Selbstbestimmt und lebenshungrig

Zwei Schwerbehinderte radeln auf einem Tandem nach Tokio

Sven Marx Sven Marx ist auf dem Tandem im Sattel und lenkt, Jürgen Pansin sitzt in der Sitzschale vor dem Lenker. Er tritt in die Pedale, er ist der sogenannte Heizer

Busy Streets - Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Der eine sieht nichts, der andere sieht alles doppelt. Gemeinsam fahren sie in den kommenden sechs Monaten von Berlin nach Tokio zu den Paralympics - auf einem Tandem durch die Wüste Gobi und über das Altai-Gebirge. 

Für Außenstehende klingt die Reise wie ein großes Wagnis. Die beiden erfüllen sich mit der 15.000 Kilometer langen Tour einen Traum und beweisen: Auch Schwerbehinderte können selbstbestimmt leben. Sie wollen anderen Menschen mit ihrer Reise Mut machen. 

Sven Marx weiß nur zu gut, dass seine Lebensweise viele irritiert. Als der 52-Jährige vor drei Jahren zu seiner ersten Weltreise aufbrach, entgegneten ihm sowohl Fremden als auch Freunden ungläubig: „Aber du bist doch behindert!“ Er lächelt dann und sagt: „Na und?“ 

Das war 2017. Die Solotour mit Zelt und Fahrrad durch 17 Länder wie Kambodscha, Malaysia und Neuseeland hatte Marx sich zum 50.Geburtstag geschenkt. Dass er damals überhaupt noch lebte, war ein Wunder. Acht Jahre zuvor hatten die Ärzte bei ihm einen Hirntumor diagnostiziert. Damals war er Tauchlehrer in Ägypten. Bei der OP konnten die Mediziner den Tumor nur zur Hälfte entfernen, Tage später hatte Marx schwere Komplikationen. Die Ärzte gaben ihn auf. Seiner Frau sagten sie, ihr Mann sei nun ein Pflegefall.

Doch damit wollte sich der gelernte Dachdecker nicht abfinden. Hartnäckig kämpfte sich der damals 42-Jährige zurück ins Leben. Erst mit dem Gehwagen im Wald der Rehaklinik, wo er heimlich übte, weil er immer wieder aufs Gesicht fiel, später alleine auf dem Fahrrad zu Hause in Berlin. 

Sein Ziel war das Brandenburger Tor. Sieben Kilometer trennten ihn von dem Wahrzeichen. Fast ein Jahr trainierte er. Dann fuhr er los. „Das war meine erste Weltreise“, sagt er heute. Nach 45 Minuten war er da. Fix und fertig, aber glücklich.

Am Brandenburger Tor startete er 2017 auch seine erste Solotour. Und Anfang März will er dort sein nächstes Abenteuer beginnen. Diesmal begleitet ihn Jürgen Pansin. Der 63-Jährige erblindete als Kind an den Nebenwirkungen einer Diphterie-Impfung. Heute hat er noch ein Prozent Sehkraft. 

Zur Vorbereitung ihrer Tour zu den Paralympics nach Japan sind Marx und Pansin in den vergangenen Monaten rund 3.000 Kilometer Tandem gefahren - unter anderem auch zur Ostsee und auf den Brocken, den höchsten Berg im Harz. Erst auf dem Rad haben sie sich so richtig kennengelernt. 

Bei dem Pino Tandem sitzt der Beifahrer in einer Sitzschale vor dem sogenannten Captain, der das Rad steuert. Der Beifahrer sitzt in der Liegeradposition deutlich tiefer als der Captain im Fahrradsattel.
Das Pino Tandem von Hase ist ein sportliches Stufentandem. Das heißt: Der Beifahrer sitzt in einer Sitzschale vor dem Lenker des sogenannten Captains, der das Rad steuert.
Sven Marx
Die beiden sitzen auf dem Tandem und halten ihre hochgereckten Daumen ins Bild. Sie sind auf einer ihrer Testfahrten in der Stadt unterwegs.
Pansin ist der Heizer, auch Stoker genannt, und sorgt fürs Tempo
Sven Marx
Geschafft: Mit ihrem vollbepacktem Tandem stehen Marx und Pansin auf dem  höchsten Berg im Harz und zeigen auf die Gipfeltafel, die 1142 Meter anzeigt.
Testfahrt auf den Brocken: Zwei Mal mussten die Abenteurer an Steigungen schieben.
Sven Marx

Begegnet sind sich die beiden Männer vor eineinviertel Jahren. Eine Bekannte von Jürgen Pansin hatte ein Radio-Interview mit Sven Marx gehört, der damals durch Neuseeland tourte und erzählte ihrem Freund, dass der Weltenbummler plante, auf seiner nächsten Tour einen Blinden mitzunehmen. Pansin rief Marx unverzüglich an und erklärte, dass er ihn gerne begleiten würde. Als Marx nach 17 Monaten von seiner Weltreise zurückkehrte, war Pansin unter seinen Freunden und den vielen Radfahrern, die ihn am Brandenburger Tor begrüßten. Damit hatte er sich das Ticket für den freien Fahrradsattel gesichert. „Als ich ihn dort sah, wusste ich, der will das wirklich“, sagte Marx.

Wenn alles nach Plan geht, radeln die beiden in den kommenden Monaten von Deutschland nach Polen, durch die Ukraine, Russland, Kasachstan, China und Südkorea bis nach Japan. Das Altai-Gebirge und die Wüste Gobi stehen ebenfalls in ihrem Tourenbuch. Um der Höhenkrankheit zu entgehen, haben die beiden mit 2500 Höhenmetern die niedrigste Überquerung des Gebirges gewählt. Trotzdem können Wind, Regen und Kälte die beiden dort an ihre Grenzen bringen. „Wenn man 50 Kilometer im Regen Rad fährt oder 80 Kilometer bei Gegenwind, da kann es schon mal rappeln“, sagt Marx. Er wünscht sich vor allem anderen ein harmonisches Miteinander auf der Reise.

Das Rad für die Reise

Das Rad ihrer Wahl ist ein sportliches Stufentandem, ein Pino Tandem von Hase. Das heißt: Der Beifahrer sitzt in einer Sitzschale vor dem Lenker des sogenannten Captains, der das Rad steuert. Pansin ist der Heizer, auch Stoker genannt, und sorgt fürs Tempo. Das Tandem hat einen Mittelmotor. Die beiden nutzen ihn jedoch nur zum Schieben. Vollbepackt wiegt das Rad 100 Kilogramm. Das ist zu schwer für Marx, der es alleine schieben muss. „Jürgen kann mir nicht helfen. Er bringt mich sonst aus dem Gleichgewicht“, sagt er. Marx hat Gleichgewichtsprobleme. Er sieht alles doppelt und schwankt stark beim Gehen. Auf dem Rad kneift er 70 Prozent der Zeit ein Auge zu, um ein klares Bild zu bekommen. Auf zwei Beinen braucht er die Schiebehilfe des Motors. Außerdem wurde auf Wunsch von Marx noch eine Rohloff-Schaltung eingebaut. Die 14-Gang-Hinterradnabe ist beliebt bei Reiseradlern, weil sie nahezu unverwüstlich und wartungsarm ist. 

Sie bringen die Inklusionsfackel nach Tokio

Am 7. März um 10 Uhr starten Marx und Pansin am Brandenburger Tor ihre erste Etappe. Mit Polizeieskorte und vielen anderen Radfahrern fahren sie sieben Kilometer zum Antonplatz nach Weißensee. Dort bekommen sie vom Netzwerk Inklusion Deutschland die Inklusionsfackel überreicht. Wie auf seinen früheren Reisen wird Marx die deutschen Botschaften in den Ländern besuchen, die er durchquert, um mit den Verantwortlichen über die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen zu sprechen. Im August wollen Marx und Pansin im deutschen Haus in Tokio dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier dann die Inklusionsfackel überreichen.


  1. Radverkehr

Schneller zu besserem Radverkehr

Was wird gerade gebaut in Berlin und auf welchen Wegen fühlen sich Menschen sicher, die noch nicht Radfahren? FixmyBerlin gibt Antworten und fragt nach.

Kopenhagen. Eine Gruppe Radfahrer fährt durch die Altstadt.
  1. Amsterdam
  2. Radverkehr
  3. Schwarm

Radfahren im Schwarm

Radfahren ist in Amsterdam ein Gruppenerlebnis. Die Kunst besteht darin, Teil des Schwarms zu werden.

Eine Gruppe Radfahrer fährt durch einen Park und passieren andere Radfahrer.
  1. Radverkehr
  2. Stadtverkehr
  3. Verkehrswende

Verkehr: „Deutschland hat den Anschluss verloren“

Veraltete Technik und eine schwerfällige Bürokratie kicken Deutschland ins Abseits. Stefan Wallmann über die Versäumnisse der Politik und was man von anderen Ländern lernen kann.

Erneuerung von Asphalt in Hamburg
  1. Radverkehr

„Besser, du schiebst jetzt ein Stück“

Radfahren mit kleinen Kindern ist anstrengend, aber die Mühe lohnt sich, findet die Autorin

Ein achtjähriges Mädchen fährt auf einem roten Rennrad eine Deichstraße entlang und bläst dabei gegen eine Pusteblume
  1. Lastenrad
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Miet mich!

Teilen statt besitzen liegt im Trend. Transporträder eignen sich dafür besonders gut. In vielen Städten kann man sie als Freie Lastenräder umsonst ausleihen.

Fünf Fahrer und Fahrerinnen posieren auf unterschiedlichen Transporträdern mit zwei und drei Rädern auf einem freien Platz. Im Hintergrund sieht man die Silhouette der Hohenzollern Brücke.
  1. Frauen
  2. Mobilität
  3. Radverkehr
  4. Verkehrswende

Pionierinnen selbstbestimmter Mobilität

Beim Fancy Women Bike Ride treten Frauen für ihre Recht und eine einfache und klimafreundliche Mobilität ein.

Die Portraitaufnahme zeigt eine Frau, die eine Sonnenriille trägt und in die Kamera lacht. Für den Fancy Women Bike Ride hat sie sich ein Tuch um den Kopf gebunden und sich rote, gelbe, grüne und blaue Gerbera, lilafarbene Rose ins Haar gesteckt. Im Hintergrund stehen weitere Teilnehmer der Ausfahrt.
  1. Radverkehr
  2. Umfrage
  3. Verkehrswende

Radfahrer geben ihren Städten die Note vier

Während Autofahrer sicher unterwegs sind, sind die Wege für Radfahrer oft zu schmal und sogar gefährlich. Das zeigen die Bewertungen der Alltagsradler, die schlechter ausfallen als zwei Jahre zuvor.

Eine Radfahrerin fährt an einer Baustelle vorbei und wird mit wenig Abstand von einem Auto überholt
  1. Infrastruktur
  2. Radverkehr

Zügig mehr Radverkehr

Städte wollen den Anteil der Radfahrer steigern. Das geht mit Tempo-30-Zonen und Fahrradstraßen relativ schnell und preiswert.

Fahrradstraße in Kopenhagen: Die Radfahrer haben Vorfahrt, Autofahrer sind hier zu Gast
  1. Bürgerbeteiligung
  2. Radverkehr

Up-cycling für Wuppertal

Können Radwege eine Stadt verändern? Und wie: Wuppertals Nordbahntrasse poliert das Image der einstigen Pleitestadt auf und verbessert den Alltag vieler Bürger und Bürgerinnen.

  1. Amsterdam
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Alternativen für Amsterdam

Amsterdam gilt weltweit als das Paradebeispiel für erfolgreiche Radverkehrspolitik. Doch auch diese Stadt braucht einen Plan B, um die Luftqualität zu verbessern und den Platz in der Stadt neu zu verteilen.

Amsterdam, The Netherlands - April 16, 2012: Cars and tram in daytime traffic in central Amsterdam.
  1. Bürgerbegehren
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Tausende Stimmen gegen den Stillstand

Bundesweit kämpfen immer mehr Stadtbewohner per Bürgerbegehren für bessere und sichere Radwege. Während Berlin auf Druck der Bürger nun zur Fahrradstadt umgebaut werden soll, hakt es in Bamberg und Darmstadt bei der Umsetzung der Bürgerbegehren.

Mit einer spektakulären Aktion zeigt Changing Cities, der Trägerverein des Volksentscheids Fahrrad, wie gefährlich Radwege sein können. Berlin-Mitte, Holzmarktstrasse, 24.11.2018
  1. Mobilität
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Grün, grüner, Vitoria Gasteiz

Spaniens Fahrradhauptstadt zeigt, wie Verkehrswende geht. In der baskischen Hauptstadt werden Autos konsequent aus dem Stadtzentrum verbannt.

Vitoria Gasteiz; Baskenland, Spanien / Fahrradstand
  1. Radverkehr
  2. Verkehrswende

Paketzustellung per E-Lastenrad statt per Diesel-Sprinter

Stau, Parkplatznot und schlechte Luft zwingen Paketzusteller in Stadtzentren zunehmend, umweltfreundliche Wege für die Zustellung zu finden. Berlin und Hamburg testen den Einsatz von Cargobikes, in Gent dürfen Lieferdienste nur bis 11 Uhr Waren in Zentrum bringen.

Messenger delivering parcel, walking in street next to his van
  1. Mobilität
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Schöner Radfahren in Utrecht

Breite Radwege, großzügige Fahrradbrücken und riesige Parkgaragen - an diese Standards haben sich die Radler in vielen niederländischen Städten längst gewöhnt. Utrecht geht jetzt noch einige Schritte weiter: Am Bahnhof gibt es neben dem größten Fahrradparkhaus der Welt die neue Rad- und Fußgängerbrücke „Moreelsebrug“ - beide machen Radfahren in Utrecht nicht nur schnell und sicher sondern auch extrem komfortabel. 

  1. Radverkehr
  2. Verkehrswende

Wie Kopenhagen zum Fahrradparadies wurde

Kopenhagen hat sich ein verbindliches Klimaziel gegeben; Teil davon ist eine Verkehrswende weg vom Auto hin zu mehr Platz für das Fahrrad. Deutsche Städte können sich vom dänischen Vorbild einiges abschauen.

Ein Lastenradler transportiert seinen Hund
  1. Fahrradstadt
  2. Radverkehr
  3. Verkehrswende

Hamburg soll Fahrradstadt werden

Mehr Radverkehr soll die Lebensqualität in der Hansestadt steigern. Noch ist die Luft ist dort schlecht und der Ton recht rau im Straßenverkehr. Die Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue soll das ändern.

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Busy Streets

Busy Streets

Nachhaltig mobil in der lebendigen und lebenswerten Stadt von morgen.