Der Nordpol brennt, die Bestien kommen

Alfred Döblin als Science-Fiction-Autor: "Berge Meere und Giganten" nimmt die Konflikte unserer Zeit vorweg.

Von Christian Schwägerl

Gardar Olafsson/Shutterstock

Alfred Döblin war Großstädter durch und durch. Er begeisterte sich vor allem für "Häuser, Maschinen, Menschenmassen". Nach eigenem Bekunden hat er im Alter von fünfzehn Jahren das erste Mal einen Kirschbaum bewusst wahrgenommen. Ihn widere es an, ästhetisch ansprechende Landschaften aufzusuchen, schrieb er.

1921 verließ Döblin dennoch Berlin in Richtung Ostsee. Er fuhr in den Urlaub, nach Arendsee. Dort erlebte der 43-jährige Schriftsteller etwas Unerwartetes. Er habe "einige Steine gesehen, gewöhnliches Geröll, das mich rührte", notierte er später. "Es bewegte sich etwas in mir, um mich." Er nahm Steine und Sand mit nach Hause.

Das Erlebnis wirkte verstörend auf den Schriftsteller. Unerwartet hatte sich seine ganze Wahrnehmung verändert. Die frühere Verachtung war wie weggewischt, die Natur erschien ihm nun “als das Weltwesen, das ist: das Schwere, das Farbige, das Dunkel, die zahllosen Stoffe, als eine Fülle von Vorgängen, die sich lautlos mischen und durchkreuzen." Selbst eine Tasse Kaffee setzte ihn nun in Erstaunen. Der weiße Zucker verschwand in der braunen Flüssigkeit, löste sich, und Döblin fragte sich: “Was tut das Fließende, Flüssige, Warme, dem Festen, so dass es nachgibt, sich hinschmiegt”?

Drei Jahre nach dem Urlaub an der Ostsee veröffentlichte Döblin einen Roman, der die Grenzen des damaligen Vorstellungsvermögens sprengte. Die Handlung von "Berge Meere und Giganten" erstreckt sich vom Ende des 20. bis ins 27. Jahrhundert. Wer den Roman mehr als neunzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung liest, dem wird klar, dass Döblin nicht nur den Faschismus und den Zweiten Weltkrieg, sondern auch die Krisen und Probleme des 21. Jahrhunderts vorweggenommen hat. Es geht in dem Werk um Konflikte zwischen Ost und West, um Techniken der Natur- und Menschenbeherrschung, um einen katastrophalen Klimawandel und das Ringen zweier Grundkräfte in der Menschheit der Zukunft: einer naturliebenden Strömung und einer technokratischen Ideologie. Zunächst bekämpfen sich Völker des Ostens und Westens in einem bestialischen Uralischen Krieg. In späteren Jahrhunderten übertreffen sich die Diktatoren unterirdischer Städte gegenseitig in ihrer Menschenverachtung, bis hin zu organisiertem Kannibalismus. Bei einem technischen Großprojekt, das zum Ziel hat, Grönland zu enteisen, werden Zwangsarbeiter, die mit dem dafür vorgesehenen Energienetz in Berührung kommen, "vergast, wie alles Feuchte".

"Berge Meere und Giganten" ist der ultimative deutsche Science Fiction und ein Schlüsselroman des Anthropozäns. Doch kennt das Buch kaum jemand. Dabei hat es hat uns in einer Zeit, die sich selbst wie ein Science Fiction anfühlt, einiges zu sagen. Döblin erzählt in einer expressionistischen Sprache, die schwer zugänglich ist und auf den heutigen Leser gekünstelt und schwülstig wirken mag. Günter Grass hat über das Buch gesagt, es sei "wie unter visionärem Überdruck" geschrieben.

Lesen Sie weiter: Wie Döblin einen katastrophalen Klimawandel ausmalte – und warum sein Zukunftswerk trotzdem Hoffnung macht.

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Der Schriftsteller Alfred Döblin sitzt an einem Brunnen.
Eigentlich war Alfred Döblin Großstadtmensch durch und durch. Dann entdeckte er die Natur.
Deutsches Literaturarchiv Marbach, mit frdl. Genehmigung

Wer sich aber auf das Chaos einlässt, erlebt eine Überraschung. Dialektisch zuckt die Handlung zwischen Naturliebhabern und Erdbezwingern hin und her. Kaum ist eine Phase relativer Stabilität erreicht, putschen sich neue Diktatoren an die Macht, kommt es zu neuen Kriegen. Und nicht immer sind die Freunde der Natur die Guten, vor allem, als es zum Finale gen Norden geht. Döblin läßt Friedenszeiten als Ausnahmeerscheinung heraustreten. Die ökologischen Krisen von heute nimmt er in fast prophetischer Weise vorweg.

Einer der Protagonisten ist der Berliner Stadtfürst und Botaniker Marduk. Er baut vor den Toren der Stadt eine Art "Soylent Green"-Fabrik, in der er seine menschlichen Opfer und Pflanzen zur Kunstnahrung Meki zusammenwuchern lässt. Sein Schüler Kylin eifert ihm nach. Dem Schweden gelingt es, die geheimen Wachstumskräfte der Steine zu entschlüsseln. "Er hatte das Futter gefunden, mit dem man Gesteine speist." Kylin macht sich mit zweihundert Schiffen und einem Flugzeuggeschwader auf den Weg, um die Energie der isländischen Vulkane anzuzapfen, was dazu führt, dass die ganze Insel kollabiert. Es gelingt den Pionieren jedoch, die Energie der Erde in Turmalinen zu speichern, die "das strahlende Feuer der Vulkane an sich saugen".

"Der sonnenartige Brand am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an."

Das Unternehmen dient einem ungeheuerlichen Plan: Delvil, ein politischer Führer der westeuropäischen Stadtschaften, will Grönland enteisen, das Klima der Nordhalbkugel ändern und den Golfstrom umlenken, um im hohen Norden neuen Siedlungsraum zu schaffen. Als Kylin in seinem Auftrag die Turmaline gen Grönland transportiert, ist das der Beginn einer neuen unheilvollen Entwicklung. Lebewesen aller Art scheinen magnetisch angezogen zu sein von den Schiffen der Abenteurer. Bald sind sie von einem Meer aus Kraut und Algen umgeben und von Pflanzen überwuchert. Döblin: "Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge, Wiesen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader sie von den Feuerseen Islands abzogen."

"Ölwolkenschiffe" und "Gasschiffe" eilen herbei, um die wertvolle Turmalinfracht zu befreien. Die in ihnen gespeicherten Kräfte breiten sich über den Eismassen aus. Ein weithin sichtbares "rosafarbenes, fast weißes Licht" legt sich über die Arktis, es wird durch ein feines Stromnetz verstärkt, das ein weiteres Schiffsgeschwader ausgelegt hat.

Zunächst reagiert nur das Klima. "Alle Windrichtungen waren verändert. Der sonnenartige Brand am Pol zog wie ein Äquator die Luftströme an; sie wehten nach Norden in einem heftigen oft zu Böen gesteigerten Drang." Grönland zerfällt in zwei enteiste Inseln, die, von der Eislast befreit, wie ein Korken nach oben treiben. Dann setzt die wuchsfördernde Kraft der Turmaline eine Art lebendigen Tsunami in Gang. Es regnet Vogelfedern und Pflanzen, die wie ein Teppich das Wasser bedecken. Ein "Riesenlager von Lebendigem" breitet sich aus, ein "grünes Meergebirge", die Wälder und Wiesen des Meeres wachsen "zu einem einzigen hauchenden Wesen" ineinander, in dem Lebendes und Totes, Pflanzen, Tier und Boden nicht zu unterscheiden sind. Diese wuchernde Masse gebärt lawinenartig Wesen, wie sie die Erde noch nicht gesehen hat: "wie sie rollten, backten sie an ihren Leib, was sie fassen konnten." Ein gigantischer Schwarm ungeheuerlicher Flugechsen, Vögel und Fischwesen entsteht, der sich gen Europa in Bewegung setzt. Das unkontrollierte Wachstum, das Marduk im Brandenburger Labor erdacht hatte, erfasst nun die ganze Erde.

"Berge Meere und Giganten" – zwei Seiten aus dem Manuskript des Zukunftsromans.
Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Wer denkt bei diesen Visionen nicht an den globalen Klimawandel? In der Arktis mehren sich die Anzeichen für eine stetige Erwärmung von Luft und Wasser, mit Effekten, vor denen es Wissenschaftlern gruselt. Die Korallenriffe leiden darunter, da das Meer wärmer und saurer wird. Döblin sieht voraus, dass Naturzerstörung nicht automatisch zur Besinnung führt, sondern wahres Berserkertum hervorbringen kann – wenn nämlich der Glaube besteht, der Mensch sei der Gebieter der Erde.

Je mehr die Menschen die Natur zerstören, desto tiefer stecken sie in ihr drin.

Im Verlauf der Geschichte steigert sich das Ausmaß der Zerstörung ins Groteske. Während Kylin, der Anführer der Siedler, auf die Shetlandinseln flieht, nimmt auf dem Festland der Diktator Delvil den Kampf gegen die in der Arktis freigesetztem Unwesen auf, die Hamburg und andere Städte verwüsten und jedem, der sie berührt, einen schrecklichen Tod bereiten. Delvil hasst die Natur: "Man hatte nicht dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies zu erdulden." Er schwört Rache, so lässig wie der Wachmann in Macbeth, der über den Regen sagt: "Let it come down". "Die Bestien! Die Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! (...) Sie sollen kommen. Je mehr desto besser. Sie sollen es fühlen", ruft Delvil. Er lässt Steine, Tiere, Pflanzen und Menschen zu riesigen, lebendigen Türmen verbauen, die an den Küsten eine Front von Riesen bilden, um die Unwesen aus dem Norden abzuwehren. Die Bevölkerung lässt Delvil in unterirdische Techno-Städte umsiedeln, in denen sie abhängig von Kunstnahrung und Apparaten leben und sich mit brutalen Zirkusspielen amüsieren. "In diesen meilenweiten warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume wuchsen nicht." Auch die Smartphonesucht sah Döblin kommen. Er beschreibt Unterhaltungsapparate, an denen die Menschen "wie Fliegen an der Honigstange" hängen.

Wenige "Giganten" gewinnen im Abwehrkampf gegen die entfesselte Natur eine unglaubliche Macht. Sie können in die Gestalt von beliebigen Lebewesen, sogar Wolken schlüpfen und die Bevölkerung terrorisieren. Döblin lässt Delvil den Imperativ der heutigen Ökonomie ausrufen: "Wachst! Saugt die Erde auf. Nehmt auf die Fahrt mit, was ihr könnt." Damit nimmt er vorweg, was sich angesichts heutiger, vom Kapitalismus getriebener Zerstörungen abzeichnet: dass dieses Wirtschaftssystem schon tot ist, ohne es bemerkt haben, dass es dabei ist, sich zu zerstören und die eroberte Materie wieder in den Naturkreislauf zurückzugeben. Denn je mehr in Döblins Roman die Giganten wachsen, desto mehr verwachsen sie mit der Erde, die sie doch hassen – bis sie sich schließlich selbst in Gebirge verwandeln.

Als "Hochspannungsprosa" haben Kritiker den Zukunftsroman bezeichnet. Das Wichtigste an diesem Werk ist aber nicht die hollywoodtaugliche Action, sondern der sich über Jahrhunderte erstreckende Strang der Kriegszyklen auf der negativen Seite und auf der positiven Seite die Beschreibung einer nahezu unausweichlichen Annäherung der Zivilisation an die Natur. Es gibt in diesem Buch kein Entkommen aus der Erde. Je mehr die Menschen die Natur zerstören und vor ihr entfliehen wollen, desto tiefer stecken sie in ihr drin.

Ein explodierender Vulkan auf Island
Die Expedition nach Island hat in Döblins Zukunftsroman katastrophale Folgen.
Gardar Olafsson/Shutterstock

"Berge Meere und Giganten" kann als biologischer, geologischer Roman gelesen werden, in dem die Technik als Produkt der Erde erscheint und der Mensch als Ausdrucksform der sich ständig wandelnden organischen Materie. Zu dieser Materie entfaltet Döblin eine zärtliche, warmherzige, ja liebevolle Beziehung. Überall erkennt er, obwohl er sich tief in die Naturwissenschaft seiner Zeit versenkt hatte, Beseelung. Das war sein Wort für eine empathische Beziehung zur Natur, dafür, Tiere und Pflanzen nicht zu Zwecken und Objekten zu degradieren.

Döblin arbeitete die ökologische Sensibilität, die er seit seinem Erlebnis am Ostseestrand ausgebildet hat, in die verschiedensten Charaktere ein, etwa den Anführer De Barros, der Kylin anprangert, da durch die Zerstörung der isländischen Vulkane Tiere starben: "Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen." Als Kylin später seine Taten bereut, klingt er wie ein früher Anhänger der Gaia-Lehre: "Ein lebendiges Wesen die Welt: das ist ungeheuer zu denken. Ist es möglich zu sterben, nachdem wir dies wissen. Hör wie sie rufen. Sie verstehen alles wie wir. Dies verstehen alle Menschen. Es ist keine Zaubersprache, die wir verstecken können." Kein Umwelt-Philosoph von heute könnte dies besser formulieren.

Wie soll man das nennen – Techno-Öko-Buddhismus? Futuristischen Holismus?

Dass es Döblin selbst ist, der da spricht, enthüllte er 1928 in einer eigenen philosophischen Schrift mit dem Titel das "Ich über der Natur". Während "Berge Meere und Giganten" in einer hervorragenden, von Gabriele Sander herausgegebenen Ausgabe im Walter Verlag vorliegt, gibt es vom "Ich über der Natur" keine aktuelle Ausgabe, das Buch ist nur antiquarisch als Erstausgabe zu haben – das ist traurig.

Sieben Jahre hatte das Erlebnis am Ostseestrand in Döblins Inneren nun gearbeitet. Ein durch und durch analoges Weltbild hatte er da entwickelt, animistisch, jenseits der eingeübten Grenzen von Kultur, Technologie und Mensch. In dieser feingesponnenen Naturphilosophie reist er durch die Phänomene Licht, Kraft, Hitze, Kälte, Zeit, Zellen, Gewebe, Organismen, Kosmos, nicht immer mit naturwissenschaftlicher Exaktheit, aber darum geht es ihm auch nicht, sondern um "bessere, tiefere, reichere Wege, sich der Natur zu nähern."

Gerade im Licht dessen, was Wissenschaftler über die Natur herausfinden, erscheint sie ihm untrennbar mit dem Menschen verbunden. "Was meine ich damit, wenn ich sage: Pflanzen, Steine sind beseelt? Ich will sagen: man erkennt sie, man erfühlt sie, wenn man sich selbst an ihre Stelle setzt und in sie hinein versetzt. Vieles in der Natur ist völlig so, als wenn wir es selbst konstruierten. Die Natur, die so handelt, ist keine Maschine, sondern umgekehrt: unsere Maschine ist die Fortsetzung dieser Natur." Den Menschen, diesen "Lichtmaulwurf", der aus der in tiefster Finsternis um die Sonne kreisenden Erde hervorgegangen ist, reiht Döblin in eine "Identität alles Lebendigen" ein, und in eine tiefe Verbindung mit dem Anorganischen. Wie soll man das nennen – Techno-Öko-Buddhismus? Biophilie? Futuristischen Holismus?

Der Mensch ist für Döblin "nur real und bestimmt mit der Erde, mit anderen Tieren und Pflanzen, mit der Sonne". Um die volle Realität des Menschen zu erfassen, müsse man "Erde, Sonne, Milchstraße mit aufzählen." Von diesem Unendlichen gelangt Döblin immer wieder tief in die Sphäre der Dinge und Energien, die doch nicht so tot sind, wie sie scheinen. Über sie staunt er wie ein Meditierender, wie er da zum Beispiel am Strand sitzt und Wasser durch seine Hand laufen lässt. Das simple Fließen lässt ihn erschaudern: "Solche Dinge werden in der Welt gekonnt, und ich habe sie nicht bemerkt bis jetzt." In diesem Fließen empfindet er nun sich selbst eingebettet, er durchläuft analog eine persönliche Revolution: "Ein merkwürdig wimmelndes, riesig aufgeteiltes Kontinuum ist da, das eigentümlich strahlt und dem Ich entgegentritt. Eine Flammenschrift an der Wand. Das Ich ist darin. Es wiegt sich darin!"

Das sind – stilistisch gesehen – Worte wie aus der Zeit gefallen, bei denen sich mancher heutige Leser instinktiv verkrampft. Aber wer Döblins Gedankenwelt vorschnell als Öko-Kitsch und Ganzheitlichkeits-Geschwurbel abtut, sollte bedenken, wohin es geführt hat, dass diese Gedanken erst viel zu spät im 20. Jahrhunderts in Form des "Umweltbewusstseins" Breitenwirkung entfaltet haben und immer noch um Anerkennung ringen. Die sinnlichkeitsfreie Kälte des heutigen Kapitalismus und die mit ihr verbundene Lehre, dass Lebewesen eigentlich nur Maschinen sind, treibt unsere ökologische Verarmung voran: Erde und ihre nicht-menschlichen Bewohner sind nur reiner Rohstoff, frei von intrinsischem Wert. Eine eigene, subjekthafte Perspektive wird ihnen abgesprochen. Genau das gehört zu den Antriebskräften der ökologischen Krise.

Alfred Döblin an der Ostsee – nach einem Besuch am Meer entwickelte er eine eigene Naturphilosophie
Mit frdl. Genehmigung Deutsches Literaturarchiv Marbach

Mehr noch: nach Jahrzehnten, in denen nach 1989 zuerst die Reisefreiheit der Menschen durch das Ende des Kalten Kriegs und dann die Reisefreiheit der Informationen durch die Ausbreitung des Internets einen Siegeszug globaler Verbundenheit mit sich gebracht hat, befindet sich nun globales Denken in der Defensive. "Globalismus" ist in den USA sogar zum Schimpfwort geworden. In der Offensive sind jene Kräfte, die nichts mehr hassen als die Welt als “merkwürdig wimmelndes, riesig aufgeteiltes Kontinuum” zu verstehen. Der Mauerbauer Trump, die Inselisolationisten in Großbritannien und all die anderen nationalistischen Kräfte, die sich als neuer Zeitgeist gerieren, leben das Gegenteil von Döblins Verbundenheitsethik. Demokratie, Menschenrechte, die Wertebindung des Westens, ja auch die bisherigen Erfolge der Umweltpolitik – all das ist jetzt in Gefahr. Und während die Schlachten der Vergangenheit noch einmal geschlagen werden müssen, kommen neue Herausforderungen hinzu: Künstliche Intelligenz macht sich breit, undemokratische Konzerne dringen in den letzten Winkel des Lebens vor, Technologie zerstört künftig Lebensweisen vielleicht schneller als sie neue schafft. Ein Panorama von Gefahren wie aus "Berge Meere und Giganten".

Angesichts der Welle der Gegenaufklärung, die um den Planeten schwappt, bietet Döblin eine Art Rettungsinsel: er malt den Horror von Diktatur und Repression schonungslos aus – und bewegt sich doch auf etwas Gutes zu. Härter geht Dialektik kaum. Wenn Döblin Recht behält, wird der Wahnsinn unserer Tage starke Gegenkräfte wecken.