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Das Museum kommt nach Hause!

Katja (erwachsen) und Tilda (10) erzählen, wie sie Kunst gemacht haben. Und was Kunst überhaupt ist.

von
17.01.2021
35 Minuten
Irma, ein fünfjähriges Mädchen, blickt auf ihre Schwester Tilda (10 Jahre alt). Tilda guckt in die Kamera und macht Quatsch. Beide tragen alte Klamotten, die man dreckig machen kann. Sie wollen nämlich mit Farbe schmieren und Kunst machen „wie Paul Klee“. Im Hintergrund stehen große Papierrollen an der Wand.

Wie viele Museen kann man die Kunstsammlung NRW (Nordrhein-Westfalen) auch über das Internet besuchen. Auf YouTube zum Beispiel hat sie einen eigenen Kanal und schon mehrere Videos für Kinder und Jugendliche und eigentlich auch für Erwachsene hochgeladen. In den Videos werden nicht nur Kunstwerke von Künstlern erklärt. Sondern es wird auch gezeigt, wie die Bilder und Skulpturen entstanden sind und wie man das selbst ausprobieren kann. So kann man seine eigene Kunst machen und zuhause mit der Zeit ein ganzes Museum aufbauen – mit den eigenen Werken!

Tilda (10) und Irma (5) haben das zusammen mit ihrer Mutter Katja ausprobiert. Alva (12) und Orla (8) waren zu Besuch und haben mitgemacht. Ihre Mutter Mareike hat fotografiert.

Auf einer blauen Wachstischdecke voller Farbe sitzen drei Mädchen und beginnen, ihre weißen Blätter zu gestalten. Die weiß-braune Hündin guckt zur Seite.
Orla (8), Irma (5) und Tilda (10) machen Kunst. Eira ist eine Hündin und war auch dabei. Sie „wollte die ganze Zeit mittendrin sitzen“, sagt Mareike, Orlas Mutter.

Katja arbeitet als Kunst- und Philosophielehrerin und hat viel Material zuhause, also Farben, Stifte, Pinsel, Papier und einiges mehr. Sie sagt, das ist gar nicht unbedingt nötig, um Kunst zu erfahren. Hier liest du ein Interview mit Dr. Katja Wagner-Westerhausen und ihrer Tochter Tilda Wagner.

Christiane Enkeler: Wie habt ihr euch getroffen und wie ist der Tag dann abgelaufen?

Katja: Gegen Mittag haben wir uns mit einer befreundeten Mutter und ihren beiden Töchtern getroffen. Die drei probieren selbst nicht so viel Künstlerisches aus. Aber vor allem die Kinder wollten das machen und wir beiden Erwachsenen haben uns dann angeschlossen.

Tilda: Wir haben uns bei uns zuhause getroffen…

Katja: … weil ich ja auch Kunstlehrerin bin und ein Arbeitszimmer habe, in dem man rumsauen kann. Und die Sachen dafür, Materialien, habe ich auch hier.

Vier Mädchen von fünf bis zwölf Jahren sitzen vor einem Notebook auf dem Boden und gucken im Internet ein Video. Die Kunstsammlung NRW erklärt auf YouTube für Kinder, wie einzelne Künstler gearbeitet haben.
Irma (5), Tilda (10), Alva (12) und Orla (8) gucken sich noch mal den YouTube-Kanal der Kunstsammlung NRW an, bevor sie selbst loslegen und schneiden, sprühen, kneten.

Woher wusstet ihr, was ihr braucht?

Katja: Bevor wir uns getroffen haben, haben wir uns die Videos zu den verschiedenen Künstlern angeschaut. Dann durften die Kinder aussuchen, wozu sie am meisten Lust haben.

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Tilda, warum hast du dich für Paul Klee entschieden?

Tilda: Ich fand cool, wie der das macht mit den Spritzern und mit den Schablonen. Wie das Ergebnis dann aussah und die Technik.

Hier sieht man das Blatt Papier, das Tilda mit grüner und blauer Farbe besprüht hat. Sie hatte ein Gesicht als Schablone darauf gelegt. Diese Flächen sind weiß geblieben.
So sieht es aus, wenn Tilda Kunst macht „wie Paul Klee“. Aber ihre Mutter wird am Ende noch verraten, dass man kein ganzes Zimmer zum Rumsauen braucht, um zuhause Kunst zu machen…

Wie bist du auf dein Motiv gekommen, auf das, was dein Bild am Ende zeigt?

Tilda: Im Film wird ein Gesicht genommen und das habe ich dann auch gemacht. Und ich habe einfach ein paar Formen von Alltagsgegenständen genommen.

Tilda hockt auf dem Boden und hat einen Becher vor sich auf das Blatt Papier gestellt. Mit einem Stift fährt sie unten um den Becherboden herum – und hat eine runde Form gezeichnet.
Tilda nimmt einfach einen Becher und zeichnet so einen Kreis.

Wie lange habt ihr gebraucht für alles? Und haben die Erwachsenen geholfen?

Katja: Knapp zwei Stunden vom Aufbauen bis zum Abbauen.

Tildas jüngere Schwester Irma hockt auf dem Boden über ihrem Papier. Direkt hinter ihr hockt ihre Mutter Katja, die Arme links und rechts an Irma vorbei über das weiße Blatt. Dort hält sie ein Sieb und sprüht mit einer Zahnbürste Farbe über das Papier. Die Farbe kommt überall hin. Aber da, wo Irmas Schablone liegt, bleibt das Blatt weiß.
Katja hilft ihrer Tochter Irma (5) bei der Spritz- und Sprühtechnik. Katja ist ja Kunstlehrerin.

Das war ja echt schnell!

Tilda: Ja, zwei Stunden, und manchmal haben die Erwachsenen ein bisschen geholfen, aber eigentlich haben wir das fast alleine gemacht.

Katja: Ich fand spannend, mir vorher die Videos mit den Kindern anzusehen und zu gucken: Welcher Künstler interessiert uns? Aber vor allem: Was möchten wir selbst mal ausprobieren? So war das ganz gut vorbereitet.

Man sieht nur das angewinkelte Knie von Irma in einer Jeans. Darauf liegt eine ausgeschnittene Sonne mit Augen und Mund.
Irma hat sich für ein Sonnengesicht entschieden. Daraus wird jetzt ein Bild!

Wie macht ihr denn sonst Kunst miteinander?

Katja: Ich bringe ganz viele Ideen aus der Schule mit. Gerade jetzt, zu Corona-Zeiten, haben wir häufig geguckt: Was haben wir an Material und was können wir damit machen?

Bei Paul Klee haben wir die Technik in dem Video ein bisschen geändert. In dem Film sprüht man Wasserfarbe, damit das etwas Graffiti-Effekt hat. Und zwar mit leeren Sprühflaschen, zum Beispiel Putzmittelflaschen. Aber dann ist die Farbe so dünn. Und man muss die Flasche jedes Mal ganz reinigen, wenn man die Farbe wechselt. Deswegen haben wir das mit Spritzgittern und einer alten Zahnbürste gemacht.

Jetzt liegt die Schablone von Irmas Sonnengesicht auf einem Blatt, drumherum noch andere ausgeschnittene Formen. Jemand hält ein Sieb darüber. An einer Zahnbürste hängt Farbe wie an einem Pinsel. Wenn man jetzt mit der Zahnbürste immer wieder über das Sieb fährt, sprüht die Farbe in ganz feinen Tropfen auf das Bild darunter.
Irmas Sonnengesicht bekommt Farbe.

Das wurde auch viel feiner.

Katja: Genau. Das wurde feiner und intensiver, kräftiger. Meine beiden Töchter fanden auch noch zwei andere Filme gut. Dabei hätten wir aber mehr gebastelt. Die anderen beiden Mädchen, Alva und Orla, wollten auf keinen Fall Wolle! Die wollten mehr rumsauen. Auf Paul Klee konnten wir uns dann einigen.

Auf einer blauen Wachstischdecke hockt die achtjährige Orla über ihrem Blatt Papier. Vor ihr liegen der Wasserfarbkasten und eine bunte Palette zum Farbenmischen. Sie guckt in die Kamera. Links hält sie ein Sieb, rechts eine Zahnbürste mit Farbe. Auf dem Papier sind schon ein paar Spritzer verteilt.
Orla (8) guckt mal kurz hoch, während ihr Bild entsteht. Sie saut rum und macht dabei Kunst. Man kann schon am Malkasten sehen, dass sie kürzlich das Violett benutzt hat: Die Farbe ist noch ganz nass.
Die zwölfjährige Alva zeigt einen leeren Karton. Innen ist er bunt von grün über blau bis violett, alles kleine Spritzer, die sie mit der Spritztechnik verteilt hat.
Alva (12) nutzt die Spritztechnik für den Hintergrund einer Box. Vielleicht ist es ein Schuhkarton. Sie macht kein Bild. Sie macht eine Skulptur, etwas, das im Raum steht. Also nicht flach an der Wand hängt oder auf dem Tisch oder Boden liegt. Sie schreibt: „In dem Raum sollte es bunt sein und ganz bestimmt keine Tapete geben. Das ist ein Raum, in dem man so sein kann, wie man will, ohne irgendeinen Einfluss von außen. Deswegen gibt es keine Fenster – aber man den Raum trotzdem jederzeit verlassen, auch wenn es keine Tür gibt, allein durch die Kraft seiner Gedanken.“

Katja: Alva hat ja auch Katharina Fritsch gemacht und mit Ton gearbeitet. Sie hat ihn aber nicht bemalt wie in der Anleitung, sondern dafür die Spritztechnik genommen. Also: Wir haben uns von den Videos anregen lassen. Aber wir haben die Aufgaben unseren Wünschen und eigenen Ideen angepasst.

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War den Mädchen das Vorbild in den Videos wichtig, der Künstler oder die Künstlerin?

Katja: Es war ganz interessant zu sehen, wie einzelne Künstler arbeiten. Aber an unserem gemeinsamen Tag wollten wir vor allem selbst was machen. Ich vermute, dass sie die Vorbilder vielleicht sogar schon vergessen haben.

Ist dir das als Kunstlehrerin wichtig?

Katja: Das hängt davon ab, wie alt die Schülerinnen und Schüler sind. Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist das Selbermachen. „Mach es wie Picasso“ oder „Mach es wie Katharina Fritsch“ – so etwas taucht im Unterricht ganz häufig auf. In der Oberstufe gibt es viel mehr Theorie: Wer ist der Künstler? Was möchte er aussagen? Was ist seine Arbeitsweise? Das finde ich okay, dass die „Kleinen“ das noch nicht alles wissen müssen und erst mal eigene Erfahrungen machen.

Irma zeigt ihr fertiges Bild und freut sich offenbar sehr darüber. Sie hatte Schablonen auf ein weißes Blatt gelegt und dann mit Farbe darüber gespritzt. Unter den Schablonen ist das Blatt weiß geblieben. Jetzt zeigt es eine weiße Sonne mit einem erstaunten Gesicht und leicht gekringelten Strahlen drumherum.
Irmas Sonnengesicht ist fertig! Hier kannst du sehen, dass sie noch viele andere Formen um die Sonne herum gelegt hat. Die sehen auf den ersten Blick nicht wie Strahlen aus. Aber wenn sie neben der Sonne liegen, weiß man nicht, wer mehr strahlt: Irma oder ihr Bild.

In dem Film zu Klee heißt es etwa: Er malt oder zeichnet oft so, dass man sagen könnte: Das hat ein Kind gemacht. Wo ist denn dann da der Unterschied, zwischen einer Kinderzeichnung und großer Kunst?

Katja: Das diskutiere ich ganz oft mit meinen älteren Schülern oder Eltern von Schülern.

Wenn zu moderner Kunst, oder zu der Kunst von Paul Klee zum Beispiel, jemand sagt: Das kann ich auch! Das kann ein Kind auch! Dann kann ich nur sagen: Ja, aber du hast es nicht gemacht!

„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Ich habe älteren Schülern einmal zu Beginn dieses Themas im Unterricht eine Malunterlage gezeigt. Die wurde bei uns seit Jahren von vielen Schülern verwendet und war total bekritzelt – als Unterlage, nicht als Bild. Dazu habe ich sie gefragt: Ist das Kunst oder kann das weg? In den Müll? Die meisten haben gesagt: Das ist doch nur zufällig entstanden, das ist doch nur Gekritzel, das könnte mein Kindergartenbruder auch. Das kann weg.

Und dann haben wir selber mal rumgesaut. Wir haben abstrakt gemalt – also, keine Gegenstände oder Menschen, keine Bäume und Tische und Trauben, Sonne und Haus, sondern Gedanken und Gefühle direkt aufs Papier, mit Mustern, Linien und Farben. Unter Anleitung. Wir haben uns natürlich auch vorher noch etwas angeguckt und besprochen. Das fanden die hinterher ganz toll. Obwohl das auch nur Gekritzel war und „Rumsauerei“. Aber durch das Selbermachen haben sie verstanden, was daran Kunst ist. Das war ein riesiges Bild und hinterher durfte sich jeder ein Stück davon ausschneiden. Aber sie wollten das Kunstwerk nicht zerschneiden.

Natürlich kommt es auch darauf an: Gab es das schon? Oder ist das jetzt meine neue Idee?

„Kunst kommt von Können. Man übt, und dann kann man das.“

Meine Schüler sagen ganz schnell: Kunst kommt von Können. Der kann halt auch was. Das stimmt! Meistens, wenn man sich anguckt, was Künstler, die „Kindergartenbilder“ gemalt haben, sonst noch gemacht haben, dann können die schon richtig gut zeichnen.

Richtig gut zeichnen zu können, das ist Handwerk. Da gibt es Tricks. Aber das ist ja, als lernte man Matheformeln auswendig. Man übt, und dann kann man das.

„Aber um wirkliche Kunst zu machen, reicht das nicht aus.“

Aber um wirkliche Kunst zu machen, reicht das nicht aus. Das ist tatsächlich, etwas Neues zu machen. Etwas, was noch nie da gewesen ist. Den Blick dafür zu haben, „Kunst“ in etwas zu sehen und das dann auch rausholen zu können. So zu zeigen, dass andere das auch sehen. Und auch Abnehmer zu finden. Jemanden, der es kaufen möchte.

Ja?

Katja: Das ist eine schwierige Frage. Aber ich finde: Ja. Auch. Der Vorspann der Videos zeigt auch die Arbeitsweise von Günther Uecker, der überall Nägel reinschlägt. Damit etwas zu sagen, war seine Idee und seine Kunst. Wenn man jetzt plötzlich wieder Nägel irgendwo reinschlägt, ist das nicht mehr neu und keine Kunst mehr. Aber trotzdem darf man das machen. Kunst soll ja auch Spaß machen. Und wenn man Spaß hat, Nägel irgendwo rein zu hauen, dann soll man das machen.

Hier ist ein Bild von einer früheren Ausstellung zu Günther Uecker in Düsseldorf. Und in Schwerin wird bis Mai 2021 eine Ausstellung gezeigt.

Man sieht ganz nah die beiden Hände von Alva, wie sie aus Ton eine Phantasiefigur kneten. Darunter sieht man unscharf eine grüne Unterlage, die sie zum Arbeiten benutzt, ein paar Werkzeuge und viele Farben.
Alva (12) knetet die Figur, die später in die Box kommen soll. Sie schreibt dazu: „Sie ist keine Traumfigur, sie ist meiner Phantasie entsprungen – das war das Schöne daran, sie konnte so entstehen, wie ich sie wollte.“

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Jetzt überlege ich…. Der Film erzählt: Paul Klee konnte zu seiner Zeit auch vielen nicht vermitteln, nicht zeigen, was an seiner Arbeit „Kunst“ ist.

Katja: Genau. Das konnte er zu seiner Zeit vielen nicht vermitteln, und ich denke tatsächlich, dass er das auch heute vielen nicht vermitteln kann. Viele meiner Schüler würden auch sagen: Das ist keine Kunst. Das kann ich auch.

Tilda, was sagst du? Würdest du dir ein Bild von Paul Klee aufhängen?

Tilda: In mein Zimmer nicht, glaube ich.

Katja: In Tildas Zimmer hängt das Bild, das entstanden ist, als wir die Kunst gemacht haben.

Wohin würdest du dir denn Paul Klee hängen?

Tilda: Also wenn ich ein eigenes Haus hätte, dann vielleicht übers Sofa.

Dahin, wo es Besuch sieht?

Tilda: Ja. Dann können die sich auch von Paul Klees Kunst anregen lassen. Und vielleicht finden die den dann auch gut und hängen bei sich auch ein Bild auf.

Alvas Figur steht jetzt auf der grünen Arbeitsunterlage.
Alva stellt ihre Figur auf die Arbeitsunterlage. „Wenn die Figur hätte sprechen können, hätte sie vielleicht gesagt 'mach mir größere Ohren’ oder so und das wäre irgendwie schade gewesen“, sagt sie.

Würdest du für dieses Bild ins Museum gehen? Um es in echt zu sehen?

Tilda: Wenn der Eintritt frei ist…

Katja: Ich denke, dass ganz wichtig ist, die Bilder in echt zu sehen. Welche Spuren der Pinsel auf der Leinwand hinterlassen hat. Natürlich können sich wenige Menschen einen echten Paul Klee ins Wohnzimmer hängen. Dann würde ich ein selbst gemachtes Bild bevorzugen. Nur: Es ist einfacher, Dinge aufzuhängen, die andere gemacht haben. Das ist ja sehr persönlich. Was ist, wenn andere das nicht gut finden? So ein Bild ist wie ein eigenes Kind. Oder Kunst, an der man lange gearbeitet hat.

Alva zeigt ihre Figur. Man kann ein Gesicht erkennen, wenn man möchte. Oder?
Hier kannst du dir Alvas Skulptur ganz genau ansehen.

Vielleicht verstehen andere aber auch gar nichts! Man kann Kunst einmal so sehen: Das kann ja jeder. Man kann Kunst aber auch so sehen: Das verstehe ich nicht. Darunter kann ich mir gar nichts vorstellen.

Katja: Wenn ich jetzt ein sehr gut gemaltes Bild vor mir habe, auf dem alles täuschend echt aussieht. Da kann man sagen: Das ist gemalt wie fotografiert. Das ist handwerklich super gemacht. Das könnte ich so nicht und das bewundere ich. Über Musik könnte man so etwas sicher auch sagen.

„Nicht immer sind die Berühmtesten die Besten.“

Wenn meine Schüler sich mit berühmten Künstlern vergleichen und sagen: Mein Bild, das ist im Grunde wertlos. Dann sage ich: Das stimmt ja so nicht. Sie können ja versuchen, etwas dafür zu bekommen. Aber man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Man muss vielleicht schon die richtigen Leute kennen und gefördert werden. Man muss Talent haben. Und man muss etwas Neues machen. Oder was den Leuten besonders gut gefällt. Nicht immer sind die Berühmtesten die Besten. Ich unterrichte ja auch Philosophie. Da geht es um die Kunst des Denkens. Man kann auch fragen: Kann jeder ein Philosoph sein? Oder nur der, von dem Bücher veröffentlicht werden?

Man sieht das Sonnenbild von Irma ganz nah. Die Farbe glitzert und schillert.
Irmas Sonne glitzert im Licht.

Was muss ich denn wissen, um Kunst zu verstehen? Oder ist das einfach ein Blitz in meinem Gehirn? Oder meiner Seele?

Katja: Man muss einen persönlichen Zugang für sich zum Bild finden. Da ist auch erst mal egal, was andere sagen. Ich finde, man soll zuerst das Bild auf sich wirken lassen. Was sehe ich da? Ich finde mich erst mal in dem Bild zurecht. Was fühle ich? Was denke ich? Was weiß ich vielleicht über die Zeit, in der der Künstler gelebt hat? Wie war sein persönliches, privates Leben? Oder hat er vielleicht einen Krieg erlebt wie viele andere zu ihrer Zeit? So bekomme ich einen Zugang zu dem Bild und zu dem, was der Künstler mir darüber sagen möchte. So denke ich, kann man Kunst dann auch verstehen.

Man sieht Orlas Bild ganz nah: ein eckiges Gesicht mit zwei kleinen Kreisflächen links und rechts neben den Ohren und einem großen hellen „Ball“ direkt über dem Kopf.
Im Bild von Orla (8) sieht es aus, als sei jemandem gerade ein Licht aufgegangen. Als hätte jemand gerade etwas verstanden.

Es ist auch okay, wenn mir etwas nicht gefällt, obwohl alle sagen: Das ist Kunst?

Katja: Ja, klar. Kunst will ja auch gar nicht immer gefallen. Manchmal will Kunst ja auch provozieren, also ärgern und herausfordern. Oder Kunst möchte, dass wir mehr über etwas nachdenken.

Im Hintergrund des Bildes hockt die achtjährige Orla und sprüht mit Farben über Papier. Im Vordergrund sieht man ganz groß den wild ausgebeuteten Malkasten. Alle Farben wurden schon oft benutzt.
Hier siehst du eine vertiefte Orla (8), die gerade Kunst macht.

Du hast als Kunstlehrerin bestimmt viel Material zuhause. Was können denn Familien machen, die nicht so viele Farben, Kleber, Wolle oder Papier gesammelt haben? Oder wenn die Eltern nicht so viel Zeit haben?

Katja: Kurz vor dem ersten Lockdown hatte ich mit meinen Schülern zu Max Ernst gearbeitet. Der hat sich mit dem Zufall beschäftigt und mit Experimenten, hat ganz viel ausprobiert. Und während des ersten Lockdowns habe ich dann zu meinen Schülern gesagt, dass sie doch einfach mal Experimente machen sollen. Also: Vielleicht kann man auch mit Kaffee malen und zeichnen. Oder vielleicht geht es auch mit Dingen, die man im Alltag findet. Kunst und Alltag haben ganz viel miteinander zu tun.

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Wie könnte ich mit meinen Kindern zuhause „Kunst“ gestalten, wenn ich nicht Kunstlehrerin bin oder nicht so viel Zeit habe?

Katja: Wenn man ins Museum geht, erwartet man Kunst. Aber guck dir doch mal deine Küchenschublade an. Vielleicht kannst du Gabel, Schere, Messer und Löffel und was da alles drin liegt, neu sortieren. Dass es eine ästhetische Erfahrung wird. Ich finde Kunstunterricht dann gut, wenn man nicht nur viele Künstler kennt und zu den Bildern was sagen kann, sondern wenn man versteht und fühlt, und im besten Fall auch liebt, Ästhetisches zu entdecken. Kunst zu finden auch im Alltag.

Was ist “Ästhetik“? Was meinst du? Schön?

Katja: Ja, aber nicht nur einfach „schön“. Eine kaputte Vase oder eine alte Steinmauer kann auch ästhetisch sein. Ästhetisch ist das, was in mir einen Bereich zum Klingen bringt. Was mich berührt. Auch Musik kann diesen Bereich berühren.

Alvas Kunstwerk ist fertig. Jetzt ist auch ihre Figur farbig. Die Figur lässt sich jetzt in Alvas Ozean-Box aufstellen.
Alva sagt zu ihrem fertigen Kunstwerk: „Die Figur ist ja nicht 'bunt’, sondern blau-grün, weil das die Farben des Meeres sind und der Ozean die schönsten Farben der Welt hat.“

Wie meinst du das?

Katja: Musik und Kunst, darüber kann ich nicht nur nachdenken. Sie lösen Erinnerungen aus. Oder Sehnsüchte. Bestimmte Gefühle und Gedanken erfährt man nur, wenn man Musik hört. Oder wenn man sich auf Kunst einlassen kann. Also wenn man sich in Bilder hinein begibt. Wenn man sie in echt sieht. Wenn man erfährt, wie viel Farbe auf der Leinwand ist. Oder mit den Figuren auf den Bildern mitfühlt: ihre Ängste vielleicht.

Oder wenn man selber etwas gestaltet. Dann vergeht die Zeit manchmal wie im Flug, ohne dass ich es merke. Ich bin ganz konzentriert und vertieft in mein Werk. Das nennt man „Flow“. Man vergisst dann alles, ob man jetzt Musik macht oder malt oder töpfert oder tanzt oder was auch immer. Das ist, was für mich das Wesentliche ausmacht, was Kunst bedeutet.

Tilda, Katja, ganz herzlichen Dank euch!

Katja: Ja, das haben wir sehr gerne gemacht!

Vielen Dank an alle sechs Beteiligten fürs Basteln und Dabeisein-Dürfen und an Mareike Graepel für die Bilder!

Tilda kniet auf dem Boden und schneidet die Gesichtsschablone aus. Dabei wirkt sie sehr konzentriert.
Vertiefte Tilda (10), vielleicht im „Flow“.

Hier findest du den gesamten YouTube-Kanal der „Mach’s wie…“-Reihe der Kunstsammlung NRW.

***

Weitere Beispiele für Kunst zum Mitmachen – für Kinder und Erwachsene:

  • Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt bietet für ganz junge Kunstbegeisterte kurze Videos zu Formen wie Dreieck, Kreis und Quadrat an. Dazu kann man Bastelbögen herunterladen. Die Kunsthalle hat eine Fliege auf ihre Homepage gesetzt, die man immer wieder wegjagen muss.
  • Das Rijksmuseum in Amsterdam bietet Videos für Erwachsene an (auf Englisch), in denen einzelne Techniken zum Nachmachen näher angeguckt werden.

Aussagen und Positionen der Gesprächspartner:innen repräsentieren deren eigenen Auffassungen, die sich „Junges Theater“ nicht zu eigen macht.

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Christiane Enkeler

Christiane Enkeler

Christiane Enkeler arbeitet u.a. für öffentlich-rechtliche Sender zu Kultur, Bildung, Wissenschaft und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in verschiedenen, auch kreativen Formaten und aus unterschiedlichen Perspektiven.


Junges Theater

Das Gegenwartstheater für Kinder- und Jugendliche grenzt sich schon lange nicht mehr strikt von einem Theater für Erwachsene ab. Publikum und Ensembles verhandeln gemeinsam gesellschaftlich Relevantes, philosophisch Tiefgehendes und sinnlich Bereicherndes. Hier findet sich dazu Fundiertes und Experimentelles, für Klein, Mittel und Groß, für Neugierige und Nerds, für Interessierte, Inkludierte, Intellektuelle und Intelligente.

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