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Ausgesperrt

Covid 19: Australier versuchen das Virus in den Griff zu bekommen

von
06.04.2020
3 Minuten
in Bronte Beach in Sydney sitzen Möwen auf einem verlassenen Strnd hinter Gittern


Gesperrte Strände, Kreuzfahrtschiffe werden Katastrophendampfer und ein plötzliches Heer von Arbeitslosen – Australien muss nach einer katastrophalen Feuersaison eine weit größere Krise bewältigen, Noch sind die Infektionsraten jedoch relativ niedrig.

Wie ist die aktuelle Situation in Australien?

In Australien gibt es etwa 6.000 Infizierte, 44 Menschen starben bisher an Covid-19 (Stand 7. April), die tägliche Zuwachsrate hat sich auf 5 Prozent verlangsamt – verglichen zu 23 Prozent vor zwei Wochen. Wer einreist, muss inzwischen 14 Tage zur Quarantäne in Hotels oder staatliche Einrichtungen. Australiern wird empfohlen, ihr Land nicht zu verlassen. Sie dürfen auch auf dem eigenen Kontinent nicht ohne wichtigen Grund reisen, zwischen einigen Bundesstaaten gibt es Quarantäne-Bestimmungen und geschlossene Grenzen. Wer kann, muss zu Hause arbeiten, Schulen sind – vor allem für Kinder von Eltern in 'systemerhaltenden’ Berufen offen, die meisten Kinder werden allerdings online unterrichtet. Wer Ausgangssperren und andere Einschränkungen missachtet, kann im bevölkerungsreichsten Bundesland New South Wales mit Geldstrafen von umgerechnet bis zu 6.000 Euro und Gefängnis bestraft werden.

Wie geht die Bevölkerung damit um – und wie Du?

Ich musste nach der Rückkehr von einem Neuseeland-Trip 14 Tage in die „Selbst-Isolierung“, die jetzt gerade vorbei ist. In der Zeit riefen mich Behörden und Polizei dreimal an, um zu checken, wie es mir ging und wo ich war. Die Quarantäne war auszuhalten, denn ich habe viel Platz, Nachbarn kauften für uns ein. Trotzdem schön, dass ich – wenn auch auf Distanz – wieder ein paar andere Gesichter sehe. Für Recherchen raus zu gehen bleibt dank #stayhome-Empfehlung schwierig.

In den Großstädten sind Abstand und Einschränkungen schwieriger zu befolgen, aber noch werden die Anordnungen weitgehend akzeptiert. Viele Städter sind allerdings sauer: Sie sollen in den Osterferien nicht in ihre Ferienhäuser fahren, viele Campingplätze und Nationalparks sind geschlossen. Ein Stadt-Land-Zerwürfnis scheint programmiert: Bewohner ländlicher Gemeinden haben Angst, das Virus könne von Großstädtern in ihre Region gebracht werden und dort regionale Krankenhäuser überfordern. Schon gelten jetzt viele Küstenorte wie Byron Bay als „hotspots“.



Gegenüber der Oper liegt eiin Kreuzfahrtschiff im Hafen von Sydney – das Foto entstand vor der Pandemie. Pro Saison steuern mehr als 340 Kreuzfahrtschiffe die Stadt an.
Ein Kreuzfahrtschiff im Hafen von Sydney – vor der Pandemie steuerten in der Saison 2017/2018 mehr als 340 Kreuzfahrtschiffe die Stadt an.


Australiens Arbeitslosenquote liegt seit Jahren stabil bei etwa 5 Prozent, zugleich gibt es eine hohe Quote an Teilzeitkräften, Saisonarbeitern und permant Nicht-Fest-Angestellten: im Tourismus, in der Gastronomie und der Landwirtschaft. Dort verloren vor zwei Wochen Zigtausende über Nacht ihre Jobs. Die Regierung hat Milliarden an Subventionen zugesagt – jenen die frisch arbeitslos sind, aber auch anderen. Einige Leistungsempfänger bekommen so in Coronazeiten sogar mehr Geld vom Staat als zuvor. Tausende, die unversichert in den Waldbränden zum Jahresbeginn Häuser und Jobs verloren haben, dürfte auch das nicht weit bringen.

Welche regionalen Besonderheiten spielen eine Rolle?

Australier sind die fünft-fleißigsten Kreuzfahrer der Welt: 2017 buchten 1,34 Millionen Australierinnen und Australier eine Schiffsreise, Hinzu kommen Passagiere anderer Länder: Allein in Sydneys Hafen legt im Durchschnitt jeden Tag eines der schwimmenden Großhotels an. Mehr als ein Drittel der Todesopfer im Land sind derzeit Passagiere der Kreuzfahrtschiffe. In der dritten Märzwoche passierte ein Fiasko als 2700 Menschen in Sydney von Bord der Ruby Princess gelassen wurden – und zwar nachdem auf dem Schiff zahlreiche Personen erkrankt waren, inzwischen gibt es mehr 600 kranke Ruby Princess-Passagiere und zwölf Tote. Seither versuchen die Behörden, sämtliche Kreuzfahrer, die noch vor Australiens Küsten unterwegs sind, in ihre Heimathäfen zu schicken.

Ein Verbotsschild sperrt Bondi Beach ab, Sydneys berühmtesten Strand. Tausende tummelten sich hier auch nachdem die Behörend um social distancing gebeten hatten. Dann griffen drastische Maßnahmen
Bondi Beach, Sydneys Strand, der zum Symbol für zu sorgloses Verhalten wurde. Inzwischen ist er geschlossen.

Schwierig ist für die sport-, meer- und bewegungsbesessenen Städterinnen die Tatsache, dass zahlreiche Strände gesperrt wurden. Auch am Wochenende nach Einführung der Distanzregelung drängten sich Tausende in Bondi Beach, daraufhin wurde der Stadtstrand – ebenso wie viele andere Strände in Sydney – kurzerhand dicht gemacht. Inzwischen ist ein Cronatest-Drive-Through auf dem gesperrten Strandparkplatz eingerichtet, denn das auch bei Touristen extrem beliebte Bondi gilt als „hotspot“. Nicht nur die Surfer sind sauer, auch Tausende, für die sonst jeder Tag mit einem Sprung ins Meer oder mit einer Runde Jogging am Strand beginnt, fühlen sich gedeckelt. Die große Mehrzahl der 11.011 australischen Strände ist zwar weiter zugänglich – nur sitzt der Großteil der Bevölkerung in den Städten fest und darf ohne wichtigen Grund nicht vor die Tür.

Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu Deutschland?

In Australien leben 3,2 Einwohnern pro Quadratkilometer – in Deutschland sind es 237. Das ist natürlich ein schiefes Bild, da Bewohner der Großstädte auch in Australien enger zusammen leben. Trotzdem ist mehr Platz, die Menschen verbringen mehr Zeit draußen als in Deutschland. Das könnte dazu beigetragen haben, dass die Ausbreitung des Virus langsamer verlaufen ist als in anderen Ländern. Arbeitsmarkt und Mietverhältnisse sind in Australien viel ungeregelter als in Deutschland. Obgleich jüngere Leute unter 30 nie eine Rezession erlebt haben, ist die Angst vor finanziellen Verlusten enorm.

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Julica Jungehülsing

Julica Jungehülsing

Julica Jungehülsing lebt und arbeitet seit 2001 als freie Korrespondentin in Australien


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Australien ist extrem: im Innern leer und trocken, an den Küsten Strände, Surfer, Städte. Koalas werden geliebt, Katzen gejagt. Und die Leute sind relaxt, außer es geht um Cricket oder den Klimawandel.

In unseren AustralienStories erzählen wir von diesen Extremen – und vom ganz normalen Leben. Wir erkunden wenig bekannte Orte, interviewen besondere Menschen, gucken vor und hinter die Kulissen des happy-go-lucky-Kontinents. Ob Sie in Australien reisen oder leben oder davon träumen, oder einfach gerne den Horizont vergrößern – hier finden Sie Stoff zum Lesen und Staunen, Wundern oder Lachen.

Wir, das sind: Julica Jungehülsing, die seit 2001 als freie Korrespondentin zwischen Pazifik, Nationalpark und Busch lebt. Und Katja Trippel, die ein gutes Jahr als Journalistin in der „big country town“ Adelaide arbeitete und nun über ihre Entdeckungen schreibt.

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