Das Gegenteil von Rechtspopulismus ist Denken in den Dimensionen des Anthropozäns

In hysterischen Zeiten kann die Idee den Blick auf das Wesentliche richten. Von Christian Schwägerl

NASA

Seit Brexit, EU-Rechtspopulisten und US-Präsident Donald Trump die politischen Energien des Westens binden, sind es nicht langfristige, sondern sehr kurzfristige Fragen und Probleme, mit denen die Gesellschaften und ihre Politiker beschäftigt sind. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen erheblichen Teil des bisherigen Jahres damit verbracht, mit ihrem Koalitionspartner CSU um die Flüchtlingspolitik zu ringen, obwohl es gar keine zweite krisenhafte Zuspitzung wie im Jahr 2015 gab.

Merkel versucht immer wieder, politische Gegenakzente zur Flüchtlingsdebatte zu setzen und Gespräche über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz oder zu globalen Umweltfragen zu initiieren – nur um damit im politischen Klima unserer Zeit als beinahe exotisch dazustehen und dann – zack – von der CSU, der AfD und politischen Talkshows die nächste Flüchtlingsdebatte aufgezwungen zu bekommen. Der Kanzlerin ist es noch nicht gelungen, die Fixierung der politisch-medialen Öffentlichkeit auf dieses eine Thema mit mächtigen und überzeugenden Worten zu durchbrechen, die da heißen würden: Wer nur noch über Flüchtlinge und Grenzen redet, verliert wertvolle Zeit, die drängendsten Zukunftsfragen zu lösen – er verliert deshalb vielleicht sogar die Zukunft selbst.

Denken in den Dimensionen einer neuen Erdepoche

Der heftigste Preis des öffentlichen Fokus auf rechtspopulistische Themen besteht nämlich darin, dass die tieferen Zukunftsfragen Deutschlands und Europas viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen: dazu zählen Chancen und Risiken neuer Technologien, der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Modernisierung von Städten und ländlichen Regionen, europäische Integration, die Pflege der wachsenden Zahl älterer Menschen und zeitgemäße Bildung ebenso wie der Klimawandel und Naturverarmung, All diese Themen sind Opfer unserer kollektiven Aufmerksamkeitsstörung. Denn für lautstarke Männer wie Trump, Seehofer, Johnson, Orbán und Gauland zählt nur eine hypersubjektive Obsession: die Chance, mit dem Sündenbock Flüchtlinge und mit nationalistischer Nostalgie Ängste und Hysterie zu erzeugen und diese politisch abzuschöpfen.

Als Gegengift für diese rechtspopulistische Hysterie bietet sich ein Denkrahmen an, der aus der Naturwissenschaft stammt. Er fasst die großen Herausforderungen unserer Zeit, die globale Verbundenheit aller Menschen und die langfristigen Folgen unseres Tuns in ein Wort: Anthropozän.

Geprägt vor 18 Jahren vom in Mainz lebenden Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen, bringt der Begriff einen neuen Blick auf unsere Welt zum Ausdruck: Was wir heute tun oder lassen, spielt laut Anthropozän-Idee in erdgeschichtlichen Dimensionen. Neue und alte Technologien, Klimawandel, Biodiversitätsverlust, industrielle Landwirtschaft, das Wachstum der Menschheit vor allem in Städten und viele Faktoren mehr – sie verändern die Erde so tiefgreifend und so langfristig, dass dies nur in den Dimensionen einer neuen Erdedoche zu fassen ist.

Die Aufklärung selbst steht zur Disposition

Eine Arbeitsgruppe von Geologen prüft seit einigen Jahren, ob unsere Erdepoche wirklich von Holozän in Anthropozän umbenannt werden soll. Aber was hat das mit unserer politischen Gegenwart zu tun?

Man könnte sagen, es gebe gerade ganz andere Probleme als die Frage, ob man in ferner Zukunft noch geologische Spuren unseres heutigen Lebens finden wird, ob Plastikmüll oder Elektroschrott bis dahin zu neuen Sedimenten und Fossilien geworden sind. Man könnte die ganze Anthropozän-Diskussion abtun mit dem Hinweis, das Denken in großen, geologischen Zeitskalen sei angesichts akuter Ereignisse vollends abstrakt und lebensfern.

Das wäre aber ein großer Fehler. Gerade wegen Trump und seiner Ideologie ist das Anthropozän in wissenschaftlicher und vor allem kultureller Hinsicht noch relevanter als zuvor. Denn die gesamte rechtspopulistische Bewegung tritt als gegenaufklärerische Kraft auf, die das Vertrauen in die Ordnungsprinzipien und Denkkategorien empirischer Forschung zersetzen will – um letztlich allein subjektive Befindlichkeiten durchsetzen zu können.

Empirisch statt narzisstisch

Die Leugnung des Klimawandels und die Einschnitte bei der Förderung der Geisteswissenschaften in den USA sind nur Schlaglichter einer tiefsitzenden Feindseligkeit gegenüber rationalen, naturwissenschaftlichen Ordnungsprinzipien, wie die geologische Zeitrechnung sie darstellt. Trump und andere Rechtspopulisten zielen deshalb darauf ab, das Vertrauen nicht nur in Medien, sondern auch in die Wissenschaft zu untergraben.

In diesem Kontext erscheint die naturwissenschaftlich begründete Anthropozän-Idee plötzlich wie eine Schutzschicht für die Rationalität, die unsere Zivilisation vor der gefährlichen Strahlung der Demagogie abschirmt. Das Anthropozän-Konzept stellt die aktuelle Weltlage in einen empirischen, evidenzbasierten Kontext – das allein ist schon sehr viel wert. Die geologische Zeitskala ist das Gegenteil der hypersubjektiven Zeitrechnung, mit der ein Donald Trump die Welt sieht. Dabei spielt es gar keine so große Rolle, ob das Anthropozän nun schnell formal anerkannt wird oder nicht. Der Denkrahmen selbst und der akribische Prüfprozess, der aus einer Hypothese entweder eine neue Erdepoche macht oder eben nicht, das ist es, was zählt.

Während Trump als der bestbewaffnete Politiker der Welt als offenkundiger Narzisst die öffentliche Aufmerksamkeit auf Strategien zu seinem Machterhalt und seiner Wiederwahl 2020 ausrichtet, gibt uns die Anthropozän-Idee einen viel größeren zeitlichen Zusammenhang, um über die Gegenwart nachzudenken: Sie zwingt uns zu bedenken, welche langzeitigen Folgen Kapitalismus und Konsum unserer Tage zeitigen werden, wie Flugreisen heute das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen in ferner Zukunft zur „Heißzeit“ machen könnte. Es stellt uns die Frage, ob wir Empathie nicht nur für die aufbringen können, die bald auf Pazifikinseln absaufen, sondern auch für die Menschen des Jahres 2118.

Keine Bürger von Nirgendwo, sondern Bürger der Erde

Zweitens hilft uns die Anthropozän-Idee, die engen räumlichen Grenzen rechtspopulistischen Denkens zu überwinden. Es ist bezeichnend, dass Trump nicht etwa allein die wirtschaftliche Globalisierung zum zentralen Feind erkoren hat, sondern frontal jedweden „Globalismus“. Damit meint er das Denken, das die Erde als Ganzes betrachtet, das die universelle Verbundenheit allen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Lebens thematisiert und jedem Menschen gleiche Rechte zuspricht, unabhängig von seiner Nationalität.

„Es gibt keine Welthymne. Keine Weltwährung. Kein Zertifikat für Weltbürgerschaft. Wir schwören auf nur eine Flagge und das ist die amerikanische Flagge“, hatte Trump schon vor seiner Amtseinführung und vor dem Slogan „America First“ gesagt. Sekundiert wurde er von der britischen Premierministerin Theresa May, die ebenfalls gegen den Globalismus giftete, als sie sagte: „Wer glaubt, ein Bürger der Welt zu sein, ist ein Bürger von Nirgendwo.“

Globalismus – das ist aber das Denken von Aufklärern und Menschenrechtlern seit dem 18. Jahrhundert. Aus gutem Grund hat Andrea Wulf, Autorin des aktuellen Bestsellers über Alexander von Humboldt, Humboldt als Vordenker der Anthropozän-Idee und Trump zugleich als den „Anti-Humboldt“ charakterisiert. Man könnte auch sagen: Der Globalist Humboldt, der in seinem Buch „Kosmos“ vom „Weltorganismus“ schrieb, ist das Gegengift zu Trump. Sein Denken hilft dabei, die Verbundenheit aller Menschen und der Natur jenseits erdgeschichtlich bedeutungsloser Nationalgrenzen zu erkennen.

Bewährungstest für demokratische Prinzipien

Dadurch bekommt das Wort „anthropos“ im Wort Anthropozän eine wichtige Bedeutung: Es geht bei diesem Wort nicht darum, die Schuld für Umweltprobleme dem Menschen als solchem aufzuladen statt spezifischen Tätern, etwa Ölkonzernen. In die Zukunft der neuen Erdepoche gedacht drückt dieses Wort vielmehr aus, dass alle Menschen gleich und gleichrangig über die Erde der Zukunft mitbestimmen sollten – und nicht ein Land den anderen qua Lebensstil die Zukunft diktiert. In einer Zeit, in der die USA den Suprematismus zur Staatsdoktrin erklären, wird der globalistische Geist der Anthropozän-Idee zum Mittel politischer Gegenwehr.

Ein dritter Grund, warum die Anthropozän-Idee so aktuell ist wie nie zuvor, liegt in der schieren Wucht der aktuellen Ereignisse, die drohen, demokratische Zyklen zu sprengen. Dass Wissenschaftler überhaupt durchrechnen, wie etwa der Klimawandel im Jahr 12.017 oder 102.017 spürbar sein wird, mag irrelevant erscheinen. Niemand weiß, was dann sein wird. In Wahrheit handelt es sich aber um eine Gegenwartsdiagnose: Die Langfristigkeit der Effekte spiegelt die gigantische Größe, Geschwindigkeit und Wucht dessen wider, was wir Menschen gerade mit der Erde machen. Mit seiner Politik, Kohlekraft zu fördern, die internationale Klimapolitik zu sabotieren und Abgasgrenzen für Autos zu lockern, betätigt sich Trump als Brandbeschleuniger eines bereits laufenden, von uns allen gefütterten Prozesses.

Jenseits der Instant-Hysterien

Das Anthropozän-Konzept öffnet unsere Augen dafür, dass im schlimmsten Fall die demokratische Zeitskala von vier oder acht Jahren mit ihrer Anfälligkeit für Ablenkungen, Demagogie, Manipulation und Hysterien sich als unfähig erweisen wird, den Problemen gerecht zu werden. „Die Probleme und die Herausforderungen stehen förmlich vor unserer Haustür“, sagt William Reilly, der frühere Chef der US-Umweltbehörde. Aber wer findet die besseren Antworten – ein autoritäres China, das Umweltregeln einfach durchsetzt, oder ein demokratischer Westen, der von solchen Regeln erst Leute überzeugen muss, deren Antwort auf den Klimawandel es ist, einen SUV mit noch höheren Rädern und noch besserer Panzerung zu kaufen? Wir leben inmitten eines Systemwettbewerbs, in dem überhaupt nicht mehr klar ist, dass der Westen überlegen bleiben wird. Den Wettbewerb zu verlieren, wenn inmitten von Klimachaos dann ein neuer Autoritarismus an Macht gewinnt, wäre eine Tragödie.

Die Anthropozän-Hypothese bringt keine fertigen Lösungen mit sich, keine Patentrezepte, keine starre Ideologie. Sie ist vielmehr so radikal offen, dass sie bei unterschiedlichsten Menschen die unterschiedlichsten Zukunftsentwürfe inspiriert, von radikalökologischen bis zu technokratischen Gesellschaften.

Aber sie steht für das Gegenteil von Rechtspopulismus – und das ist nicht eben nicht „linkes“ Denken, sondern Denken mit Hilfe von globalen, humanistischen, ökologischen und empathischen Prinzipien. Gerade wegen dieser inneren Offenheit und Vielfalt bietet die Denkwelt, die hinter dem Anthropozän steht, ein probates Mittel gegen den Rechtspopulismus: Empirie statt Wissenschaftsfeindlichkeit, globales Denken statt Nationalismus, Verbundenheit mit allen Menschen und mit der Natur statt engstirnigem Egoismus. Die Anthropozän-Idee hilft, inmitten von Instant-Hysterien das Wesentliche in den Mittelpunkt zu stellen.

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Mit dem Anthropozän beschäftige ich mich als Politik-, Wissenschafts- und Umweltjournalist seit zehn Jahren. 2010 erschien mein Buch „Menschenzeit“ zu diesem Thema. Es gab den Anstoß für das Anthropozän-Projekt am Haus der Kulturen der Welt und für die Ausstellung „Willkommen im Anthropozän“ am Deutschen Museum München. An beiden Projekten habe ich verantwortlich mitgewirkt. 2016 habe ich zwei Monate als Gast am Institute for Advanced Sustainability Studies an Ideen für Anthropozän-Journalismus gearbeitet.

Demnächst startet auf RiffReporter eine „Koralle“ zum Anthropozän und den Schnittstellen von Natur, Kultur und Technologien. Die beteiligten JournalistInnen suchen derzeit nach einem ansprechenden Projektnamen, der Anthropozänthemen und den journalistischen Charakter ansprechend zum Ausdruck bringt. Ideen gerne an: christianschwaegerl@gmail.com Kommt eine Idee zum Zug, winkt ein mit Dank versehenes Exemplar von „Menschenzeit“, wahlweise auf Deutsch oder Englisch.