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Desinfizieren ganz ohne Chemie – geht das?

Über falsche Versprechungen und die Tücken der Desinfektion. Ein Gespräch mit dem Hygiene-Experten Nils-Olaf Hübner.

von
03.09.2020
7 Minuten
Aus einer Flasche tropft etwas Desinfektionsmittel in eine Hand.

In Pandemie-Zeiten sind Desinfektionsmittel gefragt. Für den häuslichen Gebrauch werden auch „biologische Desinfektionsmittel“ beworben, die besonders hautverträglich und ökologisch sein sollen. Ein Gespräch über die Desinfektion mit Nils-Olaf Hübner, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und Chefhygieniker an der Universitätsmedizin Greifswald.

Was genau ist eine Desinfektion überhaupt, was passiert da?

Ein Desinfektionsmittel greift Mikroorganismen, also Pilze, Viren oder Bakterien an und verringert ihre Anzahl, sodass die verbliebene Dosis nicht mehr ausreicht, um eine Infektion auszulösen. Ein Gegenstand ist dann desinfiziert, wenn von ihm keine Infektion mehr ausgehen kann. Anders als bei der Reinigung werden die Infektionserreger bei der Desinfektion also nicht mechanisch entfernt, sondern abgetötet bzw. inaktiviert. In der Medizin ist es wichtig, dass eine Desinfektion immer auf eine nachvollziehbare Weise geschieht und dabei immer das gleiche Ergebnis erzielt wird.

Porträt von Nils-Olaf Hübner, Professor an der Universitätsmedizin Greifswald.
Nils Hübner ist Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und Chefhygieniker an der Universitätsmedizin Greifswald.

Auch wenn die Werbung es verspricht, wir alle wissen, dass es nicht ausreicht, einfach einen Haushaltsreiniger auf eine Verschmutzung zu geben – und fertig. Gleiches gilt für ein Desinfektionsmittel. Viel treffender ist es daher, von einem Prozess der Desinfektion zu sprechen. Diesen Prozess beeinflussen mindestens vier Faktoren: das verwendete Mittel, die Art der Anwendung, wie lange es einwirkt und wie stark die Verschmutzung bzw. Kontamination ist.

Wie reagieren die Erreger auf die Desinfektion?

Unterschiedlich. Jedes Mittel hat bestimmte Wirkbereiche. Erreger unterscheiden sich sehr stark in ihren Eigenschaften. Das betrifft zum Beispiel die Art der Krankheit, die sie auslösen, aber eben auch ihre Fähigkeit, einer Desinfektion zu widerstehen. Manche Erreger sind durch ein Mittel nach 5 Minuten komplett zerstört, andere sind durch dieselbe Substanz selbst nach Tagen überhaupt noch nicht angegriffen. Desinfektionsmittel, die Alkohol als Wirkstoff enthalten, wirken zum Beispiel sehr gut gegen behüllte Viren, wie zum Beispiel Sars–CoV–2. Sie können aber überhaupt nichts gegen Bakteriensporen ausrichten, wie sie zum Beispiel der Durchfallerreger Clostridium diffizile oder Clostridium perfingens, der Erreger des Gasbrandes, bilden. Bevor ich eine Desinfektion mache, muss ich wissen: mit welchen Mikroorganismen muss ich rechnen, welchen oder welche Erreger will ich abtöten und wie sind die Rahmenbedingungen?

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Historisches Foto aus dem Jahr 1877; zwei Männer in weißer Kleidung ziehen einen Handkarren mit Desinfektionsmittel durch die Straßen Londons. Ein bärtiger Mann mit Zylinder und dunkler Kleidung steht daneben.
Zwei Männer ziehen einen Desinfektionswagen durch die Straßen Londons (1877).
Farbige Illustration, auf der Menschen zu sehen sind, die auf einem Kliff am Meer stehen und Mikroben mit einem Puder bzw. einer Flüssigkeit der französischen Firma Anios bestäuben oder besprühen, die Mikroben (Anthrax, Typhus, Cholera, Maul- und Klauenseuche) stürzen daraufhin ins Meer.
Der Kampf gegen die Mikroben mit dem Desinfektionsmittel der französischen Firma Anios, Abbildung aus dem Jahr 1910.
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Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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Ulrike Gebhardt

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