Von der Antike bis zu Fellini: Eine Zeitreise durch Rom mit Marijke van Warmerdam

Entstanden ist eine Kurzfilm-Serie, die zeigt, wie eng Kultur und Alltag miteinander verknüpft sind und die zu einem anderen Blick auf das eigene Leben anregt.

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Blick über ein altes Stadion in Rom, das auch Teil eines Parks ist.

Manchmal ist es schön, allein spazieren zu gehen. Dann schweift der Blick über die Parkwege, registriert Familien, Paare, Jogger*innen, Radfahrer, Pudel, Setter, Dackel, den Reiher am Teich. Zunächst scheint es, als mache auch die niederländische Künstlerin Marijke van Warmerdam nichts anderes als schauen. Nach dem Motto „Die Welt ist schön“. Wenn die Welt nun aber Italien oder sogar Rom ist, wie in ihrer neusten Kurzfilm-Serie und der Blick ein künstlerischer ist, passiert noch etwas anderes. Dann verwandelt sich der Alltag in etwas Besonderes und das Besondere in etwas absolut Alltägliches.

Filmstill, der einen Teil einer Brunndenfigur, den Schenkel einer weiblichen Figur zeigt.
Film oder Skulptur, belebt oder unbelebt? Marijke van Warmerdams Film-Serie ist auch eine Hommage an Rom als Filmstadt.

„Egal ob es regnet oder nicht, man hört es in Rom immer plätschern“, sagt Marijke van Warmerdam. Wie jetzt auch im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Die niederländische Künstlerin zeigt dort 14 Kurzfilme, die alle in der „ewigen Stadt“ entstanden sind. Die Ausstellung mit dem Titel „Then Now and Then“ feiert das Now, das Heute, die quirlige Vielfalt der italienischen Metropole, wo aber genauso auf Schritt und Tritt die Vergangenheit mitredet. Schon allein die mitreißenden Bilder lohnen den Besuch. Sie haben uns über den Moment hinaus etwas zu erzählen, über die Kunst und das Leben.

Die Schönheit des Zufalls

Was so unkompliziert daherkommt, ist voller feiner Anspielungen. Sie sei mit der Frage nach Rom gekommen, wo sich das Barockzeitalter noch im heutigen Stadtbild widerspiegele, erzählt Marijke van Warmerdam. Das sei aber keinesfalls kunsthistorisch gemeint, fügt sie hinzu. Es gehe ihr auch um das Abstrakte, um künstlerische Fragen, um gegensätzliche Phänomene wie Hell und Dunkel, kreisförmige Bewegungen oder endlose Geraden, Leichtigkeit und Schwere, Bewegung und Stillstand. In ihren Filmen erscheinen sie als Tag und Nacht, Himmel und Erde, in Gestalt von Wendeltreppen und Uferstraßen, Autotunneln und verfallenen Aquädukten.

Im Vordergrund sitzt eine Möwe hoch oben auf einem Gebäude, unter ihr liegt die Stadt Rom.
Plan und Zufall spielen im Werk der niederländische Künstlerin Marijke van Warmerdam eine wichtige Rolle. Die Möwe ist der Star ihres Kurzfilms The Bride.

Insgesamt waren es zwei Wochen, in denen sie mit Kameramann Sander Snoep durch Rom streifte. Zumindest für die zwei längeren Filme „Those days, these days“ und „Play und stay“ waren die Drehs sorgsam geplant. Andere Motive ergaben sich aus dem Moment heraus. Eine Möwe auf dem Dach des pompösen Nationaldenkmals Viktor Emanuel II, eine Frau im Brautkleid auf einem runden Platz, umtost von weißen Fahrzeugen aller Art. Wie der Bräutigam sie auf einen Stromkasten hebt, sie dabei scheinbar einen kleinen Schrei ausstößt. Das alles dauert nur wenige Sekunden. Die Szene ist aus großer Entfernung herangezoomt worden, danach rast der Blick über das Häusermeer ins Grüne.

Marijke van Warmerdams Held*innen sind keine bezahlten Statisten. Sie laufen einfach ins Bild wie der Jogger mit orangefarbenem Shirt am Ufer des Tiber. Während der Kamerafahrt von einem Stadtbus aus taucht er mehrfach zwischen den herbstlichen Bäumen auf. „Das sieht aus wie ein gerakeltes Bild von Gerhard Richter“, sagt die Künstlerin über den Film „The runner“. Gerhard Richter wurde mit seiner Rakel-Technik berühmt, bei der er mit einer Latte die Farben auf der Leinwand mehrfach verwischte. Er gilt seit Jahrzehnten als erfolgreichster Künstler der Welt.

Die positive Energie des Augenblicks

Hat Marijke van Warmerdams ein Markenzeichen? Die positive Energie ihrer Werke vielleicht, ihre Leichtigkeit, wie es ihr gelingt Raum und Zeit in Bewegung zu bringen. Seit 2004 leitet sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe eine Malereiklasse. Ihren Durchbruch erlebte die in Amsterdam lebende Künstlerin mit ihrem Auftritt im niederländischen Pavillon auf der Biennale von Venedig 1995. Seitdem steht ihr Werk für eine Symbiose zwischen Film, Malerei und Skulptur.

Blauer Himmel, in den eine hohe Skulpturensäule mit der Figur einer Göttin ragt sowie ein Stück eines barocken Gebäudes.
Eine Glocke schlägt die volle Stunde. In einem der vielen Kirchtürme der Stadt.

Schon damals spielte das Wasser eine wichtige Rolle. Sie hatte für Venedig einen Mann unter der Dusche gefilmt, was damals eigentlich als witziger Kommentar zur Sommerhitze gedacht war, wie sie einmal bemerkte. Es anzuschauen tat einfach gut. Das Wasser lief und lief, aber die Kamera blieb statisch auf den männlichen Oberkörper gerichtet. Ihre Filme sind geloopt, sie haben keinen Anfang und kein Ende. Ein statisches Bild voller Bewegung.

25 Jahre später ist ihre Kamera mobil geworden, sie scheint am Auge der Künstlerin zu kleben, wenn sie in einem römischen Park einer langsam vor sich hin trottenden Dogge folgt, die nach einer Weile in die Gegenrichtung schwenkt oder sich in die Lüfte erhebt. Man hört von Ferne eine Glocke schlagen und das Aufheulen eines Motorrads. Beide Geräusche gehören zu anderen Filmen in der Ausstellung. Doch sind sie so abgestimmt, dass sie sich nicht gegenseitig stören.

Blick in die Ausstellung: ein dunkler, langgestreckter Raum. Große Flatscrees sind zickzackförmig angeorndet. Davor Besucher der Schau.
In Marijke van Warmerdams Ausstellung im ZKM laufen 14 Filme parallel. Der Sound eines jeden "Bildes" muss mit dem der anderen harmonieren.

Für den nur wenige Minuten dauernden Film „Vai, vai, vai!“ montierte Marijke van Warmerdam eine GoPro-Kamera auf ein Motorrad. Zur im Hintergrund laufenden Puccini-Arie „O Mio Babbino Caro“, gesungen von Maria Callas, braust ein ganzer Schwarm behelmter Fahrer und Fahrerinnen in der Dämmerung durch enge Gassen. Es regnet, die Rücklichter werden im Film zu roten, amorphen Flecken – ein flackernder Tanz im Dunkel der Stadt. So authentisch diese Aufnahmen sind, so sorgsam sind die Filmbilder geschnitten und mit einem jeweils neu erzeugten Soundtrack versehen: Verkehrsgeräusche, die Stimmen von Passanten, von Hunden und Insektenschwärmen, plätschernden Brunnen.

Die Straßen von Rom als Bühne von Alltag und Kunst

Darin leben die Gestalten der griechischen Mythologie in der modernen Stadt weiter, als wäre keine Zeit vergangen. Ihre Lust, ihre Qual, ihr Triumph bilden die unverwechselbare Kulisse der Stadt. Sie erinnert zudem an Federico Fellinis legendären Schwarzweißfilm „La dolce vita“ von 1960. Jeder Reiseführer weist auf den Trevi-Brunnen und die Filmszene der darin badenden Anita Ekberg hin. Der Kultfilm zeigte, wie das rauschhafte Leben von existenziellen Fragen des Lebens eingeholt werden kann. Auch diese dunklen Töne kommen im Werk von Marijke van Warmerdam vor, sie drängen sich aber nicht in den Vordergrund.

Ein orangefarbener Ball in der Gischt eines Flusses.
Film oder Malerei? Wirklichkeit oder Kunst? Marijke van Warmerdam hält die Übergänge flexibel.

Auf ihrer Tour durch Rom stößt sie zufällig auf ein Filmteam, das tatsächlich an einem der alten Brunnen dreht, der Kameramann agiert hoch oben auf einem Kran über der Gischt. Der Verkehr stockt, drei grell geschminkte Frauen vor der Szenerie geraten ins Blickfeld. Rom als Filmstadt, die Traumfabrik Cinecittà: Solche Assoziationen kann man haben, muss man aber nicht. Die Künstlerin rollt den Besucher*innen am Eingang der Ausstellung den roten Teppich aus. Aber der könnte auch zu einem der Geschäfte auf der Via del Tritone gehören, deren Schaufenster sie für „Shopping“ vom Bus aus gedreht hat.

Phänomene, die unser Leben bestimmen

Ihre Rom-Filme könnten auch als ein die Kunst und die Kultur Roms verknüpfender Film-Essay verstanden werden, finden Experten. „In ihrem Projekt legt van Warmerdam die tiefreichenden Schichten dieser Stadtgeschichte offen“, schreibt der Kunsthistoriker Luciano Benedetti in einem der Begleittexte. Für seinen Kollegen Bart Rutten porträtiert Marijke van Warmerdam den Rausch der Stadt. „Das überrascht, wo sie doch vor allem für ihre Filmloops voller Ruhe und Gelassenheit bekannt ist.“ Damals wie heute spürt sie mit ihren Filmbildern den Phänomenen nach, die Leben bestimmen: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Sie spielt mit der Schwerkraft, sie bringt die Bilder in Fluss.

Pathos ist der Künstlerin fremd. Wenn sich der Eindruck des Erhabenen in eine ihrer Arbeiten einzuschleichen droht, bricht sie dieses Bild. Sehr gut zu sehen im achtminütigen Film „Stay and Play“, der im Winter entstand. Die Mittagssonne verwandelt die dahinfließenden Massen des Tibers in Bronze. Und etwas später an einem Wasserfall tritt die gewaltige Naturkraft des Stroms hervor. Überraschend taucht ein roter Koffer in den Strudeln auf und buntfarbige Bälle tanzen auf der Gischt.

Information

Bis 5. Februar 2023 im ZKM Karlsruhe. – Künstlerbuch: ROMA 432, Roma Publications, Amsterdam. Kongenial gestalteter Katalog mit ausklappbaren Abbildungsseiten zu Marijke van Warmerdams Ausstellung „Then Now an Then“, mit Texten von Dominic van den Boogerd. 33, 50 Euro, ISBN 978–94–6446–024–7

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