Stecker rein und fertig!

Seit knapp einem Jahr sind Balkonkraftwerke erlaubt. Über ein Kabel wird der selbst erzeugte Strom in das Stromnetz der Wohnung eingespeist und schon lässt sich damit das Handy aufladen oder der Kühlschrank betreiben.

Julia Verlinden sieht nicht aus wie man sich den typischen Guerilla vorstellt. Aber auf ihrem Balkon probte die energiepolitische Sprecherin der Grünen eine zeitlang eine kleine Rebellion. 2017 stellte sie dort ein sogenanntes Balkonmodul auf. Das sind Solarstrom-Paneele, die den erzeugten Strom über eine Steckdose direkt ins Hausnetz einspeisen. In der Wohnung lassen sich Elektrogeräte wie Waschmaschine oder Computer umweltfreundlich und kostengünstig mit dem Solarstrom betreiben.

Eigentlich ganz einfach – aber hierzulande lange nicht gerne gesehen. Während in Österreich und in der Schweiz der Einsatz kleiner Photovoltaik-Anlagen schon länger möglich ist, sehen viele deutsche Netzbetreiber solch kleinteilige Energiegewinnung und Einspeisung immer noch kritisch. Energiewende von unten? Das sei gefährlich, so ihre Argumentation. Sehr zum Ärger der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie und dem Stromversorger Greenpeace energy, die in diversen Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass die Leistung von solchen Solarmodulen bei weitem zu klein ist, um Überlastungen im Stromnetz auszulösen. 

Verfechter solcher Mini-Kraftwerke haben deshalb den Begriff Guerilla-Photovoltaik geprägt. Nach langen Diskussionen in Expertengremien wurde Anfang 2018 schließlich die VDE-Norm für elektrotechnische Sicherheitsbestimmungen überarbeitet. Nun ist es grundsätzlich jedem erlaubt, steckbare Photovoltaikmodule direkt an normale Haushaltsstromkreise anzuschließen. Der Revoluzzer-Spirit ist dahin, dafür ist Strom auf dem Balkon zu erzeugen nun einfacher als Geranien großzuziehen.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig

Die fertigen Sets gibt es im Baumarkt oder online zu bestellen. „Das war wirklich ganz einfach: Auspacken, in die Steckdose und fertig“, sagt Verlinden. Das Modul kann entweder mit Hilfe einer entsprechenden Vorrichtung auf dem Balkon, dem Fensterbrett, der Terrasse, dem Dach des Gartenhäuschens und Garage aufgestellt oder auch an der Hausfassade montiert werden. Grundsätzlich bedarf es für Veränderungen an Mietwohnungen die Zustimmung des Vermieters oder der Eigentümergemeinschaft.

21 verschiedene steckbare Photovoltaikmodule listet das Fachmagazin Photovoltaik aktuell in seiner Marktübersicht auf. „Mit drei Modulen à 150 W mit einer guten Südausrichtung kann man etwa 15 Prozent eines Jahresverbrauchs eines typischen Vierfamilienhaushalts einsparen“, sagt Alexander Nollau, Abteilungsleiter Energy & Mobility von der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE).

Erzeugt das Stecker-Solar-Gerät mehr Strom als im selben Moment verbraucht wird, wird die Energie entweder abgeregelt oder ins öffentliche Stromnetz eingespeist. Laut Rechtslage darf der Stromzähler dabei nicht rückwärts laufen, was bei herkömmlichen Zählern mit Drehscheibe unter Umständen passieren kann. In diesem Fall müsste eigentlich der Zähler ausgetauscht werden. Da es sich dabei aber nur um geringe Strommengen handelt, haben erste Netzbetreiber bereits signalisiert, dass sie den Zählerwechsel nicht zwingend für erforderlich halten, sofern nur ein Modul angeschlossen wird, informiert die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Bei elektronischen Zählern besteht das Problem des Rückwärtslaufen ohnehin nicht.

Der Anschluss eines Balkonmoduls muss dem zuständigen Netzbetreiber gemeldet werden. Wer ganz sicher gehen will, sollte vor dem Kauf dort anfragen. „Die Netzbetreiber vor Ort sind sehr unterschiedlich damit umgegangen“, erzählt Verlinden, die sowohl an ihrem Wohnsitz in Lüneburg als auch in Berlin ein solches Modul betreibt. Während es in Berlin kein Problem gegeben habe, hätte sich der Betreiber in Lüneburg lange gesträubt. „Die Normen können jetzt herangezogen werden, aber am Ende muss der Netzbetreiber entscheiden, was er in seinem Bereich zulässt und was nicht“, meint dazu der Experte Alexander Nollau.

Julia Verlinden, MdB und energiepolitische Sprecherin der Grünen Fraktion, auf ihrem Balkon. Im Hintergrund erzeugt ein steckbares PV-Modul Strom.
Julia Verlinden, MdB und energiepolitische Sprecherin der Grünen Fraktion, auf ihrem Balkon. Im Hintergrund erzeugt ein steckbares PV-Modul Strom.
Jörg Farys

Die Grünen-Politikerin wusste sich durchzusetzen – ihre beiden Anlagen sind inzwischen genehmigt. Die Senkung der Stromkosten ist für Verlinden nur ein netter Nebeneffekt. Ihr ging es vor allem um ein Statement; „Ich will nicht einfach nur Ökostrom einkaufen, der irgendwo herkommt, sondern lieber dezentral und selber produzieren.“

Mit den Mini-Kraftwerken haben erstmals auch Mieter eine simple Lösung, selber Strom zu erzeugen. Doch nicht nur sie profitieren von der Technik, auch für Hausbesitzer und Vermieter bieten sich neue Möglichkeiten an der Energiewende teilzuhaben und die Attraktivität ihrer Immobilie zu steigern. Davon ist zumindest Marcus Vietzke überzeugt. Mit seinem Start-up Indielux.com vertreibt er selbst steckbare Module und hat das Sicherheitssystem „ready2plugin“ entwickelt, dass durch einen vorausschauenden Algorithmus die zulässige Strombelastbarkeit im Endstromkreis sicherstellt. Damit, so die Hoffnung Vietzkes, werden noch viel mehr Netzbetreiber ihre Bedenken gegenüber den neuen kleinen Erzeugern verlieren.

Energiekosten in Mieteinnahmen verwandeln

Das einfachste Szenario wäre laut Vietzke das Setzen einer Einspeisesteckdose auf Balkon oder Terrasse veranlasst durch den Hauseigentümer. „Auf diese Weise kann der Vermieter einen Installationsbetrieb vorgeben, um die Sicherheit und Qualität der PV-Installation zu gewährleisten“, sagt Vietzke. Ebenfalls möglich ist es, mehrere Einspeisesteckdosen an geeigneten Gemeinschaftsflächen bereitzuhalten. Damit wäre es dann denkbar Flachdachflächen für die Eigenversorgung zu vermieten und den Mietern auf diese Weise eine effektive Reduktion der Miet- und Energiekosten zu ermöglichen. „Die veränderte VDE-Norm erlaubt eine neue Systemarchitektur, die Mieterstrommodelle für die Wohnungswirtschaft attraktiv machen“, sagt Vietzke. Er verweist auf ein Projekt, dass sein Unternehmen 2017 bei einem Neubauprojekt in Vaterstetten bei München umgesetzt hat. Dabei wurden auf die insgesamt 62 Wohneinheiten Module zu je 150 kW verteilt. Die Mieter konnten optional Speicher und Ladesäulen an ihrem Tiefgeragenstellplatz buchen. Die Handhabung sei vergleichsweise unbürokratisch. Sofern die Nennleistung der Teilgeneratoren unter 10 kWp liegt, wird keine EEG-Umlage fällig. Vermieter müssen keine Mieterstromdienstleister beauftragen oder Energiegesellschaften gründen, da keine Einnahmen entstehen, die ihr Gewerbesteuer-Privileg gefährden. Es sei auch keine Abrechnung oder Energiemessung nötig: jeder Mieter verbraucht so viel er kann, der Rest kann gespeichert, abgeregelt oder bei Anlagen unter 30 kW pro Grundstück vom Mieter vermarktet werden. „Auch die klassische Aufdach-Photovoltaikanlage kann auf diese Weise aus mehreren Teilanlagen je Wohnung bestehen“, sagt Vietzke.


Rechts und links des Fensters sind Mini-PV-Anlagen angebracht. Per Stecker werden sie mit dem Hausnetz verbunden.
Rechts und links des Fensters sind Mini-PV-Anlagen angebracht. Per Stecker werden sie mit dem Hausnetz verbunden.

Nächster Schritt: Steckbare Speicher und Kleinwindkraftanlagen

Für die Wohnungswirtschaft sei dieses Modell attraktiv, weil sie mit der Installation von PV-Anlagen auf Wohnungsebene wie bei anderen energetischen Sanierungsmaßnahmen die Möglichkeit habe, Energiekosten in Mieteinnahmen zu verwandeln, so Vietzke. Teilgeneratoren, die auf den Hausstrom liefern, sind als energetische Sanierungsmaßnahme umlagefähig. Wenn die Minikraftwerke zur Warmwasserbereitung dienen, verbessern sie die Werte des Energieausweises der Immobilie und können mit einem zinsfreien KfW-Kredit finanziert werden.

Der nächste Schritt in Richtung dezentraler Energiewende sind aus Sicht Vietzkes viele andere steckbare Geräte, wie etwa Stromheizungen und Speicher, aber auch Kleinwindkraftanlagen, die sich ebenso einfach wie das Balkonkraftwerk per Stecker an das Hausnetz anschließen lassen. Und das klingt ja dann doch wieder revolutionär.

  • Beispielrechnung:
  • Stromverbrauch 4-Personenhaushalt: 4.400 kWh
  • Haushaltstrompreis 27 Cent/kWh
  • Stromkosten/Jahr: 1.188 €
  • 300 Watt-Modul: 460 €
  • Erzeugter und selbst verbrauchter Strom: 220 kWh/Jahr
  • Stromersparnis: ca. 60 Euro/Jahr

In diesem Beispiel hat sich das Modul nach rund 7,5 Jahren refinanziert. Wie schnell ein Balkonmodul rentabel ist, hängt im Wesentlichen davon ab, wie hoch die Sonneneinstrahlung am Standort ist und wieviel der Haushalt direkt verbrauchen kann, also wie viele elektrische Geräte tagsüber im Haus laufen. Ungünstige Ausrichtung sowie Schatten von Bäumen und Häusern können die Leistung der Solarmodule beeinträchtigen. Steigt der Strompreis, kann sich das Modul schneller amortisieren.

Dieser Text erschien in leicht veränderter Fassung in Edison - Die Heimat der Generation E.

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