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Warum empfiehlt die Ständige Impfkommission die Corona-Impfung vorerst nicht für alle Jugendliche?

Die Impfkommission spricht vorerst wie erwartet keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren aus

von
11.06.2021
4 Minuten
Ein zwölfjähriges Mädchen wird in einer Arztpraxis von dem Hausarzt Tim Koop (l) mit dem Serum von Biontech/Pfizer geimpft. Hausärzte haben begonnen, Kinder und Jugendliche gegen das Coronavirus zu impfen.

Am 10. Juni 2021 hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlung zur Corona-Impfung bei Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren veröffentlicht. Die Impfung wird nur für bestimmte Gruppen empfohlen:

  • bei bestimmten Vorerkrankungen wie Immunschwäche, einer Reihe schwerer chronischer Erkrankungen, Trisomie 21 oder Krebs
  • wenn Angehörige oder andere Kontaktpersonen ein Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben, sich aber nicht impfen lassen können oder trotz Impfung vermutlich nicht ausreichend geschützt sind
  • wenn Jugendliche am Arbeitsplatz ein höheres Infektionsrisiko haben.

Wenn keines dieser Kriterien vorliegt, wird die Impfung bei Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren im Moment nicht allgemein empfohlen. Die Stiko weist aber darauf hin, dass eine Impfung nach ärztlicher Aufklärung dennoch möglich ist, wenn die Betroffenen und ihre Sorgeberechtigten das wünschen und die Risiken akzeptieren.

Die Empfehlungen beziehen sich vorerst nur auf den bislang einzigen für diese Altersgruppe zugelassenen Impfstoff Comirnaty von BioNTech/Pfizer. Er ist bereits seit Ende Dezember 2020 für 16– und 17-Jährige zugelassen, seit Ende Mai 2021 auch für 12– bis 15-Jährige. In den bisherigen Empfehlungen hat die Stiko die 16– und 17-Jährigen nicht gesondert betrachtet. Falls 16– und 17-Jährige bereits eine erste Impfung erhalten haben, sollen sie laut STIKO unabhängig von der aktuellen Empfehlung die zweite Impfung bekommen.

Wie die Impfkommission ihre Empfehlung begründet

Bei dieser Empfehlung hat die Stiko zahlreiche Aspekte für die Altersgruppe berücksichtigt und dafür aktuelle wissenschaftliche Studien ausgewertet. Bei ihrer Bewertung haben die Wissenschaftlerïnnen auch die Unsicherheit des Wissensstandes einbezogen. Betrachtet wurden etwa:

  1. Das Risiko für schwere Verläufe: Covid-19 verläuft bei den 12– bis 17-Jährigen nach den derzeitigen Wissensstand überwiegend ohne Symptome oder mit milden bis moderaten Beschwerden. Bei bestimmten Vorerkrankungen steigt das Risiko für schwere Verläufe jedoch.
  2. Das Risiko für Komplikationen: Das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) mit schweren entzündlichen Reaktionen ist sehr selten und lässt sich inzwischen gut behandeln. Wie häufig und schwerwiegend Long-Covid in der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre ist, lässt sich bislang schwer abschätzen.
  3. Die Rolle im Infektionsgeschehen: Laut Stiko-Auswertung spielen Kinder und Jugendliche nur eine untergeordnete Rolle bei der Weiterverbreitung von SARS-CoV-2.
  4. Der Nutzen des Impfstoffs: Die Stiko schätzt die Wirksamkeit als sehr gut ein. Allerdings sind in der Zulassungsstudie mit knapp 2.000 Teilnehmenden in der Kontrollgruppe nur sehr wenige Covid-19-Fälle aufgetreten, was die Aussagekraft etwas schmälert. Da es keine schweren Covid-19-Erkrankungen und Covid-bedingten Krankenhausaufenthalte in der Studie gab, lässt sich der Nutzen in dieser Hinsicht nur aus den Daten für Erwachsene ableiten und wird ebenfalls als sehr gut eingestuft. Allerdings ist das Basisrisiko für schwere Verläufe bei gesunden Kindern und Jugendlichen sowieso sehr gering, so dass der Impfstoff absolut betrachtet keinen großen Schutzeffekt bewirkt.
  5. Die Risiken des Impfstoffs: Impfreaktionen mit Comirnaty können bei jungen Menschen stärker ausfallen als bei Älteren, dauern in der Regel jedoch nur kurz und klingen ohne Folgen ab. Zu seltenen Nebenwirkungen bei den 12– bis 17-Jährigen lassen sich aufgrund der relativ wenigen Teilnehmenden in der Zulassungsstudie und der relativ kurzen Studiendauer laut STIKO keine verlässlichen Aussagen treffen. Die Untersuchungen zu Verdachtsfällen von Herzmuskelentzündungen (Myokarditis), die in seltenen Fällen vor allem bei jugendlichen und jungen Männern beobachtet wurden, sind noch nicht abgeschlossen.
  6. Die Auswirkungen auf die Covid-19-Fälle insgesamt: Eine Modellierung ergab, dass eine Impfung von Kindern und Jugendlichen vor allem indirekt Erwachsene vor Intensivbehandlung und Tod schützen würde. Die können sich jedoch selbst impfen lassen. Und je mehr Erwachsene sich impfen lassen, desto weniger wirkt sich die Impfung der 12– bis 17-Jährigen auf die Anzahl der schweren Covid-19-Verläufe in allen Altersgruppen aus. Umgekehrt können geimpfte Erwachsene verhindern, dass sich Kinder und Jugendliche überhaupt anstecken. Deshalb sieht es die Stiko insgesamt als sinnvoller an, die begrenzt verfügbaren Impfstoffe für Erwachsene mit höherem Risiko als für gesunde Kinder und Jugendliche einzusetzen.

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Wie geht es jetzt weiter?

Die Stiko wird neue Studienergebnisse fortlaufend auswerten. Dazu gehören die Daten aus der laufenden Impfstoff-Überwachung des Paul-Ehrlich-Instituts. Inzwischen hat auch der Impfstoff-Hersteller Moderna die EU-Zulassung für seinen Impfstoff für 12– bis 17-Jährige eingereicht.

Ergeben sich neue Erkenntnisse, wird die Stiko die Empfehlung anpassen. Explizit weist die Stiko darauf hin, dass Kinder und Jugendliche auch ohne Impfung an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens teilnehmen dürfen sollen.

Dr. Iris Hinneburg, Stand 11.06.2021

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