalb sollte man damit jetzt sofort anfangen.

Wo geht es schneller?

Etwa bei Mangrovenwäldern. Da haben wir im Senegal wunderbare Beispiele, wie sehr schnell sehr viele Menschen davon profitieren können, von der Fischerei über wirtschaftliche Gleichberechtigung von Frauen bis zur Kohlenstoffspeicherung. Auch andere feuchte Ökosysteme lassen sich rasch auf den Weg der Regeneration bringen. In Großbritannien ist die Wiedervernässung von Feuchtgebieten fester Teil der Strategie, die Ziele des Klimavertrags von Paris zu erreichen.

Was wird in den nächsten Jahren passieren, wenn sich an den jetzigen Trends bei der Zerstörung von Feuchtgebieten nichts ändert?

Wenn wir weiter Feuchtgebiete zerstören, haben noch mehr Menschen kein sauberes Trinkwasser. Der Landwirtschaft wird das Wasser ausgehen. Der Kampf gegen den Klimawandel wird noch schwieriger als er ohnehin schon ist. Kurz gesagt werden wir ohne effizienten Schutz der Feuchtgebiete bis 2030 keines der Ziele für Biodiversität, Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung erreichen und stattdessen eine Fülle richtig harter Probleme bekommen, auch mit Krankheiten, die ohne sauberes Wasser zwangsläufig zunehmen. Das ist die harte Realität.

Und wie könnte ein positives Szenario aussehen?

Da können wir jetzt alles Negative umdrehen: Mit einem effektiven Schutz von Feuchtgebieten können alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser bekommen, wir kommen unseren Zielen im Klimaschutz näher, schützen Millionen Menschen vor Krankheit und Tod durch schmutziges Wasser. Und wir haben eine Chance auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Es ist wirklich keine Übertreibung, dass der Schlüssel zu all dem im Schutz von Feuchtgebieten liegt.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


Countdown Natur

Die Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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