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Ort der Heilung?

Museen in Asien, Australien, Afrika und Lateinamerika sind experimenteller am Start als die der alten Welt

von
02.02.2021
8 Minuten
Andras Szanto lächelt in die Kamera: Ein Mitfünfziger ohne Brille mit dunklem, kurzen Haar.

Eine zündende Idee kann jede teure PR-Kampagne übertreffen. „Jede Ausstellung hatte einen eigenen Song, den wir in Auftrag gegeben haben“, sagt Marie-Cécile Zinsou. Im Gespräch mit dem New Yorker Museumsexperten András Szántó erinnert sich die Gründungsdirektorin der Fondation Zinsou in Ouidah an ihren Versuch, das erste Kunstmuseum von Benin bekannt zu machen. „Der gelangte dann in den nationalen Rundfunk, sodass jeder über unser Museum Bescheid wusste.“ Die erste Ausstellung realisierte sie noch mit Leihgaben aus dem Pariser Musée du Quai Branly, dann suchte sie nach Strategien für eine eigene Sammlung. „Jetzt, nach fünfzehn Jahren, ist uns klar geworden, dass wir alles anders machen müssen. Wir haben gezeigt, dass wir es können, jetzt müssen wir unsere eigene Lösung finden.“ Ein Museum zu haben, bedeute Kultur zu haben, das Wort Museum sei sehr wichtig gewesen, sagt sie.

Marie-Cécile Zinsou ist eine von 28 Museumsdirektor:innen, mit denen András Szántó per Videocall im Frühjahr 2020 lange Interviews geführt hat. Seine Idee war es, den Lockdown im Frühjahr zu nutzen, um ein Stimmungsbild der Kunstmuseen weltweit zu schaffen. Es handelt sich also nicht um eine auf Daten beruhende Evaluation, sondern um einen gedanklichen Austausch darüber, was 2020 in Kunstmuseen auf sechs Kontinenten gedacht und geplant wurde. Das Ergebnis, der Band „The Future of the Museum – 28 Dialogues“, ist im Hatje Cantz Verlag in englischer Sprache erschienen.

Natürlich ging es in den Gesprächen auch um pandemiebedingte Einschränkungen, die Schließungen der Museen und ihre aus dieser Situation heraus entwickelten Programme. Der Museumsexperte stellte vor allem aber Grundsatzfragen. Was ein Museum heute ausmache, und wie die Zukunft der Museen aussehen könne. Im Vorspann zu den einzelnen Interviews stellt er seine Gesprächspartner:innen und die von ihnen geleiteten Kunstmuseen vor. Da sie in der ganzen Welt verteilt sind, in Tokio, Hongkong, Singapur, Melbourne, Buenos Aires, Medellín, Los Angeles, Marrakesch, Kapstadt, Lomé, London oder Dresden liegen, ergeben die Antworten ein schillerndes Panorama verschiedenster möglicher Museumsformen. Eine Tendenz zeichnet sich dennoch ab. Die Strategien der meisten Museen wurzeln in den regionalen Traditionen des Landes und seiner Kultur. Der Trend der letzten Jahre, die De-Westernization der Museen außerhalb Europas und den USA war erfolgreich. Zugleich aber orientieren sich die meisten Häuser über den internationalen Museumsdiskurs aneinander; viele Museumsmanager:innen wurden sowieso in Europa oder den USA ausgebildet.

Koloniale Orte mit der eigenen Kultur überschreiben

Ein gutes Beispiel für eine Fusion ganz unterschiedlicher gesellschaftlich relevanter Bereiche ist das Palais de Lomé in Togo. 2019 eröffnet, zeigt das Museum bewusst zeitgenössische Kunst der Region im ehemaligen Sitz der Kolonialherren, nicht zuletzt, wie die Direktorin Sonia Lawson sagt, um den Ursprung des auf einem Hügel am Meer gelegenen Gebäudes neu zu überschreiben. Der Palast wurde zwischen 1898 und 1905 von dem ersten deutschen Gouverneur erbaut, anschließend residierten der französische Gouverneur und nach der Unabhängigkeit der Premierminister Togos in dem repräsentativen Gebäude. Mittlerweile werden im Restaurant des Museums aber Gerichte der togolesischen Küche angeboten, die laut Sonia Lawson zur besten in Westafrika gehört. Der weitläufige Park dient der Erholung der Besucher:innen, aber nicht nur das: Teile des Gartens zeigen auch die herausragend vielfältige Biodiversität der Region, ohne gleich mit dem wissenschaftlichen Standard einer westeuropäischen Forschungseinrichtung konkurrieren zu wollen. Ausstellungen zu Themen wie Stadtplanung und Architektur gehören ebenso zum Programm wie ein Projekt zur smart city in Afrika.

Die Leser:innen werden im Buch Zeug:innen von Gesprächen, wie sie sonst in den oberen Etagen der großen Museen geführt werden oder am Rande von Tagungen und Konferenzen. Der Gedankenaustausch ist geprägt von früheren persönlichen Begegnungen und der enormen Expertise, die der Autor als externer Berater von staatlichen und privaten Kunstmuseen gesammelt hat. András Szántó publiziert regelmäßig in der New York Times und in diversen Kunstzeitschriften, er leitete das National Arts Journalism Program an der Columbia University sowie das Global Museum Leaders Colloquium am Metropolitan Museum of Art.

Das Museum der Fondation Zinsou in Ouidah, Benin ist in einem sandsteinfarbenen Gebäude der Kolonialzeit untergebracht.
Das Museum der Fondation Zinsou in Ouidah war das erste Museum des westafrikanischen Staates Benin.

Neue Definition des Museum der ICOM lässt auf sich warten

Als weiterer Anlass für das Buch diente András Szántó der bislang erfolglose Versuch des International Council of Museums (ICOM), dem Wandel der Museumslandschaft mit einer aktualisierten Museumsdefinition zu entsprechen. Auf der ICOM-Tagung 2019 in Kyoto diskutierten 3000 Teilnehmer:innen auch über eine mögliche neue Definition des Museums, die über das übliche Sammeln, Bewahren, Erforschen und Ausstellen hinausgehen sollte. Die Kyoto-Version der ICOM, die der Autor im Vorwort zitiert, beschreibt das Museum als „Demokratie fördernde, inklusive Institution und als mehrstimmigen Raum für eine kritische Verhandlung von Vergangenheit und Zukunft“. Die Sammlungen sollten lediglich als Ausgangspunkte verstanden werden, um gegenwärtige gesellschaftliche Konflikte zu thematisieren.

Verabschiedet wurde die neue Museumsdefinition der ICOM aber bisher nicht. Sie ist erst für 2022 angekündigt. Zuvor sollen der Wortlaut und die Bedeutung der international als Leitlinie dienenden Definition in mehreren Stufen breit diskutiert werden. Das Unterfangen gleicht – wie Szántós aktuelle Bestandaufnahme im Buch zeigt – einer Quadratur des Kreises. Die neuen Leitlinien müssen nämlich die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen berücksichtigen, ohne die traditionellen Pfeiler des Museums über Bord zu werfen.

Vor diesem Hintergrund bekommt das Projekt von András Szántó auch seine besondere Dringlichkeit, weil es zeigt, dass die westlich geprägte, im 19. Jahrhundert wurzelnde Museumsdefinition schon lange nicht mehr ausreicht und erweitert werden muss. „Einige der aufregendsten, Paradigmen über den Haufen werfende Experimente finden in Afrika, Lateinamerika, Australien und Teilen von Asien statt“, stellt András Szántó fest. „Das sind die Orte, wo die neuen Kapitel der Museumsgeschichte geschrieben werden.“ Die Museen auf diesen Kontinenten haben zwar die Idee des Museums und manche der alten Grundsätze übernommen, es fällt ihnen jedoch leichter, davon ausgehend neue Strukturen auszubilden. Mit anderen Worten: Gerade traditionsreiche Häuser mit herausragenden Sammlungen wie das Metropolitan Museum in New York oder die National Gallery in London tun sich schwer, die Kunst- und Kulturgeschichte neu zu erzählen.

Eine Menschenmenge sitzt bei Nacht auf Stufen vor dem Museu de Arte in São Paulo.
Das Museu de Arte de São Paulo zeigt Meister europäischer Kunst zusammen mit brasilianischer „arte popular“. Der moderne Betonbau dient als Kulisse für ein Museumsevent.

Es gibt aber auch Gegenstimmen. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sieht im Gespräch mit András Szántó gerade in der Tradition eine Chance. Sie leitet den Auftrag der Dresdener Kunstsammlungen von der fürstlichen Wunderkammer des 17. Jahrhunderts ab, in der Objekte sowohl der Kunst- wie der Naturgeschichte aufbewahrt wurden. Die Wunderkammer diente, so Ackermann, nicht allein der Repräsentation, sondern auch der Wissensproduktion. Eine explizit politische Funktion der Kunst, wie sie von nicht wenigen zeitgenössischen Künstlern gefordert wird, lehnt sie ab: „Museen sind politisch neutral, offene Plattformen“, sagt sie. Mit Blick auf das Erstarken rechter Bewegungen in Deutschland warnt sie aber die Kollegen davor, nur die nächste Blockbuster-Ausstellung im Kopf zu haben. Museen seien autonom und könnten sehr wohl Ausstellungen mit kritischem Inhalt zeigen.

Pandemie und Black Lives Matter verändern das Museum

Sie wirbt dafür, dass Museen Werke in Auftrag geben und damit zu Orten der Inspiration für Künstler:innen werden. Es müsse nicht nur ein Budget für Ankäufe geben, sondern auch für die Erschaffung neuer Werke. Diesem Statement würden so gut wie alle Gesprächspartner:innen von András Szántó zustimmen. Victoria Noorthoorn vom Museo de Arte Moderno de Buenos Aires ist der Überzeugung, dass die besten Ideen für Museen von Künstler:innen kommen würden. So produzierte ihr Haus während des Lockdowns in Kooperation mit regionalen Künstler:innen neue digitale Formate. In einem Land wie Argentinien ergebe zudem die Idee des Museums als healing agent Sinn: „Es gibt Ungleichheit, Streit und politischen Aufruhr in Argentinien. Das Museum ist eine heilende Kraft.“ Es regt die Imagination der Besucher:innen an und eröffnet der persönlichen Zukunft neue Perspektiven.

Selbst Max Hollein, der Direktor des Metropolitan Museums in New York, will sein Museum, das herausragende Werke der großen Weltkulturen zeigt, noch mehr für gesellschaftliche Fragen öffnen. Mit Blick auf den Mord an George Floyd in den USA und die Black Lives Matter-Bewegung bekennt er im Gespräch mit András Szántó: „Wenn es ein positives Resultat dieser Krise gibt, dann ist es die Erkenntnis unserer Fehler und die Notwendigkeit, es besser zu machen. Die Krise hat gezeigt, dass wir besser zuhören müssen, und dass wir nicht nur achtsam sein, sondern aufrichtig daran arbeiten müssen, eine antirassistische Institution zu werden.“

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Die Stufen des neo-klassizistischen Brooklyn Museums dienen als Info-Flächen, um die Besucher:innen an die Verhaltensregeln während der Pandemie zu erinnern.
Die Stufen des Brooklyn Museums dienen als Info-Flächen, um die Besucher:innen an die Verhaltensregeln während der Pandemie zu erinnern.

Es herrscht unter den Museumsverantwortlichen Konsens, dass der Bezug zur lokalen und regionalen Bevölkerung, zu allen Altersschichten und einem diversen Publikum eine der großen Herausforderungen der Museen ist. Dieses hehre Ziel geht einher mit global angestrebten Standards der Willkommenskultur und der digitale Interaktion. Die Globalisierung dürfe aber nicht dazu führen, dass die Museen ihr Profil verlieren, sagen aber auch viele: „Unser Überleben hängt davon ab, anders zu sein als die anderen“, sagt Suhanya Raffel vom m+ Museum, das erst 2021 als „Zentrum visueller Kultur“ in Hongkong eröffnet werden soll. Cecilia Alemani, Direktorin des High Line New York City, wird konkreter: „Wenn wir alle denselben ethischen und sozialen Regeln gehorchen, werden wir alle dieselben Programme machen. Und das ist uninteressant. Wenn es eine andere Stimme gibt, sehe ich keinen Grund, weshalb wir sie abstrafen sollten.“

Museum in Tel Aviv wendet sich an Juden und Araber

Vor einer zu hohen Erwartungshaltung warnt aber Koyo Kouoh, die Direktorin des Zeitz Museum of Contemporary Art in Kapstadt. Auf András Szántós Frage, ob von Museen aufgegriffene Debatten zu Fragen der Identität, zu Gender und Sexualität in der Gesellschaft verfangen könnten, sagt sie: „Der Wandel von Mentalitäten geschieht durch verschiedene Kräfte. Das Museum oder die Kultur kann das allein nicht schaffen.“ Aber sicherlich könne die Museumsarbeit Horizonte weiten, mehr Verständnis schaffen und Neugier wecken. Für Tania Coen-Uzzielli vom Tel Aviv Museum of Art hingegen ist der gesellschaftliche Auftrag aufgrund der latenten politischen Spannung in Israel essentiell: „Wir müssen eine diverse Bevölkerung ansprechen: Araber und Juden, Ashkenazy und Sepharden. Flüchtlinge und Immigranten aus Russland und Äthiopien, säkulare und religiöse.“

Der bereits von vielen Museen formulierte Anspruch, eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu übernehmen, wurde durch den Shutdown von außen schmerzhaft korrigiert. Öffentliche Entscheidungsträger bewerteten die gesellschaftliche Rolle der Museen als entbehrlich, als nicht systemrelevant. Die Museen gehörten folglich zu den öffentlichen Kulturstätten, die aufgrund der Pandemie geschlossen wurden. Das führte dazu, dass Museen wie das private Garage Museum of Contemporary Art in Moskau oder das Toledo Museum of Fine Arts in Ohio sich sozial engagierten, in dem sie gesunde Mahlzeiten im Abhol-Service anboten oder Lunch-Pakete für Leute aus dem Viertel produzierten und ausgaben. Das erschien ihnen offenbar sinnvoller als nichts zu tun, als keine sozialen Kontakte nach außen mehr zu pflegen.

Zu den Stärken des Buches von András Szántó gehören die Schilderungen solch konkreter Projekte, Maßnahmen und Strategien, die eingebettet sind in den Diskurs der sich wandelnden Museumslandschaft. Der internationale Überblick unterstreicht bei aller Globalität der Szene auch die Rolle, die dem nationalen Museum zukommt. Das handliche Taschenbuch richtet sich in erster Linie an Kurator:innen und andere Museumsarbeiter:inen, aber auch Künstler:innen oder Galerist:innen. Entscheidungsträger:innen in Politik und Verwaltung dürften die unprätentiös geführten Gespräche aber ebenfalls mit Vergnügen und Gewinn lesen.

Reizvoll ist, dass sehr unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Haltungen im Buch zu Wort kommen. Es überwiegen Engagement und Idealismus, doch sind es gerade die nüchternen Bestandsaufnahmen, die sich oftmals als weiterführend erweisen. Das Buch wirft nämlich auch ein Licht auf eine globale Elite, die den Kontakt zur Straße sucht, was nicht immer leichtfällt. Nur wenige äußern sich selbstkritisch wie Brian Kennedy. „Als Museumsdirektoren leben wir in einer Blase, auch wenn wir vorgeben, dass dem nicht so sei“, sagt der Kunsthistoriker, der zur Zeit des Interviews noch Direktor des traditionsreichen Peabody Essex Museum in Salem/Ohio war. Es spricht für das Buch, dass dieser Satz während des Lektorats nicht gestrichen wurde.

András Szántó, The Future of the Museum – 28 Dialogues, 2020 erschienen bei Hatje Cantz in englischer Sprache zum Preis von 22 Euro. 320 Seiten, 30 Abb., Klappenbroschur, 12,00 × 19,00 cm, ISBN 978–3–7757–4827–8.

Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978–3–7757–4828–5

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

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Faktencheck: Carmela Thiele
Lektorat: Susanne Wedlich