"Eine Epidemie, die sich so rasant ausbreitet wie diese, ist eine unglaubliche Herausforderung"

Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt über die Corona-Virus-Epidemie, den Umgang mit Falschinformationen und die besten Vorkehrungen für jeden Einzelnen

Kai Kupferschmidt hat molekulare Biomedizin studiert und arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Buchautor. Bei RiffReporter leitet er ein Factchecking-Projekt. Seit Jahren berichtet Kai intensiv über Infektionskrankheiten für zahlreiche Medien in Deutschland und international, etwa „Science" und ZEIT. Das macht er auch an vorderster Front, etwa in Ebola-Gebieten oder aktuell bei der Corona-Epidemie. Hier berichtet der Journalist über seine Arbeit zur Corona-Virus-Erkrankung „Covid-19“ – und wie er mit den zahlreichen Falschinformationen umgeht, die im Netz kursieren.

Was kann jeder einzelne aktuell tun, um sich auf die weitere Ausbreitung des Corona-Virus vorzubereiten?

Es ist ein guter Zeitpunkt, um sich einmal ein paar Hygieneregeln anzugewöhnen, die in jeder Krankheitswelle hilfreich sind. Die Hände häufig waschen – und zwar richtig. Man kann auch versuchen, sich abzutrainieren, das Gesicht ständig anzufassen. Ich habe das vor meinem Einsatz in Liberia während des Ebola-Ausbruchs gemacht. Es ist erstaunlich, wenn man einmal darauf achtet, wie häufig man sich im Gesicht berührt. 

Eine ganz einfache Sache, ist es, sich noch gegen die Grippe impfen zu lassen. Das ist ohnehin sinnvoll. Dieses Jahr könnte es helfen zu verhindern, dass Ärzte und Krankenschwestern zusätzlich zu Covid-19-Patienten auch noch viele Grippepatienten haben. Das habe ich auch meinem Vater gesagt – und er hat sogar auf mich gehört.

An was kann man noch denken?

Es ist sinnvoll, sich einfach einmal Gedanken darüber zu machen, was man bräuchte, wenn man zwei oder drei Wochen das Haus nicht verlassen könnte. Denn das könnte passieren. Anstatt dann in vier Wochen, wenn etwas passiert, den Supermarkt zu stürmen kann man jetzt einfach ein bisschen mehr Nudeln und Reis und so weiter einkaufen. Es gibt natürlich viel mehr, was man tun kann. Aber das wichtigste ist wirklich: Ruhe bewahren und Rücksicht nehmen. Wir sind alle im gleichen Boot.


"Ich spreche jeden Tag mit zehn verschiedenen Experten"


Du berichtest für „Science“, die ZEIT und andere Medien an vorderster Front über die Corona-Epidemie. Woher bekommst Du selbst Deine Informationen und wie filterst du diese und bereitest sie auf?

Die Weltgesundheitsorganisation hält fast jeden Nachmittag eine Pressekonferenz in Genf, in die ich mich telefonisch einwähle. Abends kommt eine Art Statusbericht heraus, "Situation Report" oder kurz "sitrep", der die weltweiten Zahlen an Infektionen und Todesfällen aufschlüsselt und häufig andere wichtige Informationen enthält. Hinzu kommen zahlreiche Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journalen. Viele Arbeiten werden inzwischen auf sogenannten preprint-Servern wie biorXiv und medrXiv veröffentlicht, bevor sie in einem Journal publiziert werden. Das erlaubt Forschern, ihre Ergebnisse sehr schnell mit anderen Forschern und der Öffentlichkeit zu teilen. Aber weil sie noch nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet worden sind, muss man im Umgang mit ihnen besonders vorsichtig sein. Es kann leicht dazu führen, dass falsche Informationen verbreitet werden.

Wie nutzt Du speziell zur Corona-Epidemie soziale Medien?

Twitter ist inzwischen eine großartige Quelle, um die Einschätzung verschiedener Forscher und Gesundheitsexperten zu überblicken und auf bestimmte Dinge aufmerksam zu werden. Aber die wichtigste Quelle sind Interviews mit den Forschern selbst. Ich spreche jeden Tag mit vielleicht zehn verschiedenen Experten. Dabei hilft mir natürlich, dass ich jetzt seit 10 Jahren über Infektionskrankheiten berichte und mit vielen dieser Forscher schon häufig gesprochen habe. Je mehr solche Gespräche ich führe, umso klarer wird das Bild in der Regel. Es hilft, die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. Ich kann die Situation nur klar beschreiben, wenn sie in meinem Kopf auch klar ist. Und ich bin natürlich nicht allein. Ich habe bei Science einen großartigen Redakteur in Amsterdam, Martin Enserink, und einen Kollegen in San Diego, Jon Cohen. Sechs Augen sehen mehr als zwei. Und ich lese natürlich auch, was Kollegen schreiben: Helen Branswell zum Beispiel bei Stat oder Julia Belluz bei Vox.

Ein Portrait von Kai Kupferschmidt
Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt beschäftigt sich intensiv mit Infektionskrankheiten und arbeitet zur Corona-Epidemie für führende Medien wie „Science Magazine".
Julian Laidig

Wie schwer ist es, an verlässliche Informationen zu kommen?

Die Frage ist natürlich, was man als verlässliche Information einstuft. Die Menschheit kennt dieses Virus seit weniger als zwei Monaten. Viele wichtige Fragen über den Erreger und die Krankheit, die er auslöst, sind noch nicht klar beantwortet. Insofern haben wir alle gerade Probleme, verlässliche Informationen zu bekommen. Es geht in einem Ausbruch sehr häufig darum, Ungewissheit zu kommunizieren, und das gilt erst recht für einen Ausbruch mit einem neuen Erreger. 

Ist es eine Herausforderung, von Wissenschaftlern Daten zu erhalten?

Ich habe in den letzten Wochen keinen einzigen Experten erlebt, der auf irgendwelchen Zahlen hockt und sie nicht rausrückt. Die Forscher teilen ihre Ergebnisse über diesen Ausbruch sofort, diskutieren und erklären sie auf Twitter und sprechen auch gern am Telefon darüber. Das Problem ist eher, dass alle Forscher, die Expertise in dem Bereich haben, im Moment an zahlreichen Fronten gefordert sind: Sie müssen selbst forschen, die Arbeiten von anderen Forschern begutachten, Anträge schreiben und begutachten und dann am Ende des Tages auch noch Fragen von Journalisten beantworten. 


"Erst nachts hat mich das auch emotional erreicht"


Findest Du es persönlich belastend, über so eine Epidemie zu schreiben?

Ich liebe meinen Beruf und eine Epidemie wie diese ist eine ungeheuer intensive Zeit. Die wissenschaftlichen Fragen sind spannend und der Job fühlt sich selten so relevant an wie in diesen Zeiten. Belastbare Fakten zu sammeln und Menschen zu helfen, die Situation gut einzuschätzen, ist wichtig. Da kann ich mit ein bisschen weniger Schlaf leben. Und die meiste Zeit kann ich eine gewisse Distanz wahren.

Aber dann auch mal nicht?

In jedem Ausbruch, über den ich berichtet habe, gab es auch die Momente, in denen ich gemerkt habe, dass ich die Distanz verliere und mir das Geschehen richtig nahe geht. In diesem Ausbruch war dies das erste Mal der Fall, als Li Wenliang gestorben ist, der Doktor, der versucht hatte Kollegen früh vor dem Virus zu warnen und der von chinesischen Behörden dafür gemaßregelt wurde. Ich hatte im Lauf des Tages von seinem Tod gehört, aber erst nachts, als ich mit der Arbeit fertig war und mein Hirn ein wenig im Leerlauf hatte, hat mich das auch emotional erreicht. Er war 33, seine Frau war schwanger. Und er war ein mutiger Arzt. Ich hatte das Leid vorher nicht so an mich rankommen lassen, aber an dem Abend hat mich das nicht mehr losgelassen.

Welche Aufgaben haben Wissenschaftsjournalisten wie Du in einer derart kritischen Situation?

Zunächst einmal ist es ganz banal unsere Aufgabe, die Nachrichten zu berichten und kritisch einzuschätzen: Was passiert auf der Welt? Was lernen Forscher über das Virus? In einer Situation, die sich so schnell ändert wie diese, geht es vor allem auch darum, Unsicherheit zu kommunizieren: Was wissen wir und was wissen wir nicht? Was sind mögliche Szenarien, wie sich diese Situation weiterentwickelt? Und was sind die Faktoren, die darüber entscheiden, in welchem Szenario wir uns am Ende wiederfinden? 

Eine Epidemie, die sich so rasant ausbreitet wie diese, ist eine unglaubliche Herausforderung für Forschung und Politik und da passieren immer auch Fehler. Es ist unsere Aufgabe als Wissenschaftsjournalisten, Behörden und Experten immer wieder unbequeme Fragen zu stellen: Ist der Rückgang der Fälle in China real? Warum wurden in den USA bislang kaum Menschen auf das Virus getestet?

Was haben normale Bürger von gutem Wissenschaftsjournalismus?

Es geht ja vor allem genau darum, der Bevölkerung auch eine Stimme gegenüber Behörden und Forschern zu geben. Wir sind ja kein passives Publikum in diesem Geschehen. Wir sind alle davon betroffen und wir wollen wissen, was passiert, wie die Zukunft aussehen könnte und was jeder Einzelne von uns tun kann. 

Wir haben in China gesehen, wie einzelne Journalisten unter hohem Risiko auf Missstände und Versäumnisse der Regierung am Anfang der Epidemie hingewiesen haben. Und wir sehen im Moment in den USA, wie die Regierung versucht, Forschern einen Maulkorb zu anzulegen. Die Kommunikation soll nur noch über das Büro des Vizepräsidenten laufen und das liegt offenbar auch daran, dass Trump fürchtet, die ehrliche Einschätzung der Forscher würde die Börse weiter beeinträchtigen und damit seine Wiederwahl gefährden. In solchen Situationen braucht es gute, hartnäckige Journalisten.

Du hast auf Twitter geschrieben, die Epidemie gehe gerade in eine neue Phase. Was meinst Du damit?

Es hat sich lange um einen heftigen Ausbruch in China gehandelt, mit einigen exportierten Fällen im Rest der Welt, die dann zu Ansteckungen führten. Entsprechend war auch die Strategie der WHO: Das Virus in China an der Quelle bekämpfen und gleichzeitig verhindern, dass die Infektion woanders Fuß fasst. Diese Strategie ist am Ende: Wir haben große Ausbrüche im Iran, Italien und Südkorea. Und wir müssen davon ausgehen, dass es andere Länder gibt, in denen das Virus sich ausbreitet, bislang aber nicht entdeckt wurde. Am Mittwoch hat die WHO das erste Mal mehr neue Fälle außerhalb Chinas gemeldet als innerhalb Chinas. Es ist seit einer Weile klar, dass das Virus sich wohl auf der ganzen Welt ausbreiten wird.

Was muss aus Deiner Sicht jetzt politisch und medizinisch geschehen, um darauf zu reagieren?

Entscheidend ist jetzt, die Ausbreitung des Virus zu bremsen. So gewinnen wir Zeit, um uns vorzubereiten: Krankenhäuser müssen ihre Kapazitäten erhöhen, Krankenschwestern und Ärzte lernen, wie sie sich schützen können. Und je mehr Zeit vergeht, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir einen Impfstoff oder ein Medikament haben werden. Ein langsamerer Anstieg der Fallzahlen bedeutet auch eine geringere Belastung des Gesundheitssystems und dass die Grippesaison hoffentlich vorbei ist, wenn die Epidemie den Höhepunkt erreicht. Aber welche Maßnahmen sind wir als Gesellschaft bereit zu akzeptieren, um das Virus zu bekämpfen? 

All das muss die Politik jetzt auch erklären. Die Ausbreitung eines neuen Virus gegen das wir keinen Impfstoff und kein Medikament haben, macht Angst. Es ist auch Aufgabe der Politik, Menschen darauf einzustellen. Dazu gehört vorausschauend zu kommunizieren. Bei aller Ungewissheit, es reicht nicht zu sagen: Bislang ist niemand gestorben. Vertrauen baut man auf, indem man Menschen vorher erklärt, was sie vermutlich sehen werden. Und dazu gehört, dass auch in Deutschland Menschen an diesem Virus sterben werden. 


"Besser verlässliche Informationen gewinnen als gegen Windmühlenflügel kämpfen"


In Deutschland sind in diesem Winter schon mindestens 130 Menschen an der Influenza gestorben, warum bleibt es dazu so ruhig und man hört in den Medien kaum etwas?

Wir Menschen sind grundsätzlich nicht besonders gut darin, Risiken rational einzuschätzen. Ein neues Risiko wie dieses Coronavirus macht uns in der Regel viel mehr Angst als eine Grippewelle. In diesem Fall ist das aber durchaus gerechtfertigt. Das Virus ist soweit wir das bisher einschätzen können, ansteckender als die Grippe und tödlicher. Und es gibt zurzeit keinen Impfstoff und kein Medikament dagegen. 

Begegnen Dir zu Covid-19 viele Falschinformationen?

Es gibt eine unglaubliche Menge an Falschinformationen zu Covid-19. Das geht von Quacksalbern, die mit vermeintlichen Heilmitteln Geld machen wollen, bis hin zu Verschwörungstheorien – zum Beispiel, dass das Virus aus einem Biowaffenlabor stamme. Das alles verbreitet sich über die sozialen Medien mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Die WHO spricht deshalb bereits von einer Infodemie, die es zu bekämpfen gilt. Es hilft natürlich nicht, dass das Vertrauen der Menschen in Institutionen weltweit gerade an einem Tiefpunkt ist. Und wenn man sich anguckt, wie China am Anfang kommuniziert hat, oder auch wie das Regime im Iran oder der Präsident der USA im Moment zu Covid-19 kommunizieren, dann ist einiges Misstrauen ja auch gerechtfertigt.

Wie reagierst Du auf Falschinformationen?

Manche Sachen lassen sich schnell erklären: Mehrere Leute haben mir geschrieben, dass ja schon auf Desinfektionsmitteln von vor vielen Jahren stehe, dass sie gegen Coronaviren helfen, das Virus also nicht neu sei. Dazu muss man sagen: Die Gruppe der Coronaviren umfasst viele Viren, darunter vier Viren, die im Menschen zirkulieren und Erkältungen verursachen. Zwei davon sind bereits seit den 60er-Jahren bekannt, OC43 und 229E. Darum stehen Coronaviren auch schon lange auf Desinfektionsmitteln. Ob es sich lohnt, diese Falschinformationen gezielt anzugehen, ist in jeden Einzelfall eine schwierige Frage. Die Gefahr ist, dass man etwa Verschwörungstheorien dadurch nur weiter verbreitet. Ich habe für mich entschieden, dass meine Zeit im Moment besser eingesetzt ist, wenn ich versuche, verlässliche Informationen zu gewinnen als wenn ich gegen Windmühlenflügel kämpfe.

Fragen: Patrick Bayer und Christian Schwägerl

Verhaltenstipps im Überblick:

  • Ruhe bewahren und Rücksicht nehmen
  • Hygiene: Hände richtig waschen, nicht ständig das Gesicht berühren
  • Wer noch nicht gegen Influenza geimpft ist: Jetzt noch impfen lassen, das entlastet später auch Ärzte und Krankenschwestern
  • In vernünftigem Maß Vorräte für zwei bis drei Wochen anlegen, falls Quarantänen in Kraft treten
  • Bitte verbreiten Sie keine unbegründeten Gerüchte. Sie spielen in diesem Geschehen eine wichtige Rolle! Es gibt eine Menge guter Informationen, verbreiten Sie diese.
  • Wenn Sie auf Twitter sind, hier einige verläßliche Accounts: @cmyeaton, @MarionKoopmans, @JeremyKonyndyk, @JeremyFarrar, @mlipsitch, @BogochIsaac, @EckerleIsabella, @aetiology, @maiamajumder, @angie_rasmussen @T_Inglesby @MackayIM, @AdamJKucharski, @BhadeliaMD, @alexandraphelan, @BillHanage, @CT_Bergstrom. Zudem: @WHO@ECDC_EU@CDCgov. JournalistInnen: @fischblog, @juliaoftoronto, @laurahelmuth, @sxbegle, @amymaxmen, @marynmck
  • Akzeptieren Sie, dass es vieles gibt, was wir einfach nicht wissen. Es gibt eine Menge erstaunlicher Menschen, die unglaubliche Arbeit leisten und versuchen, die Fragen zu beantworten, die wir alle beantwortet haben wollen. Mit einigen spreche ich jeden Tag. Aber es braucht Zeit, die Antworten zu finden! Und diese Experten sind Menschen wie wir alle. 
  • Immer daran denken: Keine Panik! Denn a) es gibt keinen Grund dazu, b) es hilft Ihnen nicht, mit dem umzugehen, was auch immer kommt, und c) Douglas Adams hat das schon gesagt, und er war ein Genie.
  • Das Wichtigste ist: Seien Sie nett zueinander und achten Sie auf die Sorgen der anderen. Vielleicht haben Sie selbst das Gefühl, dass diese Epidemie nichts Schlimmes ist. Ihr 80-jähriger Nachbar oder ein HIV+-positiver Wissenschaftsjournalist sind vielleicht anderer Meinung, weil sie mit anderen Folgen rechnen müssen.
  • Sozial Abstand zu halten kann bedeuten, dass wir in den kommenden Wochen körperlich alle weiter voneinander entfernt bleiben. Wir sollten das kompensieren, indem wir uns noch mehr als sonst um einander kümmern. Wir durchleben diese Epidemie gemeinsam.

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