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Abgehängt

Mehr als zwei Millionen Deutsche werden bei der Digitalisierung ausgeschlossen. Caritas-Präsident Neher fordert, dass jeder Mensch ein Recht auf Teilhabe erhält.

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14.05.2019
7 Minuten
Digitalisierung ist nicht für alle Menschen möglich. Diese Frau kommt mit dem Gerät nicht zurecht, anderen fehlt das Geld für die Anschaffung.

Das Thema Digitalisierung wird gern über Erfolge erzählt. Dabei schließen die neuen Technologien viele Menschen von gesellschaftlichen Entwicklungen aus. Zwölf Millionen Deutsche sind Offliner – aber viele davon verzichten nicht freiwillig auf Internet und Smartphone. Für Peter Neher ist der faire Zugang zu digitalen Angeboten ein Grundrecht, das in Deutschland schlecht umgesetzt wird. Der Präsident des Caritasverbandes spricht in unserem Interview über den Unterschied zwischen Sonntagsreden und seinen Erfahrungen im Alltag. Die Politik habe noch nicht erkannt, wie notwendig die Förderung des sozialen Bereiches bei der Umsetzung der Digitalisierung sei. Gleichzeitig testen die Sozialverbände den Einsatz von Pflegerobotern.


Herr Prälat Neher, haben Sie Angst vor der Digitalisierung?

Neher: Ich bin weder euphorisch gestimmt noch von tiefer Skepsis getrieben. Mit der Digitalisierung ist es so, wie mit allen technischen Entwicklungen: Sie sind in sich weder gut noch böse. Die Frage ist immer: Wie werden sie verwendet? Wir müssen im Einzelnen prüfen, welche Möglichkeiten die technischen Entwicklungen bieten und welche Fallstricke es gibt.

Was bedeutet die Digitalisierung für Menschen, die es eh schon schwer haben? Wird diese Gruppe einfach abgehängt?

Neher: Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn digitale Teilhabe immer mehr zum Schlüssel für soziale Teilhabe wird, dann ist dies ein Grund, sehr kritisch darauf zu schauen, ob es auch den Menschen nutzen wird, für die wir als Caritas einen besonderen Blick haben: für Menschen am Rande der Gesellschaft, für Menschen in prekären Lebensverhältnissen.

Über wie viele Menschen in Deutschland sprechen wir?

Neher: Es gibt in Deutschland schätzungsweise 12 Millionen sogenannte Offliner. Wir gehen davon aus, dass für gut ein Fünftel dieser Menschen die Internetnutzung zu kompliziert ist. Sie tun sich schwer damit. Vor uns liegt die große Aufgabe, digitale Angebote so niedrigschwellig zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen sie trotzdem nutzen können. Wie kann Assistenz bei Internetnutzung gegeben werden? Sind bei sprachlichen Schwierigkeiten mehrsprachige Angebote da? Wie steht es um die Verwendung von Leichter Sprache? Gibt es für blinde Menschen hinterlegte Bildbeschreibungen?

Solche Ratschläge stoßen nirgendwo auf Widerstand. Ist das nicht ein bisschen wenig?

Neher: Ja, da können immer alle zustimmen. Aber deswegen wird es noch lange nicht gemacht. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass generell schon darauf geachtet wird, dass für alle Menschen ein leichter Zugang möglich ist. Das sind Selbstverständlichkeiten, aber die werden trotzdem oft nicht in die Tat umgesetzt.

Sind viele Menschen nicht schon deshalb ausgeschlossen, weil ihnen das Geld für ein teures Smartphone fehlt?

Neher: Das ist ein Aspekt, der sehr sorgfältig zu betrachten ist. Der faire Zugang zu digitalen Angeboten muss allen Menschen möglich sein. Das ist eine Frage, welche die Politik beantworten muss.

Peter Neher, der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, sorgt sich um die Teilhabe von Sozialschwachen an der Digitalisierung.
Prälat Peter Neher ist seit 2003 der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Er hat zunächst eine Ausbildung als Bankkaufmann gemacht, bevor er das Theologiestudium aufnahm. Neher war Krankenhausseelsorger im bayrischen Günzburg und Gemeindepfarrer in Kempten.

Wie soll das gehen? Soll jeder Bürger vom Staat ein Handy bekommen, wenn er sich kein eigenes leisten kann?

Neher: Wenn ich von dem Grundsatz ausgehe, dass digitale Teilhabe ein Baustein für soziale Teilhabe ist, dann glaube ich, dass es keine Denkverbote in diese Richtung geben darf. Wir stehen vor der Frage, was hilft, um den Menschen diese digitale Teilhabe zu ermöglichen. Ob jeder Bürger einen eigenen Computer oder ein Handy besitzen muss, das würde ich offen lassen. Auch öffentliche Zugänge in Cafés oder Bibliotheken könnten eine Möglichkeit sein. Wir sollten der Phantasie keine Grenzen setzen. Und es muss klar sein: Wenn die Teilhabe am Internet und an der Digitalisierung ein Teil des täglichen Bedarfs ist, müssen die entsprechenden Unterstützungssysteme auch solide finanziert werden. Das halte ich für unabdingbar.

Für Sie ist Digitalisierung kein Hobby, bei dem man entscheiden kann, ob man mitmachen will oder nicht? Hat jeder Mensch ein Recht auf Teilhabe?

Neher: Absolut. Das ist kein „Nice-to-have“, sondern wird zunehmend ein Teil des alltäglichen Lebensvollzugs. Bei vielen Dingen gehen wir mittlerweile selbstverständlich davon aus, dass wir sie digital erledigen können. Wenn Menschen keinen digitalen Zugang haben, werden sie aus für sie wichtigen Lebensbereichen ausgeschlossen und für sie relevante Informationen gehen komplett an ihnen vorbei.

Aus der Wirtschaft kennen wir schon lange Konzepte wie „Industrie 4.0“. Gibt es das für soziale Arbeit auch?

Neher: Wohlfahrt 4.0 gibt es durchaus bereits. Dass sich digitale Konzepte in der sozialen Arbeit zeitversetzt etablieren, hängt damit zusammen, dass der soziale Bereich stark von der Begegnung von Mensch zu Mensch lebt. Soziale Arbeit ist immer persönlich. Aber natürlich wird auch bei uns genau hingeschaut: Wo können technische Hilfen und digitale Möglichkeiten unterstützen, auch dort, wo es um den Kontakt mit Menschen geht.

Hat Digitalisierung im Sozialen einen geringeren Stellenwert, weil hier der Kontakt Mensch zu Mensch besonders wichtig ist?

Neher: Nein, da möchte ich eindeutig widersprechen. Die bestehenden Beratungsdienste müssen so qualifiziert werden, dass sie auch auf dem digitalen Weg Hilfe anbieten können. Das Thema Onlineberatung beschäftigt die Caritas intensiv. Wir sind dabei, unsere Angebote möglichst breit vielen Menschen zugänglich zu machen. Schon heute können wir Menschen zum Beispiel über Chaträume und über andere Kommunikationsformen einen niederschwelligen Zugang zu Hilfen bei vielfältigen Fragestellungen verschaffen wie beispielsweise in der Schwangeren- oder Schuldnerberatung. Oder nehmen Sie auch den Bereich der Behindertenhilfe: Dort gibt es viele digitale Anwendungen, die Menschen helfen können, mehr Teilhabe und Selbstständigkeit zu erlangen. Aber noch einmal: Der Mensch muss der Maßstab sein. Die Technik hat dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. Dieser alte Spruch ist auch heute sehr aktuell. Da haben wir als Sozialverband etwas in die Debatte miteinzubringen.

Was denn?

Neher: Die Details der Digitalisierung führen oft zu neuen Spannungsfeldern. Zum Beispiel der Hausnotruf oder die digitale Patientenüberwachung. Das kann einen Gewinn an Selbstständigkeit bedeuten, aber gleichzeitig mit einem Verlust von Datensouveränität einhergehen. Oder der Einsatz von Pflegerobotern: Der kann Ihnen zur Selbstbestimmung helfen, aber gleichzeitig auch die Beziehung zwischen Pflegenden und Gepflegten verändern. Solche Spannungsfelder muss man offen benennen und nicht schönreden. Da müssen wir wachsam bleiben. Wir müssen zu Entscheidungen kommen, die das Positive unterstützten, den kritischen Teil im Auge behalten und auch mal gegensteuern.

Was passiert, wenn es uns nicht gelingt, gegenzusteuern?

Neher: Schwer zu sagen. Ich bin überzeugt, dass wir eine Netzpolitik brauchen, die nicht nur Wirtschaft, Politik und Technik berücksichtigt, sondern auch die sozialen und ethischen Themen. Wir brauchen im Digitalrat, der die Bundesregierung berät, mehr Kompetenz, die den sozialen Bereich und die gesellschaftlichen Folgen im Blick hat. Die Algorithmen müssen kontrollierbar bleiben, weil sonst die Sorge da ist, dass sie Entsolidarisierung, Diskriminierung und Stigmatisierung befördern. Das kann politisch und gesellschaftlich niemand wollen.

Wird genug auf diesen Aspekt geguckt? Oder ist die Euphorie angesichts der technischen Möglichkeiten größer als die Bereitschaft, diejenigen mitzunehmen, die Schwierigkeiten mit der Digitalisierung haben?

Neher: Ich würde das nicht gegeneinanderstellen. Ich erlebe beides: eine euphorische Stimmung und eine geradezu reflexhafte Abwehr. Mein Eindruck ist, dass die gesellschaftliche Debatte derzeit noch nicht in der Art und umfänglich stattfindet, wie es der Dimension des Themas entspricht. Unsere Jahreskampagne „Sozial braucht digital“ will die Debatte befördern. Wir sehen da einen dringenden Gesprächsbedarf. Diese Debatte geht quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen und sie verläuft weder schwarz noch weiß. Wer Abwehr und Sorge zeigt, der muss vielleicht mutiger werden. Diejenigen, die blauäugig euphorisch sind, müssen die Grenzen lernen, die gelten, weil der Mensch der Maßstab für den Einsatz der Mittel ist.

Wenn etwas diese Anforderung nicht erfüllt, dann sollten wir lieber darauf verzichten?

Neher: Das muss man entsprechend regeln. Wenn eine Entwicklung für die Gesellschaft abträglich ist, muss man reagieren. Das hat Politik zu gestalten. Der Staat darf sich nicht aus der Verantwortung nehmen und alles dem freien Spiel des Marktes überlassen. Es geht im Sozialen bei der Digitalisierung vor allem um eins: Was dient dem Menschen und seiner Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, mit Respekt, in Würde und in Achtung seiner Persönlichkeit?

Sie klagen, dass die Caritas zwar Geld bekommt, aber Wirtschaft und Wissenschaft in einer ganz anderen Dimension unterstützt werden.

Neher: Die Politik legt den finanziellen Schwerpunkt eindeutig auf Wissenschaft und Wirtschaft. Sozialwirtschaft und Wohlfahrtsverbände stehen relativ weit hinten an. Schauen wir auf die momentane Haushaltsituation. Für die sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege stehen 3,3 Millionen Euro für die Digitalisierung zur Verfügung. Das ist wenig angesichts der technischen Herausforderungen, die noch auf uns zu kommen und in denen wir bereits mittendrin stehen. Die Politik hat noch nicht erkannt, wie notwendig die Förderung des sozialen Bereiches ist.

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Umstritten – das Technikradar fragt: Wie stehen die Deutschen zum Einsatz von Pflegerobotern bei der Betreuung älterer Menschen? Etwa die Hälfte befürwortet den Einsatz der Maschinen.
Grafik aus dem Technikradar: Wie stehen die Deutschen zum Einsatz von Pflegerobotern bei der Betreuung älterer Menschen?

Auch die Caritas will Roboter als Hilfe in der Pflege einsetzen, die beispielsweise Anreichungen machen. Das ist ein Aufgabenfeld, wo Sie doch bestimmt Widerstand erleben. In der Pflege sollen doch Menschen mit Menschen umgehen, wir wollen da keine Automaten haben. Trotzdem beteiligt sich die Caritas daran.

Neher: Es ist nicht so, dass der Einsatz von Pflegerobotern flächendeckend geplant ist. Es gibt ein Modellprojekt der Caritas München unter wissenschaftlicher Begleitung, eben auch mit Blick auf ethische Fragestellungen. Der Praxistest soll im Herbst 2019 in einem Altenpflegeheim beginnen. Für uns stellt sich die Frage: Wie weit kann ein Roboter einem Menschen helfen, autonomer zu leben? Ein technisches Hilfsinstrument ruft zunächst einmal eher Abwehr hervor. Ich bin aber davon entfernt zu sagen, das ist unpersönlich und unmöglich. Wir prüfen, in welchen Bereichen der Einsatz einer Technik hilfreich sein kann und wo persönliche Begleitung und Teilhabe nötig sind. Eine Maschine kann einem Menschen niemals das geben, was ihm ein Mensch geben kann.

Und wenn der Roboter im Test gut abschneidet?

Neher: Ich antworte ganz biblisch: Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Wenn das Ergebnis ist, dass ein Roboter dabei hilft, dass ein Mensch unabhängiger leben kann und mehr Teilhabemöglichkeiten hat, dann glaube ich, wäre es das wert.

Die Entwicklung geht ja noch weiter. Künstliche Intelligenz kann den Gemütszustand von Computer- und Handynutzern verfolgen und vielleicht vor Depressionen warnen. Die Caritas kennt solche Situationen aus der Telefonseelsorge. Freuen Sie sich auf die Hilfe durch Technik?

Neher: Das ist ein schwieriger Grenzbereich. Im Einzelfall kann es vielleicht neue Lebensmöglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig habe ich eine innere Abwehr dagegen. Bei solchen technischen Möglichkeiten wäre ich sehr vorsichtig, ob sie das Leben wirklich positiv beeinflussen. Sie können leicht dazu führen, dass die Gesellschaft den einzelnen Menschen immer mehr sich selber überlässt – und sagt, darum kümmert sich jetzt eine Maschine. Ich sehe darin ein hohes Risiko eines Missbrauchs, weil es bewusst benutzt werden kann, um menschliche Begegnungen zu reduzieren. Zu einem erfüllten Leben gehört aber immer die Begegnung von Mensch zu Mensch. Der Einsatz von Maschinen darf und kann das nie und nimmer ersetzen.

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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