Können Vögel Künstler sein?

Flugbegleiter-Buchspecial: Janine Burke erkundet den Nestbau. Von Petra Ahne

Umfoto/Shutterstock Ein Vogelnest

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Janine Burke erinnert sich gut, wann sie zum ersten Mal ein Vogelnest in Händen hielt: Es war in einem Museum in Melbourne, sie saß vor der Kiste, die man für sie aus dem Depot geholt hatte, und traute sich nicht, sie zu öffnen. Als Kunsthistorikerin war sie strenge Regeln dafür gewohnt, wenn man sich aus den Museumsbeständen ein Werk bringen läßt: Begleitung durch Mitarbeiter, weiße Handschuhe, um nichts zu beschmutzen, ein Platz, der einem zugewiesen wird. Als ihr klar wurde, dass in diesem Museum nichts dergleichen geschehen würde, öffnete sie die Kiste – und holte das Nest eines Strichelhonigfressers heraus, in das unzählige Emufedern eingearbeitet waren. Es kam ihr vor wie ein „exotischer Beutel, einer Königin würdig, genäht von einer surrealistischen Schneiderin“. Ein Kunstwerk.

Die Szene fasst das Buchprojekt der australischen Kunsthistorikerin zusammen: Sie will, geschult in der Disziplin der Kunstgeschichte, einen Blick in die Naturwissenschaft werfen, und sie will, als Amateurin gewissermaßen, Fragen stellen, die dort unüblich bis verpönt sind. Vor allem diese: Wenn uns Vogelnester, diese erstaunlichen Konstruktionen, zuweilen vorkommen wie Kunst – sind sie es dann vielleicht auch?

Dies bleibt der rote Faden von „Nest – Kunstwerke der Natur“, aber der Faden ist dünn. Dass Janine Burkes Buch lesenswert ist, liegt aber leider weniger an der Stringenz ihrer Gedanken rund um ihre These vom Nest als Kunst, sondern eher an den vielen unterhaltsamen Schneisen, die sie schlägt und die vom Thema Nest nur locker zusammengehalten werden.

Ausgehend etwa von Charles Darwin, der Vögeln ganz fraglos ästhetisches Gespür attestierte und in dessen Tradition Burke sich in dieser Frage ausdrücklich stellt, erzählt sie von John und Elizabeth Gould, einem Ehepaar, das für Darwin auf seinen Forschungsreisen Illustrationen anfertigte. Man erfährt von der Vogelleidenschaft der beiden, aber auch von Entbehrungen, von der Trennung von den in England zurückgebliebenen Kindern. Das ist alles sehr spannend, hat aber mit Nestern nur bedingt zu tun. Es reicht, dass die ambitionierten Goulds zwischen 1840 und 1848 das siebenbändige Werk „Birds of Australia“ veröffentlichten und so viele Vogelarten und deren Nester dargestellten wie kaum je zuvor. Man begegnet in Burkes Anekdotenschatz Charles Dickens und seinen zwei geliebten zahmen Raben, der Schriftstellerin Karen Blixen, die sich fragte, ob der Storch eigentlich in Afrika oder Europa zuhause ist, oder etwa dem romantischen Dichter William Wordsworth, den als Kind ein Spatzennest mit drei hellblauen Eiern darin rührte.

Mehr als um das Nest als Kunst scheint es um das Nest in der Kunst, um Künstler und ihre Vogelliebe zu gehen. Auch pflegt Janine Burke ihre Tendenz zur Vermenschlichung – die sie unverblümt eingesteht, da sieht sie sich ebenfalls in Darwinscher Tradition – zu ungebremst. Passagen, in denen etwa ein Amselmännchen mit „herzerweichenden“ Gesängen um sein Weibchen trauert, oder ein Vogel aus Wut über einen Nebenbuhler aufstampft, sind ziemlich verzichtbar.

RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für Natur und Vogelwelt interessieren! Wir „Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“ bieten jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Unseren Naturjournalismus ermöglichen Abonnenten und Förderabonnenten. Das ganze Angebot gibt es für 3,99€/Monat. Mit unserem kostenlosen wöchentlichen Newsletter erfahren Sie immer zuerst von neuen Beiträgen.

Weiter zur Startseite von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

  1. Corona
  2. Forschung
  3. Ornithologie

Ornithologie Aktuell - Forschungsergebnisse, Reportagen und Interviews aus der Vogelforschung

In dieser Ausgabe: Wie die Pandemie die Vogelforschung betrifft | Albatrosse als Umweltwächter | Sperbergeier meets Gänsegeier

  1. Kunst
  2. Ornithologie

Federn schützen und schmücken – und zeigen dem Menschen seine Vergänglichkeit auf

Eine Ausstellung in Winterthur (Schweiz) widmet sich den Vogelfedern und ihrem Gebrauch durch den Menschen

  1. Ornithologie
  2. Vogelbeobachtung

„Besonders toll sind Erfahrungen, in denen die Vögel ihre Scheu verlieren“

Der Vogelfragebogen: Mit Jonas Landolt, freischaffender Umweltwissenschaftler, Exkursionsleiter und Naturfilmer

  1. Ornithologie

Der Traum jedes Ornithologen: „Ich wusste sofort, das muss eine neue Vogelart sein"

Ein deutscher Forscher entdeckt auf kleinen indonesischen Inseln gleich fünf neue Vogelarten und fünf Unterarten. Ein wissenschaftlicher Jahrhundertfund. Aber kaum entdeckt, könnten die neuen Vogelarten schon bald wieder aussterben. Klimawandel und Naturzerstörung bedrohen sie.

  1. Ornithologie
  2. Vogelschutz

Das Vogelsterben in Deutschland schreitet voran

Vielen Vogelarten in Deutschland geht es schlecht. Wie schlecht, zeigt der neue Bericht zur Lage der Vögel. Danach sind über die letzten 25 Jahre 14 Millionen Vögel aus Deutschland verschwunden. Es gibt aber auch positive Entwicklungen.

  1. Auschwitz
  2. NS-Zeit
  3. Ornithologie

Der Ornithologe von Auschwitz

75 Jahre nach der Befreiung: Interview mit dem Historiker Swen Steinberg über einen bekannten Vogelforscher unter den Tätern

Ein einzelner, geschlossener Waggon auf Schienen. Im Hintergrund sind man das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
  1. Ornithologie
  2. Vogelgesang

Gute Sänger sind schlauer – aber was ist, wenn das gar nicht stimmt?

Wie der Biologe Stephen Nowicki seine Lieblingstheorie beerdigte und damit zeigte, was Wissenschaft ist

Ein grau-brauner Vogel sitzt zwischen Blättern auf einem Ast und singt.
  1. Ornithologie
  2. Rotmilan

Deutschlands heimlicher Wappenvogel unter Druck

Windkraftanlagen und Nahrungsmangel auf Feldern und Wiesen machen es den Rotmilanen schwer.

Rotmilan mit dem typischen gegabelten Schwanz.
  1. Freiflug
  2. Geschichte
  3. Ornithologie

Humboldts Papagei

Die letzten 30 Jahre seines Lebens leistete ein Vogel namens Jakob dem Gelehrten Gesellschaft. Ein Papagei mit ganz eigener Geschichte.

Seitenansicht eines grauen ausgestopften Papageis.
  1. Ornithologie
  2. Vogelbeobachtung

Das Weißkehlchen braucht karge, unordentliche Landschaften

Weniger als 5000 Steinschmätzerpaare brüten in Deutschland. Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Früher ein häufige Art, doch heute gibt es nur noch rund 5000 Brutpaare des Steinschmätzers in Deutschland.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Die Flugbegleiter