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Zukunft des Okavango-Deltas: Gelingt es, das Weltnaturerbe zu bewahren?

Angola, Botswana und Namibia arbeiten beim Schutz von Feuchtgebiet und Fluss zusammen. Doch ist der Spagat zwischen Naturschutz und wirtschaftlicher Entwicklung möglich? Fotos: Roger Jardine

03.11.2021
25 Minuten
Der Fischer steht mit einem Netz in der Hand neben zwei Holzbooten am Ufer des Okavango

Das Mädchen steht knietief im Wasser und pflückt weiße Wasserlilien. Sie wirkt versunken in ihre Tätigkeit, wählt die Blüten sorgfältig aus. Ein paar Meter weiter hebt ihre Mutter ein Bündel Mokamakama Grases auf den Kopf, das in dieser Gegend wächst. Ihre knallrote Jacke leuchtet mitten im Okavango Delta. Eine weite Landschaft breitet sich aus, fahlgelbes, windschiefes Gras und grüne Senken, in denen die Tzwii-Lilien aus dem Wasser ragen.

Hier, im Norden der Kalahari-Wüste mündet der Okavango, einer der bedeutendsten Flüsse im südlichen Afrika. Sein Wasser fließt nicht ins Meer, sondern versickert und verdunstet in dieser semi-ariden Region im Nordosten Botswanas und bildet dabei eines der größten und tierreichsten Feuchtgebiete des afrikanischen Kontinents.

Es ist die Heimat von Diphetogo Masupatsela und ihrer Tochter Omaata. Sie sind Nachfahren der San, der Ureinwohner, die schon seit über 20.000 Jahren in dieser Gegend leben. Sie gehören dem Clan der Bugakhwe an, die sich auch als „River San“ bezeichnen, denn ihr Leben ist eng mit dem Okavango-Fluss und seinem Delta verbunden.

Das Mädchen steht bis zu den Knöcheln im Wasser in der weiten Landschaft, in der Hand hält sie eine Wasserlilie, im Hintergrund sind Bäume zu sehen.
Omaata sammelt Wasserlilien für den Verzehr
Die Frau trägt eine rote Jacke und hält mit einer Hand das Grasbündel auf ihrem Kopf fest
Diphetogo Masupatsela trägt das Gras zum Decken der Häuser

Unter hohen Bäumen, mit Blick auf die weite Ebene, haben sie und ein paar andere Familien ein kleines Zeltlager errichtet. Drei Monate im Jahr, von Juli bis September, würden sie ihr Dorf verlassen und hier campen, erzählt Tumelo Sejwara, einer der Ältesten ihrer Gemeinschaft.

„Für mich ist das die glücklichste Zeit im Jahr.“ Denn so könnten sie an ihre Tradition als Jäger und Sammler anknüpfen – oder wenigstens an letzteres, fügt er hinzu. Denn die Jagd ist in dieser artenreichen Gegend nicht mehr erlaubt.

Am Ufer einer Wasserstelle unter einem großen Baum steht eine Elefantenherde
Das Okavango Delta ist berühmt für seine großen Elefanten-Herden
Ein paar Elefanten, darunter ein Junges, waten durch das Wasser. Im Vordergrund steht ein trinkender Elefant. Am Ufer der Wasserstelle wachsen Bäume.
Elefanten lieben das riesige Feuchtgebiet
Der Elefant kommt gerade aus dem Wasser. Der untere Teil seines Körpers ist vom Wasser dunkler als der obere. Der Elefant schwenkt den Kopf zur Seite, die Ohren stehen ab, der Rüssel berührt die Flanke.
Nach dem Bad
Aus dem Wasser schauen die Köpfe, Augen und Ohren von Nilpferden
Auch Nilpferde tummeln sich in der Wasserstelle

Ganz in der Nähe des Zeltlagers badet eine große Elefantenherde in einer Wasserstelle, Nilpferde tauchen prustend aus dem Wasser auf, frühmorgens hat Sejwara frische Löwenspuren entdeckt. Doch das bereitet ihm keine Sorgen. Obwohl auch seine Enkel und andere Kinder hier campen.

„Sie lernen den Umgang mit diesen Tieren von kleinauf. Sie wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie einem Löwen oder Elefanten begegnen.“ San brauchen keine Ranger-Ausbildung, das Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt gehört zu ihrer Kultur.

Das Paar sitzt auf zwei Plastikcontainern vor einem Baum und einer Wäscheleine in ihrem Zeltlager. Er trägt kurze Hosen, sie ein rot-weiß-kariertes Kleid
Tumelo Sejwara und Lesoto Ikaegeng

„Früher sind wir einfach losgezogen, um Pflanzen, Früchte, Fische und Wildtiere zu nutzen“, sagt der alte Mann wehmütig. Jetzt schränkten Gesetze und Vorschriften ihre jahrtausendealten Traditionen ein. Nur in dieser Jahreszeit lebten sie so, wie ihre Vorfahren: „im Busch“.

Mit Genehmigung der Regierung ernten sie Mokamakama Gras zum Decken ihrer Dächer und Schilfrohr für neue Zäune, außerdem Wasserlilien und Früchte des Schakalbeeren-Baums, die beide sowohl gegessen als auch für traditionelle Medizin genutzt werden. Die gelblichen Beeren liegen auf Plastikplanen zum Trocknen in der Sonne. Das Gras lehnt, in Bündel geschnürt, an einem Baum.

Mehrere Bündel des langen trockenen gelblichen Grases lehnen an einem Baum
Neues Gras für neue Dächer
Das Mädchen hält mit einem Lächeln zwei Wasserlilien in die Kamera
Omaatas Wasserlilien-Ernte
Zwei Frauen hocken vor einer Plane und sortieren die Früchte des Schakalbeerenbaums, die dort zum Trocken ausgebreitet sind
Frauen sortieren Früchte des Schakalbeeren-Baums

Seit 1996 wird das Okavango Delta gemäß den Richtlinien der Ramsar-Konvention für Feuchtgebiete internationaler Bedeutung geschützt. 2014 wurde es als Weltnaturerbe in die UNESCO-Liste aufgenommen. Es ist Teil des größten Schutzgebietes Afrikas, der „Kavango Zambezi Transfrontier Conservation Area“ (KAZA). Ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der Biodiversität und den Lebensgrundlagen der Menschen, die dort leben, soll der „Okavango Delta Management Plan“ gewährleisten, der seit 2008 in Kraft ist. Doch nicht alle Bewohner der Region sind mit den Regelungen zufrieden.

San beobachten Veränderungen der Umwelt im Delta

Leider dürften sie nicht mehr alle Pflanzen sammeln, beklagt Sejwaras Frau Lesoto Ikaegeng. Dabei hätten sie schon auf nachhaltige Weise geerntet, bevor dieses Wort überhaupt bekannt gewesen sei. „Wir kennen diese Pflanzen und achten darauf, sie nicht zu schädigen. Wir ernten beispielsweise immer nur einen Teil einer Wurzel, damit der andere nachwachsen kann.“ Davon habe früher schließlich ihr Überleben abgehangen. „Wenn wir alles einfach ernten würden, hätten wir in der nächsten Saison nichts zu essen.“

Doch die Regierung interessiere sich nicht für ihr traditionelles Wissen, beklagt sie. Überhaupt sei das Leben heute ein anderes und auch die Umwelt um sie herum habe sich verändert. Einige Pflanzen und Tiere seien selten geworden. „Es gab hier einen Vogel, der seine Eier in einem Nest im Sand ausgebrütet hat. Den haben wir lange nicht mehr gesehen“, erzählt die alte Frau. „Dafür sehen wir nun Fische, die es hier vorher nicht gab.“ Sie führt das auf den „veränderten Lebensstil“ und den Klimawandel zurück.

Die Bäume am Ufer spiegeln sich auf der Oberfläche der Wasserstelle
An einer Wasserstelle

In diesem Jahr waren die Wasserstände des Deltas vergleichsweise niedrig. Rund um die Quellen des Okavango in Angola, die für die Pegel entscheidend sind, hatte es weniger geregnet. Dafür fielen die sonst spärlichen Niederschläge in Botswana höher aus als sonst. Das sei aber nicht unbedingt eine Folge des Klimawandels, sagt Mangaliso Gondwe. Er ist Wissenschaftler am „Okavango Research Institute“ in Maun.

„Es gibt einen normalen Zyklus von etwa 18 Jahren zwischen den Höchstständen. Prognosen, die den Klimawandel betreffen, gehen nicht davon aus, dass die Niederschlagsmenge in Angola signifikant abnehmen wird. Hier dagegen rechnen wir mit weniger Regen und mehr Verdunstung. Das wirkt sich dann natürlich auf die Pegel aus.“

Im Innenhof des Okavango Research Institute in Maun sitzen beziehungsweise stehen die drei Wissenschaftler
Wissenschaftler Gondwe (re), Mogende und Mazrui
Blaue Bürostühle stehen vor Tischen mit den Laborgeräten
Ein Labor im Okavango Research Institute

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Gondwe vor allem mit Methangas-Emissionen, die von Feuchtgebieten wie diesem auf natürliche Weise verursacht werden. „In Bezug auf den Klimawandel wird meist über CO2 gesprochen, dabei ist Methan um das zwanzigfache schädlicher.“ Diese Emissionen seien zunächst gestiegen, bevor sie ein Plateau erreichten. „Wir dachten schon, dass wir die Sache im Griff haben. Doch dann stiegen die Emissionen plötzlich wieder an.“

Die Frage sei, warum es zuerst zu einem Stillstand, dann zu einem weiteren Anstieg gekommen ist und von welchen Faktoren es abhängt, wieviel Methan ein Feuchtgebiet wie das Okavango Delta ausstößt. „Erst wenn wir diesen Prozess wirklich verstehen, können wir Zukunftsprognosen erarbeiten und vorhersagen, wie hoch diese Emissionen 2050 sein werden“, betont der Wissenschaftler. Ein besseres Freiluftlabor als das Okavango Delta kann er sich für diese Forschung kaum vorstellen.

Auf dem Schild steht Botswana „Water Ahead“, es warnt vor möglichen Überschwemmungen
Vorsicht Wasser!

Während die Forscher in Maun Daten auswerten, beobachten die San in Khwai die Natur um sie herum, die von den wechselnden Wasserständen geprägt ist. Zu wenig Wasser sei natürlich nicht gut, zu viel aber auch nicht, sagt Lesoto Ikaegeng. „Dann verrottet das Gras und einige Bäume ertrinken. Wenn es stark regnet, entwickeln sich auch die Wasserlilien nicht gut. Außerdem verbreiten sich dann Krankheiten.“

Ikaegeng und ihr Mann gehören zu der Generation, die, wie sie sagen, noch „im Busch aufgewachsen“ sind, im heutigen „Moremi Game Reserve“, dem ältesten Schutzgebiet im Okavango Delta. Als es in den 60er Jahren gegründet wurde, wurden die Familien in ein Dorf jenseits der neuen Parkgrenze zwangsumgesiedelt. Statt von der Natur leben sie nun vom Öko-Tourismus. Ihr „Khwai Development Trust“ verwaltet die 1800 km² umfassende Khwai Konzession, in der Safariunternehmen exklusive Luxus-Lodges betreiben.

120 Kilometer bucklige Sandpiste bis zur nächsten Klinik

Ein Teil der Einnahmen aus dem Tourismus fließe an die Dorfgemeinschaft, erzählt Diphetogo Anita Lekgowa. Die 39-Jährige ist selbst in Khwai aufgewachsen und engagiert sich im „Indigenous Peoples of Africa Co-ordinating Commitee“ (IPACC), das sich für die Rechte indigener Gemeinschaften stark macht. „Mit dem Geld aus unserem Trust werden die Dorfbewohnerïnnen unterstützt, beispielsweise Ältere oder Waisen.“ Außerdem werde damit ein Allradwagen finanziert, der mehrmals in der Woche über bucklige Sandpisten in die rund 120 Kilometer entfernte Stadt Maun fährt, damit die Bewohnerïnnen dort einkaufen oder die Klinik besuchen können.

Die Frau schirmt ihre Augen mit einer Hand vor dem Sonnenlicht ab und schaut lächelnd in die Ferne, sie trägt ein rosa-gemustertes Tuch auf dem Kopf und ein blaues Kleid
Diphetogo Anita Lekgowa
Der Khwai Fluss mäandert durch die bewaldete Landschaft
Am Khwai Fluss
Ein kleines Steinhaus mit Holztür steht in der weiten Landschaft des Dorfes, daneben steht ein Stuhl im Schatten
Haus in der Khwai Community

Denn eine Klinik gibt es in der Khwai Community nicht, eine Schule wurde mit Spendengeldern gebaut. „Von der Regierung bekommen wir kaum Unterstützung“, sagt Lekgowa, „deshalb übernimmt der Trust diese Aufgaben – so gut es geht.“ Das Dorf liegt am Khwai-Fluss, dem nördlichsten „Finger“, des Okavango Delta, das sich wie ein Fächer aus Kanälen, Seen, Sümpfen und Inseln über mehr als 15.000 Quadratkilometer erstreckt. Das Wasser steigt und sinkt im Jahreszyklus.

Etwa 400 Menschen leben in dem Dorf, mitten in der Natur, weit weg von der nächsten Teerstraße. Doch für die Ältesten wie Tumelo Sejwara ist das schon zu viel Rummel. „Nur hier draußen im Busch haben wir innere Ruhe. Nur hier sind wir wirklich frei.“ Wasser trinkt er am liebsten aus dem Fluss – so wie viele der Ältesten, sagt Lekgowa. „Sie glauben, dass das Wasser Heilkräfte hat. Außerdem schmeckt es ihnen besser.“ Die jüngere Generation hole ihr Trinkwasser dagegen aus den kommunalen Wasserhähnen, die durch einen Brunnen gespeist werden. Auch hierfür hatte der „Khwai Develpment Trust“ gesorgt, um Konflikte mit Wildtieren wie Elefanten oder Krokodilen am Fluss zu verhindern.

Ein Krokodil schwimmt durch das bräunliche Wasser
In den Wasserstellen leben auch Krokodile
Die Glas-Röhrchen stehen im Labor eng beieinander
Im Labor wird die Wasserqualität getestet

Tatsächlich hat das Oberflächenwasser des Deltas Trinkwasserqualität, dank der reinigenden Filterwirkung des Feuchtgebiets. Das bestätigen Wissenschaftlerïnnen am „Okavango Research Institute“. Nashaat Mazrui forscht dort zu diesem Thema, untersucht etwa die Rückstände von Schwermetallen im Delta. „An der Wasseroberfläche sind die Konzentrationen gering, die Schwermetalle lagern sich offenbar im Sediment ab, vor allem dort, wo sich viel organisches Material angesammelt hat.“ Also zum Beispiel unter den rund 150.000 Inseln im Delta.

„Wir finden aber auch im Grundwasser teils erhebliche Rückstände“, fügt die Forscherin hinzu. Diese Werte müsse man im Auge behalten. Die Konzentrationen seien jedoch nicht überall gleich hoch. Die Schwermetalle stammen unter anderem aus natürlichen Erosionsprozessen. Eine andere Quelle sei der Staub, der von den Makgadikgadi-Salzpfannen im Nordosten über das Delta geweht werde, so Mazrui. Und natürlich gäbe es auch Anteile, die der Fluss ins Delta bringe.

Das Wasser des Okavango-Flusses fließt langsam und ruhig, am Ufer wachsen Papyrus und Bäume, darüber blauer Himmel mit ein paar Wölkchen
Okavango Flusslandschaft

Regenfälle in Angola liefern Wasser für das Okavango Delta

Die Quellen des Okavango liegen im Hochland von Bié in Angola. Dort entspringen die Flüsse Cubango und Cuito, die sich im Süden des Landes zum Okavango vereinigen. Abgesehen von ein paar Wasserfällen und Stromschnellen ist es ein gemächlich fließender Fluss, der auf seinem Weg die Grenze zu Namibia bildet und erst sechs Monate nach den Sommer-Regenfällen in Angola im berühmten Delta in Botswana mündet.

Das ist entscheidend für das Überleben von Menschen und Tieren im Delta, denn die Wasser-Hochstände werden dort in der Trockenzeit erreicht. Sie liefern nicht nur Trinkwasser für Menschen und Tiere, sondern lassen das Delta auch ergrünen und versorgen die sandigen Böden der ariden Region mit Nährstoffen.

Die Grafik zeigt den Flusslauf des Okavango von den Quellseen und Torfgebieten in Angola über die Grenze zu Namibia bis zum Delta in Botswana
Schematische Darstellung des Okavango von der Quelle bis ins Delta

Während das Delta weltberühmt ist, steckt die Erforschung des Quellgebiets, das bis zu 95 Prozent des Wassers liefert, noch in den Kinderschuhen. Der Grund ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Angola, der erst 2002 endete und Millionen von Landminen hinterließ, die noch nicht vollständig geräumt sind. Lange sei die Region als „Land des Hungers“ bekannt gewesen, erzählt Adjany Costa.

Die 32-jährige Angolanerin ist Umweltschützerin und Ethno-Ökologin, beschäftigt sich also insbesondere mit indigenen Wissenssystemen in Bezug auf die Umwelt. „Die Region stand im Zentrum des Bürgerkrieges. Viele Menschen flüchteten sich in die Wälder. Es war eine Gegend, die niemand freiwillig betreten, über die man nicht einmal sprechen wollte. Für Jahrzehnte war sie einfach vergessen.“

Grenzüberschreitendes Management der Wasserressourcen

Erst in den letzten fünf Jahren sei das Interesse mit einem Schlag gewachsen, ausgehend vom Okavango Delta, dessen Überleben von einer intakten Quellregion abhängt. Bereits 1994 haben die drei Anrainerstaaten des Flusses, Botswana, Angola und Namibia die „Permanent Okavango River Basin Water Commission“ (OKACOM) gegründet, eine Kommission für ein grenzüberschreitendes, ökologisch nachhaltiges Management ihrer gemeinsamen Wasserressource.

Seitdem seien diverse Pläne, Instrumente, Strategien und Projekte erarbeitet worden, sagt OKACOM-Exekutivdirektor Phera Ramoeli. Etwa für die gemeinsame Nutzung des Flusses, die Unterstützung der Gemeinden am Ufer, Ernährungssicherheit, die Anpassung an den Klimawandel und eine gemeinsame Informationsdatenbank, die für die Länder als Entscheidungsbasis dienen soll. „In den letzten Jahren haben wir unser Hauptaugenmerk darauf gerichtet, Angola zu unterstützen“, so Ramoeli.

Unterstützung für Angola zum Schutz der Wasserquelle

Dabei ginge es zum einem um Projekte zur Armutsbekämpfung, zum anderen um Datenerhebung und Informationsaustausch. Angola ist der ärmste der drei Staaten, durch den Bürgerkrieg hinkt es der sozioökonomischen Entwicklung hinterher, und durch die Landminen war auch Forschung lange nicht möglich.

Im Rahmen eines mit EU-Geldern geförderten Projekts würden nun acht hydrologische Messstationen eingerichtet, die Hälfte davon in Angola, erklärt Ramoeli. „So wollen wir die hydrologische Überwachung im Okavango Becken verbessern.“ Ziel ist es, das Flusssystem nicht nur besser zu verstehen, sondern auch eine wissenschaftlich fundierte Basis für Entscheidungen zu schaffen, etwa mit Blick auf Landnutzung und wirtschaftliche Entwicklung.

Auch Zahlungen für sogenannte „ecosystem services“ seien im Gespräch, denn der Schutz der Wasserressourcen müsse sich für Angola lohnen, betont Ramoeli. Bislang profitiert vor allem Botswana mit dem Okavango Delta finanziell vom Tourismus. Hier könne es auch Transferleistungen geben, ein Teil dieser Einnahmen könnte zurück nach Angola zur Quelle fließen. Die Idee ist bestechend, die Umsetzung kompliziert.

Höhe des Pegelstands wird an der Pegellatte angezeigt
Wasserpegel im Delta hängen von der Quellregion ab

Die Quellregion im Hochland von Bié wird gerade erst erschlossen und erforscht. Eine Expedition führte die angolanische Ethno-Ökologin Costa in dieses Gebiet. Sie bezeichnet es als „magisch“: geprägt von nahezu unberührtem Miombo-Wald. Dieser Wald besteht aus Laubbäumen, deren ausladende Kronen wie Sonnenschirme Schatten spenden. Sie wachsen locker verteilt in einem tropischen und subtropischen Gras-, Savannen- und Buschland.

Mehrere Flüsse entspringen aus etwa 17 Quellseen, die durch eine meterdicke Torfschicht miteinander verbunden sind. „Sie wirkt wie ein Schwamm“, erklärt Costa. „Es ist eine einzigartige Gegend. Wir haben dort nicht nur diese Seen, sondern auch neue Arten entdeckt und wir stehen gerade erst am Anfang unserer Forschung.“

„Ein Jäger kann in zwei Wochen leicht 50 Tiere erlegen“

Das Quellgebiet sei noch immer nur schwer zugänglich, erzählt sie. Infrastruktur ist dort so gut wie nicht existent, die Einheimischen leben von Subsistenz-Landwirtschaft. Eine akute Gefahr bestehe für dieses Ökosystem derzeit nicht, betont Costa. Aber das bedeutet nicht, dass das mit zunehmender Entwicklung auch so bleibt. Für die Artenvielfalt sei die sogenannte Bushmeat-Jagd ein Problem. „So ziemlich alles, was atmet, wird gejagt.“ Ursache ist die Armut. Zwar sei das Ausmaß angesichts der geringen Bevölkerungsdichte noch nicht kritisch, aber: „Ein einziger Jäger kann in zwei Wochen leicht fünfzig Tiere erlegen.“

Eine weitere Gefahr für den Wald um das Quellgebiet geht von einer landwirtschaftlichen Praxis aus, die als Slash-and-Burn bekannt und in vielen Ländern der Region verbreitet ist: Feuer werden gelegt, um neue Nutzflächen zu erschließen. Dadurch schrumpft nicht nur die Waldfläche, auch die ohnehin nährstoffarmen Böden werden weiter ausgelaugt. Hier müssten gemeinsam mit den Menschen vor Ort praktikable Alternativen erarbeitet werden, betont Costa, die übrigens 2020 auch kurz Umweltministerin ihres Landes war und bis heute den Präsidenten Angolas berät.

Eine „vergessene“ Bevölkerung in der Quellregion

Bislang habe sich die junge Forschung im Quellgebiet auf Biodiversität und Artenvielfalt konzentriert, auf das Verständnis dieses Wassereinzugsgebiets, auf geologische und geografische Aspekte, erzählt sie. „Jetzt aber gibt es erste Ansätze, auch die lokale Bevölkerung zu unterstützen und einzubeziehen.“ Jahrzehntelang war sie ebenso "vergessen“, wie die Region, in der sie lebt.

Im Überlebenskampf während des Krieges habe das Verhältnis dieser Menschen zu ihrer natürlichen Umgebung und ihr traditionelles Wissen gelitten, sagt Costa. Aber daran könne man wieder anknüpfen. Es gebe Mythen in dieser Region, die bestimmte Orte schützen. „Einige der Quellseen sind deshalb absolut unberührt. Um sie herum gibt es keine Landwirtschaft, dort werden keine Feuer gelegt, und es wird dort nicht gejagt. Aus kulturellen Gründen geht niemand dorthin.“ Das sei zum einen wissenschaftlich interessant, zum anderen müssten auch solche Faktoren in die Erarbeitung ökologischer Management-Pläne einfließen.

Angola hat eine einzigartige Chance

„Kulturelle Traditionen und Glaubenssysteme müssen ebenso berücksichtigt werden, wie soziale und ökonomische Faktoren“, betont Costa. Sonst seien die Pläne zum Scheitern verurteilt. Dazu brauche es einen differenzierten Ansatz, man könne nicht alle Angolaner, die entlang des Cubango leben, in einen Topf werfen. „Ihre Traditionen, ihre Sprache, ihre Lebensgrundlage, ihre Nutzung natürlicher Ressourcen unterscheiden sich teils drastisch.“ Das Bewusstsein für diese Unterschiede müsse jedoch noch wachsen.

Generell sei der Umweltschutz zu lange zu eng gefasst worden, es ging um die Pflanzen- und Tierwelt, nicht aber um die Menschen, die in diesen Ökosystemen leben. Doch mittlerweile habe man verstanden, dass der Naturschutz auch von sozialen und ökonomischen Maßnahmen flankiert werden muss. Auch wenn es manchmal nur bei Absichtserklärungen auf dem Papier bleibe und an der Umsetzung hapere. „Wir haben hier in Angola nun die einmalige Chance, von Anfang an alle drei Komponenten zu verbinden und eine Balance zu schaffen.“

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Die Straße ist ungeteert und sandig, am Straßenrand beginnt der lichte Wald
Auf dem Weg zu den „Forest San“
In der Mitte steht Forest San Mahindi, links von ihm San Aktivist Satau und auf der rechten Seite Journalistin Leonie March
Ronny Mahindi (Mitte) im Gespräch

Genau das wünschen sich auch die San-Ureinwohner in Botswana. Nicht nur in Khwai im Delta, sondern auch in einer Siedlung bei Shakawe, wo der Okavango als breiter Flusslauf ins Land fließt. Die Dorfbewohnerïnnen haben dort selbst einen Management-Plan für den Wald erarbeitet, der sie umgibt. Sie gehören einem Khwe-Clan an, der sich als „Forest San“ bezeichnet. Ihr Wald gehört zum Ökosystem des Okavango und ist für sein Überleben von Bedeutung.

Das Wissen über die nachhaltige Nutzung des Waldes, den Jahresrhythmus, sowie über die essbaren und medizinisch wirksamen Pflanzen verdankten sie ihren Vorvätern, erzählt Ronny Mahindi. „Wir haben diesen Wald schon immer geschützt, weil er unser Überleben sichert. Wir nehmen aus dem Wald nur das, was wir gerade brauchen. Wir fällen Bäume nicht, wir brennen keine großen Flächen ab.“

Die „Forest San“ wollen ihren Wald schützen

Mahindi steht in einem Waldstück nahe der Straße, in dem es vor nicht allzu langer Zeit gebrannt hat. Es sei ein unkontrolliertes Feuer gewesen, erklärt er. Leute aus dem benachbarten Dorf hätten es gelegt, die nichts von nachhaltiger Waldwirtschaft verstünden. Neben Pflanzen wurden dabei auch Tiere vertrieben oder getötet. „Das ist ein Problem. Ebenso wie jene Leute die teils von weit herkommen, um hier Beeren und Früchte zu ernten. Ohne Rücksicht auf die Jahreszeit und die Folgen.“

Genau deshalb möchte er nun die Regierung dazu bringen, seiner Gemeinschaft die Verwaltung dieses Waldes zu übertragen. Es sei ein langwieriger bürokratischer Prozess mit vielen Hürden. Doch es gehe schließlich um den Schutz des Waldes. Mahindi hat nie Biologie studiert, aber er kennt hier jeden Baum und jeden Strauch. Er gräbt Wurzeln aus, die zerstampft auf schmerzende Muskeln aufgetragen werden, hebt Nüsse auf, aus denen Öl gewonnen wird, pflückt Beeren und Früchte, die gegessen werden und Blätter, die zerstoßen Nasenbluten stoppen.

Mahindi trägt ein rot-gelb kariertes Hemd und lehnt an einem grossen Manketti-Baum, der als Wasserspeicher dient
Ronny Mahindi lehnt an einen Manketti
Der Baum teilt sich in drei Stämme, in der Mitte sammelt sich das Wasser, die Rinde ist gelblich-grau
Der Baum ist ein Wasserspeicher

An einem großen mehrstämmigen Baum mit gelblich-grauer Rinde bleibt er stehen. „Das ist ein Manketti“, erklärt er. „Dieser Baum hat uns früher auch mit Wasser versorgt.“ Er deutet auf einen tiefen Hohlraum zwischen den Stämmen, in denen sich Regenwasser sammelt. Aus diesen natürlichen Wasserspeichern haben seine Vorfahren die meiste Zeit des Jahres getrunken. Erst wenn diese Quelle versiegt war, mussten sie Wasser aus dem Fluss schöpfen. „Einige der Ältesten bevorzugen dieses Wasser bis heute“, erzählt Mahindi. Umso mehr schmerzt es ihn, dass beim letzten Buschfeuer auch einige dieser alten Bäume beschädigt wurden.

Verbote statt differenzierter Ansätze

Feuer gehöre zwar auch zur San-Tradition, einige der Bäume, die hier wachsen bräuchten Brände, damit ihre Samen keimen. Allerdings sei dabei einiges zu beachten: „Wir legen nur in der kühlsten Jahreszeit ganz gezielt Feuer in überschaubaren Gegenden.“ Durch unkontrollierte, großflächige Feuer würden Wurzeln ausgetrocknet, Bäume würden in ihrer Entwicklung gestört, so dass sie weniger oder gar keine Früchte tragen. Es sei jedoch schwer, den Behörden diese Unterschiede klar zu machen, fügt er hinzu. Sie reagierten eher mit pauschalen Verboten statt mit einem differenzierten Ansatz.

Satau ist in die Hocke gegangen und inspiziert ein Stück einer Pflanze, das er in der Hand hält
Gakemotho Wallican Satau

Generell müsse dem indigenen Wissen viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, fordert Gakemotho Wallican Satau. Er ist San-Aktivist, Mitglied der Kommission für indigene Völker Afrikas, IPACC und einer der nur zwanzig Studenten am „Okavango Research Institute“. Dort erforscht er derzeit, wie Feuer traditionell eingesetzt wurde und was man daraus heute für das Management der Biodiversität lernen kann. „Traditionelles Wissen und westliche Wissenschaft sollten sich ergänzen. Vor allem in einem Land wie Botswana, in dem erste Studien bereits bewiesen haben, dass die San über einen außerordentlichen Wissensschatz in Bezug auf Umwelt- und Naturschutz verfügen.“

Indigenes Wissen über Naturschutz – wertvoll aber ungeschätzt

Noch werde es aber zu wenig beachtet und integriert, kritisiert er. Botswana konzentriere sich wie viele andere afrikanische Länder ausschließlich auf westliche Modelle. „Unsere Regierung übernimmt sie einfach und ignoriert das traditionelle Wissen vor Ort. Ihrer Ansicht nach gibt es nichts, was indigene Gemeinschaften beitragen könnten. Dabei könnten hier in der Okavango Region geradezu Wunder geschehen, wenn man dieses Wissen einbeziehen würde.“

Mahindi gräbt ein Stück des Wurzelstocks eines Busches aus, Satau schaut zu, die beiden teilen ihr indigenes Wissen über die Natur
Mahindi teilt sein Wissen mit Satau

Zumindest in dem Forschungsinstitut wächst dieses Bewusstsein. Emmanuel Mogende arbeitet dort im Bereich Wasserressourcen-Management. Die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften sei zentral, sagt er. Vor allem das Wissen der San als „First People“ der Region sei von unschätzbarem Wert. Schließlich lebten sie seit Jahrtausenden in und von der Umwelt, die sie umgibt. „In all dieser Zeit haben sie die Natur erhalten, und sie schützen sie weiter. Sie kennen die Landschaft besser als jeder Forscher oder Gesetzgeber.“

Deshalb sollten sie in beiden Bereichen ernst genommen werden und eine stärkere Rolle spielen als bisher. „Sie müssen an Entscheidungsprozessen beteiligt und nicht nur über die Ergebnisse informiert werden.“ Zum einen könne man viel von den San lernen, so Mogende, zum anderen sei das Ziel eines wirkungsvollen Naturschutzes generell ohne die Beteiligung der lokalen Bevölkerungsgruppen nicht zu erreichen. „Wenn man sie ausgrenzt oder sogar vertreibt, können sie zu einer Gefahr für genau die natürlichen Ressourcen werden, die wir eigentlich schützen wollen.“ In etlichen Fällen seien diese Menschen dann zu Wilderern geworden – eben, weil man ihnen ihre Lebensgrundlage entzogen habe.

Das Bewusstsein ist da, es hapert an der Umsetzung

Diese Gefahr ist auch OKACOM, der grenzüberschreitenden Kommission der Anrainerstaaten des Okavango, bekannt. „Ohne eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, die am Fluss oder im Delta leben, wird es schwierig, das Ökosystem zu schützen“, sagt Exekutiv-Direktor Phera Ramoeli. Das Bewusstsein sei also gewachsen, woran es noch hapere, sei die Umsetzung, sagt Sekgowa Motsumi von „The Nature Conservancy“, einer Organisation, die in mehreren afrikanischen Ländern arbeitet und auch OKACOM berät.

Der Mann lehnt am Geländer einer Holzbrücke. Er trägt eine Steppjacke und schaut in die Ferne.
Sekgowa Motsumi

„Unser Ansatz hat schon immer die Menschen in den Mittelpunkt gerückt. Im Gegensatz zu dem, was ich eine Festungs-Mentalität nenne, bei der es nur um Tiere geht und nichts anderes“, sagt Motsumi. Die drei Staaten am Okavango planten derzeit etwa den Ausbau eines Fonds, mit dem Naturschutz und flankierende Projekte für die Bevölkerung finanziert werden sollen.

„Das umfasst beispielweise eine nachhaltige Nutzung der Wälder und Fischbestände oder Honig-Produktion, aber auch eine verbesserte Trinkwasser- und Sanitärversorgung. Wir konnten zeigen, dass sich jeder Dollar, der so investiert wird, siebenfach auszahlt.“

Ein Schreiseeadler hat die Beine gen Wasseroberfläche ausgestreckt, kurz davor einen Fisch zu greifen
Schreiseeadler am Okavango
Zwei Schwalben sitzen auf einem Papyrus-Gras-Stengel am Ufer des Okavango, eine hat ihr Brustgefieder aufgeplustert
Zwergrötelschwalben im Papyrus-Gras am Okavango
In der lehmigen Uferböschung des Okavango haben viele Vögel ihre Nester. Ein farbenfroher Vogel, ein Weißstirnspint aus der Familie der Bienenfresser, sitzt auf einem Zweig davor,
Weißstirnspint vor den Nestern am Okavango

Diese Projekte stehen in Konkurrenz zu sehr viel größeren, industriellen Entwicklungsvorhaben der drei Staaten. Angola will sich aus der Armut und aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Erdöl befreien. Anders als im Quellgebiet bestünden im weiteren Flussverlauf des Cubango erhebliche Gefahren für den Fluss und seine Ökosysteme, sagt Adjany Costa.

Sie liegen zum einen im Ausbau der kommerziellen Landwirtschaft, etwa dem Reisanbau, dem Aufbau einer touristischen Infrastruktur, vor allem aber im Bau etlicher Staudämme. „Wenn all diese Projekte tatsächlich umgesetzt werden – und es gibt viele, die gar nicht bekannt sind – dann bedeutet das, dass es an der Grenze zu Namibia vier Monate lang trocken bleibt. Also: Game Over.“

Dem Okavango-Delta drohen Gefahren

Zahlreiche Staudämme werden von Privatpersonen gebaut, dazu kommen staatliche Projekte – die angolanische Regierung will Strom aus Wasserkraft gewinnen. Das bereitet Sekgowa Motsumi auch mit Blick auf das Okavango Delta erhebliche Sorgen. „Sowohl die Menge, als auch die Zeit, in der das Wasser im Delta eintrifft, wird sich verändern. Das bedeutet, dass einige der bisherigen Überschwemmungsgebiete, die für das Überleben der Wildtiere entscheidend sind, austrocknen.“

Die Lebensräume der Tiere werden also schrumpfen, ihre Populationen könnten kleiner werden, Konflikte mit Menschen zunehmen, der Tourismus würde leiden und damit eine wichtige Einnahmequelle versiegen. „Das Wasser würde nur in den Hauptkanälen fließen, den Überschwemmungsgebieten würde die ökologische und ökonomische Grundlage entzogen. Das weltberühmte Delta wäre nicht mehr das, was es heute ist.“

Wasserkraft oder Solarenergie?

Es ist eine komplizierte Lage: Denn natürlich hat auch ein Land wie Angola ein Recht darauf, sich zu entwickeln und seine Bürger mit Strom zu versorgen. Es gehe also nicht um eine Konfrontation, sondern darum, Alternativen aufzuzeigen, sagt Sekgowa. Eine entsprechende Studie zur Energieversorgung der Cuando-Cubango Provinz in Angola sei gerade in Arbeit. Dabei gehe es ebenso um alternative Standorte für Wasserkraftanlagen wie um erneuerbare Energien.

Sie müssen nicht nur umfangreich genug sein, um Haushalte mit Energie zu versorgen, sondern auch eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. „Wir hoffen, dass wir die Regierung mit wissenschaftlichen Argumenten davon überzeugen können, dass beispielsweise Solarenergie eine bessere und günstigere Wahl ist – sowohl was die Investitionskosten angeht als auch mit Blick auf die Konsequenzen für das Flusssystem.“

Erdöl-Probebohrungen geben Anlass zur Sorge

Eine weitere Gefahr hat jenseits der Grenze, im namibischen Teil des Kavango-Beckens, für Schlagzeilen gesorgt: Das kanadische Unternehmen ReconAfrica hat dort die Genehmigung für Erdöl-Probebohrungen erhalten. Auch Botswana hat eine solche Genehmigung erteilt, im Gegensatz zum Nachbarland haben die Probebohrungen dort aber noch nicht begonnen.

Angola ist von diesen Plänen zwar derzeit nicht betroffen, aber dort hat die Regierung – fast zeitgleich und mit weniger öffentlicher Aufmerksamkeit – das Explorations-Verbot in Schutzgebieten aufgehoben. Und zwar pauschal für alle, sagt Adjany Costa. „Unsere Regierung war in solcher Eile, dass die erforderlichen Prozesse nicht eingehalten wurden“, kritisiert sie.

Es ist eine Kritik, die man überall in der Region hört. In allen drei Ländern mangelt es mit Blick auf eine mögliche Öl-Förderung an Transparenz, an verlässlichen Informationen und an einer ernsthaften Konsultation der Bevölkerung in den betroffenen Gemeinden. Allen ist klar, dass die Erdöl-Förderung – sollte die Erkundung erfolgreich sein – bereits errungene Fortschritte wieder zunichte machen würde.

Braucht die OKACOM mehr Einfluss?

Die Kommission der drei Okavango-Anrainerstaaten, OKACOM, hat zwar Richtlinien für die Mitgliedsstaaten und unterschiedlichen Szenarien zur wirtschaftlichen Entwicklung mit möglichst geringen negativen ökologischen Folgen erarbeitet, aber die Entscheidung liegt bei den Staaten. Daher müsse man mittelfristig vielleicht über eine Erweiterung des Mandats nachdenken, sagt Phera Ramoeli. „Wir haben die Daten und die Informationen, um die Mitgliedsstaaten fachkundig zu beraten. Aber wir sollten auch in die Lage versetzt werden, die Einhaltung und Umsetzung der Vereinbarungen zu überwachen.“

Der Fischer sitzt in seinem Makoro, dem traditionellen Einbaumboot der San
Kachire Xhoro auf dem Okavango

In Botswana hat die Regierung zumindest die Lizenz für Probebohrungen in der Gegend um „Tsodilo Hills“ wieder entzogen – einem Weltkulturerbe, das für seine uralten San-Felszeichnungen bekannt ist. Nicht weit von dort sitzt Kachire Xhoro in seinem Makoro, einem Einbaum-Boot, das zur Kultur der „River San“ gehört. Aufmerksam beobachtet er die Wasseroberfläche des Okavango. „Bevor andere Volkstämme in Botswana einwanderten, war uns dieser Fluss heilig“, erzählt er. Man habe dem Fluss und seinen Bewohnern noch Respekt gezollt, einige Fische seien tabu gewesen.

Ein Spurenleser auf dem Fluss

Xhoro erkennt die Fische teils an ihren Luftblasen, weiß in welche Richtung welche Art morgens und abends schwimmt, liest im Fluss wie Spurenleser im Sand. „Früher haben wir unser Netz jeden Tag an einer anderen Stelle ausgeworfen, damit sich die Bestände erholen können.“ Damals seien die Fischbestände noch reich gewesen, aber heute sei er schon froh, wenn er mit vier Fischen nach Hause käme. Das Habitat sei gestört worden, außerdem werde im Fluss zu viel gefischt.

„Die Leute kommen mit riesigen Netzen her und ziehen einfach alles raus, was reinschwimmt“, beklagt er. Die kommerzielle Fischerei sei ausgeufert, das hätten sie auch der Regierung mitgeteilt. Doch die würde sie zwar einerseits dazu auffordern, die Nutzung der natürlichen Ressourcen in ihrer Gegend zu überwachen, „aber wenn wir uns über nicht-nachhaltige Methoden beschweren, dann reagieren sie nicht.“

Der ältere Mann schaut direkt in die Kamera. Er hält das Ruder seines Holzkanus und trägt ein blaues Hemd.
Kachire Xhoro

Sein größter Wunsch wäre es, dass den San die Verantwortung für den Schutz der Biodiversität ihres Flusses übertragen wird. Dann könnten sie ihre uralten Traditionen, Praktiken, Prinzipen und Werte wiederbeleben, die in der jungen Generation fast vergessen seien.

Der Erfolg würde messbar sein, davon ist er überzeugt, er würde eine unabhängige Evaluation sogar begrüßen. „Wenn man sich konsequent an die Traditionen hält, dann wäre das für alle gut: Das Leben würde wieder leichter, die Leute wären glücklicher, und die Biodiversität würde wieder aufblühen.“ Die San am Okavango bräuchten nur eine Chance, um den Beweis zu erbringen.

Die Journalistin und der Fotograf am Okavango.
Leonie March (Text) & Roger Jardine (Foto)

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Leonie March

Leonie March

Leonie March lebt und arbeitet seit 2009 als freie Auslandskorrespondentin in Südafrika.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

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