Abgehängt

Mehr als zwei Millionen Deutsche werden bei der Digitalisierung ausgeschlossen. Caritas-Präsident Neher fordert, dass jeder Mensch ein Recht auf Teilhabe erhält.

vom Recherche-Kollektiv die ZukunftsReporter:
8 Minuten
Digitalisierung ist nicht für alle Menschen möglich. Diese Frau kommt mit dem Gerät nicht zurecht, anderen fehlt das Geld für die Anschaffung.

Das Thema Digitalisierung wird gern über Erfolge erzählt. Dabei schließen die neuen Technologien viele Menschen von gesellschaftlichen Entwicklungen aus. Zwölf Millionen Deutsche sind Offliner – aber viele davon verzichten nicht freiwillig auf Internet und Smartphone. Für Peter Neher ist der faire Zugang zu digitalen Angeboten ein Grundrecht, das in Deutschland schlecht umgesetzt wird. Der Präsident des Caritasverbandes spricht in unserem Interview über den Unterschied zwischen Sonntagsreden und seinen Erfahrungen im Alltag. Die Politik habe noch nicht erkannt, wie notwendig die Förderung des sozialen Bereiches bei der Umsetzung der Digitalisierung sei. Gleichzeitig testen die Sozialverbände den Einsatz von Pflegerobotern.

Herr Prälat Neher, haben Sie Angst vor der Digitalisierung?

Neher: Ich bin weder euphorisch gestimmt noch von tiefer Skepsis getrieben. Mit der Digitalisierung ist es so, wie mit allen technischen Entwicklungen: Sie sind in sich weder gut noch böse. Die Frage ist immer: Wie werden sie verwendet? Wir müssen im Einzelnen prüfen, welche Möglichkeiten die technischen Entwicklungen bieten und welche Fallstricke es gibt.

Was bedeutet die Digitalisierung für Menschen, die es eh schon schwer haben? Wird diese Gruppe einfach abgehängt?

Neher: Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn digitale Teilhabe immer mehr zum Schlüssel für soziale Teilhabe wird, dann ist dies ein Grund, sehr kritisch darauf zu schauen, ob es auch den Menschen nutzen wird, für die wir als Caritas einen besonderen Blick haben: für Menschen am Rande der Gesellschaft, für Menschen in prekären Lebensverhältnissen.

Über wie viele Menschen in Deutschland sprechen wir?

Neher: Es gibt in Deutschland schätzungsweise 12 Millionen sogenannte Offliner. Wir gehen davon aus, dass für gut ein Fünftel dieser Menschen die Internetnutzung zu kompliziert ist. Sie tun sich schwer damit. Vor uns liegt die große Aufgabe, digitale Angebote so niedrigschwellig zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen sie trotzdem nutzen können. Wie kann Assistenz bei Internetnutzung gegeben werden? Sind bei sprachlichen Schwierigkeiten mehrsprachige Angebote da? Wie steht es um die Verwendung von Leichter Sprache? Gibt es für blinde Menschen hinterlegte Bildbeschreibungen?

Solche Ratschläge stoßen nirgendwo auf Widerstand. Ist das nicht ein bisschen wenig?

Neher: Ja, da können immer alle zustimmen. Aber deswegen wird es noch lange nicht gemacht. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass generell schon darauf geachtet wird, dass für alle Menschen ein leichter Zugang möglich ist. Das sind Selbstverständlichkeiten, aber die werden trotzdem oft nicht in die Tat umgesetzt.

Sind viele Menschen nicht schon deshalb ausgeschlossen, weil ihnen das Geld für ein teures Smartphone fehlt?

Neher: Das ist ein Aspekt, der sehr sorgfältig zu betrachten ist. Der faire Zugang zu digitalen Angeboten muss allen Menschen möglich sein. Das ist eine Frage, welche die Politik beantworten muss.

Peter Neher, der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, sorgt sich um die Teilhabe von Sozialschwachen an der Digitalisierung.
Prälat Peter Neher ist seit 2003 der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Er hat zunächst eine Ausbildung als Bankkaufmann gemacht, bevor er das Theologiestudium aufnahm. Neher war Krankenhausseelsorger im bayrischen Günzburg und Gemeindepfarrer in Kempten.
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