UNDP-Chef Steiner fordert neue Ökonomie: „Die immensen volkswirtschaftlichen Einnahmen aus einer funktionierenden Natur werden nirgendwo erfasst.“

Interview mit dem Leiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen zum UN-Biodiversitätsgipfel

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Steiner ist als Redner zu sehen, hinter ihm ein Bild von ihm selbst auf einer Leinwand.

Am 30. September stehen bei der UN-Generalversammlung die Bedrohung der biologischen Vielfalt auf der Erde und die daraus resultierenden Gefahren auch für uns Menschen im Zentrum eines eintägigen Gipfels. Mit im Mittelpunkt steht dabei Achim Steiner, Chef des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, UNDP. Der aus Deutschland stammende Steiner war, bevor er 2017 UNDP-Chef wurde, unter anderem Leiter des UN-Umweltprogramms (UNEP) und Generaldirektor der Internationalen Naturschutzunion (IUCN). Christian Schwägerl und Thomas Krumenacker haben Steiner zum UN-Biodiversitätsgipfel interviewt.

Herr Steiner, am Mittwoch stehen Bedrohung und Schutz der biologischen Vielfalt im Zentrum der UN-Generalversammlung. Ist das eine Schaufenster-Veranstaltung oder passiert da etwas in der Substanz?

Steiner: Eigentlich war dieser Gipfel als Auftakt zur großen Weltbiodiversitäts-Konferenz im chinesischen Kunming im Oktober gedacht, bei der auch konkrete Beschlüsse fallen sollten. Diese Konferenz musste nun wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. Der Gipfel am Mittwoch hat deshalb an Bedeutung gewonnen, weil er inmitten eines gewissen Vakuums beim globalen Schutz der Natur im Jahr 2020 noch einen Orientierungspunkt gibt.

Woran machen Sie diese positive Rolle fest?

Steiner: Die Anzahl der Staats- und Regierungschefs, die sich angemeldet haben und die zur Biodiversität sprechen wollen, liegt jetzt schon bei 116. Das hat es in dieser Form beim Thema Biodiversität noch nicht gegeben. Das ist ein Indiz, dass wir auch inmitten dieser schwierigen Zeit, in der wir so viele kurzfristige Probleme zu lösen haben, die Aufmerksamkeit für längerfristige Krisen und vor allem auch für einen neuen Entwicklungsweg für Mensch und Natur aufrechterhalten.

Sie sprechen von einem Vakuum. Die gemeinsamen Ziele der Staatengemeinschaft für den globalen Naturschutz reichten nur bis 2020. Hat sich in den vergangenen Monaten niemand weiter um die geplanten neuen Ziele bis 2030 gekümmert?

Steiner: Gekümmert haben sich Regierungen, Umweltverbände und Wissenschaft schon, aber internationale Politik braucht Treffen und Begegnungen, bei denen dann gemeinsam Entscheidungen getroffen werden können. Weil solche Treffen nicht möglich sind, gibt es ein gewisses Vakuum, das gilt für die UN-Klimakonvention genauso wie für die UN-Biodiversitätskonvention. Zugleich sehe ich aber eine Phase des Nachdenkens und auch der Umorientierung: Die Europäische Union beispielsweise schlägt mit dem „Green Deal” einen neuen Weg ein. Und auch viele Entwicklungsländer erkennen, wie wichtig ein funktionierendes ökologisches Netz der Natur vor allem auch für ihre weitere wirtschaftliche Entwicklung ist. Dass das trotz aller geopolitischen Spannungen unserer Zeit passiert, gibt mir Hoffnung.

Am Montag haben mehr als sechzig Staats- und Regierungschefs ein “Leader’s Pledge for Nature” veröffentlicht. Wie bedeutsam ist dieses Dokument?

Die gezeigte Szene stammt aus dem Mai 2020. In einem Slum im indischen Secunderabad bringt ein Lastwagen kostenloses Trinkwasser. Viele Menschen stehen um den Lastwagen herum und versuchen, etwas abzubekommen. Eine Frau und ein Mädchen waren erfolgreich. Sie tragen einen großen Wasserbehälter nachhause.
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle Menschen ist eines der wichtigsten Ziele nachhaltiger Entwicklung. Doch an vielen Orten der Erde ist Trinkwasser knapp, wie hier in einem Slum im indischen Secunderabad, wo im Mai 2020 das Hyderabad Metropolitan Water Supply and Sewerage Board kostenlos Wasser verteilt hat. In vielen Erdregionen bedroht Naturzerstörung die Quellen sauberen Wassers.

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