Auch aus der Literatur verschwindet die Artenvielfalt

Ein Team aus Natur- und Literaturwissenschaftlerïnnen hat fast 16.000 Bücher untersucht. Seit den 1830er Jahren fallen Autorïnnen immer weniger Tier- und Pflanzenarten ein

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Ein Mann sitzt an einem Tisch und lächelt in die Kamera.

Christian Wirth hat schon immer gern gelesen. „Das brauche ich als Ausgleich“, sagt der Pflanzenökologe. Er ist Professor an der Universität Leipzig, leitet dort den Botanischen Garten und ist Sprecher des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).

Im Laufe der Zeit sind Wirth beim Lesen immer wieder Dinge aufgefallen: Zum Beispiel, dass Joseph Eichendorff (1788–1857) seine Bücher mit besonders vielen Tier- und Pflanzenarten bevölkert hat. Aus Spaß hat der Biologe beim Lesen des „Taugenichts’“ dann mal alle Tier- und Pflanzennamen rausgeschrieben, die ihm begegnet sind: „Ich kam auf ungefähr 200 verschiedene Arten.“

Daraus entstand die Idee zu einem Forschungsprojekt: Christian Wirth wollte herausfinden, ob der Schwund der Biodiversität – schließlich leben wir mitten im sechsten großen Massenartensterben – sich in der Literatur widerspiegelt. „Normalerweise beschäftigen wir uns als Naturwissenschaftler mit den direkten Treibern dieser massiven Artenverluste“, sagt der Biologe. Seine Kollegïnnen und er ermitteln beispielsweise, wieviel Biodiversität verloren geht, wenn Menschen den tropischen Regenwald abholzen oder eine Magerwiese düngen. Diesmal interessierten sie sich dafür, ob das Massensterben, der fortschreitende Verlust sowohl vieler Arten als auch ihrer Lebensräume, auch die Art prägt, wie wir Menschen unsere Umwelt wahrnehmen und beschreiben.

Literaturanalyse mit den Methoden der Ökologie

Dafür haben sich die Natur- mit Literaturwissenschaftlerïnnen zusammengetan. Wie sie im Fachmagazin People and Nature schreiben, haben sie knapp 16.000 Bücher von fast 4000 Autorïnnen analysiert, die erstmals zwischen den Jahren 1705 und 1969 erschienen sind –­ und zwar weltweit. „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift (1667–1745) und „Die Elenden“ von Victor Hugo (1802–1885) sind darunter ebenso vertreten wie die Novellen, literarische Naturbeschreibungen, die Reiseberichte Alexander von Humboldts (1769–1859) und „Die Ersten der Galaxis“ von Edward Elmer Smith (1890–1965). Ein entscheidender Grund für die Auswahl: An diese Texte kamen die Wissenschaftlerïnnen über das Project Gutenberg kostenlos heran, und die Werke waren fertig digitalisiert.

Christian Wirth und sein Team haben die Literatur mit den Methoden und Maßzahlen der Ökologie durchforstet: „Wir haben die Bücher wie die Waldökosysteme oder Wiesen betrachtet, die wir normalerweise untersuchen“, sagt er.

Um überhaupt dicke und schmale Bücher vergleichen zu können, mussten die Forscherïnnen die Suche standardisieren. Konkret funktionierte das so: Zuerst fütterten sie einen Computer mit Artnamen – sowohl den wissenschaftlichen als auch denen, die umgangssprachlich gebräuchlich sind oder es zu einer bestimmten Zeit waren. Dann unterteilten sie jedes Buch in Portionen à 1000 Wörtern und ließen den Rechner suchen. Um die Aussagekraft zu erhöhen, analysierten sie jedes Werk hundert Mal und veränderten bei jedem Durchlauf die Ausschnitte.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Roland Borgards ist Experte für Literatur- und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt am Main.

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