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Corona weltweit: Verzweiflung in Kolumbien, Vorfreude in Frankreich, Ungeduld in Australien

Aktuelle Berichte über Pandemie, Covid-19 und Impfungen aus Südamerika, den USA, Afrika, Europa und Australien

von
18.05.2021
12 Minuten
Ein junger Mann auf der Straße, beide Arme im Nacken, man sieht ihm Trauer und Verzweiflung an.

Vom „Ende der Pandemie“ ist in westlichen Medien nun immer häufiger die Rede. Doch weltweit ist die Zahl der Infizierten und Todesopfer weiter extrem hoch. In Indien wütet das Coronavirus mit einer Brutalität, die das Land in Angst und Schrecken versetzt. Mehr als 300.000 neue Fälle und zwischen 3000 und 4000 Tote am Tag – die neuerliche Welle traf das Land schlecht vorbereitet. Man hatte sich schon in Sicherheit gewähnt und darauf eingestellt, die Welt mit Impfstoff zu versorgen. Dann kam die Variante B.1.617 und eine indignierte Regierung bat die Welt um Hilfe bei der Versorgung mit Sauerstoffzylindern.

Eine Pandemie endet erst, wenn sie global beendet ist – und nicht nur in einzelnen Ländern, die reich genug sind, um sich die ersten Lieferungen an Impfstoffen zu sichern. 1,5 Milliarden Dosen wurden weltweit inzwischen verabreicht – eine beeindruckende Zahl. Doch jetzt hat ausgerechnet Indien, das zu den Lieferländern zählt, selbst viel zu wenig Impfstoff zur Verfügung.

Knapp 164 Millionen Menschen weltweit haben sich bis Mitte Mai 2021 trotz aller Gegenmaßnahmen nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert. 3,39 Millionen Menschen sind dem Virus nachweislich zum Opfer gefallen, hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer.

In diesem Beitrag geben Ihnen Journalistinnen und Journalisten von RiffReporter, die in aller Welt als Korrespondentïnnen leben und arbeiten, einen Überblick über die Situation in ihren Ländern. Tiefergehende Berichte von fünf Kontinenten finden Sie in unseren internationalen Themenmagazinen wie Südamerika-Reporterinnen, Afrika-Reporter, USA-Reporter und AustralienStories sowie in unserem Rechercheprojekt „Corona: Ein Virus bedroht die Welt“.

Peru: Von Covid traumatisiert

Von Hildegard Willer, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Von Mitte Januar bis Mitte April dauerte die zweite Corona-Welle in Peru, nun scheint sie abzuflauen. Gefühlt war es eine Ewigkeit, in der wir jeden Tag von neuen Bekannten und Freunden erfuhren, die erkrankten, für Sauerstoff oder ein Intensivbett tagelang Schlange standen oder die starben. Seit vier Wochen sinken die Todeszahlen – in Peru ein verläßlicherer Indikator als die Inzidenz. Sie sind immer noch auf einem hohen Niveau, aber sie gehen zurück. Dies liegt auch an der zügigen Impfpolitik der Regierung.

Trotz eines Impfskandals im Februar, konnte sich Peru inzwischen ausreichende Impfdosen sichern und hat inzwischen 7,6 Prozent seiner Bevölkerung mit einer ersten Impfung immunisiert. Dennoch hat Corona Peru zutiefst traumatisiert. Dies zeigt sich in den politischen Verheerungen. Wo in Kolumbien die Leute auf der Straße protestieren, haben die Peruaner an der Wahlurne abgestimmt und für die Stichwahl am 6. Juni ein Dilemma geschaffen. Danach wird entweder eine der Korruption bezichtigte Diktatorentochter oder ein bis dato unbekannter marxistischer Dorfschullehrer Peru regieren. Beide Optionen versprechen vor allem eines: politische Instabilität für die kommenden fünf Jahre.

Eine Menschenmenge von Demonstrierenden bei Nacht.
Im Mai versammelten sich in Kolumbien regelmäßig Zehntausende Menschen zu Protestkundgebungen, wie hier am Monumento a los Heroes in Bogota. Das Risiko von Corona-Infektionen ist hoch.

Kolumbien: Lieber an Covid sterben als an Hunger

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Pandemie hin oder her: Seit drei Wochen gehen in Kolumbien Tausende Menschen auf die Straßen. Die Regierung hat die Steuerreform zurückgezogen, die der ursprüngliche Anlass war. Die Ursachen sitzen tiefer – und die Pandemie hat sie massiv verstärkt: krasse Ungleichheit, steigende Armut und Arbeitslosigkeit. Etwa 40 Menschen sollen bei den Protesten von der Polizei getötet worden sein. Die Versammlungen richten sich auch gegen ein mangelhaftes Pandemie-Management. Eine der Forderungen auf der langen Liste des nationalen Streik-Komitees ist es, die Impfkampagne zu beschleunigen.

Die vollmundigen Versprechungen der Regierung dazu haben sich als Luftnummer entpuppt. Geht es im bisherigen Tempo weiter, dauert es zwei Jahre, bis 75 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Wer es sich leisten kann, fliegt nach Miami zum Impfen. Fast 82.000 Menschen sind schon am Virus gestorben.

Auch eine weitere Forderung der Protestierenden hat mit der Pandemie zu tun: Eine Grundrente für die Ärmsten im Land – auch damit diese endlich zu Hause bleiben können.

Kolumbien ist auf der Spitze der dritten Welle mit etwa 500 Toten am Tag. Was die Massenproteste angeht, waren anfangs nicht nur Anhängerïnnen der Regierung skeptisch wegen der Ansteckungsgefahr. Die Gegenmeinung: Bei Proteste an der frischen Luft mit Abstand und Maske lässt sich diese minimieren. In der Praxis klappt das oft nicht – verrutschte oder fehlende Masken und Proteste in Festival-Atmosphäre mit eng gedrängten singenden Massen sind oft zu sehen. Doch die größte Gefahr sind die Sicherheitskräfte, die Demonstrierende mit Tränengas und anderen Geschossen beschießen. Dann beginnt das große Husten und Rotzen. Die Folgen werden sich in zwei Wochen zeigen.

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USA: Keine Maskenpflicht für Geimpfte

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter

Die Impfkampagne in den USA schreitet weiter voran. Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat inzwischen die erste Dosis erhalten; über ein Drittel ist bereits vollständig geimpft. Ob am Ende die Herdenimmunität erreicht werden kann, bleibt dennoch fraglich: Zum einen “schwänzt” offenbar ein nicht unerheblicher Teil der Geimpften die zweite Spritze – laut einem CNN-Bericht sind es rund acht Prozent. Zum anderen lässt das Interesse an dem Vakzin allmählich nach. Trump-Fans und viele evangelikale Gruppen sind ohnehin skeptisch. Für junge Menschen gibt es derweil positive Neuigkeiten: So hat die Zulassungsbehörde FDA die Biontech/Pfizer-Impfung jetzt auch für 12– bis 15-Jährige freigegeben. Außerdem müssen vollständig Geimpfte vielerorts keine Masken mehr tragen.

Südafrika: Angst vor der dritten Welle

Von Leonie March, Themenmagazin Afrika-Reporter

Offenbar wird nun wahr, was seit Wochen befürchtet wird: In Südafrika zeichne sich der Beginn einer dritten Welle ab, warnt Gesundheitsminister Mkhize. Noch hat sie nicht begonnen, aber das Land ist in Alarmbereitschaft. Und das, obwohl die Zahl der täglichen Neuinfektionen im Vergleich zu Ländern wie Deutschland weiterhin gering ist. Während man dort schon über eine Impfung für Kinder diskutiert, schließt Südafrika noch die Impfungen für medizinisches Personal ab und beginnt gerade erst mit den Impfungen der über 60-Jährigen.

Der Großteil der Bevölkerung muss weiter warten. Je länger, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich weitere Mutationen bilden und ausbreiten. Entsprechend groß sind die Befürchtungen, ebenso wie der Ärger über den Mangel an Impfstoffen. Regierung und Aktivisten machen dafür unter anderem den Patentschutz verantwortlich. Südafrika gehört zu den Ländern, die bei der Forderung vor der WTO nach dem sogenannten TRIPS-Waiver federführend sind. Die Unterstützung aus den USA sieht man zwar als Fortschritt, nicht aber als Durchbruch.

Kenia: Kein weiterer Impfstoff in Sicht

Von Bettina Rühl, Themenmagazin Afrika-Reporter

Wie auch in Südafrika ist Impfstoff in Kenia knapp. Die erste Lieferung von 1,2 Millionen Dosen AstraZeneca, die Kenia über die Covax-Initiative bekam, ist fast vollständig verimpft. Ob und wann es Nachschub geben wird, ist offen. Denn die nächste Lieferung sollte, ebenso wie die bisherige, wieder vom indischen Serum Institute kommen. Weil das Land wohl seine Produktionskapazitäten überschätzte und selbst von einer dritten Welle überrollt wird, hat es die Lieferungen ins Ausland eingestellt.

Das trifft die meisten Länder hart, die wie Kenia Impfstoff über die Covax-Initiative erhalten sollten. In Kenia haben bisher knapp zwei Prozent der Bevölkerung die erste Dosis bekommen – in Deutschland sind es rund 36 Prozent. Im afrikanischen Vergleich steht Kenia sogar noch gut da: Laut dem Afrikanischen Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention Africa (CDC) wurden bisher 1,48 Prozent der Menschen auf dem Kontinent mindestens ein Mal geimpft. Nur 0,4 Prozent haben bereits einen vollständigen Schutz.

Ein Kellner in Paris mit Mundschutz richtet Stühle her, in Vorbereitung auf die Öffnung der Außenterrassen. Hinter ihm eine Kirche.
Ein Kellner im Restaurant „Le Depart“ im Saint-Michel-Viertel in Paris bereitet alles für den Tag der Öffnung vor.

Frankreich: Freude über Öffnung der Außengastronomie

Von Katja Trippel

Die Französinnen und Franzosen können es kaum erwarten: Am 19. Mai ist “ouverture des terrasses”, sprich: Die Außengastronomie darf wieder öffnen und die Sperrstunde wird auf 21 Uhr verschoben. Auch Museen und Boutiquen machen wieder auf, die Schulen haben schon seit zwei Wochen wieder Normalbetrieb – mit Maske, selbst für die Kleinen. Tatsächlich drückte das dritte harte “confinement” die Inzidenz auf knapp 150 von 100.000 Menschen runter, vor vier Wochen war sie mehr als doppelt so hoch. Die Intensivstationen melden “nur” noch 88 Prozent Auslastung, damit ist die Regierung zufrieden. Zumal das Impfen nun zügig läuft.

Fast jeder Dritte hat inzwischen die erste Spritze erhalten – auch Dank der genialen Website https://vitemadose.covidtracker.fr/. Sie listet für jeden Wohnort freie Termine auf samt der Möglichkeit zur online-Reservierung. Entwickelt hat sie nicht etwa die Gesundheitsbehörde, sondern ein 25-jähriger Daten-Ingenieur. Ab Juni darf auch der Tourismus wieder losgehen. Wie der geplante “Pass Sanitaire” funktionieren soll, der den “Empfang ausländischer Gäste” erlaubt, ist aber noch ziemlich unklar.

Spanien: Massenparties in Madrid

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Seit dem 9. Mai ist der Coronavirus-Notstand in Spanien beendet. Rechtzeitig zur Ferienzeit macht sich das Land für den Tourismus bereit. Die Bewegungseinschränkungen zwischen den Gemeinden sind aufgehoben und die nächtlichen Ausgangssperren gefallen. Die Lust auf Massenparties in Madrid, Barcelona und anderen Städten zählt mehr, als die Angst vor der Ansteckung. Prompt wurden in Madrid vom Freitag, dem 14. Mai auf den Samstag 666 Strafen für Trinken auf der Straße verteilt. Dennoch liegt am 17. Mai die sieben Tages-Inzidenz des Landes unter der kritischen 100er-Marke. In Madrid steht sie bei 76, in Barcelona bei 55.

Anfang Mai war die konservative Regionalpräsidentin von Madrid, Isabel Diáz Ayuso mit ihrem weichen Lockdown und dem Motto „Freiheit statt Sozialismus“ als klare Siegerin aus dem Wahlkampf hervorgegangen, obgleich Madrid die höchste Mortalitätsrate des Landes hatte. Ungestraft hatte sie eine Vielzahl von Skandalen weggesteckt, wie zum Beispiel die verweigerte Einweisung von Menschen über 75 Jahren in die überfüllten Madrider Krankenhäuser während der ersten Welle, ungestraft hatte sie auch die Menschenschlangen vor den Notküchen als „Ausgehaltene“ und „Subventionierte betiteln dürfen.

Ihr Feierabend-Bierchen lassen sich die Madrilenen nicht nehmen. Doch ist es vor allem die in Madrid angesiedelte Industrie, die ein Ende der Einschränkungen fordert. Noch ist die „mascarilla“ sogar am Strand Pflicht, doch dürfte sie spätestens mit dem Touristenansturm fallen.

Schweiz – Im Land des Lächelns und gehässiger Politik

Von Markus Hofmann, Themenmagazin Die Flugbegleiter

“Die Rückkehr des Lächelns an den Zürichsee” lautete die Schlagzeile der FAZ anfangs Mai. Kurz zuvor hatte die Schweizer Regierung weitere Öffnungsschritte aus dem teilweisen Shutdown erlaubt. So dürfen nun zum Beispiel Restaurants im Außenbereich wieder Gäste empfangen, im Kino und Theater sind bis zu 50 Zuschauer erlaubt und im Fussballstadion 100. Die Terrassen der Gaststätten wurden sogleich in Beschlag genommen, zumal das Wetter dazu einlud. Und so kam es zu den zufriedenen Gesichtern, die der Journalist aus Deutschland leicht neidisch beschrieb.

Die Öffnungen wurden allerdings gegen den Rat der wissenschaftlichen Begleitgruppe der Regierung angeordnet. Denn noch Mitte April verzeichnete die Schweiz einen besorgniserregenden Anstieg der Infektionszahlen. Auch die Impfkampagne kam gerade erst in Fahrt. Man sei sich des Risikos bewusst, meinte die Regierung bei der Verkündung der Corona-Lockerungen lapidar. Doch die Befürchtung, dass sich die epidemiologische Lage wegen der Öffnungen verschlechtere, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Derzeit deuten die Indikatoren auf eine rückläufige Epidemie hin.

Wissenschaftler erklären die überraschende Entwicklung unter anderem mit dem Verhalten der Menschen. Diese würden sich weiterhin gut an die geltenden Schutzvorschriften halten, also Masken tragen, Abstand halten und Hände waschen. Die meisten würden keine unnötigen Risiken eingehen und sich vernünftig verhalten. Die Situation hat vermutlich auch mit dem vergleichsweise hohen Wohlstand der Schweiz zu tun. Menschen in sozio-ökonomisch besser gestellten Regionen können sich besser gegen das Virus schützen als in armen.

Wegen ihrer pessimistischen Szenarien entlud sich eine Wolke der Kritik über den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Sie würden die Bevölkerung grundlos verängstigen und wollten diese in einen Lockdown treiben, hieß es. Die stärkste Partei der Schweiz, die rechtskonservative SVP, verlangte gar die Auflösung der wissenschaftlichen Begleitgruppe des Regierung. So bestimmt weiterhin ein gehässiger Ton die Corona-Politik in der Schweiz – trotz lächelnder Menschen in den Strassencafés.

Österreich – Die neue Freiheit mit den „3G“

Von Sonja Bettel, Themenmagazin Flussreporter

Lockdown hart oder light, testen und impfen, mit diesen drei Maßnahmen hat Österreich es geschafft, die 7-Tages-Inzidenz der Neuinfektionen auf 69 zu drücken (Stand 18.5.2021) und die Lage auf den Intensivstationen der Krankenhäuser zu entspannen – nach einer Krise Anfang April. Mehr als drei Millionen Menschen, das sind 40 Prozent der impfbaren Bevölkerung, haben zumindest eine Impfung erhalten, 1,1 Millionen sind voll immunisiert. Mit etwas Bauchweh aber doch dürfen deshalb nach mehr als einem halben Jahr ab 19.Mai wieder die Restaurants und Cafés, Sportstätten, Theater und ähnliche Einrichtungen öffnen. Damit die Zahlen nicht gleich wieder in die Höhe schnalzen, hat die Regierung als Zutrittserlaubnis die „3G“ ausgerufen: Man muss getestet, genesen oder geimpft sein und das auch nachweisen.

Island – die Masken fallen

Von Tina Gotthardt, Reykjavik

Der Ausbruch, der Island im Moment mehr beschäftigt als Corona, ist der Vulkan, der seit Ende März nur rund 30 km von der Hauptstadt Reykjavik entfernt ununterbrochen Lava spuckt. Mehr als 110.000 Besucherïnnen haben den Vulkan seitdem schon besucht, der Großteil davon Einheimische. Die strengen Einreisekontrollen zwingen Interessierte aus dem Ausland, sich das Spektakel in der Live-Übertragung der staatlichen Rundfunkanstalt anzugucken. Im Gegensatz zum Vulkanausbruch, der zwar weitgehend ungefährlich ist, aber mittlerweile eine wichtige Glasfaserkabelverbindung und eine Verbindungsstraße entlang der Südküste bedroht, ist die Corona-Pandemie weitgehend unter Kontrolle.

Mit einer 7-Tages-Inzidenz von 2,5 Ende Mai wird Island in Europa nur von Grönland unterboten. Die strengen Grenzkontrollen haben sich ausgezahlt. Alle Einreisenden werden an der Grenze getestet, Ungeimpfte müssen fünf Tage in Quarantäne und dann einen zweiten PCR-Test machen, bevor sie in die Freiheit entlassen werden.

Dies erlaubt nun ein Lockern der Corona-Maßnahmen im Land. In Geschäften oder öffentlichen Einrichtungen müssen nicht länger Masken getragen werden, und die Personenbeschränkung bei Veranstaltungen, in Theatern, Restaurants und Schwimmbädern wurden weiter minimiert. Lokale Ausbruchsherde werden von den Behörden schnell identifiziert und eingedämmt. Mitte April wurde mit 27 die höchste Zahl an Infektionen seit Beginn des Jahres diagnostiziert. Dieser Ausbruch begann in einem Kindergarten und ließ sich auf den einen positiv Getesteten zurückverfolgen, der sich nicht an die Quarantänebestimmungen gehalten hatte.

Island trennt in der Statistik zwischen Fällen innerhalb der lokalen Bevölkerung (und da auch ob innerhalb oder außerhalb von Quarantäne) und Fällen, die durch Testen an der Grenze festgestellt wurden. An der Grenze lag der Höchstwert in diesem Jahr bei 27 an einem Tag Anfang Januar. Die strengen Einreisebestimmungen bleiben auf jeden Fall bis Mitte Juni bestehen. Die Hoffnung ist dann, dass dann 60 Prozent der Bevölkerung zumindest die erste Impfdosis erhalten haben.

Die Tourismusindustrie scharrt schon mit den Hufen: geimpfte Amerikaner sorgen bereits jetzt für etwas Belebung in der Branche, aber die Europäer lassen noch auf sich warten. Dennoch könnte wie nach der letzten großen Krise wieder ein Vulkan zum Aufschwung des Tourismus führen. Nach der Finanzkrise leitete der Ausbruch des Eyjafjallajökull einen beispiellosen Boom ein. Nun könnte der noch namenlose „Touristenvulkan“ im Geldingadalur ein erneuter Retter des wichtigsten isländischen Wirtschaftszweiges werden und die Folgen der Corona-Pandemie zumindest etwas abfedern.

Der Sportler auf dem Bürgersteig, hinter ihm ein Polizist mit Gesichtsschutz.
Die Rückreise aus Indien war für viele Australier in den vergangenen Tagen entweder gar nicht möglich oder nur mit großen Problemen. Der australische Cricketspieler Glenn Maxwell musste sich nach der Ankunft sofort in Hotelquarantäne begeben.

Australien: Schleppend geimpft und weiter eine Festung

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazin AustralienStories

Spät, langsam und wenig ambitioniert geht Australien ans Impfen. Das liegt nicht nur, aber auch daran, dass Covid-19-Erkrankungen rarer sind: Weniger als 30.000 gab es seit Pandemiebeginn, 910 Todesopfer, selten mehr als ein Dutzend neue Infektionen pro Tag. Der Grund dafür: die Grenzen des Kontinents sind seit über 15 Monaten dicht, und werden das auch, vom Premierminister in üblicher Schwammigkeit bestätigt, auf unbestimmte Zeit bleiben: So lange “bis es sicher ist”. Niemand macht sich Illusionen, dass Scott Morrison das Land vor Mitte 2022 für ‘sicher’ hält.

Eine Ausnahmegenhemigung, das Land zu verlassen erhalten Australierïnnen weiterhin nur aus “dringendem Anlass”. Das können schwer erkrankte Eltern im Ausland sein, um die sich nachweislich niemand anders kümmert. Es hilft auch, Filmstar, Politiker oder Tennisprofi zu sein. Heimkehren ist noch schwerer, selbst für Staatsbürgerïnnen, wie jetzt der Skandal um aus Indien Rückreisende drastisch vorführte: Ende April wurde ihnen angesichts der Covid-Situation in Indien schlicht verboten, zurückzureisen – unter Androhung hoher Geld- und fünfjähriger Gefängnisstrafen. Seit dem 15. Mai dürfen hin und wieder ein paar Hundert zurückkehren.

So fein abgeschottet schlupft nur hin und wieder mal ein Virus durch ein Leck von Eingereisten aus der zweiwöchigen Zwangsquarantäne ins “lucky country”. Zuletzt passierte das Anfang Mai: ein 53-Jähriger in Sydney erkrankte an einer Variante, die bis dato nur in der Hotelquarantäne registriert worden war. Die Crux: es gab keine Verbindung – der Mann kannte weder jemanden, der im Hotel isoliert war oder arbeitete, noch war er in der Nähe gewesen. Die Nachverfolgerïnnen machten Überstunden, doch die Suche nach dem missing link blieb erfolglos. Laden-, Café- und Restaurantpersonal, Passagiere in Bussen und Bahnen von Australiens größter Stadt mussten eine Woche lang wieder Masken tragen. Die meisten hatten längst vergessen, wo sie die hingepackt hatten. Parties schrumpften auf 20 Gäste. Dann hieß es: Rätsel ungelöst, aber keine neuen Fälle – zurück zur Corona-Normalität.

Normal ist für die 25 Millionen Australierïnnen inzwischen auch die qualvoll langsame Impferei. 2,8 Millionen erste und zweite Dosen wurden bislang gespritzt. Der öffentlich-rechtliche Sender ABC hat diese Woche den Fortschritt so ausgerechnet: “Bei unserem derzeitigen Tempo von etwa 416.000 Dosen pro Woche können wir davon ausgehen, dass wir die 40 Millionen Dosen, die für eine vollständige Impfung der erwachsenen Bevölkerung Australiens erforderlich sind, Ende Januar 2023 erreichen werden.”

Warum das alles so langsam geht, ist nicht richtig zu verstehen. Die Ausgabe von AstraZeneca, das bislang einzige Vakzin, das Australien selbst hergestellt, wurde entschleunigt, nachdem es nicht mehr für unter 50-Jährige empfohlen wurde. Die sind zwar ohnehin noch lange nicht dran, aber offenbar blockierte diese Entscheidung auch den Rest der Kampagne. Ein paar Hunderttausend Pfizer/Biontech-Dosen sind zwar eingetroffen, Moderna ist millionenfach bestellt, aber die Wirkstoffe finden nur zögernd ihren Weg in Australiens Oberarme. 
Wer über geschlossene Grenzen oder langsames impfen meckert wird erinnert: “Shut up! Kaum ein Land lebt mit so wenig Einschränkungen wie wir!”

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