Unsere Watchlist - was kommt nach Corona?

Wir können aus dem plötzlichen Corona-Ausbruch einiges lernen. Eine Watchlist, damit die Krise viele positive Folgen zeigt.

NIAID-RML Abstraktes Foto des Corona-Virus unter dem Mikroskop. Der Artikel handelt über die Folgen und das Lernen aus der Epidemie

Die ZukunftsReporter -

ein Projekt von Carina Frey, Rainer Kurlemann und Alexander Mäder.

Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen.


Die Welt arbeitet wegen des Corona-Virus im Krisenrhythmus. Wir alle versuchen gerade mit dem drastischen Wandel im gewohnten Alltag klarzukommen. Der Blick der ZukunftsReporter richtet sich bereits auf die Zeit danach. Wir haben viele Diskussionen verfolgt. Unsere These: Wir können und müssen aus dem plötzlichen Ausbruch der Corona-Pandemie mehr lernen als nur die richtige Hygiene beim Händewaschen. Welche Veränderungen sollten wir beibehalten? Was hat gefehlt? Woran müssen wir arbeiten? Wir erstellen hier eine Watchlist. Wir ZukunftsReporter sammeln darin die Themen, die wir weiter beobachten und stimulieren wollen. Damit die Corona-Krise möglichst viele positive Folgen zeigt.   

Home office ist im deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr nur ein Sonderfall, sondern eine reguläre Option für alle Arbeitnehmer.

Mehrere Wochen haben die Unternehmen und die Menschen in Deutschland durch die Corona-Krise Erfahrungen im Umgang mit Home office und Videokonferenzen gemacht. Das geschah nicht freiwillig, aber wir sollten die gewonnenen Erfahrungen auswerten. Angenehm gestaltetes Home office kann die Umwelt schonen und die Work-Life Balance verbessern. Im Schnitt verbringen die Autofahrer in Deutschland jedes Jahr mehr als 46 Stunden im Stau, ein großer Teil dieser Lebenszeit geht auf dem Weg zur Arbeit verloren. Aber eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Flexibles Arbeiten führt nicht automatisch zu mehr Freizeit. Im Home office machen Männer mehr Überstunden, Frauen sind gestresster, weil sie versuchen, Kinderbetreuung und Beruf gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Viele Menschen vermissen die Kollegen, andere genießen es, den Tag freier gestalten zu können. Firmen und Arbeitnehmer müssen ihre Routinen für die Büroarbeit zu Hause noch entwickeln. Nicht zuletzt müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen: die steuerliche Gleichstellung, die richtige Ausrüstung mit Software und Hardware und eine gute und gesicherte Datenübertragung. 

Die Digitalisierung ist mehr als nur eine Aufgabe für die Wirtschaft, sondern dringend notwendig für Deutschlands Schulen und Universitäten.

Während der Corona-Krise zeigt sich die Bedeutung der Digitalisierung nicht nur für die Wirtschaft: Das Internet verzeichnet hohe Zugriffszahlen als Informationsquelle und für Konzerte im Livestream. Messenger und soziale Medien erweisen sich als der wesentliche Weg zur Kommunikation in Zeiten der Ausgangsbeschränkung. Deutschlands Schulen waren darauf schlecht vorbereitet, das gesteht sogar die Bundesregierung ein: „Die Erfahrungen sind unterschiedlich, Vorteile haben Schulen, die schon länger auf digitale Techniken setzen.“ Vielerorts mussten Eltern die Rolle als Lehrer übernehmen. Universitäten versuchen jetzt, ihre Veranstaltungen für das Sommersemester wenigstens als Online-Kurse anzubieten. So begrüßenswert das kurzfristige Engagement von Einzelnen ist, besser wäre ein Konzept, wie Online-Bildung in Deutschland als Ergänzung zu Präsenzunterricht eingesetzt werden kann – angepasst an verschiedene Schulformen, an den Bedarf der Schüler und Studierenden, entwickelt von Experten für digitales Lernen.

Wir brauchen ein Europäisches Zentrum zur Infektionsabwehr.

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, welcher Schaden durch eine Epidemie entstehen kann, wenn das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben lahmgelegt werden. Weitere Gesundheitsgefahren sind längst bekannt: beispielsweise fehlen Antibiotika zur Behandlung von Krankheiten, die durch resistente Bakterien ausgelöst werden. Zudem scheint die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten selbst in Krisenzeiten in der Hand von kleinen Firmen und Startups zu liegen. Besser wäre eine europäische Initiative zum Schutz vor Infektionskrankheiten. Dort würden die besten Forscher arbeiten und mit staatlichem Geld beispielsweise neue Wirkstoffe für Antibiotika entwickeln (wird derzeit nicht gemacht) oder Arzneien, die die Vermehrung von Viren hemmen. Zu den Aufgaben würde außerdem zählen, in Kooperation mit der WHO möglichst schnell einen Test für aktuelle Bedrohungen durch Viren und Bakterien zu entwickeln und ihn bei Bedarf millionenfach produzieren zu lassen. Auch die Entwicklung eines Impfstoffs könnte in den Händen dieses Zentrums liegen.

Wir müssen die Rolle des Pflegepersonals und der pflegenden Angehörigen aufwerten.

Abends um 21 Uhr klatscht die Bevölkerung am Fenster für die Leistung des medizinischen Personals. Applaus ist Anerkennung, aber nicht mehr als das – und erst recht keine Perspektive für die Pflegekräfte. Die Gehälter sind schlecht, Aufstiegsperspektiven fehlen, der Beruf hat keine Lobby. Deutschland schafft es seit Jahrzehnten nicht, ausreichend Personal für die Pflege von Alten, Kranken und Schwachen bereitzuhalten. Billige Arbeitskräfte aus dem Ausland sollen einspringen. Pflege muss also einen anderen Stellenwert bekommen: Es ist eine hoch qualifizierte und sozial wichtige Arbeit, aber sie wird im Vergleich zum produzierenden Gewerbe noch immer herabgewertet. Und was pflegende Angehörige leisten, wird in der Gesellschaft kaum wahrgenommen. Sie benötigen Begleitung und zumindest vorübergehende bezahlte Auszeiten. Krankenhäuser müssen sich wieder um kranke Menschen kümmern und nicht die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellen.   

Wir müssen Gesundheitskompetenz und Allgemeinbildung stärken.

Was haben wir eigentlich falsch gemacht, dass es notwendig wird, den Bürgern so simple Dinge wie Händewaschen zu erklären? Am Anfang der Corona-Krise stand eine große Informationskampagne über mögliche Ansteckungswege. Dabei sind Erkältungskrankheiten so häufig, dass das Wissen darum zur Allgemeinbildung gehören sollte. Vielleicht bietet Corona den Anlass, die Lehrpläne an den Schulen auf den Prüfstand zu stellen, um ein Basiswissen sicherzustellen. Medizinische Fragestellungen sind sicher nur ein Aspekt. Zudem benötigen wir Informationen in einfacher Sprache, die alle Menschen verstehen. Ein dritter wichtiger Aspekt ist der Umgang mit Fake news. Mit der Verbreitung des Virus ging eine Flut an Falschmeldungen einher. Wir müssen die Bevölkerung in der Auswahl und Bewertung von Nachrichten ausbilden.

Mehr Kompetenzen für das Infektionsschutzgesetz?

Bis zum Beginn der Corona-Krise kannte kaum jemand das Infektionsschutzgesetz. Dabei regelt dieses Gesetzes drastische Eingriffe in die Gesellschaft und die Wirtschaft. Es ermöglicht Einschränkungen beim Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, bei der Bewegungsfreiheit, bei der Freizügigkeit, bei der Versammlungsfreiheit, beim Brief- und Postgeheimnis und sogar bei der Unverletzlichkeit der Wohnung. In vielen Ländern wurden zur Einschränkung der Epidemie auch die Handydaten an die Behörden übermittelt. Teils in anonymisierter Form (Bewegungsdaten), um das Ausmaß der Bewegung der Bevölkerung zu ermitteln. Teils die persönlichen Daten, um alle Kontaktpersonen sicher identifizieren zu können, damit die Infektionskette unterbrochen werden kann. Dieser Aspekt ist nur ein Beispiel für die Abwägung, welche Eingriffe in die Privatsphäre für den Schutz der Gemeinschaft gerechtfertigt sind – ein Thema, das nicht nur für die Ausformulierung des Infektionsschutzgesetzes eine Rolle spielt.

Benötigen wir eine neue Art des Wirtschaftens?

Der Markt regelt das? Die Corona-Krise hat gezeigt, wie anfällig Lieferketten sind, die nur nach wirtschaftlichen Aspekten ausgelegt sind. Wir lassen beispielsweise überlebenswichtige Medikamente in Indien und China produzieren. Es ist riskant, sich darauf zu verlassen, dass der günstigste Anbieter auch aus entfernten Weltregionen stets just in time liefert. Sollten wir wichtige Güter zur Sicherheit auch in Europa produzieren? Darüber hinaus hat die Corona-Krise eine deutliche Rezession ausgelöst. Doch schon seit langem wird darüber diskutiert, ob das Bruttosozialprodukt noch als Maßstab für erfolgreiches Wirtschaften taugt. Erstens, weil das Wirtschaftswachstum – zumindest bisher – mit einem Anstieg der CO2-Emissionen einhergeht. Zweitens, weil fortwährendes Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht denkbar erscheint. Drittens wollen wir den Einzelhandel, Gaststätten und lokale Angebote in unseren Städten fördern, aber kaufen dennoch über anonyme Lieferdienste im Internet. Nehmen wir diesen Diskussionsfaden wieder auf und suchen nach einem System, das stärker auf Nachhaltigkeit und Zufriedenheit setzt?

Wie verteilen wir das finanzielle Risiko?

Wenn ein Restaurant, Geschäft, ein Taxi-Unternehmer oder ein Handwerker wegen der Corona-Krise schließen muss oder weniger Kunden hat, dann trägt der Betreiber das wirtschaftliche Risiko. Der Staat hat ein umfangreiches Hilfsprogramm aufgelegt, damit immerhin Fixkosten wie die Miete bezahlt werden können. Große Handelsketten wie H&M, Deichmann oder Adidas haben in der vergangenen Woche einen eigenen Weg angekündigt: Sie werden keine Miete mehr bezahlen. Große Reiseunternehmen oder Fluggesellschaften verlangen Staatshilfe. Nach welchen ethischen Regeln wollen wir wirtschaftliche Risiken aufteilen?

Das generelle Problem des Abwägens – darf man für den Schutz einer Gruppe andere benachteiligen?

Die Frage, ob Corona-Partys oder Massenveranstaltungen mit zigtausenden Besuchern gerechtfertigt sind, wenn man damit Menschenleben gefährdet, ist schnell geklärt. Doch wie geht es weiter? Denn andere Abwägungen sind schwierig. Vor allem steht in einigen Wochen die Entscheidung an, ob wir das öffentliche und wirtschaftliche Leben wieder hochfahren sollten und damit Menschen in Risikogruppen einer Gefahr aussetzen. Wie hoch darf der Preis sein, um diese Gefahr zu verringern? Der Deutsche Ethikrat fordert in einer Stellungnahme, dass sich die Gesellschaft dieser Fragen annimmt und die Entscheidungen nicht einfach an die Wissenschaft delegiert. Klar müsse aber sein, argumentiert das Gremium, dass die Grund- und Menschenrechte gewahrt bleiben.

Eltern müssen endlich Zeit für ihre Kinder bekommen

Die Coronakrise hat plötzlich das Familienleben in den Mittelpunkt der Gesellschaft gestellt. Kinder bleiben zuhause. Das Kontaktverbot beschränkt den Umgang für viele Menschen auf den Kreis der Familie. Doch Familien und Patchworkfamilien funktionieren nicht so selbstverständlich, wie das gern angenommen wird. Sie benötigen oft Hilfe. Das Problem der Betreuung von Kindern wäre weit geringer, wenn wir andere Strukturen hätten, die nicht nur auf Fremdbetreuung setzen, sondern Eltern Zeit geben, sich gemeinsam um ihre Kinder zu kümmern. Stichwort Familienarbeitszeit – beide Eltern arbeiten in der aktiven Familienphase reduziert (beide 20 Stunden = eine Vollzeitstelle). Das gäbe Eltern Raum, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, es würde viel Druck aus Familien und von Kindern nehmen. Krisenzeiten – nicht nur Corona - ließen sich leichter meistern. Denn Kinder sind keine Roboter: Sie werden krank, erleben Unsicherheiten im Heranwachsen und brauchen ihre Eltern. 

Was ist mit Europa?

In der Coronakrise werden Grenzen geschlossen und das Konzept der Nationalstaaten erlebt zumindest zeitweise eine Konjunktur. Der alte Gedanke, dass mit den Fremden auch das Böse kommt, lebt wieder auf. Populisten verwenden dieses Muster als einfache Argumentation. Dabei macht das Virus keinen Halt an Grenzen, wenn viele Menschen auf dem Kontinent in anderen Ländern arbeiten, eine Ausbildung absolvieren oder urlauben. Europa wird sich auf den Geist der Gemeinschaft und auf die daraus entstehenden Vorteile besinnen müssen. Diese Aufgabe können wir nicht nur bei der Politik abgeben, hier ist jeder Einzelne gefragt.   

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wenn Ihnen der Ansatz der Zukunftsreporter gefällt, freuen wir uns über eine finanzielle Förderung unseres Projekts - möglich ist das unter diesem Link. Ohne finanzielle Unterstützung können wir den redaktionellen Aufwand für unsere Artikel nicht stemmen, auch wir müssen von den Einnahmen des Journalismus leben. Herzlichen Dank! Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gern unseren kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind.

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