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Wegen Naturzerstörung: Corona könnte erst der Anfang sein

Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor einer Welle neuer und noch gefährlicherer Pandemien. Aber es gibt ein Gegenmittel: Mehr Naturschutz

von
30.10.2020
7 Minuten
Dargestellt ist eine künstlerische Darstellung von kugelförmigen Viren mit dornenartigen Fortsätzen auf der Oberfläche in der Art von Coronaviren.

Corona könnte erst der Anfang sein: Mehr Pandemien in immer kürzeren Abständen, eine noch schnellere Ausbreitung der Erreger über den Erdball, mehr Tote und weitaus größere Schäden für die Weltwirtschaft als durch Covid-19.

Das Eintreten dieses düsteren Szenarios erwartet der Weltbiodiversitätsrat IPBES für den Fall, dass die Naturzerstörung der artenreichen tropischen Regionen im bisherigen Tempo anhält.

Die gute Nachricht: Die Ursachen für die Entstehung der Pandemien sind bekannt und ein Gegensteuern ist möglich. Dazu brauche es aber eine grundsätzliche Wende der internationalen Staatengemeinschaft hin zu mehr Naturschutz und insgesamt zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise und Konsumverhalten, stellt der Rat fest.

Auch Steuern und Abgaben auf Fleisch und andere oftmals biodiversitätsschädliche Produkte bringen die Experten in die Diskussion. Bundesumweltministerin Svenja Schulze signalisiert Unterstützung für die Forderungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Mehr als eine halbe Million Viren haben Pandemie-Potenzial

In seinem Sonderbericht zum Zusammenhang zwischen Pandemien und der anhaltenden Zerstörung von Ökosystemen an die mehr als 130 Regierungen der IPBES-Mitgliedstaaten macht der Rat die immer größere Nähe zwischen Menschen und Wildtieren für die „rapide steigende“ Wahrscheinlichkeit häufigerer globaler Epidemien verantwortlich. In dem Bericht haben 22 führende Experten mehr als 600 wissenschaftliche Arbeiten zum Zusammenhang von zoonotischen – also von Tieren ausgehenden – Epidemien und Umweltzerstörung ausgewertet.

Die IPBES-Forscher gehen davon aus, dass von den weit über 1,5 Millionen bislang unentdeckten Viren zwischen 540.000 und 850.000 das Potenzial besitzen, globale Infektionswellen auszulösen. Schon heute sind nach Zahlen des Friedrich-Löffler-Instituts 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten auf Erreger zurückzuführen, die ihren Ursprung in einem Tier haben.

Klimakrise, Biodiversitätsverlust und Pandemien haben dieselben Triebkräfte: die Zerstörung der Natur

„Es gibt kein großes Geheimnis über die Ursache der Covid-19-Pandemie – oder einer der anderen modernen Pandemien“, sagte Peter Daszak bei der Vorstellung des Berichts. Der Zoologe und Präsident der EcoHealth Alliance hat die Arbeit an dem IPBES-Report geleitet. „Veränderungen in der Art und Weise, wie wir Land nutzen, die Ausweitung und Intensivierung der Landwirtschaft und nicht nachhaltiger Handel, Produktion und Konsum zerstören die Natur und erhöhen den Kontakt zwischen Wildtieren, Vieh, Krankheitserregern und Menschen“, sagte Daszak. „Dies ist der Weg zu Pandemien“.

Neu ist die Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen Pandemien und Umweltzerstörung im Grundsatz nicht, wie unser Interview mit dem Biodiversitätsforscher Josef Settele und seinem Kollegen Joachim Spangenberg zeigte. So deutlich und auf so viele auch aktuelle wissenschaftliche Arbeiten gestützt, gewinnt die Botschaft der Biodiversitätsforscher aber an politischer Bedeutung.

Die Forscherinnen und Forscher halten aber nicht nur schlechte Nachrichten bereit. „Wir kennen die Ursachen, wir kennen die Ausbreitungswege, wir können also handeln“, sagt Daszak. „Klimawandel, die Zerstörung der biologischen Vielfalt und Pandemien haben die gleichen Ursachen und können deshalb auch gemeinsam bekämpft werden.“

„Wir müssen Klimaschutz, Naturschutz und Gesundheitsschutz zusammen denken“, sagt IPBES-Generalsekretärin Anne Larigauderie.

Dazu bedürfe es aber eines grundsätzlich neuen Ansatzes. Wie bisher abzuwarten, bis ein Erreger sich ausbreite und dann zu versuchen, die Welle durch Eindämmungsmaßnahmen und Impfstoffentwicklung zu brechen, sei „ein langsamer und unsicherer Weg“. Stattdessen müsse eine präventive Strategie eingeschlagen werden.

Durch eine Verringerung naturschädlicher Aktivitäten, mehr Naturschutzgebiete und einen besseren Schutz der Hochburgen der biologischen Vielfalt vor allem in den Tropen könne das Pandemierisiko deutlich verringert werden. Zudem müsse der unregulierte Handel mit Wildtieren als zweiter wichtiger Treiber von Pandemien entschlossener als bislang bekämpft werden, fordern die Experten.„Wir müssen Klimaschutz, Naturschutz und Gesundheitsschutz zusammen denken“, forderte auch IPBES-Generalsekretärin Anne Larigauderie.

Europa ist in der Pflicht: Tiere werden für den Exportmarkt gefangen, Wälder für europäische Fleischtheken gerodet

Das würde sich dem Bericht zufolge auch wirtschaftlich lohnen. Die Forscherinnen und Forscher haben errechnet, dass wirkungsvolle präventive Maßnahmen um das 100-fache billiger wären als es die gegenwärtige nachträgliche Bewältigung der Krise ist.

In einer besonderen Verpflichtung sieht der IPBES auch die europäischen Staaten. Die Nachfrage aus den entwickelten Ländern nach Fleisch wird als Hauptgrund für die Zerstörung immer größerer Teile des Regenwaldes angesehen: als Weideland oder als Anbaufläche für Viehfutter. Auch die Nachfrage nach exotischen Haustieren werde vor allem aus den Industrieländern befeuert, sagt der Mitautor der IPBES-Studie, Carlos das Neves vom norwegischen Veterinärinstitut. „Wir reisen und bringen Viren mit, wir essen viel Fleisch – nur, weil hier nicht der Entstehungsort von Erregern ist, heißt nicht, dass Europa damit nichts zu tun hat.“

Gefahr durch exotische Haustiere – Expertin warnt vor Öffnen einer Büchse der Pandora

Gerade der Handel mit Wildtieren nicht nur zum Verzehr in Asien, sondern für die Haltung als exotische Haustiere in Europa ist eine weithin unterschätzte Gefahr sowohl für den Erhalt der Artenvielfalt wie auch für den Schutz der menschlichen Gesundheit. Deutschland steht hier besonders in der Verantwortung. Denn nach einer Studie der Organisation Pro Wildlife für das Bundesumweltministerium ist Deutschland einer der Hauptabsatzmärkte für exotische Haustiere.

Diese Leidenschaft ist oft verhängnisvoll für Wildtierarten. Nach einem früheren Bericht des Weltbiodiversitätsrates ist die direkte Ausbeutung von Tier- und Pflanzenarten durch den Menschen der zweitwichtigste Treiber des weltweiten Artensterbens. Besonders Reptilien, Amphibien und „exotische“ Säugetiere werden in Deutschland und der EU aber immer häufiger gehandelt, obwohl sie oft in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet gefährdet sind.

Der Analyse von Pro Wildlife zufolge gibt es für 75 Prozent der hierzulande angebotenen Arten keine internationalen Schutzbestimmungen und damit keine Handelskontrollen. Gerade bei Reptilien und Amphibien würden viele Arten angeboten, die sehr selten oder sogar gerade erst neu entdeckt worden seien. Ein Artenschutzskandal, der bei anderen Tiergruppen wohl undenkbar ist.

Auch die legale Haltung exotischer Tiere kann zum Artensterben beitragen und lebensgefährlich sein

Die Nachfrage nach solchen Tieren betrifft auch die Gesundheit von Menschen sowohl in den Herkunftsländern der Tiere wie in den Exportländern. In den Herkunftsländern führt sie zu vermehrten menschlichen Aktivitäten in unbewohnten Regionen, um oft immer seltenere Arten zu fangen, was dann zu neuen Kontakten zwischen Menschen, Tieren und ihren Mikroben führt.

Und später lauert dann auch in manchem deutschen Wohnzimmer eine akute Gesundheits-Gefahr, die von den gefangenen Tieren ausgeht. „Wir wissen überhaupt nicht, welche Erreger sie mitbringen“, warnte die Virologin Isabella Eckele in einer Expertenanhörung im Umweltausschuss des Bundestags im Frühjahr. Klar sei, dass darunter auch Erreger seien, die für Menschen gefährlich werden könnten, sagte die Professorin am Zentrum für neuartige Viruserkrankungen der Uniklinik Genf.

Das zeigen auch tragische Todesfälle: 2012 und 2013 starben drei Züchter und eine Tierpark-Pflegerin an Hirnhautentzündungen durch ein bis dahin unbekanntes Virus, das über exotische Bunthörnchen mit dem Import aus Mittelamerika eingeschleppt wurde. Die Tiere galten bis dahin als unbedenklich. Bei einem Großteil der mehr als 2000 in Deutschland gehandelten exotischen Reptilien, Amphibien, Säuger und Vögel handelt es sich um legale Importe. Aber die Gleichung „legal erworben gleich ungefährlich“ gilt dabei nicht.

Wie Eckerle sprechen sich daher zahlreiche Experten aus Gründen sowohl des Artenschutzes wie des Gesundheitsschutzes für ein umfassendes Importverbot für Wildtiere aus. „Ich glaube, dass wir mit dem Import von Wildtieren eine Büchse der Pandora öffnen“, warnte Eckerle.

IPBES gibt konkrete Handlungsopitionen

Der IPBES-Bericht gibt eine Reihe konkreter Handlungsoptionen an die Regierungen der IPBES-Mitgliedstaaten. Dazu zählen:

  • Die Einrichtung eines zwischenstaatlichen Rates zur Pandemieprävention analog zu Weltklima- und Weltbiodiversitätsrat, um den Regierungen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über neu auftretende Krankheiten zu liefern, Hochrisikogebiete vorherzusagen, die wirtschaftlichen Auswirkungen potenzieller Pandemien zu bewerten und Forschungslücken aufzuzeigen.
  • Die Institutionalisierung des "One Health"-Ansatzes in der Politik der einzelnen Länder, also des Leitgedankens, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Ökosysteme als Gesamtheit zu betrachten sind. Dieser Ansatz wurde in der vergangenen Woche bereits von den EU-Mitgliedstaaten in den Ratsschlussfolgerungen zur EU-Biodiversitätsstrategie hervorgehoben.
  • Große neue Landnutzungsprojekte sollten künftig auf ihr Gefahrenpotenzial für Pandemien hin bewertet werden.
  • Konsumgewohnheiten sollten langfristig verändert werden, beispielsweise über Steuern oder Abgaben auf Fleischkonsum, Viehzucht und andere Pandemie-Hochrisikofaktoren
  • weitere Beschränkungen im Handel mit Wildtieren und eine bessere Strafverfolgung

Umweltministerin Schulze will Impulse von IPBES aufgreifen

Bundesumweltministerin Svenja Schulze kündigte am Freitag an, die Impulse des IPBES aufnehmen zu wollen. Auch den Vorschlag nach einer Besteuerung von Fleisch lehnte sie nicht grundsätzlich ab. Zentral sei aber, dass eine zusätzliche finanzielle Belastung durch eine Steuer oder Abgabe konkrete Fortschritte für Natur und Tierwohl bringe und nicht allein zu einer Verschiebung von Einnahmen. „Wir brauchen hier keine Symbolpolitik mehr.“

Schulze kündigte an, sich auch bei der für Ende 2021 geplanten Weltbiodiversitätskonferenz dafür einzusetzen, dass Maßnahmen zur Bekämpfung von Zoonosen Teil des Abkommens werden. Auch wolle sie erreichen, dass das im Vertragsentwurf angestrebte Ziel erreicht werde, jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresfläche unter Schutz gestellt werde. Dieses für Europa auch in der EU-Biodiversitätsstrategie festgelegte Ziel hatten die EU-Umweltminister in der vergangenen Woche unterstützt.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


Countdown Natur

Die Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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