Wachstum der Menschheit: Die reine Zahl ist nicht ausschlaggebend, es kommt auf Lebensweisen an

Was soll Überbevölkerung bedeuten, wenn ein kleiner Teil der Menschen pro Kopf ein Vielfaches an Ressourcen konsumiert? Angesichts der Wegmarke von acht Milliarden Menschen braucht es für Klima- und Artenkrise ein Umdenken

30 Minuten
Ein verwitterter Flip-Flop liegt im Dreck.

Am Beginn der Industrialisierung war die Erdhälfte, als sie sich zur Nacht von der Sonne wegdrehte, noch ein schwarzes Nichts im All. Lagerfeuer, Kerzen und Öllampen schafften es nicht, den Filter der Erdatmosphäre zu durchdringen. Dann begann die Menschheit, das gespeicherte Sonnenlicht vergangener Zeiten systematisch aus dem Untergrund zu holen und in Lampen und Maschinen zu entflammen.

Fossile Brennstoffe befeuern seither den faszinierenden Aufstieg des materiellen Wohlstands. Seit dem Siegeszug der Industrialisierung ist auf der Nachhälfte der Erde ein Punkt nach dem anderen erschienen, wie in einer langen prometheischen Kettenreaktion aus Lichtern, Gasflammen, brennenden Wäldern.

„It is like a running blaze on a plain, like a flash of lightning in the clouds. We live in the flicker – may it last as long as the old earth keeps rolling!“

Das lässt Joseph Conrad seinen Hauptdarsteller im „Herz der Finsternis“ über die Lichter entlang der britischen Themse sagen. Seit dem späten 19. Jahrhundert haben sich die Lichtquellen der menschlichen Zivilisation zu großen Flächen vereint, entlang der Küsten bilden sie heute lange Linien, vom All aus zu sehen, im bombastischen Vorspann von Filmen der Universal Pictures zelebriert.

Ohne Fossilenergie und Kunstdünger wären die wenigsten von uns am Leben

Unzählige Handgriffe zum Lichtschalter, zum Generator, zum Streichholz schaffen eine kollektive, rollende Leuchtbotschaft ins All, die von Satelliten und den Astronauten der Internationalen Raumstation in beeindruckenden Bildern zurück zur Erde gelangen, mit coolem Elektrosound unterlegt im Internet kursieren und Filmemacher wie Alfonso Cuarón („Gravity“) inspirieren [1]. In China entsteht eine Megaregion, die 1800 Kilometer lang sein wird, in Westafrika eine Küstenstadt von 600 Kilometern Länge [2].

Durch eine rasche Abfolge von technischen, sozialen und ökonomischen Innovationen haben wir Menschen es geschafft, binnen zweihundert Jahren das Gesicht der Erde grundlegend zu verändern und fast den gesamten Planeten mit uns selbst und unseren Errungenschaften zu überziehen.

Die Ökologie der Erde – das Geflecht aller Lebensbeziehungen – hat die menschliche Ökonomie hervorgebracht, die seit zwei Jahrhundert von den fossilen Lebensgeistern früherer Erdbewohner angetrieben wird. Für Milliarden Menschen von heute wird die industrielle Ökonomie in Form moderner Krankenhäuser und Schulen, globaler Mobilität und einer unfassbaren Vielfalt an Konsumgütern spürbar. Die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, ist stark zurückgegangen.

Die Bildungschancen, besonders von Frauen, haben sich stark erhöht. Die Lebenserwartung bei Geburt ist allein seit 1990 global um sechs Jahre gewachsen, auf nunmehr 72 Jahre [3]. Ohne diese neue Ökonomie, ohne industrielle Landwirtschaft, ohne Kunstdünger, Pharmazeutik und fossile Brennstoffe wären die meisten von uns nicht einmal am Leben. Wir wüssten das zwar auch nicht. Aber schade wäre es trotzdem, denn jeder neue Mensch, der geboren wird, bereichert die Erde mit seiner Fähigkeit zu Bewusstsein, Kreativität und Gemeinschaft.

Von der Plastikkanüle, die bei einer Geburt das Leben von Mutter und Kind rettet, über Autos, die uns wie von Geisterhand bewegt an jeden beliebigen Punkt bringen bis zu Forschungslabors, in denen Millionen Menschen ihrer Neugierde freien Lauf lassen können – das späte 20. und beginnende 21. Jahrhundert stellt für alle, die in Genuss von Wohlstand kommen und nicht unter der akuten Gewalt von Kriegen oder der langsamen Gewalt von Armut litten oder leiden, eine unglaubliche Ausweitung der menschlichen Komfortzone dar. So zumindest denken wir das, was wir heute Wohlstand nennen. Ihn herzustellen und zu verbreiten hat die Erde vom Holozän ins Anthropozän gebracht, in dem nichts mehr auf der Erde unberührt und vom Menschen unbeeinflusst ist.

Vier große Faktoren sind es, an denen sich das Ende des Holozäns festmachen lässt:

Faktor 1: Das Bevölkerungswachstum – aber mit Einschränkung

Wenn heute nur so viele Menschen leben würden wie zur Zeit von Jesus Christus – wenige hundert Millionen – könnten ihre Effekte nicht so global und so langfristig sein, dass sie sich zu einer neuen geologischen Erdepoche summieren. Fossile Brennstoffe, effizientere Landwirtschaft und bessere Medizin haben die Überlebenschancen und die Lebenserwartung stark erhöht. Im Jahr 1800 gab es bereits eine Milliarde Menschen, 1930 zwei Milliarden, 1960 drei Milliarden. Im Oktober 2011 kam der 7.000.000.000te Mensch zur Welt, Danica May Camacho, ein Mädchen von den Philippinen, das die Vereinten Nationen auserwählen, diese prominente Rolle wahrzunehmen [5]. Am 15. November 2022 wurde nun die Wegmarke von acht Milliarden Menschen erreicht.

Würden diese Menschen gleichmäßig über die Landfläche der Erde (ohne Antarktis) verteilt leben, kämen auf jeden einzelnen Quadratkilometer 65 von ihnen.

Allein zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2022 ist die Zahl der Menschen von 6,1 Milliarden auf 8 Milliarden gestiegen – das entspricht pro Monat zweimal der Einwohnerzahl Berlins. Man stelle sich vor, man hätte diese Stadtflächen in der Hand und müsste aussuchen, wo auf dem Globus man sie absetzt.

Das phänomenale Wachstum der Menschheit: 1804 1000000000, 1975 4000000000, 2022 8000000000, Prognose 2080 10000000000
Ab jetzt soll sich das Wachstum der Menschheit der UN zufolge abflachen.
Masse Mensch: Im 20. Jahrhundert hat Homo sapiens seinen Spitzenplatz als häufigste Primatenart auf der Erde uneinholbar ausgebaut. Zusammen mit den domestizierten Tieren beherrscht der Mensch die Erde auch von der reinen Biomasse her, zumindest im Vergleich zu anderen wildlebenden Wirbeltieren. Homo sapiens liebt die Zusammenballung mit Artgenossen, wie hier bei einem Basketballspiel in Berlin,
Masse Mensch: Im 20. Jahrhundert hat Homo sapiens seinen Spitzenplatz als häufigste Primatenart auf der Erde uneinholbar ausgebaut. Zusammen mit den domestizierten Tieren beherrscht der Mensch die Erde auch von der reinen Biomasse her, zumindest im Vergleich zu anderen wildlebenden Wirbeltieren. Homo sapiens liebt die Zusammenballung mit Artgenossen, wie hier bei einem Basketballspiel in Berlin,
Kunstwerk von David Thomas Smith: „Anthropocene“. Eine Art Satelitenbild mit kaleidoskopartigen Effekt.
Kunstwerk von David Thomas Smith: „Anthropocene“
Nach Analysen von US-amerikanischen Forschern in Kooperation mit Google sind allein zwischen dem Jahr 2000 und 2012 auf 2,3 Millionen Quadratkilometern Wälder verschwunden – was einer Fläche von 1500 mal 1500 Kilometern entspricht. Einer der Schwerpunkte der Entwaldung ist die indonesische Insel Borneo. Im Bild zu sehen ist ein Gebiet, das für das sogenannte Mega-Rice-Projekt mit dem Versprechen des Reisanbaus entwaldet, aber dann zum Anbau von Ölpalmen verwendet wurde.
Nach Analysen von US-amerikanischen Forschern in Kooperation mit Google sind allein zwischen dem Jahr 2000 und 2012 auf 2,3 Millionen Quadratkilometern Wälder verschwunden – was einer Fläche von 1500 mal 1500 Kilometern entspricht. Einer der Schwerpunkte der Entwaldung ist die indonesische Insel Borneo. Im Bild zu sehen ist ein Gebiet, das für das sogenannte Mega-Rice-Projekt mit dem Versprechen des Reisanbaus entwaldet, aber dann zum Anbau von Ölpalmen verwendet wurde.
Ein Braunkohlekraftwerk. Aus den Schornsteinen strömt Rauch.
Die Stromerzeugung mit Braunkohle, wie hier im Kraftwerk Schkopau bei Halle, ist besonders CO2-intensiv. Deutschland hat einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kohlenutzung, doch Umweltschützer warnen, das Ausstiegsdatum sei zu spät anberaumt.
Unterwasseraufnahme eines Korallenriffs.
Korallenriffe gehören zu den artenreichsten marinen Lebensräumen. Sie sind existenziell bedroht, wenn der Ozean durch den CO2-Eintrag immer saurer wird und die Wassertemperatur schnell steigt. Wissenschaftler beobachten zwar auch Fähigkeiten der Anpassung, aber das Tempo der Veränderung ist so schnell, dass Riff wie das Große Barriereriff im Pazifik dem physiologischen Stress nicht gewachsen sind.
Viele kleine Kakteen in Blumentöpfen. Es sind immer drei Stück in einem durchsichtigen Plastikpaket.
Gezüchtete Natur: Wo die Grenzen von normaler Evolution und künstlicher Züchtung verlaufen und ob es diese überhaupt gibt, das ist für die Anthropozän-Diskussion eine wichtige Frage. Die in einem Möbelhaus angebotenen Kakteen haben mit ihren wilden Verwandten vielleicht die Gene, aber nicht die Lebensweise gemein.
Symbolbild Aktienmarkt.
Gehören lebendige Wälder, ein stabiles Klima und artenreiche Meere in die Buchhaltung unseres Wirtschaftssystems? Bisher nicht. Ausgerechnet unsere Lebensgrundlagen gelten als „Externalitäten“.

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Lektorat: Petra Ahne