Muslimische Kinderbuch-Autorin: „Die Kinder sind der Ursprung meiner Geschichten“

Die Kinderbuch-Autorin Layla Kamil Abdulsalam entwickelt Geschichten gemeinsam mit muslimischen Kindern: Sie sollen witzig sein und Spaß machen. Dafür arbeitet sie mit Illustratorinnen aus Russland, Indonesien, Malaysia, Kanada und Deutschland zusammen.

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Illustration aus „Komm, gehen wir zur Moschee!“ zeigt Mädchen, das mit flatterndem Hijab auf dem Moped zur Moschee düst.

Seit 2020 hat die Bonner Autorin Layla Kamil Abdulsalam 13 Kinderbücher veröffentlicht, die sich vor allem an muslimische Familien richten. Dazu zählen die Geschichten vom kleinen Menschen, Welche Farbe hat der Ramadan? oder Ich hätte so gerne, die jetzt schon Eingang in den Islam- und Deutsch-Unterricht an Schulen finden.

Inspiriert von alltäglichen Beobachtungen und Erlebnissen entwickelte sich jedes Buch über Jahre hinweg. Oft sind Gespräche mit Kindern der Ausgangspunkt für neue Buchideen, erzählt Layla Kamil Abdulsalam, die als Lehrerin für Deutsch und Mathematik an einer Gesamtschule im Bonn-Rhein-Sieg-Kreis unterrichtet. Im Gespräch mit RiffReporter erzählt sie, wie sie ihre Bücher entwickelt.

Du hast in den letzten vier Jahren 13 poetische und liebevoll illustrierte Kinderbücher veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Layla Kamil Abdulsalam: Die ersten beiden Bücher waren Geschichten vom kleinen Menschen und Welche Farbe hat der Ramadan? Der Erzählband Geschichten vom kleinen Menschen war während meines Lehramt-Studiums zu unterschiedlichen Anlässen entstanden. Irgendwann ist diese Figur entstanden, also der kleine Mensch und der große Mensch als ergänzende Figur. Damit habe ich bestimmte Gedanken verarbeitet, nicht immer islamische Gedanken, sondern einfach das, was mir aufgefallen ist.

Bonner Kinderbuchautorin Layla Kamil Abdulsalam
Die Bonner Kinderbuchautorin Layla Kamil Abdulsalam hat innerhalb von nur vier Jahren bereits 13 illustrierte Kinderbücher veröffentlicht.

Was hat dich inspiriert?

Ich habe in Koblenz studiert und in Bonn gewohnt. Die Geschichte, Der kleine Mensch und der Mond ist im Zug auf dem Weg nach Hause entstanden. Ich hatte einem Vater und seinem Sohn zugehört, die über den Mond sprachen. Es war November und die Sonne sah wie der Mond aus, weil das Wetter so trüb war.

Wie entstand aus dieser Beobachtung deine Geschichte?

Beim Zuhören kam mir der Gedanke, dass man Konzepte, die man mal gelernt hat, wieder überdenken muss: Man hat gelernt, dass der Mond eine helle Farbe hat, silbern ist und eigentlich nicht am Tag erscheint. Das Kind aber hat gesehen, dass die Sonne dem Mond ähnelt. Seine neue Erfahrung bestand also darin, dass im November die Sonne oft nicht so strahlend ist wie im Juni oder Juli. Das Fazit daraus ist, dass Wissen sich entwickelt und man immer wieder abgleichen und hinterfragen muss.

Die Geschichte Der kleine Mensch und das Glück habe ich für meine erste eigene Schulklasse geschrieben. Mir ging es darum, eine positive Stimmung herzustellen und positiv auf die Welt zu schauen.

Gab es vorher einen Anlass, so dass du gedacht hast: Ich möchte ihnen jetzt etwas Schönes mitgeben? Wie hat sich das ergeben?

Viele Kinder hatten keine so schönen Erlebnisse am Wochenende. Ich wollte die Woche positiv abschließen. Wir haben also freitags immer etwas Kleines gemacht, was die Hoffnung stärkt. Und daraus entstand auf einmal diese Geschichte. Viele Jahre später habe ich sie den Kindern dann aus dem Buch vorgelesen.

Und wie kam die Geschichte bei den Kindern an?

Sie fanden das natürlich toll - sie waren der Ursprung für diese Geschichte. Da waren sie schon sehr gerührt. Das war schön.

Jedenfalls sammelten sich diese einzelnen Geschichten mehr oder weniger zu einem Gesamtprodukt. Vor etwa vier Jahren, während des Corona-Lockdowns, habe ich dann mehrere Verlage angeschrieben. Der Atfaluna-Verlag hatte dann auch Interesse an Welche Farbe hat der Ramadan? und so sind beide Bücher dann innerhalb von zwei Monaten entstanden. Das war der Anfang.

Buchlesungen führt die Kinderbuchautorin Layla Kamil Abdulsalam auch schon mal in einem Garten durch.
Kleine Buchtheater veranstaltet die Kinderbuchautorin Layla Kamil Abdulsalam auch schon mal im Garten - direkt neben dem Hühnerhäuschen - hier mit ihrem Bilderbuch „Tasbieh der Winde“, in dem es um Naturerfahrungen geht.

Du hast inzwischen 13 Bücher veröffentlicht. Was motiviert dich?

Ich habe großen Spaß daran, etwas Normales auf eine schöne oder lustige Weise auszudrücken. Ich habe auch Freude daran, mit Kindern über Sprache nachzudenken oder Sprachspiele zu machen. Wenn ich mit Kindern zusammen bin, ist Sprache immer im Fokus. Ich spiele mit der Sprache, löse Metaphern auf oder verändere Strukturen, bis sie witzig werden.

Das ist das Eine. Das Andere ist, dass meine Bücher sich vor allem an muslimische Familien richten. In diesem Zusammenhang möchte ich eine Sprache prägen, die religiöse Identität auf eine kunstvolle wie auch kindliche Art und Weise bespricht.

Bildseite aus dem Bilderbuch „Ich hätte so gern“, die ein Kind zeigt, das so gerne vom Prophet Musa gelernt hätte.
„Ich hätte so gern …“ vom Propheten Musa (Moses) gelernt. Eine Doppelseite aus dem poetischen Bilderbuch „Ich hätte so gern…“, das Lehrende bereits im muslimischen Religionsunterricht an Schulen einsetzen.

Warum hast du dich darauf verlegt, Bücher für muslimische Kinder zu schreiben?

Als ich Kind war, gab es solche Kinderbücher noch nicht auf Deutsch. Wenn es Bilderbücher gab, waren sie eher belehrend. Es gab nicht viel zu entdecken oder zum Anknüpfen, Weiterdenken. Das möchte ich mit meinen Büchern gerne ändern. Ich möchte Freude an den Bildern und an der Sprache vermitteln und die religiöse Identität mit etwas Schönem verbinden.

Ausschnitt aus dem Buch „Tasbieh der Winde“, das Kinder dazu anregen möchte, die Natur als Schöpfung Gottes wertzuschätzen. Es zeigt ein Mädchen, das im Wald nach oben blickt.
Ausschnitt aus dem Buch „Tasbieh der Winde“, das Kinder dazu anregen möchte, die Natur als Schöpfung Gottes wertzuschätzen.

Verwendest du deine Texte auch testweise im Deutschunterricht, bevor du sie veröffentlichst?

Einige Texte habe ich in meinem Deutschunterricht für generatives Schreiben verwendet. Das ist eine Methode aus dem Sprachunterricht, bei der man Texte umschreibt. Man legt einen Mustertext vor und die Kinder ersetzen dann einige Elemente. Das Ergebnis ist ein poetischer Text, der die individuellen Aspekte der Kinder beinhaltet. Das habe ich gemacht, bevor die Texte veröffentlicht wurden, und manchmal habe ich dann noch Kleinigkeiten verändert.

Finden sich die so entstandenen Gedichte in den Büchern Komm, wir gehen zur Moschee und Welche Farbe hat der Ramadan?

Ja, genau. Diese Bücher haben ein wiederkehrendes poetisches Muster, das die Kinder dazu einlädt, eigene Texte zu schreiben. Es gibt ein Nachwort, in dem ich das kurz erkläre, weil das Vorgehen sowohl sprachfördernd ist als auch die poetische Kompetenz der Kinder fördert.

Ja, vielleicht ist er orange, der Ramadan,

aber ich denke: Gelb ist er, der Ramadan.

So gelb wie der Senf, das Eigelb und die Zitrone,

So gelb wie die Sonnenstrahlen,

mit denen wir unser Fasten beginnen.

JA, VIELLEICHT IST ER

GELB, DER RAMADAN.

„Welche Farbe hat der Ramadan?“, Layla Kamil Abdulsalam

Wie kommt das bei den Kindern an?

Vielen Kindern macht das sehr viel Spaß. Es ist ein einfacher Einstieg in die Poesie. Sie können relativ schnell einen Text vorweisen, der eine poetische Qualität hat. Das ist ganz anders, als wenn man ihnen einfach den Auftrag gibt, ein Gedicht zu einem bestimmten Thema zu schreiben, ohne ihnen eine Form an die Hand zu geben.

Du besprichst muslimische Themen, arbeitest aber in einer Gesamtschule. Wie gehen die nicht-muslimischen Kinder mit den Gedichten und Texten um?

Ich suche die Texte, die ich im Unterricht benutze, sehr sorgfältig aus. Ich verwende keine Texte, die besonders theologisch sind. Bisher habe ich das nur mit Ramadan-Texten gemacht, sozusagen als Jahreszeitenausflug: Es war Ramadan und die Kinder wussten das von ihren Mitschüler:innen. Wir haben dann gemeinsam beschlossen, den Ramadan ein bisschen präsenter zu machen. Das fanden alle schön, solange die Texte nicht einengend islamisch sind.

Was ist denn für dich nicht „einengend“? Was öffnet den Horizont?

Es geht darum, wie sich der Ramadan anfühlt, man braucht kein bestimmtes Vorwissen. Der Grundgedanke ist, dass alles, was man im Ramadan erlebt, das Bild vom Ramadan prägt. Das können auch nicht-muslimische Kinder nachvollziehen. Für meine Mitschüler heißt Ramadan jetzt, dass Zur-Schule-Gehen auch Ramadan ist, oder dass der Herbst gerade auch Ramadan ist, weil sie den Herbst im Ramadan erleben.

Deine Bücher sind in unterschiedlichen Stilen illustriert. Wie bist du zu deinen Illustratorinnen gekommen?

Ich veröffentliche bei zwei Verlagen. Bei dem Atfaluna-Verlag illustriert die Verlegerin selbst. Beim Astrolab-Verlag habe ich Freiraum, mir die Illustratorinnen auszusuchen, solange es im preislichen Rahmen bleibt. Ich schaue mir auf Instagram die Arbeiten muslimscher Illustratorinnen an, weil es mir wichtig ist, dass die Illustratoren einen muslimischen Hintergrund haben. Das erleichtert die Zusammenarbeit, weil man vieles an Wissen und Erfahrungen voraussetzen kann, was man sonst alles erklären müsste.

Wie gestaltest du die Zusammenarbeit?

Bisher habe ich mit Illustratorinnen aus Russland, Indonesien, Malaysia, Kanada und Deutschland zusammengearbeitet. Die Kommunikation erfolgt meist auf Englisch, was manchmal schwierig sein kann, wenn es sprachliche oder kulturelle Missverständnisse gibt. Zum Beispiel stand in einer ersten Skizze für Ramadan der Dinge der Kühlschrank im Wohnzimmer, was bei uns unüblich ist. Am Ende stand der Kühlschrank dann natürlich in der Küche.

Wie bist du auf die Idee gekommen, für das Buch Ramadan der Dinge den Fastenmonat aus der Perspektive von Gegenständen zu beschreiben?

Die Idee entstand aus einem Gedicht, das ich zu Beginn der Sommerferien über Schulgegenstände geschrieben habe, die sechs Wochen „Urlaub“ haben. Ich habe mich gefragt, welche anderen Zeiten im Jahr den Alltag stark verändern, und kam auf den Ramadan. Dann habe ich überlegt, welche Gegenstände besonders im Einsatz sind und wie sie den Geist des Ramadans wahrnehmen.

Es gibt ein großes Angebot an christlichen Kinderbüchern. Wie siehst du den muslimischen Kinderbuchmarkt?

Der muslimische Kinderbuchmarkt hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren sehr stark gewandelt. Das Angebot ist deutlich breiter geworden, vor allem junge Mütter begeben sich daran, neue Verlage zu gründen und Bücher zu veröffentlichen. Aber: Es braucht noch eine größere Professionalisierung. Illustrationen und Texte sollten von Menschen kommen, die wissen, wie Bilderbücher funktionieren, die darin schon Erfahrung haben. Die Zusammenarbeit zwischen Text und Bild muss klug durchdacht sein, sodass beide Elemente zusammenarbeiten und spannende Bücher entstehen. Es braucht mehr Auswahl und Vielfalt in den Ansätzen, um den Markt zu beleben.

Was genau meinst du mit „mehr Vielfalt“?

Der deutsche Bilderbuchmarkt ist enorm groß, kreativ und durchdacht – damit ist die Messlatte hoch. Ein gutes Bilderbuch bietet sowohl für Kinder als auch für Erwachsene interessante Entdeckungen. Es braucht einen spielerischen Charakter, nicht nur belehrende oder instruktive Inhalte. Bücher sollten liebevoll, kreativ und mit einem Augenzwinkern gestaltet sein.

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