Die Vögel des Silicon Valley

Direkt hinter dem Hauptquartier von Google erstreckt sich ein Vogelparadies. In dieser Technatur lebt ein besonderer Kauz.

Christian Schwägerl Ein Vogel am Himmel, im Hintergrund Strommasten.

Ich war ins Silicon Valley gereist, um die Zukunft der Künstlichen Intelligenz zu erkunden. In meinen Gesprächen mit Software-Ingenieuren und Wissenschaftlern ging es um selbstfahrende Autos, um Algorithmen, die Bilder erkennen können, um Roboter, die menschliche Arbeitskräfte überflüssig machen. Als ich auf dem Highway von einem Interview im KI-Lab der Stanford University Richtung Süden nach Sunnyvale fuhr, wo ich den Forschungschef des chinesischen IT-Konzerns Baidu treffen sollte, öffnete sich bei Palo Alto zwischen den Gebäuden plötzlich ein überraschender Anblick: eine weite, rot schimmernde Landschaft.

Wie viele Vogelbeobachter werfe ich bei meinen Reisen ohne zu überlegen ein Fernglas in den Koffer. Es gibt immer und überall interessante Vögel zu sehen, besonders auf einem anderen Kontinent. Die Zeitverschiebung machte es mir leicht, am nächsten Morgen so früh auf den Beinen zu sein, wie ich es zuhause trotz bester Absichten nur sehr selten schaffe. Um halb fünf Uhr morgens fuhr ich die Embarcadero Road in Richtung des kleinen Flughafens von Palo Alto hinunter bis zu einem sandigen Parkplatz am Ende der Straße, kurz vor der San Francisco Bay. Als ich ausstieg, hörte ich es schon: ich befand mich in einem Vogelparadies.

Von allen Seiten erklangen die unterschiedlichsten Rufe, das Schnattern von Enten, das Flöten der Watvögel, das Krächzen von Reihern und Pelikanen. Rot ist die Landschaft ohnehin schon wegen der Pflanzen der Salzwiesen. Als das Rot der Morgensonne dazu kam, leuchteten Bucht, Marsch und die nahe Ortschaft in allen denkbaren Tönen. Ein Rostbrachvogel mit seinem imposant langen gebogenen Schnabel wühlte an einer Böschung nach Essbarem. Schlammtreter flogen in großen Trupps an mir vorbei. Aus einem Busch sang ein Weidengelbkehlchen. Und in einiger Entfernung, aber als weißer Fleck deutlich sichtbar, rüttelte ein Weißschwanzgleitaar über dem Boden, auf der Suche nach einem Frühstück.

Es war der Anblick des Gleitaars mit seinem weißen Federkleid, der mich aus meiner Vogelbeobachtungstrance in die Wirklichkeit zurückbrachte. Hinter ihm ragten riesige Strommasten in den Himmel und mir fiel wieder ein, dass ich nicht inmitten von Wildnis war, sondern in einem kleinen Stück Restnatur inmitten des wahrscheinlich wichtigsten Hightech-Zentrums der Welt. Als ich wieder zu Sinnen kam, fiel mir auch auf, dass die rollenden Hügel am Rand der Salzwiesen merkwürdig künstlich aussahen. Ich verließ den Weg, um einen der Hügel zu erklimmen, eigentlich des Ausblicks wegen. Doch was mich dann umwarf, war nicht der Blick über das Baylands-Naturschutzgebiet, sondern der Blick gen Boden. Dort befand sich keine Kurzgrassteppe, wie ich aus der Entfernung gedacht hatte, sondern ein monotones Textilgeflecht, besprüht mit einem merkwürdigen Schlamm, in dem sich bei genauerem Hinsehen allerlei geschredderte Reste von Hausmüll befanden. Ich stand nicht etwa auf einem natürlichen Hügel, sondern auf einer frisch sanierten Müllkippe. Von einem Moment auf den anderen veränderte sich das Naturempfinden: was sich hier erstreckte, war nicht unberührte, sondern ziemlich hart berührte Natur.

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