Wenn im Westen der Wind geweht hätte...

Wie das junge Theater aussähe, wenn es auf die Bühne dürfte. Fünf Tipps.

© MEYER ORIGINALS Auf der Bühne sieht man einen kleinen Jungen wild tanzen. Im Hintergrund bewegen sich noch zwei weitere Menschen, ein sehr junger so schnell, dass die Konturen verwischen. Es ist eine Szene aus dem Tanzstück "Mischpoke" von Barbara Fuchs.

Jetzt im Mai sollte das „Westwind“-Festival stattfinden, eins der schönsten Treffen für junges Theater. Ausgewählte Produktionen aus Nordrhein-Westfalen gehen jedes Jahr in den Wettbewerb miteinander, die Szene trifft sich. Dazu geben internationale Produktionen Impulse von außen. Gleichzeitig ist das Festival fast immer auch ein Fest für junge Besucher; mit vielen Spielen außerhalb der Bühne und einer staunenswerten Aufführung nach der anderen.

Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel wäre dieses Jahr Gastgeber gewesen. Dort will es im Herbst Teile des Rahmenprogramms nachholen und ein, zwei internationale Produktionen zeigen. Die Wettbewerbsproduktionen sollen, soweit möglich, dann an den Heimatspielorten gespielt und gezeigt werden. Das Preisgeld aus dem Wettbewerb wird solidarisch verteilt.

Damit das junge Theater doch noch ein bisschen gefeiert wird, hier ein paar Worte zu einigen Produktionen. Es ist eine Auswahl der Aufführungen, zu denen kurzfristig Video-Dokumentationen gesichtet werden konnten.

Fünf Tipps für die Wenn-man-trotz-Corona-wieder-ins-Theater-gehen-kann-Zeit.

Kuscheln, jagen, „kämpfen“

Eine Familie ist eine Familie ist eine Familie: Ein Kind, zwei Kinder, eine Mutter, ein Vater, ein Opa, eine Oma. Dann tauscht man mal ein Kind, dann kommt das Kind wieder zurück, dann ist man eng miteinander, trägt sich. Kurze Zeit später zerrt man aneinander herum, wehrt sich, liebt sich, findet einen gemeinsamen Rhythmus, macht gemeinsam Pause.…

Über der Bühne der „Mischpoke“, wie das kleine Tanzstück von „tanzfuchs“ Barbara Fuchs heißt, hängen ganz viele verschiedene Lampen. Jede hat ihren eigenen Stil, ihre eigene Farbe und ihr eigenes Leuchten: Und doch passt das Ensemble großartig zusammen. Es ist absolut erfrischend, wie die Gruppe der Darsteller*innen, rund 15 Menschen von drei bis 71 Jahren, miteinander tanzt, singt und Musik macht: so entspannt und liebevoll, dass man am liebsten gleich dazu spränge. So spannungsgeladen und lebendig, dass die Bühne die ganze Zeit über (rund 45min) pulsiert. Das ist ein absoluter Tipp!

Kuschen, wüten, flüchten

Um das Thema „Familie“ geht es auch in „33 Bogen und ein Teehaus“ nach dem Roman von Mehrnousch Zaeri-Esfahani. Die Geschichte beginnt im iranischen Isfahan. Die Brücke dort spannt sich über 33 Bögen. Vier Darsteller*innen des Theaters Bonn füllen die große Bühne als ein iranischer Arzt, seine Frau und deren beide Kinder, ein Mädchen und ein Junge. Die Familie ist wohlhabend, aber als der Schah die Macht verliert, freuen auch sie sich. Zunächst.

Unter den Sittenwächtern der neuen Republik passen sie sich oberflächlich an. Dann flüchten sie vor Unterdrückung und Krieg und lassen alles zurück. Über die Türkei und die DDR gelangen sie in die Bundesrepublik. Mehrnousch heißt das Mädchen, das aus ihrer Perspektive den Abend erzählt, Türkisch in sechs Monaten lernt und dadurch Anschluss in Deutschland bei einer türkisch-stämmigen Mitschülerin findet. Mehrnousch bekommt hier nach allen Strapazen vor allem viel Unterstützung von ihrem Lehrer, der ihr Zuversicht vermittelt.

Das Ensemble erzählt die Geschichte mit der ganzen Leichtigkeit dieses gefühlvollen Wirbelwind-Kinds, springt in Nebenrollen und wieder heraus, voller Humor und mit viel Liebe. Carina Eberle hat fließende Szenenübergänge inszeniert, Rhythmus und Rahmen tragen die Spannung, wie es weitergeht. Das alles ist kompakt über die komplette Zeit. Die geskribbelten Animationsfilme von Esther Jahnke vermitteln viel von den Lebensskizzen und -träumen, die immer wieder neu entworfen werden müssen.

Kein erhobener Zeigefinger und kein bemühtes „Theater mit Migrationshintergrund“, sondern eine sehr spannende Geschichte über Flucht und Krieg für Kinder ab elf Jahren.

Fliegen, malen, sich entdecken

Durch seine Flucht entkommt Mehrnouschs Bruder dem Kriegsdienst. Emil Sinclair und sein Freund „Demian“ in Hermann Hesses gleichnamigem Roman dagegen ziehen in den Krieg. Demian wird sein Leben am Ende im Lazarett neben dem Freund verlieren und sich von ihm auch noch verabschieden können. Emil lebt weiter.

Die Geschichte endet hier, er ist erwachsen. „Demian“ ist ein Entwicklungsroman, aus Emils Sicht erzählt. Die Familie scheint hier nur schwach am Horizont auf. Dementsprechend trägt der Schauspieler Doğa Gürer die fast eineinhalb Stunden auch allein, im Monolog. Sprache und Kostüm sind die aus der Zeit der Veröffentlichung, von 1919.

Bei dem lebendigen Spiel wirkt das aber schon bald nicht mehr fremd. Außerdem wird Doğa Gürer von einem spektakulär stimmigen Bühnenbild unterstützt: Die Videokunst von Sascha Vredenburg flimmert über eine schwarze Tafel, die die komplette hintere Wand abdeckt und die der Darsteller immer wieder mit Kreide bemalt. So wie Hesses Roman ein literarisches Kunstprodukt ist, so arbeitet Emil mit Farbe und Malerei – und die Bühne dann eben auch.

Der Schauspieler Doğa Gürer liegt als Ich-Erzähler Emil Sinclair mit weiß geschminktem Gesicht auf dem Bühnenboden, inmitten vieler bunter, verschmierter Farben.
Ein Beitrag zum Westwind-Festival: Doğa Gürer als Demians Freund und Ich-Erzähler Emil Sinclair in Michael Heicks Hesse-Inszenierung.
© Joseph Ruben 2019

Die Motive nehmen Leitmotive auf und variieren sie, man kann sich in ihnen in großer Weite verlieren, obwohl die Bühne des kleinen Bielefelder TAM2 natürlich sehr beschränkt ist. Das Theater Bielefeld ist bekannt für seine kleinen, feinen Inszenierungen an diesem Ort. Hier hat der Intendant selbst inszeniert. „Demian“ ist für die Fast-Erwachsenen, man sollte etwa 15 Jahre oder älter sein, sagt das Theater. Sonst findet man es wahrscheinlich noch nicht so spannend.

Wo das Schaf dem Wolf gute Nacht sagt.

Das Bilderbuch „Ein Schaf fürs Leben“ hat sich schon zum Theaterrenner entwickelt. Die Geschichte ab fünf Jahren ist aber auch ein superspannendes Beziehungsdrama zwischen Fressen und Freundschaft! Genauso geht das Theater mini-art damit um. Die beiden Schauspieler*innen spielen Wolf und Schaf auf kleiner Bühne ohne moralisches Gedöns, aber mit drei, vier Ebenen Darstellungsebenen: Sie erzählen als menschliche Darsteller*innen, mal mit, mal ohne Maske, mit Puppen, die sich am Kopf führen lassen, und mit kleinen Puppen-Figuren.

Crischa Ohler und Sjef van der Linden spielen das Schaf und den Wolf. Sie tragen plastische Masken, die die Gesichter halb bedecken. Der Wolf zeigt dem Schaf gerade seine teure Uhr.
Ein Beitrag zum Westwind-Festival: Crischa Ohler und Sjef van der Linden vom Theater mini-art als Schaf und Wolf in "Ein Schaf fürs Leben".
© Friedel Evers

Das funktioniert so fließend und natürlich, dass man der Geschichte von vorne bis hinten gespannt folgt, auch wenn man sie schon hunderte Male gehört und gesehen hat. Es gibt die Momente, zu denen alle Kinder lachen, weil das Schaf was Lustiges singt, und die große poetische Stille, wenn es den Wolf auf dessen Anraten verlässt.

Wo die Schafe mega-coole Musik machen.

Oder vor allem: die Schweine.

In „Hast du schon gehört“ vom Bonner Theater marabu stehen drei „Schafe“ als Band auf der Bühne. Sie haben Schiss vor dem Wolf und fühlen sich vom Hütehund nicht besonders beschützt. Sie kennen den Wolf nur vom Hörensagen. Die dämonisierenden Gerüchte reichen ihnen. Das ist das doch etwas sehr pädagogische Thema des Stücks. Sehr lustig aber sind die drei Bandmitglieder als Schafe – und sehr cool rocken sie die Bühne, wenn sie zu Schweinen werden. Es wird laut. Wirklich richtig laut! Für alle, denen nach ein paar Monaten laute Konzerte richtig gefehlt haben werden... 

Drei mit großen Hosen verkleidete Musiker spielen als Schafe hinter einem Zaun in einem Garten Musik (E-Gitarre, Kontrabass und Saxofon). Im Vordergrund singt eine Schauspielerin mit einer Jacke aus künstlichem Fell und mit Cowboy-Stiefeln. Sie spielt den Hütehund.
Ein Beitrag zum Westwind-Festival: Der Hütehund (Tina Jücker) rockt mit den Schafen in "Hast du schon gehört?".
© Ursula Kaufmann

Die Inszenierung „Hieronymus“ wäre noch ein sechster Tipp. Sie konnte vor dem Festival (und den Corona-Auflagen) live im Theater gesehen werden. Rezension dazu und ein Bericht in einfacher Sprache sind hier schon erschienen.

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