Verkehr: Ein Angebot von Männern für Männer

Wer eine nachhaltige Mobilität für alle Menschen will, muss neue Perspektiven einnehmen. Dabei lohnt der Blick durch die weibliche Brille, finden die Mobilitätsexpertinnen Lieke Ypma und Frieda Bellmann

Chuyu / iStock Auf der fünfspurigen Straße stauen sich die Autos  in beide Richtungen. Sie stehen dicht gedrängt: Stoßstange an Stoßstange

Ist Schneeschippen gut für die Alltagsmobilität von Frauen? Wenn die Rad- und Fußwege zuerst geräumt werden, auf jeden Fall. Was seltsam klingt, kann Schweden inzwischen mit Fakten belegen. Im Rahmen der Untersuchung für mehr Geschlechtergerechtigkeit wurde dort vor Jahren auch der Schneeräumdienst unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus: Frauen sind in Schweden deutlich häufiger zu Fuß unterwegs als Männer, die eher den Wagen nehmen. Im Winter bei Schnee und Eis häuften sich die Unfälle von Fußgängern. Sie mussten dreimal so oft im Krankenhaus behandelt werden wie Autofahrer. 70 Prozent der Verletzten waren Frauen. Die Regierung reagierte: Seit 2016 werden in Schweden zuerst die Rad- und Gehwege geräumt – also vor den Autostraßen. Durch diese Entscheidung konnten die Unfallzahlen halbiert werden.

Planer und Politiker gehen davon aus, dass das Straßen-, Bus- und Bahnsystem allen Menschen gleichermaßen zugutekommen. Das Beispiel von Schweden zeigt, dass das nicht stimmt. Wer die Bewegungsmuster von Männern und Frauen genauer untersucht, stellt fest: Frauen sind in der Stadt anders unterwegs als Männer. Sie stellen andere Anforderungen an das Angebot und die Infrastruktur. Wer es Frauen leicht machen will, klimafreundlich unterwegs zu sein, muss also das Angebot prüfen und anpassen. 

„Jahrzehntelang haben Männer für Männer den Verkehr geplant“, sagt Lieke Ypma, Ingenieurin und Strategin der Mobilitätsagentur White Octopus, die Unternehmen wie VW, die Deutsche Bahn und verschiedene Immobilienentwickler beraten. Architekten wie Le Corbusier, Robert Moses und Hans Bernhard Reichow haben in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Blaupausen für die autogerechte Stadt entwickelt. Ihre Visionen und Anleitungen zum Bau schicker Straßen passen gut zu den Gewohnheiten von Männern, aber nicht zur Mobilität und den Bedürfnissen von Frauen. Der Blick durch die weibliche Brille sei ein Chance, findet Lieke Ypma. 

Frauenmobilität: Täglich viele Zwischenstopps

„Die Bewegungsmuster der Geschlechter variieren im Alltag“, sagt Lieke Ypma. Das liegt vor allem an ihrem unterschiedlichen Lebensalltag. Für viele Männer sei es inzwischen zwar selbstverständlich sich an der Hausarbeit und der Kinderbetreuung zu beteiligen, „aber weiterhin wird weltweit 73 Prozent der unbezahlten Familienarbeit von Frauen erledigt“, sagt die Strategin. Das wirkt sich auf ihre Alltagsmobilität aus. Während berufstätige Väter meist auf direktem Weg zur Arbeit fahren und am Abend ebenso heimkehren, legen Mütter eher Wegeketten zurück. Sie bringen ihre Kinder vor der Arbeit in die Kita, gehen auf dem Heimweg einkaufen oder begleiten ältere Verwandte zum Arzt.

Was nach einem kleinen Abstecher klingt, kostet Zeit und Energie. „Berufstätige Männer legen im Schnitt täglich doppelt so viele Kilometer mit dem Auto zurück als Frauen, aber beide sind etwa gleich lange unterwegs“, sagt die Mobilitätsexpertin. Um das Bewusstsein für die weiblichen Mobilitäts-Bedürfnisse zu schärfen, hat die Strategin im Sommer mit ihrer Kollegin Frieda Bellmann und der Stadtentwicklerin Diana Polack einen Workshop zur Mobilität von Frauen organisiert. 40 Fachfrauen aus unterschiedlichen Bereichen des Mobilitätssektors haben ihre Erfahrungen zusammengetragen und die Knackpunkte im Angebot identifiziert.

Lieke Ypma ist Ingenieurin und arbeitet in der Mobilitätsagentur White Octopus in Berlin als Strategin.
Lieke Ypma ist Ingenieurin und Strategin der Mobilitätsagentur White Octopus in Berlin
White Ocotpus
Eine breite Kreuzung in Berlin im Spätsommer. Die Sonne scheint. Zwei Frauen schieben Kinder in entgegengesetzter Richtung über die Ampel, eine weitere Frau schiebt ihr Fahrrad über die Kreuzung eine weitere fährt mit dem Rad im Hintergrund über die Kreuzung.
73 Prozent der unbezahlten Familienarbeit weltweit wird von Frauen erledigt. Sie holen ihre Kinder nach der Arbeit aus der Kita ab, gehen auf dem Heimweg einkaufen oder begleiten ältere Verwandte zum Arzt.
Andrea Reidl

Dabei spielt der Öffentliche Personen Nahverkehr (ÖPNV) eine entscheidende Rolle. „Weltweit sind 66 Prozent der Nutzer von Bussen und Bahnen Frauen“, sagt Lieke Ypma. Allerdings hat das umweltfreundliche Verkehrsmittel für einige von ihnen einen bitteren Beigeschmack. Als Mütter oder Begleitperson sind sie häufig mit viel Gepäck, Kindern oder Kinderwagen unterwegs. Die Zugänge zu Fahrstühlen sind allerdings oftmals mit Umwegen verbunden oder sie sind relativ klein. „Die Frauen berichten, dass sie ihr Gepäck und die Kinderwagen lieber schnell die Treppen rauf und runter tragen, um ihre gefühlte Unabhängigkeit zu bewahren“, sagt Lieke Ypma. Das sei für sie im Alltag allerdings oft anstrengend und stressig. 

Abends oder nachts kommen noch Angst und Unsicherheit dazu. Zahllose Filme zeigen, was geschehen kann, wenn Frauen und Mädchen schlecht beleuchtete Unterführungen und schwer einzusehende Wege passieren oder an unbewachten U- und S-Bahnstationen und einsamen Bushaltestellen warten. „Frauen entwickeln unglaubliche Strategien, um nicht sofort als Alleinreisende aufzufallen und so etwas wie Sicherheit herzustellen“, sagt Frieda Bellmann, Designforscherin bei White Ocotopus. Das zeigen die Ergebnisse ihres Workshops. 

Frieda Bellmann hat dunkelbraune Haare, etwas länger als schulterlang. Sie trägt sie offen ohne Pony und blickt in die Kamera
Frieda Bellmann
White Octopus

Sicherheit auf Bahnhöfen: Nachts bleibt nur die Fast-Food-Filiale

Die Frauen berichteten, wie sie sich auf Bahnsteigen zu anderen Wartenden stellen, in das U-Bahnabteil einsteigen, das mit der Fahrerkabine verbunden ist oder die Nähe anderer Frauen und Mitfahrenden suchen, die ihnen vertrauenswürdig erscheinen. Einige der Teilnehmerinnen telefonieren wenn sie unterwegs sind, um den Anschein von Gesellschaft und Kontrolle zu vermitteln. „Die Frauen vermissen vor allem bewachte Warteräume an U- und S-Bahnhaltestellen und Bahnhöfen“, stellt Frieda Bellmann fest.  

Die sucht man in Deutschland vergebens. Wer nachts um halb zwölf mit dem Zug aus Berlin am Hamburger Bahnhof strandet, muss bis zu eine Stunde auf seinen Anschlusszug in den Hamburger Südosten oder Südwesten warten. Mit Personal besetzte Warteräume bietet die Deutsche Bahn nur ihren Vielfahrern mit Bahncomfort-Status an oder den Inhabern einer 1. Klasse Fahrkarte. Wer nicht allein auf einem der unbewachten Bahnsteige warten will, muss in eine der Fast-food-Filialen ausweichen. 

Dass es auch anders geht, machen die Niederlande vor. Dort sind sogar die Fahrradgaragen und Radabstellanlagen an S-und U-Bahnhöfen auf dem Land bewacht. Sie werden 15 Minuten vor dem ersten Zug am Morgen geöffnet und das Personal ist bis 15 Minuten nach dem Eintreffen des letzten Zuges vor Ort. Dieses Angebot kommt ebenso Männern, Senioren oder Jugendlichen zu Gute. In Dänemark und Kanada gelten Frauen längst als Gradmesser für die gefühlte Sicherheit, insbesondere wenn es um Radinfrastruktur geht. Gil Penalosa, der im kanadischen Toronto die Unternehmensberatung 8-80 Cities betreibt, sagt seinen Kunden gerne: “Wenn nicht mindestens so viele Frauen wie Männer mit dem Rad unterwegs sind, dann meist, weil Radfahren in der Stadt nicht sicher genug ist.“ Ein Merksatz, der nicht nur auf Radinfrastruktur angewandt werden kann.

Sharing-Mobility als Chance?

Sharing gilt zwar als einer der großen Zukunftsmärkte, aber momentan ist es vor allem ein Angebot Alleinreisende. „Für Mütter kommen Ride-Sharing-Dienste als Etappen-Alternative nicht in Frage, weil beispielsweise die Sitzschale für die Kleinen fehle“, sagt Lieke Ypma. Berufstätige Mütter seien zudem oft mit drei Taschen unterwegs, ihrer Jobtasche, dem Schulranzen und einer Sport- oder Einkaufstasche. Die könnten sie aber weder auf Fahrrädern noch E-Kick-Scooter verstauen. Hier sieht sie noch deutlich Raum für Verbesserungen. 

Zudem sind diese Angebote zurzeit auch noch relativ teuer. Eine zehnminütige Fahrt von der Kita zur Bushaltestelle mit dem E-Bike oder dem E-Kick-Scooter kostet mit rund 2,5 Euro schnell so viel wie ein Busticket. „Das ist keine Dauerlösung“, sagt die Strategin. Ein elektrisches Leihrad sei für manche Geschäftstermine oder die letzten Kilometer zur Arbeit eine echte Alternative. „Die Frauen wollen entspannt bei ihren Terminen ankommen“, sagt sie, und dank Motorunterstützung sei man nicht verschwitzt.

Bei den Neuen am Markt sehen die beiden Mobilitätsexpertinnen daher noch viel Luft nach oben, insbesondere bei den „Mobility as a Service“-Apps. Hier wünschen die beiden sich Angebote, die auch Zwischenstopps berücksichtigen und für jeden Streckenabschnitt das optimale Fahrzeug vorschlagen nach Kriterien wie Zeit, Kosten oder CO2-Austoss. 

„Es geht nicht ausschließlich darum, Verbesserungen zu finden von denen Frauen profitieren“, sagt Lieke Ypma. Wer einen modernen nachhaltigen Verkehr will, muss ihn neu denken, damit alle Menschen in der Stadt davon profitieren.

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