Verkehrsunfall: Überleben allein reicht nicht

Jedes Jahr verunglücken Hunderttausende Menschen im Straßenverkehr. Mehr als zehntausend werden lebensgefährlich verletzt. Die wenigsten kehren jemals wieder in ihren Beruf zurück. Beate Flanz ist eine von ihnen.

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Eine Frau mit Beinprothese sitzt in einem Liegerad mit drei Rädern

Beate Flanz hatte keine Chance. Die hüfthohen Reifen des Sattelschleppers waren schneller als sie. Ausweichen? Unmöglich. Eigentlich wusste die erfahrene Radfahrerin, dass der Lkw-Fahrer schuld an ihrem Unfall ist, seit sie aus dem Koma erwacht war. Trotzdem war sie erleichtert, als drei Gutachten dieses vor Gericht bestätigten: Der Fahrer des Lastwagens hatte nicht aufgepasst, war an der grünen Ampel in Berlin-Wilmersdorf zügig nach rechts abgebogen, übersah Beate Flanz in ihrer leuchtend roten Jacke mit ihrem Rad auf der Fahrbahn. Erst rammte er sie mit seiner Fahrerkabine, dann überrollte er sie und ihr Fahrrad – mit 32 Tonnen Kies auf der Ladefläche. Von all dem merkte er nichts, sondern fuhr weiter, bis Zeugen ihn stoppten.

In Deutschland verunglückten 2021 laut Statistischem Bundesamt 325.691 Menschen im Jahr im Straßenverkehr – das sind 6.000 mehr als in Münster leben. 2.562 von ihnen starben bei diesen Unfällen, 55.137 wurden schwer verletzt. Wie viele von ihnen so schwer verletzt werden, dass sie nie mehr in ihr altes Leben zurückkehren können, verschweigt die Statistik. Experten gehen von bis zu 12.500 Opfern in jedem Jahr aus. Ihre Zahl wird nicht systematisch erfasst, sondern hochgerechnet. Beate Flanz war 2017 eine von ihnen. Ihr Unfall gehörte zu den besonders dramatischen Fällen, die in den Abendnachrichten und in der Lokalpresse erwähnt werden.

In der Regel sind Unfallopfer nur eine Meldung im Polizeireport, später dann eine Zahl in der Verkehrsunfallstatistik. Am Jahresende werden die Toten und Versehrten aus der Statistik gelöscht und verschwinden vollends aus dem Blickfeld der Gesellschaft. Für sie existiert keine Statistik. Versehrt bleiben sie trotzdem. Viele von ihnen wie Beate Flanz sind schwerstbehindert bis an ihr Lebensende.

Anfangs hat die 52-Jährige überlegt, vom Balkon zu springen. Wer sie heute in Berlin mit ihrer leuchtend roten Lockenmähne auf dem Liegerad sieht, ahnt von ihren Selbstmordgedanken nichts. Scheinbar mühelos tritt sie die Pedale ihres E-Liegerads und gleitet über den glatten Asphalt des Radwegs. Aber mühelos ist für sie gar nichts mehr, seit der Kieslaster sie im Oktober 2017 überrollt hat.

Die rechte Körperseite zerstört

Die Unfallchirurgen haben von ihrer rechten Körperhälfte gerettet, was sie konnten. Aber der Sattelschlepper hat der sportlichen Frau wenig gelassen. Ihr rechtes Bein wurde über dem Knie amputiert, ihr rechter Arm ist zwar noch da, aber seltsam verformt, taub und für sie unbrauchbar. Ebenso wie ihre rechte Gesichtshälfte. „Ich kann auf der Seite nichts hören und nichts sehen“, sagt sie. Der Gesichtsnerv ist zerstört. Sie kann den Mund nicht mehr schließen. Beim Kauen und Trinken fällt die Hälfte wieder heraus oder rinnt an Kinn und Hals herunter. Aber nicht nur körperlich hat der Unfall die lebensfrohe Frau gebrochen. Er hat auch ihr Wesen verändert.

Vor dem Unfall: lebensfroh und hilfsbereit

„Vor dem Unfall war für Beate das Glas immer halb voll. Sie war lebenslustig, unheimlich beliebt und kam mit jedem klar“, beschreibt Bettina Schmitt ihre Freundin. Sie war ein Motor, der stets andere antrieb. Für ihren Arbeitgeber leitete sie eine Betriebssportgruppe, sie fuhr mit Freunden und Pferden in Urlaub und kombinierte als ADFC-Tourenleiterin ihre Ausfahrten mit Qigong-Einheiten. „Bewegung und draußen sein, waren mein Ein und Alles“, sagt die Wahl-Berlinerin – mit ihrem Pferd, per Rad oder Kanu und im Winter mit Skiern. Unstimmigkeiten im Freundeskreis spülte sie gerne mit ihrem Lachen fort. Sie war hilfsbereit, eine, die immer die Katzen der anderen in der Urlaubszeit fütterte.

Eine Frau steht mit einem Pferd vor Straohballen
Vor ihrem Unfall hatte Beate Flanz eine Reitbeteiligung
Eine Frau sitzt in einem Kajak und paddelt durchs Schilf
Natur und Bewegung waren ihr Lebensinhalt
Eine Radfahrerin steht in den Bergen
Sie liebte es draußen zu sein und sich auszupowern
Eine Frau steht mit weit ausgebreiteten Armen am Meer
Vor ihrem Unfall arbeitete sie drei Tage, um Zeit für ihre Hobbies zu haben
Eine Frau mit Skiern steht auf einer Langlaufpiste
Skifahren, Reiten, Radfahren, Paddeln – vor ihrem Unfall war die Berlinerin immer unterwegs

Abhängigkeit kann sie kaum aushalten

Seit dem Unfall ist sie diejenige, die Hilfe braucht – bei 98 Prozent aller alltäglichen Dinge. „Ich bin rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen“, sagt sie. Beim Haarkämmen, beim Essen, beim Einsteigen in ihr Liegerad oder dem Anlegen ihrer Beinprothese. Wenn sie im Wohnzimmer ein Glas Wasser trinken will, muss es ihr jemand bringen. Mit nur einem Arm und einem Bein kann sie nichts tragen. Die gesunde Hand hält den Stock.

Fünf Assistenten unterstützen sie abwechselnd im Alltag. Für die dynamische Frau ist die Abhängigkeit eine Tortur. Immer noch will sie, was irgendwie geht, selbst erledigen. Eilt ihr jemand ungefragt zu Hilfe, raunzt sie ihn auch schon mal an. Fremde ebenso wie ihre Freunde. Das kommt nicht immer gut an.

In Deutschland sinkt die Zahl der Verkehrsopfer seit ein paar Jahren nur noch leicht. Technische Fortschritte in den Fahrzeugen und eine optimierte Notfallversorgung haben zuvor jahrzehntelang die Unfallzahlen reduziert. Von 1970 bis 2008 sank die Zahl der Getöteten um rund 80 Prozent und die der Schwerletzten zwischen 1996 und 2008 um 46 Prozent. Bis die Pandemie das Leben auf den Straßen bremste, stagnierten die Zahlen rund zehn Jahren.

Vision Zero – andere Länder sind weiter

Mit ihrem „Pakt für mehr Verkehrssicherheit“ haben sich die Verkehrsminister der Länder 2020 auf eine Light-Version von Vision Zero (null Verkehrstote) geeinigt. Bis 2030 wollen sie die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland um 40 Prozent und die Zahl der Schwerverletzten signifikant reduzieren. Allerdings ist die Umsetzung in Ländern wie Schweden, der Schweiz oder den Niederlanden bereits seit Ende der 1990er-Jahre deutlich konsequenter. Schwedens Strategie ist: Wenn es irgendwo kracht, muss der Verkehrsplaner dafür sorgen, dass dies nie wieder passieren kann. Um Konflikte von vornherein zu vermeiden, werden dort der Rad- und Autoverkehr strikt voneinander getrennt und Kreuzungen durch Kreisel ersetzt.

Eine Frau mit Beinprothese sitzt in einem Liegerad mit drei Rädern auf einem asphaltieren Feldweg
Das E-Bike ist ihr ständiger Begleiter
Eine Frau steht an einem Geländer. Im Hintergrund befinden sich ein Fluss und Hügel
Weiterhin ist Beate Flanz viel unterwegs
Eine Frau reitet im Schritt einen Feldweg entlang
Ausflug per Pferd. Nur im Sattel kann Beate Flanz ihren ganzen Körper belasten
Eine Frau steht am Fuß einer Treppe im Wald. Ein Mann steht direkt hinter ihr
Üben mit dem Personaltrainer
Eine Frau mit Beinprothese steht im Bikini im bis zum Unterschenkel im Meer
Beate Flanz Reiselust ist ungebrochen
Eine Frau sitzt auf einer Bierbank vor einem Cafe
Trinken trotz Lähmung trainiert sie mit ihrer Logopädin

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Andrea Reidl


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