Der Ornithologe, der zum Heiligen wird

Im Kino: Regisseur João Pedro Rodrigue über erstaunliche Wandlungen eines Vogelbeobachters. Von Cord Riechelmann

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Man darf bei diesem Film auf keinen Fall zu spät kommen. Denn wenn man einen Beleg für die Überlegenheit der Kunst gegenüber dem Dokumentarfilm heutigen Typs sucht, gerade wenn es um Tierbeobachtungen geht, wird man ihn in den ersten Minuten dieses Films finden. Man sieht ein schwimmendes Nest mit hellen Eiern, das sich ganz ruhig den leichten Wellenbewegungen des Wassers anpasst. Das Nest ist zwischen Wasserpflanzen aus den Halmen von Wasserpflanzen gewebt. Es hebt und fällt mit der Wasseroberfläche an und ab. Dazu hört man ein leichtes, leises Schwappen oder Schwuppen, so als wäre der Unterschied zwischen a und u in diesen Worten die ganze Welt in diesem Moment.

Dann kommt zuerst ein Haubentaucher ins Bild geschwommen und dann noch ein zweiter. Man sieht den einen, wie er sich langsam mit Kopf und Körper voran aus dem Wasser auf die Eier im Nest zubewegt und sich leicht schüttelnd darauf setzt, mit den ganz hinten am Körper ansetzenden Beinen zuletzt. Im Verlauf dieser ersten Minuten schwimmt das Haubentaucherpaar einmal kurz zusammen, verfällt dabei in nur unvollständig angedeutete Verhaltensmuster ihres sonst ausgedehnten Balzrituals – so als ob sie sich nur versichern wollten, dass sie es jederzeit auch wieder richtig vorführen könnten.

Die Tiere werden nicht in Musik ertränkt

Und, das ist der wirkliche Hammer, der diese Minuten so unvergesslich und exemplarisch macht: Was hört man dazu? Keine Musik! Man hört nur den Wind, das Wasser und die wie geschreddert tönenden Duettrufe der Haubentaucher, aber auch die nur dezent im Hintergrund. Das ändert sich auch nicht, als ein Schwarzstorch ins Bild fliegt, auf einem Felsen landet und ins Schnabelklappern übergeht. Es folgt wieder: keine Musik. Man fasst es einfach nicht, merkt aber überdeutlich, wie falsch man vom andauernden Tierfilmgucken in den sogenannten öffentlich-rechtlichen Sendern konditioniert worden ist.

Tierbildern kann man kaum noch zusehen, ohne im nächsten Moment mit Schrecken zu befürchten, dass die Bewegungen und das Verhalten der Tiere in Musik ertränkt wird, in Allerweltsorchestertönen, die den Darstellern jede Eigenheit und jede Spezifität nehmen. Obwohl im Kino sitzend, möchte man nach den ersten Minuten von "Der Ornithologe" zurückspulen, aus ihnen einen Loop anfertigen und diesen allen Redakteurinnen und Redakteuren von allen Sendeanstalten dieser Erde stundenlang vorspielen und dazu den Hinweis einblenden: so geht man mit seinen tierischen Darstellern um, man lässt sie und ihre Umgebung in Originaltönen zu Wort kommen, ohne sie durch Musik zu entmündigen.

Aus einem Vogeltrip wird eine abenteuerliche Reise mit überraschenden Begegnungen.
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Es ist mit Sicherheit hilfreich für diesen Film, dass der Regisseur João Pedro Rodrigues in seiner Jugend selbst ein begeisterter Ornithologe war. Gelernt hat er aus dieser Zeit aber nicht nur Vögel nach Arten zu unterscheiden und in eine Liste abzuhaken. Rodrigues weiß, dass solche Beobachtungen nie einseitig sind, dass auch der Beobachter immer beobachtet wird. Aus dieser Tatsache wird im Film ein ästhetisches Schuss-Gegenschuss-Konzept gebildet, das nie bloß formale Spielerei bleibt.

Nachdem nach den Haubentauchern, Enten und Adlern der Ornithologe Fernando, gespielt von dem französischen Schauspieler Paul Hamy, selbst auftaucht, macht der Film erst Fernandos Blick durch sein Fernglas zu seinem eigenen und folgt den Bildern im Fernglas ausgiebig. Dabei bleibt es aber nicht, denn auch Fernando wird beobachtet. Aus vielen erhobenen Perspektiven folgen die Bilder dem Blick der Vögel auf Fernando. Und auch wenn es abgedroschen klingt, Rodrigues enthierachisiert damit den Blick. Der Beobachter (der Ornithologe Fernando) und die Beobachter des Beobachters (die Vögel) haben das gleiche Blick- und Bildrecht.

Das hat man so natürlich auch noch nie in einem Walddokumentarfilm gesehen

Auf die Idee, dass man es hier mit irgendeiner Form von erhabener Naturschönheit zu tun hat, kommt man unter anderem auch deshalb nicht, weil der Film die Bildfolgen und seine Darsteller so kohärent und diszipliniert zeigt, wie es eben nur ein Ornithologe kann, der nie glaubt, schlauer als die Vögel selbst zu sein.

Dabei ist die Zivilisation immer anwesend in dieser Wildnis in einer nordportugiesischen Felsenlandschaft. Fernando telefoniert mit seinem Freund, nur wird der Empfang immer schlechter. Was man aber noch mitbekommt ist, dass der Freund Fernando ermahnt, auch bloß seine Medikamente nicht zu vergessen, da sie lebenswichtig zu sein scheinen. Dann bricht der Kontakt ab und Fernando verliert beim Vogelbeobachten das Gefühl für den Fluss, wird in Stromschnellen abgetrieben, gegen die er sich nicht mehr erwehren kann und von ihnen mitgerissen.

Der Film macht in diesem Moment einen Sprung und landet bei zwei Chinesinnen im Wald. Fei (Han Wen) und Ling (Chan Suan), so heißen die beiden Katholikinnen, haben sich auf dem Weg zum Wallfahrtsort Santiago de Compostella im Wald verlaufen. Und wie der Regisseur und sein Kameramann Rui Pocas diesen immer dichter werdenden Wald genauso in Bild und Blick zu seinem Recht kommen lässt wie im Gegenspiel mit den chinesischen Pilgerinnen, das steht der Intensität im Umgang mit den Vögeln in nichts nach. Das hat man so natürlich auch noch nie in einem Walddokumentarfilm gesehen. Dazu kommt noch, dass der Wald so irdisch und real bleibt, wie er es für sich wahrscheinlich immer war, während die Geschichte der Menschen langsam in mythisch-religiöse Erfahrungen übergeht.

Am Abgrund: Regisseur João Pedro Rodrigues führt seine Hauptfigur durch eine surreale Welt.
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Fei und Ling sind zum Beispiel der Überzeugung, dass sich im Wald ein böser Geist herumtreibt, den man bekämpfen muss. Als sie den reglos im Wasser liegenden Fernando finden, retten sie ihn zwar vor dem Tod im Wasser, identifizieren ihn aber auch als den zu tötenden bösen Geist. Am Morgen nach der ersten Nacht findet sich Ferrnando dann auch kunstvoll an einen Baum gefesselt in Erwartung des Todes, herbeigeführt von Fei und Ling. Dass in der folgenden zweiten Nacht Fernando die Flucht vor den lesbischen Frauen gelingen wird, weiß man in diesem Moment noch nicht, aber es ist für den Lauf der Geschichte auch schon nicht mehr wichtig, weil der Tod für einen Heiligen ja sowieso ein eher marginales Ereignis ist.

Die Verwandlungen der Menschen lassen Landschaft und Tiere kalt

Auf dem Weg zu einem Heiligen ist Fernando spätestens von dem Punkt an, als die Chinesinnen ihn aus dem Wasser gezogen haben. Rodrigues gibt schon mit dem Namen Fernando einen Hinweis auf den Mythos des heiligen Antonius, eines portugiesischen Franziskanermönchs des 13. Jahrhunderts, der wie der Ornithologe Fernando hieß. Man kann die Geschichte im folgenden wie eine Hommage oder Adaption an das Leben des heiligen Antonius lesen, wenn auch als eine blasphemische Hommage. Denn Fernando wird, nachdem er Fei und Ling entkommen ist, auf einen gehörlosen Ziegenhirten treffen, der im Moment des Zusammentreffens gerade unter einer Ziege liegt und aus deren Euter seinen Durst stillt. Der Hirte, der ausgerechnet Jesus heißt, wird Fernando dann zum Baden und gleich darauf auch verführen.

Die kurze, in seiner Heftigkeit sehr ruhig gefilmte Sexgeschichte endet in einem Streit und zumindest für Jesus tödlich. Aber wie gesagt, was ist schon der Tod für einen Heiligen und wer in diesem Film heilig, profan oder böse ist, das war schon bei Fei und Ling keine Frage der Identitäten und Gewissheiten mehr. Die Erfahrungen, die heiligen wie unheiligen, die hier gemacht werden, haben jede Eindeutigkeit verloren und eine abschließende Weisheit wird der Film auch nicht liefern. Dazu spricht er in zu vielen Sprachen. Portugiesisch, Englisch, Chinesisch, Latein und Mirandés wechseln sich ab, so als sei es das Normalste der Welt und eine Übersetzung weder nötig noch möglich. Das Verblüffende ist nur, dass sich das Ernstnehmen der Tiere und des Waldes nicht als Ein- oder Widerspruch gegen das Heilige in den Menschenseelen und Menschenköpfen lesen lassen.

Die Verwandlungen der Menschen lassen die Landschaft und die Tiere kalt, auch wenn die Ziegen des Hirten Jesus immer wieder von einem Hund zusammengetrieben werden. Und wenn jemand gestorben ist wie Jesus nach dem Sex am Fluss, dann kann er später wieder quicklebendig erscheinen und sprechen, ohne dass er auch nur die geringste Trauer über sein vergangenes, vorheriges, sterbliches Selbst ausstrahlt. Der wirkliche filmische Fortschritt in der realistischen Darstellung von Vögeln und Wäldern vollzieht sich im Rahmen einer wohlwollend blasphemischen Heiligenlegende – und ohne Moral von der Geschichte.

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