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Corona und die Psyche: Wie geht es den Helfern?

Überforderung, Stress, Hilflosigkeit: Extremsituationen wie eine Pandemie gehen an niemandem spurlos vorbei. Vor allem nicht am medizinischen Personal.

12.04.2020
5 Minuten
Das Bild zeigt eine Frau, die komplett in medizinische Schutzkleidung aus Plastik gehüllt ist. Man sieht ihre rot lackierten Fingernägel, aber ansonsten wenig. Sie steht vor dem Krankenhaus.

Corona global: RiffReporter berichten von fünf Kontinenten über die Pandemie

Thomas Robey ist müde. Den Vormittag über hat er auf seine beiden Kinder aufgepasst. Die Jungs, fünf und neun Jahre alt, sind rund um die Uhr zu Hause, seit in Seattle die Schulen wegen der Corona-Pandemie geschlossen wurden.

Doch die Kinderbetreuung ist für den 41-Jährigen nur der erste Abschnitt des Tages. Der zweite beginnt um 15 Uhr, wenn er ins Krankenhaus fährt, Gummihandschuhe überstreift und eine N95-Atemschutzmaske über Mund und Nase zieht. Die Schicht endet selten vor Mitternacht.

Robey ist Notfallmediziner in einer Klinik in der Nähe von Seattle – jenem US-Bundesstaat, in dem der erste Covid-19-Fall in den USA aufgetreten ist. „Seitdem hat sich vieles verändert“, erzählt Robey über Skype. Es ist wieder einmal spät geworden, aber der Arzt scheint zufrieden zu sein. „Wenn ich von meinem Zimmer aus in die Notaufnahme blicke, ist gerade niemand zu sehen. Das ist ein gutes Zeichen.“

Der Ausbruch der Lungenkrankheit hat die Region hart getroffen. Bis Anfang April hatten sich allein im US-Bundesstaat Washington über 8000 Menschen angesteckt; fast 500 sind bisher gestorben (Stand: 10. April).

„Wir haben in der Notaufnahme 15 Betten, die nur für Covid-19-Patienten reserviert sind“, erzählt Robey. „Sie sind eigentlich immer besetzt. Und wenn nicht, dann werden sie aufwändig gereinigt, um für den nächsten Patienten bereit zu sein.“

Nahaufnahme eines Arztes mit Mundschutz und Gesichtsvisier
Notfallmediziner Thomas Robey
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Mediziner wie Robey befinden sich derzeit in einer Ausnahmesituation: immer unter Strom, immer in Sorge, die Schutzkleidung könnte ausgehen oder die Fallzahlen könnten steigen. „Wir gehen sparsam mit dem Material um und kommen derzeit noch gut damit aus“, sagt der Notfall-Mediziner. Auch hätten sich in seinem Krankenhaus bislang keine Kolleginnen und Kollegen mit dem Virus infiziert.

Nachdenklich fügt er hinzu: „Auch in New York dachten alle, sie wären vorbereitet.“

Die Pandemie bringt Ärzte und Pfleger weltweit an ihre Grenzen. Vielerorts gibt es nicht mehr genügend Beatmungsgeräte für alle Patienten. Menschen, deren Beruf es ist, Krankheiten zu heilen, müssen plötzlich entscheiden: Wer darf leben? Wer muss sterben?

Selbst an Profis geht so etwas nicht spurlos vorbei. In einem Interview mit dem Magazin Buzzfeed schilderte ein New Yorker Arzt kürzlich die Zustände an seinem Arbeitsplatz: Es fehle an allem. Ärzte und Pfleger seien am Limit, manche weinten auf den Fluren. Die viel bejubelten „Helden“ hätten in Wahrheit gar keine Wahl: „Wenn ich’s nicht mache, verliere ich meinen Job. Und wenn ich ihn mache, könnte ich sterben.“

Ein Zwiespalt, an dem viele zerbrechen

Dass Ärzte an ihrem Job zerbrechen, kratzt für viele am Selbstbild. Neu ist das Phänomen indessen nicht. Schon 1978 schilderte der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, dass viele Ärzte deutlich öfter zu Alkohol und Rauschgift greifen als andere Bevölkerungsgruppen. In seinem Werk „Hilflose Helfer“ beschrieb er den Zwiespalt, an dem viele zerbrächen:

Einerseits der unbedingte Wille, anderen zu helfen.

Andererseits die Unfähigkeit, die eigene Hilfsbedürftigkeit einzugestehen.

Wohl gemerkt: Schmidbauer beschäftigte sich mit den Zuständen zu normalen Zeiten. Welche langfristigen Folgen die Corona-Pandemie haben wird, konnte er nicht abschätzen.


Das Bild zeigt einen weißhaarigen Mann in weißer medizinischer Schutzkleidung in gebeugter Haltung. Er reibt sich mit der linken Hand das Gesicht.
Ein Mitarbeiter des Wyckoff Heights Medical Center in Brooklyn, New York, reibt sich vor dem Gebäude das Gesicht. Viele Ärzte und PflegerInnen kommen durch die Coronakrise an die Grenzen ihrer Kräfte.

Schon jetzt zeigen sich die Auswirkungen, auch in Europa. „Wir sind alle ausgebildet, mit schwierigen Situationen und auch mit dem Tod umzugehen“, sagt Roswitha Koch, Sprecherin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefrauen und Pflegemänner. Trotzdem hätten die Fälle von Burnout, Depression und Angststörungen bereits zugenommen, vor allem in besonders betroffenen Ländern wie Spanien, Frankreich oder Italien.

Nach ein, zwei Monaten ausgebrannt?

Doch auch in der Schweiz hinterlasse die Arbeitsbelastung in manchen Regionen bereits ihre Spuren: „Wenn ich rund um die Uhr auf Station arbeite, brauche ich zwischendurch Erholung“, sagt Koch. „Sonst bin ich nach ein, zwei Monaten ausgebrannt – die Pandemie geht aber länger.“

Die Forderung des Berufsverbands: Das Arbeitszeitgesetz müsse unbedingt eingehalten werden. Außerdem brauche es genügend Schutzausrüstung. „Wenn die fehlt, sind Ängste nicht verwunderlich“, sagt Koch. „In Spanien müssen sich viele Kollegen ihre Schutzausrüstung inzwischen selbst basteln. Das ist sehr dramatisch.“

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe sieht es ähnlich: Besonders in der Altenpflege mangele es an Masken, während in den Kliniken der psychische Druck zunehme: „Hier ist es die Ungewissheit, die für das Personal schwer zu ertragen ist“, sagt Verbandssprecherin Johanna Knüppel. „Und die ständige Unsicherheit.“

Pflegepersonal am stärksten betroffen

Als 2003 die Sars-Epidemie den nordamerikanischen Kontinent erreichte, war die kanadische Provinz Ontario besonders betroffen. 44 Menschen starben, darunter drei Mediziner. Nachdem der Ausbruch abgeklungen war, beschäftigte sich eine Studie der Royal Society mit der Frage, wie stark sich die Epidemie auf die Psyche des medizinischen Personals ausgewirkt hatte. Demnach empfanden Pflegerinnen und Pfleger die Situation meist belastender als Ärztinnen und Ärzte.

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Auch Kinder spielten eine Rolle: Krankenhaus-Mitarbeiter, die direkten Kontakt zu Infizierten hatten, kehrten oft mit einem mulmigen Gefühl nach Hause zurück. Hinzu kamen die soziale Isolation und ein Stigma: Viele der Befragten wurden von ihren Freunden aus Angst vor Ansteckung gemieden.

Die Studie zeigt aber auch Lösungen auf, von denen manche erstaunlich simpel klingen. Demnach können Kliniken ihren Angestellten am besten durch praktische Hilfen unter die Arme greifen: Ein besserer Austausch, zum Beispiel durch Videokonferenzen, kann die soziale Isolation mindern. Aufmunternde Worte des Arbeitsgebers können das medizinische Personal ebenfalls beruhigen („Euer Job ist sicher, auch wenn ihr euch ansteckt“).

Auch eine gute Pressearbeit zahlt sich offenbar aus: Als kanadische Medien Pfleger als „Helden“ porträtierten, wirkte sich dies auf deren Wohlbefinden aus. Die „Helden“ fühlten sich prompt weniger gestresst.

Diesmal kann es jeden treffen

Erfahrungen, wie man Medizinern in Extremsituationen helfen kann, hat auch die Hilfsorganisation „Médecins Sans Frontières“ (MSF). Seit den 1970er-Jahren schickt sie Ärzte in Krisen- und Kriegsgebiete, um Nothilfe zu leisten. Ob Aids, Ebola oder jetzt Corona: Fast jede Seuche der jüngsten Zeit haben die „Ärzte ohne Grenzen“ mitgemacht.

Und doch ist dieses Mal etwas anders: „Normalerweise sind die Krisen immer weit weg“, sagt Donatella Paioro, Psychotherapeutin bei MSF in Genf. „Diesmal löst das Virus besonderen Stress aus, weil es alle treffen kann, auch uns und unsere Familien.“ Wenn Ärzte aus ihrem Einsatz zurückkommen, rät ihnen die Expertin zu einem Ausgleich: „Für manche kann das Sport sein, andere treffen sich mit Freunden. Aber all das geht im Moment ja nur bedingt.“

Umso wichtiger sei es, auf sich selbst zu achten. Neben körperlicher Betätigung komme Schlaf eine besondere Rolle zu. „Wenn er fehlt, sind wir weniger widerstandsfähig“, so Paioro. Ärzte und Pfleger müssten deshalb gerade jetzt auf ihre Ruhezeiten achten – eine Schlussfolgerung, die sich mit der zuvor erwähnten kanadischen Studie deckt. Die Forderung des Schweizer Berufsverbands der Pflegefrauen und Pflegemänner, die Arbeitszeiten auch in Krisenzeiten einzuhalten, sollte also durchaus ernst genommen werden.

„Dafür bin ich Arzt geworden“

In Seattle ist sich Notfallmediziner Thomas Robey der Gefahren bewusst. „Die Leute, die in der Notaufnahme arbeiten, haben sogar ein noch größeres Burnout-Risiko“, weiß er zu berichten. Er selbst sieht sich indessen nicht betroffen. „Ich kenne die Gefahren und ich gebe mein Bestes“, sagt der 41-Jährige. „Dafür bin ich schließlich Arzt geworden.“

Also alles kein Problem? „Der hohe Stress hat unser Team noch mehr zusammengeschweißt“, sagt Robey. „Außerdem mache ich regelmäßig Sport und verbringe viel Zeit mit meiner Familie.“ Er überlegt einen Moment, dann schiebt er noch einen Satz nach: „Die Zukunft kann niemand vorhersagen.“

***

Der Text ist zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. Für RiffReporter wurde er behutsam modifiziert.

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Steve Przybilla

Steve Przybilla

Steve Przybilla (Jg. 1985) ist freier Journalist. Zu seinen Schwerpunkten gehören USA-Reportagen sowie Mobilitäts- und Datenschutz-Themen. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der NZZ und bei FAZ Quarterly.


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