Dynamiken der Coronakrise: Warum wir darauf achten sollten, wie wir über sie sprechen

"Es gibt keine Reinheit." - eine Antwort von Christiane Enkeler

Christiane Enkeler Sieht aus wie Porzellan, ist aber mit verunreinigte Flüssigkeit: Milch mit Pfeffer.

Ein Beitrag aus der Koralle "Auch für Erwachsene!"

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Händewaschen, Desinfektionsmittel und Klopapier erleben einen Aufschwung, den vor einigen Wochen niemand für möglich gehalten hätte. Sicher ist nichts mehr. Sauberkeit lässt sich zuhause nicht hundertprozentig virenfrei herstellen. Viele müssen im Eiltempo lernen, mit existentieller Unsicherheit und Unvollkommenheit zu leben. Diszipliniert zu sein, ohne rigide zu werden. Sich anzupassen, ohne den eigenen Kopf auszuschalten. Verantwortung zu zeigen, ohne zum Blockwart zu werden. "Dicht" zu machen, ohne undurchlässig und unflexibel zu werden, in Zeiten, in denen sich von einem Moment auf den anderen die gesellschaftliche Strategie ändern kann und wir alle einfach ganz viel noch gar nicht wissen. 

"Der Traum von Kontrolle, der Umgang mit Unsicherheit - und was die Kunst daraus macht."

Ein kleines Symposium, organisiert von "Cheers for Fears", künstlerisch-interdisziplinäre Initiative und Koordinationsbüro für Studierende und junge Künstler*innen, wollte schon vor der Corona-Krise über „Kunst und Theater im digitalen Zeitalter“ sprechen – und wurde schließlich zur Zoom-Konferenz, die live auf YouTube übertragen wurde. Nur ein Beitrag hat sich dabei mit der Krise auseinander gesetzt: Christian Sievers halbstündiger Vortrag "Der Traum von Kontrolle, der Umgang mit Unsicherheit – und was die Kunst daraus macht" (im Link ab ca. 5:00min).

Weil sein Panel-Beitrag so viel Lust aufs Weiterdenken macht, ist aus dem „Besuch“ des Symposiums hier auf RiffReporter jetzt doch keine Kritik geworden, sondern eher eine Antwort in viele Richtungen.

Wir müssen jetzt sehr auf unsere Sprache achten.

Christian Sievers ist bildender Künstler. Er beschäftigt sich mit Konzepten von Sicherheit, Schutz und Handlungsmacht. Und sagt: Wir müssen jetzt sehr auf unsere Sprache achten. Und genau unterscheiden, was begrenzt sein muss.

Mit diesem Fokus hat er Recht. Denn mit der Sprache und mit den Bildern, mit denen wir uns in der Corona-Krise verständigen, vermitteln wir die Werte, nach denen wir entscheiden und handeln. Auch mit Bezug auf andere Krisen, auf denen unsere Aufmerksamkeit gerade nicht so konzentriert liegt, die aber dennoch akut sind. Es geht um eine grundsätzliche Haltung. 

Man kann, weit über Christian Sievers Vortrag hinaus, auch sehr konkret aufs Theater, auf die antike Bühne gucken und dort wiederfinden, was uns jetzt plagt. Inklusive politischer Lösungsversuche. 

Das Drama heißt "Antigone".

Ödipus hat sich längst die Augen ausgestochen, seine Frau (und Mutter) sich bereits umgebracht. Das Paar hat vier Kinder: zwei Jungen, zwei Mädchen. Die beiden Jungs, Eteokles und Polyneikes, wollen sich die Herrschaft über die Stadt Theben teilen und im Wechsel regieren. Doch als der erste den Thron schließlich abgeben soll, mag er das nicht mehr. Es kommt zum Krieg und die beiden töten sich im Zweikampf gegenseitig. 

Kreon, Onkel der beiden, übernimmt die Herrschaft. Seine Mittel sind Autorität, klare Zuschreibungen und Ausschluss. Eteokles lässt er als "Guten" bestatten, dagegen den Leichnam von Polyneikes vor den Toren der Stadt verwesen. Wer immer ihn zu begraben versucht, wird gesteinigt. Vögel und Hunde fleddern die Leiche und drohen, krankheitsfördernde Verwesung in die Stadt zu schleppen.

Die beiden Ödipus-Töchter Antigone und Ismene streiten: Während Ismene sich ängstlich an die Gesetze Kreons und des Staates hält, ist Antigone überzeugt davon, dass der Bruder beerdigt werden muss. Sie tut es und wird erwischt. Kreon verurteilt sie zum Tode, weil er sich erstens von einer Frau nichts sagen lassen und zweitens den Trotz in der Familie schon ausrotten will, bevor er ihm im Staat entgegenschlägt.

Kreon macht sich keine Freunde damit. Denn Antigone ist beliebt. Sein Sohn trägt ihm das Gerede, die Gerüchte in der Stadt zu. Dadurch fühlt Kreon sich von ihm bedroht – was Interpretationssache ist – und droht zurück. Mit Antigone will er weiter kurzen Prozess machen. Sie soll eingemauert werden.

Aber dann: die Wende. Kaum ist sie zum Sterben abgeführt, erscheint der Seher Tiresias und weissagt Schlimmes, denn Kreon habe einen Fehler gemacht:

"Nach deinem Sinn erkrankt die Stadt. // Denn die Altäre sind und Feuerstellen // Voll von dem Fraß der Vögel und des Hunds, // Vom unschicklich gefallnen Sohn des Ödipus."

Kuchenmüller übersetzt übrigens:

"So ward durch deinen Sinn die Stadt verseucht..."

Aber da ist es schon zu spät: Antigone hat sich erhängt, bevor Kreons Sohn, der sie liebt, sie befreien konnte. Woraufhin er sich umbringt. Woraufhin sich dessen Mutter (also Kreons Frau) auch umbringt. Am Ende sind fast alle tot. Kreon hat, während er Antigone Starrsinnigkeit vorwarf, selbst starrsinnig den autoritären Bogen überspannt. 

Es ist, als sei das Übermaß an „Recht und Ordnung“, Zwang und Ausschluss, auf Kreon zurückgeschlagen und in Exzess, Maßlosigkeit, Chaos geendet, in erst schleichend langsam und dann explosiv sich ausbreitendem Tod. 

Die Pandemie - der nicht vorhergesehene, sehr unwahrscheinliche Fall

Sievers beginnt seinen Vortrag mit der Geschichte des Internets. Er erzählt von der Hoffnung, dass die dezentrale Struktur zu zunehmender Demokratisierung beitrage, weil es keine "zentrale Autorität" mehr gebe. Zeichnet nach, wie es doch zu Überwachung, Vorhersage und Manipulation von Verhalten durch Werbung und Populisten diene. Wie dabei Zufall und Unsicherheiten ausgeschaltet werden sollen und damit aber auch Vertrauen, Vertrag und der freie Wille, das menschliche Ermessen abgewertet worden seien.

Jetzt - mit der Pandemie - sei ein nicht vorhergesehener, sehr unwahrscheinlicher Fall eingetreten. Und wir sähen uns plötzlich einer existentiellen Unsicherheit ausgesetzt. Das Abschotten als „Rezept, wie man mit Komplexität und Unsicherheit umgeht“, sei nicht neu, es sei in den verschiedensten Formen und Metaphern ständig präsent. 

„Immer geht es um den Schutz vor einer so genannten ‚Flut’ oder vor einer heimlichen Influenz. (...) Influenza ist (...) ein schädlicher Einfluss, der sich unbemerkt einschleicht, ohne dass wir es kontrollieren können, und das ist eine Ur-Angst, wahrscheinlich.“

"Schutz vor einer so genannten 'Flut'"

Eine Ur-Angst, derer sich auch der nationalistische und rechtspopulistische Diskurs bediene. Christian Sievers geht es um die Sprache und die Bilder, die wir benutzen. Darum, eine Haltung zu gewinnen. Darum, wie wichtig es für unsere Konsistenz sein kann, dass dies eine Haltung von „Durchlässigkeit und Offenheit“ ist – also Gelassenheit, Verantwortung und Fürsorge, könnte man lesen. Wenn wir uns für diese Werte entscheiden. Wenn wir davon ausgehen, dass vollkommene Sicherheit und Sauberkeit nicht möglich sind. Genau das ist ja die sehr konkrete Erfahrung, die wir gerade machen.

„Tatsächlich erleben wir jetzt ja, dass Grenzen dicht gemacht werden, und wir müssen wirklich ich glaube alle zusammen aufpassen, dass diese ganzen Maßnahmen wieder zurückgefahren werden am Ende und nicht bestehen bleiben, denn das ist natürlich die Tendenz, wenn diese Dinge einmal eingerichtet werden, dass sie bestehen bleiben. (...) Es gibt keine Reinheit; es gibt auch keine ursprüngliche Reinheit, sondern wenn man die Biologie fragt, dann sagt die: Das Leben auf der Erde entstand, weil es Verunreinigungen gab. Und weil Sachen miteinander reagieren konnten. Das heißt aber, dass es Vermischungen geben muss. Ähnliches hat Édouard Glissant gesagt über die ‚Kreolisierung’, dass das der Ursprung der Kulturen ist. Das heißt, dieser Traum vom Sich-Isolieren und von Abgetrenntheit und von Reinheit, der wird immer unerfüllbar bleiben, ist irreal. Man ist immer durchdrungen von Einflüssen und durchwirkt von Einflüssen und von Strahlungen und vom Fremden. Und man ist nie ganz ‚rein’. Und man ist nie ‚sauber’ auch. Man ist auch nie sicher. Und wir sollten nicht denen glauben, die uns sowas versprechen.“

Die Flut als Kollektivsymbol

Man könnte auch sagen: Es geht um die Diskurse, in denen wir uns bewegen. Die wir alle gemeinsam durch ständiges Sprechen und Tun immer wieder neu verhandeln und die dann auch uns formen. In diesem Zusammenhang nutzen wir "Kollektivsymbole", wie die Diskurstheorie sie nennt, eine Vorstellungswelt, über die wir uns in unserer Kultur gemeinsam miteinander verständigen. Als Stereotypen können sie Phänomene integrieren. Sie können sich im Lauf der Zeit verändern und von Kultur zu Kultur unterscheiden. All das findet in der Sprache statt.

Diskurstheoretiker haben (schon in den 80er Jahren) nach der Auswertung von Medienveröffentlichungen und Literatur ein Schema entworfen, in dem wie auf einer Zielscheibe links und rechts politische Flügel angeordnet sind, Oben und Unten für unterschiedliche Hierarchiestufen und Fort- bzw. Rückschritt stehen und konzentrische Kreise innen "Störung" und am äußeren Rand "Terror" verzeichnen. Wobei das Innen von geografischen Grenzen oder denen des Körpers bestimmt sein kann. Im Außen ist das "Chaos", diverse Naturkatastrophen, Wetterereignisse, Krankheiten, also unberechenbare Einbrüche, Bedrohungen des Geschlossenen – namentlich auch "Viren". Das Innen wird als souverän und entscheidungsfähig wahrgenommen. Dem Außen wird in diesem Modell (nicht von den Theoretikern, sondern von der entsprechenden Gesellschaft) kein Subjektstatus zugeschrieben. 

Daher benutzen viele Journalist*innen nicht mehr den Begriff "Flüchtlingswelle". Weil dem einzelnen Menschen damit das Mensch-Sein im Prinzip abgesprochen wird. Wir sind dabei, dieses Kollektivsymbol zu verhandeln. Es liegt auf der Hand, dass wir damit Werte verhandeln. Eine Flut ist eine Bedrohung. Der Damm ist dann etwas Positives.

"Es gibt keine Reinheit."

Von Diskursen spricht Christian Sievers nicht, aber er nennt viele Beispiele, die alle in dieses diskurstheoretische Bild passen – wie die erwähnte angebliche „Reinheit“, die es gar nicht gibt, die aber bedroht ist von etwas, was dort eindringt, etwas Fremdem. Oder eine „Informationsflut“, gegen die wir versuchen, Wände der Unerreichbarkeit hochzuziehen. Auch Mikroplastik ist eins seiner Beispiele. Es geht hier noch nicht um Bewertung, sondern um die Bilddynamik.

„Wir dürfen auch jetzt nicht vergessen, dass auf der anderen Seite des Grenzzauns der EU z.B. jetzt Menschen im Schlamm leben, weiterhin, während wir hier mit uns selbst beschäftigt sind, und wenn wir diese Krise lösen wollen, dann müssen wir auch diese Leute einschließen. (...) Ich glaube, wir werden einiges erleben, was sich verändert, aber mehr denn je müssen wir darauf bestehen, dass es eben diese Durchlässigkeit und Offenheit ist, die uns ausmacht und die wir vielleicht zurückerobern werden müssen.“

In der kommenden Zeit wird interessant werden, wer wie worüber spricht.

Zum Weiterlesen:

Referenzen:

  • Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Münster 2015
  • Sophokles: Antigone, Übersetzungen von Hölderlin und von Wilhelm Kuchenmüller (Reclam)
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