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Haben alle Menschen, die das Robert-Koch-Institut als „genesen“ zählt, Covid-19 wirklich überstanden?

Viele PatientInnen, die in der Statistik als genesen gelten, sind von „Long Covid“ betroffen und leiden für Wochen oder Monate an der Krankheit

19.05.2020
6 Minuten
Das Symbolfoto stellt einen Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses dar. Ein Monitor stellt Informationen über seinen Gesundheitszustand dar.

Bei RiffReporter berichten WissenschaftsjournalistInnen für Sie über die Pandemie

Kurze Antwort

Viele Menschen, die das Robert-Koch-Institut in seiner Statistik als „genesen“ zählt, haben Covid-19 nicht wirklich überstanden. Es handelt sich bei den Zahlen des RKI nämlich nur um eine pauschale Schätzung des Krankheitsverlaufs, nicht um eine Berechnung auf der Grundlage von Arztberichten. Die Belege und Studien mehren sich, dass ein erheblicher Teil der Menschen, die mit dem Virus SARS-Cov-2 infiziert waren, mit längerfristigen gesundheitlichen Problemen konfrontiert ist. Dazu zählen Herzerkrankungen, kognitive Störungen, Blutgerinnungsstörungen und Erschöpfungszustände. Die pauschale Behauptung des RKI, alle Erkrankten seien nach einer kurzen Zeit genesen, ist daher falsch und verharmlost die Krankheit. Eine korrekte Formulierung in der Statistik wäre „nicht mehr infektiös.“

Erklärung

Es ist inzwischen medizinisch anerkannt, dass Covid-19 nicht mit der Phase der akuten Infektion beendet sein muss. Ein erheblicher Teil der Betroffenen hat über Wochen und Monate ernsthafte Probleme. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control an Prevention haben im Herbst 2020 eine umfassende Liste Problemen des sogenannten „Long Covid" vorgelegt. Dazu zählen als häufige Probleme Erschöpfungszustände, Kurzatmigkeit, Husten, Brustschmerzen und Gelenkschmerzen. Zudem könnten kognitive Probleme („brain fog“ genannt), Depressionen, Kopf- und Muskelschmerzen, Fieberschübe und Herzrasen auftreten. Seltener träten Herzmuskelentzündungen, Lungen- und Nierenprobleme, Hautausschläge, fortgesetzte Einschränkungen des Geruchs- und Geschmackssinns, Schlafprobleme und weitere psychische Probleme wie Angststörungen auf.

Long Covid sei „ein reales und ziemlich verbreitetes Phänomen“, sagte der führende US-amerikanische Corona-Experte Anthony S. Fauci Anfang Dezember 2020 bei einer Tagung.

Die Webseite des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Pandemie bietet aber einen anderen Eindruck. Dort ist in einer grün gefärbten Rubrik von „Covid-19-Genesenen” die Rede. Der Webseite zufolge ist derzeit der allergrößte Teil der Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, nicht mehr daran erkrankt. Doch das ist eine Schätzzahl und nicht, wie es in manchen Medienberichten hieß, eine Zahl der „nachweislich Genesenen". Die Angabe gründet nämlich nicht auf Berichten von Krankenhäusern und Ärzten darüber, dass PatientInnen wieder vollständig von Covid-19 genesen sind und kein „Long Covid“ haben. Vielmehr geht das RKI von pauschalen Fristen aus, nach denen ein Erkrankter die Krankheit überwunden haben sollte. Das dient dazu, den Verlauf der Epidemie grob abzuschätzen, vor allem hinsichtlich der Frage, wie viele Menschen noch ansteckend sind. Die sich daraus ergebende Zahl gibt aber keine Informationen über die individuellen Verläufe.

„Je nach Verfügbarkeit werden in Abhängigkeit von Erkrankungsbeginn beziehungsweise Meldedatum feste Zeitintervalle addiert, wobei angenommen wird, dass der Großteil der Personen in diesem Zeitraum bereits wieder genesen ist“, teilte das RKI auf Anfrage von RiffReporter mit. Anlass für die Anfrage vom Mai 2020 war ein Bericht im Science Magazine über Langzeitfolgen von Covid-19.

Viele Covid-19-PatientInnen haben die Krankheit nicht schon nach zwei Wochen überstanden

Menschen, die nicht zur Behandlung stationär ins Krankenhaus müssen, gelten der Zählmethode des RKI zufolge pauschal 14 Tage nach Erkrankungsbeginn als genesen. Bei Menschen, bei denen kein Erkrankungsbeginn bekannt ist, werden ab dem Meldedatum der Krankheit 14 Tage addiert, bis sie entsprechend eingestuft werden.

Menschen, die zur Behandlung stationär ins Krankenhaus müssen, auch solche mit Behandlung auf der Intensivstation, gelten 7 Tage nach ihrer Entlassung als genesen. Liegen zum Datum der Einweisung ins Krankenhaus keine Informationen vor, werden auf Erkrankungsbeginn oder Meldedatum 28 Tage addiert.

Das RKI begründete diese pauschalen Fristen im Frühjahr 2020 zunächst mit dem aktuellen Wissen über die Krankheit. So hat die Weltgesundheitsorganisation Daten aus China ausgewertet: Bei milden bis mittelschweren Verläufen beträgt die Zeit bis zur Genesung demnach zwei Wochen, in schwereren Fällen drei bis sechs Wochen.

Im Herbst 2020 teilte das RKI auf eine neuerliche Anfrage hin mit, „Genesene“ sei zu verstehen „als Menschen, die die akute Infektion überstanden haben“. Es gebe verschiedene Projekte zu Langzeitfolgen. In die Meldedaten gingen Langzeitfolgen jedoch nicht ein und würden auf diesem Weg nicht systematisch erfasst. Im Dashboard steht in einem weniger gut sichtbaren Bereich: „Da im Einzelfall auch deutlich längere Erkrankungsverläufe möglich sind, bzw. die hier genutzten Informationen nicht bei allen Fällen dem RKI übermittelt werden, sind die so berechneten Daten nur grobe Schätzungen für die Anzahl der Genesenen und sollten daher auch nur unter Berücksichtigung dieser Limitationen verwendet werden." Im RKI-Steckbrief der Krankheit steht, dass an Covid-19 Erkrankte auch Wochen oder Monate nach der akuten Erkrankung noch Symptome aufweisen können. Aber auch das werden deutlich weniger Menschen sehen als die leuchtend grüne und prominent platzierte Zahl der angeblich „Genesenen“.

Mit der Verwendung des Begriffs „Genesene“ widerspricht das RKI der eigenen Definition von Genesung als „zählbarer Abgang aus der Menge der Erkrankten/Betroffenen und Rückkehr in die Bevölkerung unter Risiko“. Denn weder wird aktuell die Zahl der wirklich Gesunden konkret ermittelt noch kann beim sogenannten „Long Covid“ von einem „Abgang aus der Menge der Erkrankten“ gesprochen werden.

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Zahlreiche langfristige Probleme, die Mediziner überrascht haben

Schon im Frühjahr 2020 mehrten sich Berichte über Langzeitfolgen von Covid-19. Dazu zählten anekdotische Berichte von Einzelpersonen ebenso wie ärztliche Befunde über schwerwiegende Verläufe, etwa durch eine Beteiligung zahlreicher Organsysteme. Hinzu kamen Berichte über Schlaganfälle bei jungen und mittelalten PatientInnen, die mit der Sars-CoV-2-Infektion in Verbindung gebracht wurden, Immunschocks bei Kindern, die der Kawasaki-Krankheit ähneln, sowie Komplikationen bei Menschen, die mit einer sogenannten Intubation künstlich mit Sauerstoff versorgt wurden.

„Wir haben viele Fälle gesehen, in denen Menschen eine lange, lange Zeit brauchen, um sich zu erholen“, sagte Alessandro Venturi, der Direktor des Krankenhauses San Matteo in der lombardischen Stadt Pavia, der New York Times. Er fügte hinzu, dass die Beschwerden ausgerechnet bei Menschen mit leichteren Symptomen oft länger anhalten. „Es ist nicht die Krankheit, die 60 Tage dauert, es ist die Genesung“, sagte er. „Es ist eine sehr lange Rekonvaleszenz.“

Der Virologe Peter Piot, Mitentdecker des Ebola-Virus, Direktor der London School of Hygiene & Tropical Medicine und einer der wissenschaftlichen Berater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Coronakrise, schrieb Anfang Mai nach seiner eigenen Covid-19-Erkrankung im Magazin Science, er habe auch viele Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch erhebliche Probleme.

Piot warnte: „Viele Menschen denken, dass Covid-19 ein Prozent der Patienten tötet, und der Rest kommt mit einigen grippeähnlichen Symptomen davon. Aber die Geschichte ist komplizierter. Viele Menschen werden mit chronischen Nieren- und Herzproblemen zurückbleiben. Sogar ihr Nervensystem erleidet Schaden. Weltweit wird es Hunderttausende von Menschen geben, möglicherweise noch mehr, die für den Rest ihres Lebens Behandlungen wie eine Dialyse benötigen werden. Je mehr wir über das Coronavirus erfahren, desto mehr Fragen kommen hinzu.“

Die Erfahrungen von Menschen mit „Long Covid“ hat auch das RiffReporter-Projekt „#50survivors" von tactile.news dokumentiert. Zudem gab es ausführliche Berichte in großen Medien wie der Süddeutschen Zeitung, New York Times, der Washington Post und dem Wall Street Journal.

Herzentzündungen, Gedächtnisprobleme, Embolien

Im Verlauf des Jahres 2020 erhärteten mehrere wissenschaftliche Studien den Verdacht, dass „Long Covid“ nicht nur ein ernsthaftes, sondern auch weit verbreitetes Phänomen ist und eine Vielzahl von Problemen umfasst, von Gedächtnislücken und sogenanntem „brain fog“ über Blutgerinnungskrankheiten, Herzbeschwerden bis zu Autoimmunproblem.

Im Juli 2020 berichteten italienische Wissenschaftler im Fachmagazin Jama, dass in einer Gruppe von 147 Menschen, die eine Corona-Infektion durchlaufen hatten, auch durchschnittlich 60 Tage nach Beginn der Symptome nur 18 Prozent gänzlich von diesen frei waren. 32 Prozent hätten ein oder zwei Symptome aufgewiesen, 55 Prozent drei oder mehr Symptome. Dazu zählten besonders Erschöpfung und Kurzatmigkeit. Britische Experten wiesen darauf hin, dass Covid-19-Patienten oftmals längerer Krankschreibungen bedürfen als am Beginn der Pandemie erwartet worden war,

Berichtet wird auch über Fälle von Thrombosen und Lungenembolien, die sich erst nach der ersten akuten Phase der Krankheit entwickelt haben, ebenso von anhaltenden Schäden an Herz und Lunge, die zum Beispiel bei einer österreichischen Studie entdeckt wurden. Forscher aus Deutschland, Italien und Russland fanden bei 60 Prozent der Patienten nach einer Covid-19-Erkrankung Anzeichen von Herzentzündungen, die einer längerfristigen Überwachung bedürfen.

Im Oktober publizierten britische und US-amerikanische WissenschaftlerInnen Daten aus einer Patientenerhebung, derzufolge von 4182 Menschen, die eine Infektion durchlaufen hatten, rund 13 Prozent Symptome wie Kurzatmigkeit auch nach mehr als 28 Tagen aufwiesen und 4,5 Prozent nach mehr als acht Wochen. Bei der Arbeit handelt es sich um ein Pre-print, eine wissenschaftliche Begutachtung steht also noch aus. (Siehe auch: Was ist ein Pre-print?)

In Großbritannien haben Wissenschaftler eine großangelegte Studie über die möglichen Langzeitfolgen von Covid-19 begonnen mit dem Ziel, 10.000 PatientInnen zu untersuchen. Im September 2020 riefen Ärzte, die selbst von Langzeitproblemen nach Infektionen betroffen sind, im British Medical Journal zu verstärkten Forschungsanstrengungen auf.

Auch bei den Langzeitfolgen zeigt sich also, dass Covid-19 keine reine Atemwegserkrankung ist, sondern eine systemische Erkrankung, die viele Teile des Körpers betreffen kann, vom Gehirn bis zu den Zehen. Die Erforschung von Covid-19 hat letztlich erst begonnen und es gibt viele offene Fragen – auch dazu, wie lange sich die Krankheit hinzieht und wieviele Menschen lebenslange Folgen erleiden werden.

Fazit

Die Zahlen in der Rubrik „Genesene“ auf der RKI-Webseite geben kein realistisches Bild der Krankheitsverläufe, da die Langzeitfolgen von Covid-19 und der Anteil der davon betroffenen PatientInnen nicht berücksichtigt sind. Eine genauere Formulierung für die Statistik wäre deshalb „nicht mehr infektiös" statt „genesen". (Christian Schwägerl)

Quellen:

Dieser Beitrag wurde im Herbst 2020 aktualisiert und mit neuen Erkenntnissen zu „Long Covid“ ergänzt.

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