Twittern oder Zwitschern?

Warum es jetzt so wichtig ist, die Sinne für die Vögel zu öffnen. Von Christian Schwägerl

Jeffrey Haak/Shutterstock Ein Rotkehlchen sitzt auf einem Ast.

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Ein Mann hält die Welt in Atem. Greift Donald Trump zu seinem Telefon und tippt eine Twitternachricht ein, gehen wenige Minuten später Eilnachrichten um die Welt. Trump fordert dies, Trump fordert das. Vom amerikanischen Präsidenten heißt es, er könne seine Aufmerksamkeit nicht länger als ein paar Minuten bei einem Thema halten. Aber wir Medienkonsumenten sind in Gefahr, an einer anderen Form von Aufmerksamkeitsstörung zu leiden. Dem Trump-Tunnelblick. Während der US-Präsident sein Handy wahrscheinlich nach dem Tweet wieder weglegt und zum nächsten Thema springt, kleben viele Menschen an ihren Bildschirmen und verfolgen gebannt die Weiterungen. Könnte es sein, dass wir vor lauter Trump dabei sind, den Blick für Wesentliches zu verlieren?

Es wird jetzt morgens wieder früher hell, der Frühling kündigt sich an. Wer das viel besser weiß und spürt als wir Menschen sind die Vögel. Gestern früh ist ein Kranich knapp über meine Wohnung mitten in Berlin geflogen, laut rufend; vielleicht ein Rückkehrer aus dem Süden, vielleicht einer, der hier geblieben ist. Jedenfalls verkündete er laut, dass er in Richtung Frühling fliegt. Vergangene Woche schon war nachts ein großer Schwarm Graugänse über das Haus hinweggezogen, auf dem Weg nach Norden.

Morgens meldet sich jetzt eine feine, flötende Stimme zu Wort. Vor dem Fenster meines Schlafzimmers singt ab fünf Uhr morgens ein Rotkehlchen. Der Gesang hat Ähnlichkeit mit dem einer Amsel, nur ist er melancholischer, weniger triumphal. Da singt das Rotkehlchen also, um sein Revier zu markieren, um einen Partner für die neue Saison zu finden, vielleicht auch aus einer vogelspezifischen Form von Freude am Singen, die Wissenschaftler noch nicht vermessen können.

Ein Rotkehlchen auf einem Stein.
Noch ein Rotkehlchen, denn es muss nicht immer etwas Neues sein. Genau hinsehen, genau hinhören – Vogelbeobachten ist ein guter Weg, Ruhe und Fokus zu finden.
Tomatito / Shutterstock

Die heilende Kraft des Vogelgesangs

Für das menschliche Ohr klingt das Flöten des Rotkehlchens wunderbar. Es könnte akustischer Seelenbalsam sein, kostenlos, und das am Beginn des Tags, hätte man nur die Muße, sich darauf einzulassen. Es könnte eine Meditation sein, um zu sich zu kommen, seinen Ort auf der Welt wahrzunehmen und den Tag zu beginnen.

Hätte, könnte, würde... Denn jeden Morgen konkurriert das Rotkehlchen mit dem Drang, mein Smartphone zu aktivieren und den gar nicht feinen Strom der Weltnachrichten in mein Leben zu lassen. Einen Aufweckkaffee braucht es dann eigentlich nicht mehr. In meinem Kopf brodelt es, meine Aufmerksamkeit ist in Washington und sonstwo auf der Welt. Und draußen singt das Rotkehlchen.

Natürlich will ich nicht dazu aufrufen, Trump einfach zu ignorieren oder sich biedermeierlich in den privaten Genuss zurückzuziehen. Aber sich in seinen Sog ziehen zu lassen, als wäre er ein lebendes Schwarzes Loch, sich sein Innenleben von ihm diktieren zu lassen, das kann auch nicht gut sein. Irgendwoher muss man doch die Kraft schöpfen, sich der ganzen Negativität zu stellen und gegen sie anzuarbeiten. Die Vögel können uns dabei helfen.

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