„Das Virus hat alle getroffen, aber es macht noch lange nicht alle gleich."

Caritas-Präsident Peter Neher im Interview über die Verlierer der Coronakrise

Wenn wir in drei oder vier Jahren auf die Coronazeit zurückblicken, was erinnern wir dann? Ist es der Gedanke an die große Solidarität, die gemeinsame Familienzeit, das Einkaufen mit Mundschutz? Oder denken wir an die Zeit der Benachteiligung, deren Folgen man über Jahre nicht aufholen konnte? Die ZukunftsReporter haben mit dem Präsidenten der Caritas, Prälat Peter Neher, gesprochen. Für ihn ist die Corinakrise auch ein Brennglas für die Probleme unserer Gesellschaft.

Wie nehmen Sie die Coronakrise wahr? Sie haben als Präsident der Caritas sicher einen anderen Blickwinkel.

Neher: Ich bin noch immer in Sorge. Wie geht es Menschen in prekären Lebenslagen, die besondere Hilfe brauchen? Wohnungslose und Obdachlose? Wie geht es den Familien? Menschen drohen ihre Existenzen zu verlieren. Sie erleben ganz schwierige Situationen, das geht vielen an die Nerven.

Sind wir denn nicht gerade auf dem Weg in die viel beschriebene neue Normalität?

Neher: Ich empfinde schon den Begriff als schwierig. Das ist alles andere als normal. Wir versuchen jetzt eine neue Normalität, aber das ist nichts anderes als ein sich verstetigender Krisenmodus. Diese Situation finde ich fast noch anstrengender. Da kommt die Gesellschaft im Moment teilweise an ihre Grenzen.

Viele Menschen beschreiben den veränderten Alltag mit dem Wort „Entschleunigung“. Diesen Begriff mögen Sie dann auch nicht, oder?

Neher: Die einen mögen es als Entschleunigung empfinden, für andere bedeutet die Situation eine durchaus dramatische Sorge um die eigene Existenz und die Existenz derjenigen, die einem lieb und wertvoll sind.

Bietet Corona nicht auch Chancen zur Veränderung?

Neher: Die Corona-Situation wirkt wie ein Brennglas, durch welches das eine oder andere soziale Problem, mindestens im Moment, deutlicher wahrgenommen wird. Die meisten sozialen Problemlagen sind nicht durch die Pandemie entstanden, sie wurden aber durch die Coronapandemie verschärft. Ob darin auch Chancen zur positiven Veränderung liegen, wird sich zeigen. Ich habe durchaus die Hoffnung, dass die Politik reagieren wird. 

Peter Neher, der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, sorgt sich um die Teilhabe von Sozialschwachen an der Digitalisierung.
Prälat Peter Neher ist seit 2003 der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Er hat zunächst eine Ausbildung als Bankkaufmann gemacht, bevor er das Theologiestudium aufnahm. Neher war Krankenhausseelsorger im bayrischen Günzburg und Gemeindepfarrer in Kempten.

Wo liegen die Probleme?

Neher:  Beispiele gibt es viele. Fehlende Sozialkontakte und Einsamkeit. Die Corona-Situation hat auch Themen wie Wohnen, Digitalisierung und Schulbildung auf den Punkt gebracht. In kaum einem anderen Land Europas hängen die Bildungserfolge von Kindern so stark von der sozialen Situation der Eltern ab wie in Deutschland. Das war vor Corona so und wurde durch die Krise verstärkt. Wenn beispielsweise in einer kleinen Wohnung, die Eltern auf Kurzarbeit und zuhause sind, die Kinder noch daheim beschult werden sollen und dafür auch die technische Ausstattung fehlt. Das gilt auch für das Thema Pflege. Dass wir zu wenige Pflegekräfte haben, ist seit langem bekannt. Aber wir werden nicht genügend Pflegekräfte allein deshalb bekommen, weil in der Coronakrise offenkundig wurde, dass es zu wenige gibt und diese Wertschätzung verdienen.

Bei den Pflegeheimen musste die Caritas den Spagat schaffen, einerseits die Bewohner zu schützen und ihnen andererseits soziale Kontakte zu ermöglichen. Es gab Besuchsverbote, ist das gut gelaufen?

Neher: Es war wichtig, zunächst auf Schutz zu setzen. Diese Frage hat uns sehr lange beschäftigt, weil nicht genug Schutzkleidung vorhanden war. Diese Situation hat sich mittlerweile verbessert. Gleichzeitig haben sich die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege große Mühe gegeben, die sozialen Kontakte wenigstens ein Stück zu ermöglichen. Ob das Postkarten- und Anrufaktionen waren, oder Konzerte in den Höfen, oder ehrenamtliche Hilfe von Freiwilligen der Plattform youngcaritas. Da gab und gibt es viele kreative Ideen. Jetzt ist es dringend notwendig, vorsichtig die Alten- und Pflegeheime zu öffnen und dem sozialen Kontaktbedürfnis sowohl der Angehörigen als auch der Bewohner und Bewohnerinnen entgegen zu kommen. Das Öffnen der Einrichtungen funktioniert aber nur, wenn Schutzkleidung vorhanden ist und wir eine systematische, regelmäßige und zuverlässige Covid19-Testung haben.

Sie glauben, dass die Bewohner der Pflegeheime gut durch diese Phase gekommen sind?

Neher: Das gilt sicher nicht für alle. Einige Seniorinnen und Senioren und ihre Angehörige haben sicher sehr unter dem mehrwöchigen Kontaktverbot gelitten. Das ist nicht klein zu reden. Aber in der Gesamtsituation habe ich den Eindruck, dass es einigermaßen gut bewältigt wurde. Was mir in diesem Zusammenhang dramatischer erscheint, und davon hat eigentlich niemand gesprochen, sind die Pflegebedürftigen, die allein zuhause sind und oft nur den Pflegedienst als Kontakt nach draußen haben. Sie haben wesentlich schwerer gelitten. Manches ist durch Nachbarschaftshilfe abgefedert worden. Aber für viele Menschen, die ohnehin schon allein sind, hat sich das noch einmal verschärft.

Wir diskutieren viel über die Konsequenzen für die Wirtschaft. Ob Restaurants oder Kneipen öffnen. Haben Sie das Gefühl, wir reden über die falschen Themen?

Neher: Ich möchte das nicht gegeneinander ausspielen. Funktionierende Wirtschaft bedeutet auch, Arbeitsplätze, Lohneinnahmen, soziale Kontakte, Anerkennung für Menschen. Da besteht eine Wechselwirkung. Zur Arbeit gehen zu können, hat für die Menschen ganz viele positive Aspekte, neben dem Verdienst. Aber die anderen Themen bleiben damit nicht außen vor. Damit Eltern guten Gewissens arbeiten können, brauchen sie eine funktionierende und verlässliche Kinderbetreuung und nicht nur eine Notbetreuung.

Kritiker sagen, die Öffnung der Wirtschaft führt gleichzeitig zurück zu einem alten Frauenbild. Männer arbeiten, Frauen müssen bei den Kindern bleiben.

Neher: Ich habe Verständnis dafür, wenn in diesen Zeiten das Thema Gleichstellung benannt wird. Der Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit ist eine gewichtige Sichtweise. Aber ich würde es nicht allein dabei belassen, sondern würde es um eine weitere Frage ergänzen. Was muss passieren, damit Kinder und Jugendliche nicht abgehängt werden? Dann wird deutlich, dass Eltern und Kinder eine qualifizierte Betreuung benötigen, in Kindertagesstätten und Schulen.

Sie glauben, dass unter den Corona-Verlierern viele Kinder sein werden?

Neher: Das befürchte ich. Zum Beispiel Kinder, die aus prekären Lebensverhältnissen kommen. Oder Kinder, die auch daheim schulisch nicht unterstützt werden, weil die Eltern sprachliche Probleme haben, oder weil ihnen die technische Ausstattung fehlt. Durch Corona verlieren die Kinder auch noch ihre sozialen Kontakte. Das ist etwas, was mich sehr umtreibt. Wie kann nachgeholt oder ergänzt werden, was sie verpasst haben? Die Corona-Pandemie darf nicht zum zusätzlichen Stolperstein für diese Kinder und Jugendlichen werden. Sie dürfen nicht die Verlierer sein, die noch Jahre unter den Folgen zu leiden haben, etwa weil sie schulisch und sozial abgehängt wurden.

Was muss jetzt passieren?

Neher: Wenn die Schulen wieder öffnen, müssen sie einen Blick auf die Kinder und Jugendlichen haben, die besonders betroffen sind. Es braucht eine klare politische Themensetzung durch die Kultus- und die Sozialministerien, damit Schulen und Lehrer koordinierte Hilfe bekommen. Sonst hängt es wie bisher vom persönlichen Engagement der Lehrer und der individuellen Ausstattung einer Schule ab, ob den Kindern geholfen wird. Und mehr denn je gehört der Ausbau der Schulsozialarbeit dazu. Die Wohlfahrtsverbände fordern schon seit Jahren die Ausweitung dieses Instruments und wir sehen wieder einmal, wie nötig es ist.

Viele Familien berichten, dass sie mehr Zeit gemeinsam genießen konnten. Haben Familien von der Coronakrise profitiert?

Neher: Das würde ich nicht pauschal sagen. Es macht einen Unterschied, ob ich im Lockdown als Familie mit drei Kindern in einer 80 Quadratmeter Wohnung ohne Balkon und Garten und vielleicht noch ohne ausreichende Computer-Ausstattung bin. Oder ob ich ein Häuschen habe mit Garten oder Balkon und Tablets für die Kinder bereitstehen. „Zuhause bleiben“ bekommt eine andere Konnotation, wenn Sie beengt wohnen, wenn Sie keinen Platz für Homeoffice haben und gleichzeitig noch die Kinder beschulen sollen.

Die Erfahrungen in den Familien sind aus Ihrer Sicht ganz unterschiedlich?

Neher: Wenn man mehr Zeit miteinander verbringt, ist das nicht automatisch für alle entlastend. Für die einen ist es schön, bei anderen verursacht es massiv Stress. Manche Konflikte in der Familie werden dadurch befördert, wenn man plötzlich so eng aufeinander wohnt. Ich habe den Eindruck, dass viele Familien stark in Bedrängnis geraten, je länger die Situation andauert.

Bisher gibt es keine offiziellen Zahlen, die belegen, dass es mehr Gewalt in Familien gibt.

Neher: Ich will da nichts herbeireden, aber Zahlen der Polizeibehörden sind in dieser Situation kein alleiniger Gradmesser. Ich bin zurückhaltend, wann man das abschließend bewerten soll. Mancher blauer Fleck, der aus dieser Zeit stammt, wird erst hinterher deutlich werden. In unserer Online-Beratung erleben wir jedenfalls einen enormen Zuwachs an Beratungsbedarf. Wir sind in den vergangenen Wochen mit 60 Beratungsstellen zusätzlich online gegangen. In einigen unserer 16 Beratungsfelder gibt es Steigerungen bei den Online-Anfragen um mehr als 300 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Diese Zahl umfasst aber nicht nur Gewalt in der Familie, sondern alle Beratungsbereiche, wie beispielsweise Schwangeren-, Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung und die Schuldnerberatung.

Werden die Schlechtergestellten von der Krise deutlich stärker getroffen als andere?

Neher: Eindeutig. Das Virus hat alle getroffen, aber es macht noch lange nicht alle gleich.

Wie ist denn aus Ihrer Sicht die Krisenbewältigung gelaufen? 

Neher: Vieles ist gut gelaufen. Die Politik hat sehr schnell und konsequent gehandelt. Die Maßnahmen waren wichtig, um eine Eindämmung der Pandemie zu erreichen. Die Schutzschirme, die für die Wirtschaft und den Sozialbereich geschaffen wurden, waren ganz, ganz notwendig. Verglichen mit anderen Ländern haben die politisch Verantwortlichen in Deutschland sehr sorgfältig und konsequent gehandelt. Doch beim zweiten Draufschauen wird sehr deutlich, dass sich die Situation derjenigen weiter verschärft, die schon vorher mehr schlecht als recht durchs Leben kamen. Das gilt umso mehr, je länger die Pandemie andauert. Ich will nicht sagen, das ist die Schuld von jemandem. Aber jetzt muss das Augenmerk dringend stärker auf diese besonders verletzlichen Menschen gerichtet werden.

Können Sie Ihre Anliegen in die politische Diskussion einbringen?

Neher: Das ist ein Kampf. Es war schon ein Kampf, dass die sozialen Einrichtungen bei den ersten Schutzschirmberatungen der Politik gleichwertig mit den Bedarfen aus der Wirtschaft aufgenommen wurden. Das war leider keine Selbstverständlichkeit. Es bedurfte massiver Interventionen der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Wenn ich im Rückblick etwas kritisieren muss, dann das. Dieser vernachlässigende Umgang mit den Einrichtungen und Diensten der Wohlfahrtspflege hat mich persönlich befremdet, aber es ist ein Spiegelbild aus der Erfahrung anderer Krisen.

Anmerkung: In einer ersten Version des Interviews wurde in einer Frage und in der Überschrift der Begriff "sozial schwach" verwendet. Dieses missverständliche Wort wurde geändert, weil es den Status der Betroffenen nicht richtig wiedergibt.

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