Gefährliche Ignoranz

Report zum Insektenschwund: Ein bundesweit und am besten global koordiniertes Monitoring ist nötig.

Von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl Ein weißes Insekt von oben

Weniger Insekten? Das klingt doch nach einer feinen Sache. Früher musste man nach jeder Autofahrt mit Schrubber und Schwamm die Windschutzscheibe säubern. Heute entfällt diese lästige Arbeit. Früher konnte man sich im Sommer der ganzen Krabbel- und Stechtiere nicht erwehren, sie raubten einem die Nachtruhe. Heute kann man vielerorts selbst im Sommer bei offenem Fenster schlafen. Und sind Insekten nicht ohnehin hauptsächlich Krankheitsüberträger, gefährden sie nicht die Ernten? Gibt es nicht immer noch zu viele von ihnen?

So denken nicht wenige Menschen, wenn sie nun vermehrt Schlagzeilen davon lesen, dass die Vielfalt aber vor allem auch die Zahl und Menge von Insekten stark zurückgeht. Doch auch wenn Stechmücken in der Tat mit Abstand das gefährlichste Tier weltweit sind, weil sie Krankheiten wie die Malaria und Erreger wie Zika übertragen, und auch wenn vielerorts Ernten dem Frassbefall zum Opfer fallen – Freude über einen allgemeinen Insektenrückgang ist unangebracht, ja gefährlich.

Insekten spielen in der Natur eine zentrale Rolle. Sie bestäuben Pflanzen – auch solche, die wir zur Nahrung brauchen. Sie zerlegen Kadaver und tote Bäume. Und sie dienen einer Vielzahl von größeren Lebewesen als Nahrung. Wenn nun die Mauersegler wieder über den Städten kreisen, wenn Grauschnäpper von Ästen aus kleine Flüge unternehmen und wenn Schwalben ihre Bahnen ziehen, dann tun sie das, weil sie auf Insektenjagd sind. Die Zeitschrift "Der Falke" präsentiert in ihrer aktuellen Mai-Ausgabe die Ergebnisse jahrzehntelanger Futteranalysen beim Mauersegler: In den 90 Tagen, die diese eleganten Segler in unseren Breiten verbringen, verzehrt eine einzige Familie fast 700.000 Insekten, um am Leben zu bleiben.

Doch die Insektenjagd wird immer schwieriger und aufwändiger. Es gibt fundierte Studien, die zeigen, dass Zahl und Vielfalt der Insekten in vielen Regionen stark am Schrumpfen sind. Zum Symbol dafür ist neuerdings Krefeld in Nordrhein-Westfalen geworden.

"Ein schleichender Niedergang"

Im Orbroicher Bruch nordwestlich der Stadt am Niederrhein haben Entomologen in den Jahren 1989 und 2013 jeweils dieselbe Untersuchungsmethode angewandt: Sie stellten in dem von Wald und Weiden geprägten, rund 100 Hektar großen Naturschutzgebiet weiß leuchtende Zelte auf. Malaise-Fallen heißen die Installationen. Sie sind benannt nach dem schwedischen Insektenkundler René Malaise. Dieser hat sie nicht etwa entwickelt, um lästige Mücken zu töten, sondern zu dem Zweck, einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die fliegende Insekten-Fauna eines Gebiets zu bekommen.


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