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Corona weltweit: Bangen vor dem Covid-Winter, Angst vor Omikron

News und Trends zur Corona-Pandemie aus Südafrika, Spanien, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Island, Israel, Kolumbien, Papua-Neuguinea, Australien, Kenia und den USA

29.11.2021
17 Minuten
Ein 9 Jahre altes Mädchen bekommt die Impfung, neben ihr eine Superman-Figur.

Wie sieht die Corona-Lage rund um den Globus aus? Unsere Reporterinnen und Reporter geben einen Überblick aus elf Ländern.

Die neu entdeckte Omikron-Variante des Corona-Virus dominiert die weltweiten Schlagzeilen, viele Länder stoppen Flüge aus dem südlichen Afrika. Die Stimmung ist vor allem in Europa mehr als angespannt, nachdem vielerorts längst eine neue Infektionswelle mit „Delta" rollt und zu teils stark zunehmenden Infektions- und Totenzahlen führt sowie zu harten Restriktionen, um sie einzudämmen, und zu Kontroversen darüber, wie angemessen diese sind. Unter anderem in Österreich, Australien, in der Karibik und auf Papua-Neuguinea radikalisieren sich die Gegner von Maßnahmen erkennbar, wie unsere Reporterinnen und Reporter berichten.

Inzwischen haben sich weltweit mehr als 261 Millionen Menschen seit Beginn der Pandemie nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt, von ihnen sind 5,2 Millionen gestorben. 7,6 Milliarden Impfdosen wurden bislang verabreicht, die meisten in reicheren Ländern.

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Südafrika: Im Schatten von Omicron

Von Leonie March, Themenmagazine Afrika-Reporter und Weltreporter, Durban

Nach der Entdeckung der Omicron-Variante arbeiten südafrikanische Wissenschaftler mit Hochdruck daran, herauszufinden, in welchem Umfang Covid-19-Impfstoffe wirksam bleiben und ob das Risiko für Neuinfektionen Genesener steigt. Erste Ergebnisse werden in den kommenden zwei Wochen erwartet. Sowohl die Forscher als auch die Regierung warnen unterdessen vor Panik.

Impfstoffe seien weiterhin der beste Schutz, sagte Präsident Ramaphosa am Sonntagabend bei einer Rede an die Nation. 25 Millionen Südafrikanerïnnen wurden mittlerweile geimpft, die Impfkampagne soll nun verstärkt werden, Booster-Impfungen sind geplant – zunächst für das Gesundheitspersonal und Bürgerïnnen mit Vorerkrankungen – und auch über eine Impfpflicht wird diskutiert.

Währenddessen wächst Kritik: Zum einen an der weiterhin bestehenden globalen Impfungerechtigkeit und dem mangelnden Zugang vieler afrikanischer Staaten zu Impfstoffen, zum anderen an der Reaktion von Staaten wie Deutschland auf die Omicron-Variante, die mittlerweile in mehr als einem dutzend Staaten nachgewiesen wurde.

Die prompt verhängten Einreiseverbote entbehren aus Sicht von Regierung und Forschern jeder wissenschaftlichen Grundlage. Südafrika werde für seine fortschrittliche Genom-Sequenzierung und seinen verantwortlichen Umgang mit den Forschungsergebnissen „bestraft“, so der Tenor. Die ohnehin angeschlagene Wirtschaft, vor allem die Tourismusbranche, die auf eine gute Sommersaison gehofft habe, werde dadurch weiter geschädigt.

Israel: Kinderimpfung läuft, neue Einreisebeschränkungen

Von Agnes Fazekas, Themenmagazin Weltreporter, Tel Aviv

Mal mit Skepsis, mal mit Sorge, mal mit Neid, guckt Europa seit Pandemiebeginn nach Israel. Das winzige Land gilt als Testlabor von Pfizer, und scheint immer einen Schritt voraus zu sein.

So zeigte die nahöstliche Kristallkugel nicht nur, dass die Wirkung der Impfung schneller nachlässt als erhofft, sondern auch, dass der Booster der Delta-Welle Einhalt gebietet. Israel hatte damit schon im August begonnen.

Die Bevölkerung gibt sich deshalb derzeit recht unbesorgt. Masken werden nur noch nachlässig getragen; der grüne Impfpass, in dem die Hälfte der Israelis schon längst die dritte Dosis verzeichnet hat, ist schon fast wieder vergessen.

Trotzdem sorgten sich Experten und Expertinnen bereits vor zwei Wochen, dass sich doch schon die fünfte Welle abzeichnet. Der R-Wert stieg nämlich zuletzt wieder an. Als zweites Land nach den USA hatte Israel deswegen jetzt die Corona-Impfung für Kinder ab fünf Jahren eingeführt. „Mein Sohn David wird einer der ersten sein, die geimpft werden“, verkündete Ministerpräsident Naftali Bennett Anfang der Woche. Dazu empfahl die Regierung den Booster auch für Minderjährige im Alter von zwölf bis 15 freizugeben. Gut die Hälfte von ihnen hat bisher zwei Dosen erhalten.

Die Beratungsgespräche für den Fall der Fälle fanden in einem Atombunker statt. Der Bunker unterhalb Jerusalems war gebaut worden, um Israels Regierung im Fall eines iranischen Angriffs funktionsfähig zu halten. Nun dient er Bennett in einer möglicherweise eskalierenden Corona-Krise als Rückzugsort.

Für sein Kriegs-Planspiel hatte Bennett die fiktive Welle „Omega“ getauft.

Es scheint, als hätte er dieses Mal die Kristallkugel gleich selbst in der Hand gehabt. Denn schon am Donnerstag wurde tatsächlich auch in Israel die neue Variante aus Südafrika identifiziert. „Omikron“ ist im griechischen Alphabet das „kleine o“, im Gegensatz zum „großen“ Omega.

Im Bunker hatte die Regierung verschiedene Szenarien durchgespielt. Für den Fall, dass die fiktive Omega-Variante gegen Impfstoffe resistent ist und auch bei Kleinkindern schwere Erkrankungen verursacht. Die Schlussfolgerung war, dass man wie in den frühen Tagen der Pandemie in Israel mit einem kompletten Lockdown reagieren sowie den Flugverkehr völlig einstellen müsste.

Immerhin das Einreiseverbot von Ausländern wurde nun für die nächsten zwei Wochen beschlossen. Ob, und wie schnell sich die Wirksamkeit des Boosters verflüchtigt, und ob die Sorge vor der „Omega-Welle“ berechtigt ist, wird die Welt mit dem Blick nach Israel vermutlich bald wissen.


Schweiz: Die Bevölkerung steht hinter den Corona-Maßnahmen

Von Markus Hofmann, Zürich

Die Schweiz ist das einzige Land, in dem sich die Bevölkerung zu den Corona-Massnahmen in einer Abstimmung äußern kann. Am 29. November tat sie dies bereits zum zweiten Mal. Die Stimmbevölkerung sagte wie im vergangenen Juni klar Ja zum Covid-19-Gesetz und damit zum Zertifikat, das Geimpften, Genesenen und Getesteten Zugang zu Restaurants, Kultureinrichtungen und Sportveranstaltungen ermöglicht, oder auch zu staatlichen Geldern für an in Not geratenen Unternehmen.

Die Schweiz ist sich an emotionale Abstimmungskämpfe gewöhnt. Doch die Corona-Debatte wird besonders hitzig geführt. Es kam in den vergangenen Monaten zu vielen nicht immer gewaltfreien Demonstrationen der Maßnahmen-Gegner. Auch musste die Polizei am Tag der Abstimmung das eidgenössische Parlament in Bern hinter Gittern absperren: Das war ein Novum in der Schweiz, wo sich selbst Regierungsmitglieder ohne Bodyguards in der Öffentlichkeit bewegen. Selbstverständlich ist es sehr zu begrüßen, wenn Corona-Massnahmen möglichst breit demokratisch abgestützt sind und nicht einfach von oben herab verordnet werden. Nur ist damit die Pandemie noch nicht bewältigt. Und in der Schweiz ist sie dies im besonderen Maße nicht.

Die fünfte Welle rollt gerade mit aller Macht an. Die „Swiss National Covid-19 Task Force“, die die Regierung berät, beurteilt die Lage als kritisch. Die Zahl der Covid-19-Fälle steigt stark an, die Betten auf den Intensivstationen füllen sich. Mit Bange blickt man nach Österreich, das bereits wieder im Lockdown steckt. Wenn es so weitergeht, wie bisher, befindet sich die Schweiz in wenigen Wochen in der gleichen Situation wie Österreich.

Ein Grund dafür ist die vergleichsweise tiefe Impfquote in der Schweiz: Lediglich zwei Drittel der Bevölkerung sind doppelt geimpft. Und die Ungeimpften lassen sich nur noch schwer überzeugen. Eine staatliche Impfwoche, die mit Konzerten zum Impfen lockte, entpuppte sich als Flop. Anders als in den Nachbarstaaten ist eine allgemeine Impfflicht bisher kein großes Thema. Die geltenden Gesetze erlauben eine Pflicht zum Impfen lediglich für besondere Personengruppen wie etwa das Gesundheits- und Pflegepersonal. Mit Auffrischimpfungen versucht man nun, der fünften Welle etwas entgegenzusetzen.

Menschenmenge mit Plakaten gegen Corona-Maßnahmen
Wie hier in Graz am 27.11.2021 richten sich derzeit viele Demonstrationen in Österreich gegen die Corona-Politik der Regierung.

Österreich: Intensivstationen überlastet, Impfpflicht kommt

Von Sonja Bettel, Themenmagazin Flussreporter

Nach einem halbwegs entspannten Sommer hat sich die Lage in Österreich seit Mitte Oktober drastisch verschärft. Täglich werden durchschnittlich mehr als 14.000 neue laborbestätigte Fälle gemeldet, die Intensivstationen sind mit mehr als 600 Covid-Patientïnnen am Limit. Im besonders betroffenen Bundesland Salzburg wurde schon vor etwa zwei Wochen die Triage angekündigt, also die Priorisierung, wer auf die Intensivstation aufgenommen werden kann und wer nicht. Außerdem müssen Operationen zum Beispiel von Herz- und Krebskranken verschoben werden.

Die 7-Tage-Inzidenz ist in der Altersgruppe der 5– bis 14Jährigen markant höher als in den anderen Altersgruppen. Ein deutlicher Unterschied ist auch beim Impfstatus zu sehen: Da ist die 7-Tage-Inzidenz bei den 12– bis 17-Jährigen ohne vollständige Impfung am höchsten. Die Impfung ist bisher regulär erst ab dem Alter von 12 Jahren möglich.

Die Politik, so wird vielfach kritisiert, reagierte zu zögerlich auf die Entwicklung. Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte mehrfach davon gesprochen, dass die Pandemie für Geimpfte vorbei sei und dass es für sie sicherlich keinen Lockdown geben werde. So wurde mit 15.11.2021 zuerst ein Lockdown für Ungeimpfte verordnet, seit 22.11. gilt der Lockdown aber für alle. Geöffnet sind nur Geschäfte des täglichen Bedarfs.

Ein Grund für die schlechte Lage ist die geringe Impfquote: Nur 66,3 Prozent der Gesamtbevölkerung von 8,9 Millionen Menschen waren Stand 26.11.2021 vollständig geimpft, die Zahl der verfestigten Impfverweigerer ist hoch. Am 20.11.2021 haben in Wien geschätzte 40.000 Menschen gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Der sehr heterogene Demonstrationszug wurde von bekannten rechten bis rechtsextremen Gruppen angeführt.

Die Bundesregierung hat aufgrund der verfestigten Impfgegnerschaft eine Impfpflicht ab 1. Februar 2022 angekündigt, ein Gesetzesentwurf wird derzeit erarbeitet und soll breit diskutiert werden können. In den vergangenen Tagen haben sich mehrere Minister für die harten Maßnahmen entschuldigt und erklärt, dass sie keine andere Wahl mehr hätten.

Island: Und täglich grüsst das Murmeltier

Von Tina Gotthardt, Reykjavik

Der November hat neue Rekordzahlen von Neuinfektionen hervorgebracht: Erstmals wurde die 200er-Marke an einem Tag überschritten. Eine 14-Tage-Inzidenz von 555 und auch das 35. Todesopfer seit Beginn der Pandemie waren Meilensteine, die den Weg zur vollständigen Lockerung aller inländischen Einschränkungen – geplant für Mitte November – vorzeitig beendeten.

Neuinfektionen im dreistelligen Bereich waren Grund genug für die Regierung, nun die Boosterimpfungen gezielt voranzutreiben. Bis Mitte Dezember sollen 180.000 Einwohner ihre Auffrischungsimpfung erhalten, dann hat das Impfteam Weihnachtspause. Ordnung muss sein. Da der Ansturm sich in Grenzen hält, sind die zentralen Impftermine in der großen Sporthalle der Hauptstadt nun offen für alle, deren letzte Impfung mindestens fünf Monate zurückliegt.

Mehr als 70 Prozent der über 90-Jährigen und mehr als 80 Prozent der über 70-Jährigen sind mittlerweile geboostert. Island hat hohe Impfzahlen, knapp 90 Prozent der Bevölkerung über 12 Jahren – insgesamt 76 Prozent der Gesamtbevölkerung – sind vollständig geimpft. Dabei geholfen hat ein zentralisiertes Gesundheitssystem und ein sehr unbürokratischer Ablauf: Eingeladen wurde per SMS, mit einem Barcode hat man Zugang zum Impfzentrum bekommen und wurde damit als geimpft gezählt. Das Impfzertifikat kann man sich dann kurze Zeit später selbst online herunterladen.

Dieses Vorgehen sorgt dafür, dass alles zügig geht, setzt allerdings voraus, dass alle auch die Impfung wirklich haben wollen. Es sind jetzt einige Fälle bekannt geworden, bei denen Leute nach dem Einscannen des Barcodes das Zentrum ohne Impfung verlassen haben. Ihnen ging es um das Zertifikat, das Reisen ohne Quarantäne möglich macht, und nicht um den Impfschutz. Die Auswirkungen sind sichtbar: Zwischen 25 und fast 50 Prozent der Infizierten sind ungeimpft, deutlich mehr als ihr offizieller Anteil an der Bevölkerung. Darunter sind auch viele – noch ungeimpfte – Kinder.

Island ist ein kleines Land, mit nur ca. 375.000 Einwohnern. Der Vorteil ist, dass man hier schnell auf Veränderungen reagieren kann. Der Nachteil ist, dass hier Maßnahmen so oft erlassen und zurückgenommen werden, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Wo gilt die Maskenpflicht, wieviel Abstand muss eingehalten werden? In der Uni und den Schulen reicht ein Meter, sonst sind zwei Meter vorgeschrieben.

Über eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie wird auch die vormals sehr konsensorientierte Pandemiedebatte langsam kontroverser. Ein Impfpass wird in Island jedoch nicht ernsthaft diskutiert, eine Impfung muss nur bei der Einreise nachgewiesen werden. November und Dezember sind auch die Zeit der Weihnachtsfeiern, die hier trotz hoher Zahlen ihren gewohnten Gang gehen. Einziger Unterschied ist jetzt die Bedingung eines negativen Antigentests vor der Teilnahme. Die Schlange für die kostenlosen Schnelltests ist dieser Tage länger als bei den PCR-Tests.

Spanien: Wermutstropfen für das Impf-Vorbild

Von Julia Macher, Themenmagazin Weltreporter

Spaniens Epidemiologen konnten sich zuletzt vor Interview-Anfragen kaum retten. Das südeuropäische Land hat sich vom Saulus zum Paulus gewandelt und wurde in der internationalen Presse in Sachen Impfkampagne als Vorbild gefeiert. 79,2 Prozent der Gesamtbevölkerung – 89,2 Prozent aller über 12 Jahren – hatten bis 26. November eine Impfung erhalten, 81 Prozent der Bevölkerung (91 Prozent aller über 12 Jahren) sind Stand 26.November bereits zwei Mal geimpft und die Boosterkampagne läuft auf Hochtouren. Impfgegner gibt es kaum. Wie schafft Spanien das? Das hat vor allem deutschsprachige Medien interessiert.

In die Euphorie über die internationale Aufmerksamkeit mischen sich allerdings auch Wermutstropfen. Wegen der neuen Omikron-Variante wird das Land den Flugverkehr mit Südafrika am Dienstag einstellen. Und auch in Spanien steigen die Inzidenzen. In den letzten 14 Tagen haben sich pro 100.000 Einwohner 142 Menschen mit dem Virus infiziert. Allerdings bleibt die Zahl schwerer Verläufe stabil. Stand 25. November waren 6,2 Prozent der Intensiv-Betten mit Covid-19-Erkrankten belegt.

Die steigenden Infektionszahlen verhelfen dem Impfpass zu Präsenz. Bisher spielte der im Alltag in Spanien kaum eine Rolle. In sechs der 17 autonomen Regionen Spaniens muss man inzwischen beim Besuch bestimmter Einrichtungen nachweisen, dass man doppelt geimpft ist. Weitere Regionen könnten in den nächsten Tagen folgen. Auf den Balearen wird beim Besuch von Diskotheken, Clubs und Altersheimen nach einem Impfnachweis gefragt. In Navarra, das mit einer 14-Tages-Inzidenz von 462 Neuinfektionen das spanienweite Ranking anführt, braucht den Pass auch, wer in größeren Restaurants mit mehr als 60 Gästen essen oder auf Konzerte, Tanz- und Theateraufführungen mit mehr als 1000 Menschen möchte.

Die Einführung klappte allerdings nicht überall reibungslos: Weil in Katalonien das Web kollabierte, wurde die Impfpasskontrolle in Restaurants und Fitnessstudios vorübergehend ausgesetzt.

Ein Taxi vor einer Straßensperre
Petit Bourg, Guadeloupe, 21. November: Straßensperre als Teil von Protesten gegen die Zentralregierung in Paris.

Frankreich: Kontinentalfrankreich bereitet sich auf neue Welle vor, Aufruhr in der Karibik

Von Giorgia Grimaldi, Marseille

Das Sonntagabend-Statement des französischen Gesundheitsamtes, das von acht möglichen Fällen einer Ansteckung mit der Omicron-Variante” sprach, überschattet die Ansprache des Gesundheitsministers Olivier Véran vom 25. November. Ob es sich wirklich um die neue Variante handelt, ist nicht klar, mit möglichen Maßnahmen hält sich die Regierung bisher zurück.

Die Website Doctolib, über die die Bevölkerung seit Beginn der Pandemie ihre Impftermine bucht, brach für einige Stunden zusammen, als der französische Gesundheitsminister alle Volljährigen am vergangenen Donnerstag aufforderte die Booster-Impfung in Anspruch zu nehmen. Der Andrang ist groß und Impfstoff gibt es laut der Regierung zur Genüge. Bereits vor diesem Aufruf sprachen die Zahlen für den Erfolg der französischen Impfkampagne: 89,2 Prozent der Bevölkerung waren bis zum 25.November zweifach geimpft.

Dabei verfolgt Frankreich auch weiterhin seine Strategie der indirekten Verpflichtung: Eine offizielle Impfpflicht wird es außer für medizinisches Personal und Menschen, die mit der Risikogruppe zu tun haben, nicht geben. Aber der Fortbestand des Gesundheitspasses wird von der Auffrischungsimpfung abhängig gemacht. Wer ab dem 15. Januar bis zu sieben Monate nach seiner letzten Dosis keine dritte Impfung vorweisen kann, wird erschwerten Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben. Der Gesundheitspass – auch mit zwei Impfungen – wird deaktiviert, die Gültigkeit eines PCR-Tests auf 24 Stunden reduziert. „Wir müssen uns kollektiv zusammenreißen“, lautet die Devise des Gesundheitsministeriums.

Während Kontinentalfrankreich größtenteils die Maßnahmen annimmt, eskaliert die Situation in den Überseegebieten Martinique und Guadeloupe. Dort kam es in jüngster Zeit zu Massenprotesten samt Brandstiftung und gewalttätigen Ausschreitungen. Die Proteste richten sich gegen die Corona-Auflagen aus Paris und mischen sich mit anderen Fragen, etwa den großen Problemen bei der Wasserversorgung, und steigenden Preisen der importierten Lebensmittel. Als Grund, warum sie der Zentralregierung in Paris in Gesundheitsfragen nicht trauen, nennen viele Bewohnerinnen und Bewohner von Martinique und Guadeloupe auch einen Chemikalienskandal, der bis heute nachwirkt,

Bis 1993 wurde Chlordecon, ein hochgiftiges Insektizid, auf den Bananenplantagen der Antillen verwendet. Es hat sich in der Umwelt angereichert und macht bis heute Menschen krank. Mehr als 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Guadeloupe und Martinique sind laut Santé publique France, der staatlichen Organisation zur öffentlichen Gesundheitspflege, mit Chlordecon belastet. Die Bevölkerung der Antillen weist eine der weltweit höchsten Inzidenzraten für Prostatakrebs auf. Weil Paris nicht adäquat auf diese Gesundheitskrise reagiert hat, ist das Vertrauen in die Covid-19-Politik der Regierung Macron niedrig.

Um die Gewaltausschreitungen zu beenden, bei denen bereits mehrere Menschen durch Schusswaffen verletzt wurden, setzt die Regierung die partielle Impfpflicht bis Ende Dezember vorerst aus. Innerhalb der inselübergreifenden Protestbewegung sind sich die Menschen nicht einig: Die einen wollen die Unabhängigkeit vom französischen „Mutterland“, andere fordern eine territoriale Autonomie im Gesundheitsmanagement.

Ein Mann liegt in einem Intensivbett umgeben von medizinischen Geräten, eine medizinische Fachkraft steht am Bett und kümmert sich um ihn.
Während draußen auf den Straßen Proteste gegen die Corona-Restriktionen tobten, kämpfte dieser Covid-Patient im CHU-Krankenhaus in Pointe-a-Pitre auf Guadeloupe um sein Leben.

Kenia: Nur noch Geimpfte willkommen

Von Bettina Rühl, Themenmagazine Afrika-Reporter und Weltreporter, Nairobi

Kenia ist das erste afrikanische Land, das Reisende aus Europa ab dem 21. Dezember nur noch mit Impfnachweis einreisen lassen will – obwohl (oder weil) genau dann die Hochsaison für Reisende aus Europa beginnt. Von den schärferen Corona-Regeln und einer Quasi-Impfpflicht ist auch die eigene Bevölkerung betroffen.

Obwohl laut dem kenianischen Gesundheitsministerium bisher weniger als zehn Prozent der Bevölkerung geimpft sind – rund 6.4 Millionen Menschen – sollen ab Ende Dezember nur noch nachweislich Geimpfte Zugang haben zu Büros der Regierung, dem öffentlichen Verkehr, Restaurants und Bars. Ursprünglich wollte die Regierung bis Ende des Jahres mehr als 27 Millionen Menschen geimpft haben. Dass sie dieses Ziel verfehlt, liegt nicht nur an fehlendem Impfstoff, sondern auch an einer verbreiteten Impfskepsis.

Womöglich ist Kenia aber trotz der niedrigen Impfquote nahe an einer Herdenimmunität. Das legen neue Studien nahe. Forscher haben anhand von Antikörpertests gemessen, wie viele Menschen sich schon mit Sars-Cov-2 infiziert haben. Laut dem kenianischen Epidemiologen Isaac Ngere, der für die Washington State University arbeitet, waren das schon im Mai und Juni in Nairobis Slum Kibera 66 Prozent. Das war vor einer heftigen Welle, ausgelöst von der Delta-Variante. Wie Ngere laut dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sagte, könnte der Wert dort nun schon bei 70 Prozent liegen. Das sei fast schon Herdenimmunität. Andere aktuelle Erhebungen gehen demnach ebenso von einer Durchseuchung von mehr als 50 Prozent der Erwachsenen in Nairobi aus. Die meisten Infektionen verliefen offenbar symptomfrei.

Australien: 85 Prozent der Bevölkerung zweifach geimpft

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazine AustralienStories und Weltreporter

In Australien beginnt der Sommer, die Infektionszahlen sinken, die Impfraten sind hoch: Nach schleppendem Start der Kampagne sind inzwischen landesweit über 85 Prozent voll geimpft, über 91 Prozent haben mindestens eine Dosis bekommen. Anders sieht es bei der indigenen Bevölkerung aus. Als am 9. November die Impfquote 81 Prozent erreichte, waren nur 54 Prozent der über 16-jährigen Aborigines und Torres-Strait-Insulanerinnen und -Insulaner geimpft. Gesundheitsdienste im Northern Territory berichten, dass religiöse Gruppen aus den USA gezielt Einwohner in einigen Gemeinden durch Fehlinformation in Panik versetzt oder verunsichert haben.

Erleichterung für viele Australierinnen und Australier mit Familien und Jobs im Ausland brachte.. dass sie seit Anfang November das Land ohne Sondergenehmigung verlassen und ohne 14-Tage-Quarantäne zurückkehren können. Ausländer sind nach wie vor nicht willkommen. Erste Ausnahmen werden für internationale Studenten (von deren Studiengebühren Australiens viele Unis leben), Fachkräfte und Saisonarbeiter gemacht. Doch auch innerhalb des Landes sind nach wie vor viele Grenzen dicht: Queensland plant nun, vor Weihnachten andere Landsleute einreisen zu lassen, Westaustralien im nächsten Jahr, das Northern Territory Ende Dezember. 


Angesichts der Parlamentswahl Anfang nächsten Jahres entdecken die populistischen Parteien verschärft die Impfgegner für sich. Der ultrarechte Clive Palmer, Führer der United Australia Party und Bergbau-Milliardär aus Queensland, wahlkämpft neuerdings auf Anti-Vaxxer-Demos gegen Corona-Gesetze und Impfungen. Dass dort offen faschistische Symbole und Drohungen gegen Verantwortliche propagiert werden, stört ihn offenbar wenig. Ernst nimmt Westaustraliens Premier die Aggression der Impfgegner: Mark McGowan musste nicht nur seine Regierungsbüro in Rockingham schließen, er denkt auch darüber nach, sein Zuhause zu verlassen: Morddrohungen von Impfgegnern gegen ihn und seine Familie waren offenbar mehr, als er seinen Kindern zumuten wollte.

Papua-Neuguinea: Impfskepsis und Verschwörungsglauben

Von Christina Schott, Themenmagazin Weltreporter

Papua-Neuguinea meldete bis ins Frühjahr 2021 kaum Fälle von Covid-19. Doch nun warnen Experten, das Land steuere auf eine Corona-Katastrophe zu. Die Neuinfektionen erreichten Ende Oktober einen neuen Höhepunkt von knapp 90 an einem Tag – und die Zahl der Toten steigt massiv an. Zugleich sind weniger als zwei Prozent der rund neun Millionen Einwohner gegen Covid-19 geimpft. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass ein Großteil der Erkrankungen gar nicht erfasst werden und die Menschen auf den Dörfern unbehandelt zu Hause sterben. Medien berichten, dass Notaufnahme und Leichenhalle des General Hospitals in der Hauptstadt Port Moresby zuletzt hoffnungslos überfüllt waren. Auch in anderen Städten wurde vorübergehend die Behandlung anderer Krankheiten eingestellt.

Dabei hat Papua-Neuguinea mit Hilfe von Australien und der Covax-Initiative durchaus Impfstoff zur Verfügung. Doch ein Großteil der Bevölkerung will sich nicht impfen lassen: Verschwörungsmythen in den sozialen Medien verbreiten sich in dem Vielvölkerstaat mit mehr als 700 Sprachen deutlich schneller als die wissenschaftliche Aufklärungskampagne der Regierung. Viele Regionen sind nur schwer zugänglich, Gesundheitsversorgung und Bildungssystem sind extrem schlecht.

In der zweitgrößten Stadt Lae kam es zu gewalttätigen Angriffen auf ein mobiles Impfteam. Die Angreifer schleuderten Steine und schrien: „Nehmt Eure Mikrochips wieder mit.“ In anderen Gegenden gab es Lynchmorde wegen angeblicher Hexerei. Auf der Insel Bougainville etwa wurden mehrere Frauen zu Tode gefoltert, weil sie für den plötzlichen Tod von Corona-Kranken in ihren Dörfern verantwortlich gemacht wurden.

Kolumbien: Impfung für traditionelle Heiler

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Die vierte Welle beginnt in Kolumbien gerade, aber die Menschen sind gelassen. Viele tragen ihren Mund-Nasen-Schutz gar nicht mehr oder zumindest nachlässiger. 128.394 Menschen waren bis 28. November offiziell an Covid-19 gestorben – bei einer Bevölkerung von 51 Millionen.

Die Pandemie-Verfolgung funktioniert mäßig. Wer Tests über die Krankenkasse macht, bekommt die Ergebnisse oft viel zu spät. Die telefonische Verfolgung von unklaren Fällen schwankt zwischen mehrfachen Anrufen verschiedener Einrichtungen täglich – und null. Immer wieder werden dieselben Fragen zu chronischen Krankheiten und Wohnsituation gestellt: Die Daten verschwinden im Nirvana, ohne dass sie gespeichert oder ausgewertet werden. Personal der Krankenkasse fragt nach Testergebnisse, die dieselbe Krankenkasse verschickt und daher kennen müsste. Der Sinn dahinter ist unklar – außer, dass die Pandemie vielen Menschen in Callcentern Arbeit gibt.

Seit 10. Oktober ist Kolumbien aus deutscher Sicht kein Hochrisikoland mehr. 47 Prozent der Bevölkerung sind doppelt geimpft. Seit 1. Oktober gibt es die dritte Dosis für Menschen ab 70 Jahren. Geimpft wird mit Sinovac, AstraZeneca, Pfizer oder Moderna. Seit 24. November sind in Etappe zwei medizinisches Personal, traditionelle Heilerinnen und Heiler aus indigenen und Afro-Gemeinden sowie Flugpersonal an der Reihe. Laut nationalem Impfplan sollen ab Mitte Februar alle ab 18 Jahren geimpft werden.

Seit Mitte November dürfen über 18-jährige nur in Bars, Kinos, Theater, Discos, Konzerte, Museen und andere Orte öffentlichen Vergnügens, wenn sie mindestens einmal geimpft sind. Seit dem 30. November gilt dies für Kinder ab 12 Jahren. In Nahverkehr, Schulen, Kirchen, Einkaufszentren und Supermärkten gilt die Regel allerdings nicht – und in der Praxis wird der Impfpass gar nicht oder nur oberflächlich kontrolliert. Bei der Werbung für den „Tag ohne Mehrwertsteuer“ am 19. November betonte nicht nur die Stadt Bogotá, dass zum Shopping-Vergnügen kein Nachweis nötig sei. Im Alltag sind von der Pandemie vor allem die Warnschilder und fast leere Gelspender übrig.

Der laxe Umgang mit der Pandemie im Alltag spricht sich bereits herum: In Reiseforen fragen deutsche Impfverweigerer vereinzelt nach, ob sie beim Urlaub in Kolumbien endlich entspannen können.

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Kalifornien: Angst vor der Covid-Winterwelle

Von Kerstin Zilm, Themenmagazin Weltreporter, Los Angeles

In Kalifornien sind die Infektionsraten niedriger als in den meisten US-Bundesstaaten. Die meisten Großstädte des US-Westküstenstaates haben erfreuliche Entwicklungen zu vermelden: Die Zahl der Infizierten in Krankenhäusern ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Drittel zurückgegangen, in Los Angeles liegen sogar weniger als die Hälfte Patientinnen und Patienten mit dem Virus in Krankenhäusern als im vergangenen Jahr. Der Andrang nach Booster-Impfungen ist groß.

Doch das ist kein Grund, Maskenpflichten aufzuheben oder auf weitere Impfungen zu verzichten, warnt Gouverneur Gavin Newsom. Denn 18 kalifornische Landkreise haben mehr Covid-Patienten im Vergleich zur selben Zeit 2020. Besonders überlastet sind Krankenhäuser in der von Landwirtschaft geprägten Region zwischen Los Angeles und San Francisco. Dort sind Intensivstationen überfüllt. Erkrankte müssen in andere Bezirke gebracht werden. Hier ist nur knapp über die Hälfte der Bevölkerung geimpft, verglichen mit 63 Prozent in ganz Kalifornien.

Proteste gegen Gouverneur Newsoms strenge Covid-Regulierungen dauern unterdessen überall im Bundesstaat an. Diese gehören zu den strengsten im ganzen Land: Maskenpflicht in Schulen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Seniorenheimen, Impfpflicht für Lehrpersonal an Schulen, Gefängnisangestellte und Staatsbedienstete. Die Regeln durchzusetzen bleibt ein Problem.

Ostküste der USA: Das Virus reist an Thanksgiving mit

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter, Miami

In Deutschland wird oft über die unterschiedlichen Corona-Regelungen geschimpft, je nachdem, in welchem Bundesland man sich befindet. In den USA ist das Wirrwarr noch größer: So existiert etwa in Florida weder in Restaurants noch in Supermärkten eine Masken-, geschweige denn eine Impf-Pflicht. Beim Einkaufen herrscht deshalb oft eine bizarre Situation: Die Hälfte der Menschen trägt Maske und hält penibel Abstand; die anderen shoppen wie eh und je.

Ganz anders die Lage in New York: In der Metropole, die beim Ausbruch der Pandemie besonders viele Tote zu beklagen hatte, werden nur noch Geimpfte ins Restaurant gelassen. In Innenräumen herrscht strenge Maskenpflicht – so wie in vielen demokratischen Bundesstaaten.

Insgesamt steigen die Covid-19-Infektionen in den USA wieder an. Aktuell sind ausgerechnet die Bundesstaaten betroffen, in denen die meisten Menschen geimpft sind: Vermont, Rhode Island, Maine, Connecticut and Massachusetts. Doch auch dies ist, wie so oft, nur eine Momentaufnahme. In den vergangenen Tagen reisten Millionen von US-Amerikaninnen und -Amerikaner durchs Land, um mit ihren Familien das Erntedankfest „Thanksgiving“ zu feiern. Die Sorge ist groß, dass das Virus mitreist.

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