Radinfrastruktur: Wird der Kunde König?

Schneller zur Fahrradstadt - Berliner Startup „FixmyBerlin“ hilft mit digitalen Lösungen

Andrea Reidl Fünf Radfahrer überqueren auf einem breiten blau gefärbten Radweg entspannt eine Kreuzung.

Busy Streets - Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Als das Mobilitätsgesetz im Sommer 2018 in Kraft trat, herrschte Aufbruchsstimmung in Berlin. Die Radaktivisten erwarteten nun, dass ihre Wege zügig sicher ausgebaut werden. Rund anderthalb Jahre später ist die Liste an moderner sicherer Radinfrastruktur in der Hauptstadt noch relativ kurz: Es gibt gerade mal eine Hand voll Protected Bike Lanes in der Stadt, 21 Kilometer grün markierter Radwege und rund 13.500 neue Radbügel. Von dem, was die Mitarbeiter in den Verwaltungen im Hintergrund an Aufbauarbeit leisten, bekommen die Menschen nur relativ wenig mit. Entsprechend groß ist die Unzufriedenheit in der Stadt. 

Aber die Verkehrswende ist mehr als ein Umbau der Straße. Sie ist ein Kulturwandel, der von den Planern und Entscheidern neue Denk- und Arbeitsweisen fordert. Dazu gehört unter anderem mehr Transparenz und Beteiligung in der Planung. Das Berliner Start-Up „FixmyBerlin“ hat digitale Lösungen entwickelt, die diesen Prozess unterstützen sollen. Ein zentraler Punkt dabei ist, die Kommunikation zwischen der Verwaltung und der Zivilgesellschaft zu verbessern.

 Im Auftrag der Senatskanzlei und des Bundesverkehrsministeriums hat das Berliner Startup „FixmyBerlin“ eine interaktive Karte entworfen, die sämtliche Bauvorhaben für den Radverkehr und ihren Projektstand in der Hauptstadt anzeigt. Über die gleichnamige Plattform können sich interessierte Bürger nun jederzeit über die verschiedenen Bauprojekte genau informieren. 

„Anfangs fürchteten die Verwaltungen, dass die Beschwerden ansteigen“, sagt Heiko Rintelen, Geschäftsführer von „FixmyBerlin“. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Plattform entlastet die Behörden. „30 bis 50 Prozent ihrer Arbeitszeit haben die Mitarbeiter früher für das Beantworten von Bürgeranfragen verwendet“, sagt er. Seit es die Karte gibt, seien die Anfragen deutlich zurückgegangen. Außerdem hilft sie ihnen im Alltag. Jetzt sehen die Planer auf einen Blick, was ihre Kollegen in den Nachbarbezirken vorhaben und können ihre Bauprojekte aufeinander abstimmen. Zuvor endete jede Planung an der Bezirksgrenze.

Per Klick mehr Fahrradbügel

Mittlerweile nutzen die ersten Bezirke die Plattform konkret für ihre Radverkehrsplanung. Friedrichshain-Kreuzberg hat im vergangenen September die Anwohner gefragt, an welchen Stellen im Bezirk Fahrradbügel fehlen. Die Resonanz war riesig. Über 1.200 Wunsch-Standorte sind innerhalb von vier Wochen auf „FixmyBerlin“ eingegangen. Sie werden jetzt geprüft und nach und nach umgesetzt. Für die Bewohnerinnen war das einfach und bequem. Sie konnten innerhalb von einer Minute ihren Bedarf auf der Plattform anzeigen. Dialogveranstaltungen mit den Bürgern zum Bau von Radwegen findet Rintelen wichtig. „Aber in diesem Fall reichte eine einfache Abfrage völlig aus und sprach eine viel breitere Gruppe in der Bevölkerung an“, sagt er.

Momentan testet das Team eine neue Methode im Vorfeld der Radverkehrsplanung. Mit dem Berliner Tagesspiegel haben die Daten-, Kommunikations- und Verkehrsexperten eine Umfrage gestartet, die anhand von 3D-Visualisierungen sämtliche Typen an Radinfrastruktur zeigt und abfragt, auf welcher Art von Radwegen sich die Menschen am sichersten fühlen. „Einen ernsthaften Dialog kann ich digital nicht abbilden“, sagt Rintelen. Aber die Stadtbewohner/innen könnten anhand der Bilder durchaus entscheiden, ob sie auf den abgebildeten Radwegen Fahrrad gerne fahren würden oder nicht.

Mit dieser Umfrage betritt das Team Neuland. Bislang gibt es kaum Untersuchungen über Menschen, die nicht Rad fahren. Wenn Stadtbewohner aber zukünftig tatsächlich mehr Alltagswege auf zwei statt auf vier Rädern zurücklegen sollen, muss man ihre Beweggründe kennen, warum sie es vermeiden. 

Die britische Verkehrswissenschaftlerin Rachel Aldred von der University of Westminster, versucht seit langem zu verstehen, was Menschen am Radfahren hindert. Ihre Studie über Beinahe-Unfälle Investigating the rates and impacts of near misses and related incidents among UK cyclists gibt dazu Antworten. Für diese Untersuchung haben insgesamt 2.586 Radlerinnen und Radler an zwei bestimmten Tagen eine Art Fahrradtagebuch geführt und ihre unangenehmen Erlebnisse im Straßenverkehr protokolliert. Etwa drei von vier Teilnehmern waren erfahrene Fahrradpendler, überwiegend männlich (70 Prozent) und zwischen 30 und 59 Jahre alt. Etwa jeder Dritte von ihnen war in London unterwegs, die anderen ebenfalls aus Städten in Großbritannien.

Das Ergebnis ist aufschlussreich. Die Studienteilnehmer notierten insgesamt mehr als 6.000 Zwischenfälle. Die meisten von ihnen erlebten an dem betreffenden Tag also gleich mehrere unangenehme Erlebnisse. Jeder siebte Vorfall war ein Beinah-Zusammenstoß mit einem Bus oder einem Lkw. Auf der Liste standen außerdem Autos, die mit zu geringem Abstand überholten, blockierte Radwege, das sogenannte Dooring – also das plötzliche Öffnen der Tür eines stehenden Autos – sowie gefährliche Situationen beim Abbiegen oder andere Beinah-Unfälle.

Die wenig erfahrenen Radlerinnen und Radler notierten an dem Studientag rund doppelt so viele "sehr beängstigende" Vorfälle wie die regelmäßig Radelnden. Die Folge war: Ungeübte und unsichere Radfahrer habe die Verkehrssituation so erschreckt, dass sie das Radfahren unverzüglich wieder aufgaben, berichtet Aldred.

Solche Effekte will das Team von „FixmyBerlin“ vermeiden. Sie erhoffen sich von ihrer Umfrage ein klares Stimmungsbild im Vorfeld von Maßnahmen. Wenn die Ergebnisse beispielsweise zeigten, dass das Sicherheitsgefühl der Radfahrer bei Radwegen unter einer bestimmten Breite problematisch sei, müsse man entsprechend größer bauen, sagt Rintelen. 

Heiko Rintelen steht vor seinem Rennrad mit dem er jeden Tag durch Berlin fährt.
Heiko Rintelen gehört zum FixmyBerlin-Team
Andreas Rehkopp

Mithilfe von „FixmyBerlin“ könnte die Verwaltung die Bevölkerung grundsätzlich viel direkter in die Planung einbeziehen. Sie kann sie fragen, was für eine Infrastruktur sie sich wünschen oder brauchen, um von vier auf zwei Räder umzusteigen. Das ist ein komplett neuer Ansatz. Die Bevölkerung kann an der Entwicklung neuer Standards mitwirken. Bislang ist das allerdings nur Theorie.

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