Mauerfall: Von geschichtlichen Monstern und anderen Lebewesen

Eine Spurensuche per Rad und Boot.

Der Herbst ist für mich Poesie-Zeit. Ich wärme mich an Señor Machado und seinem Trost, frei interpretiert: Einmal unterwegs, findet sich schon ein Weg. Die Reise beginnt am 4. Oktober. Ich fahre mit dem Fahrrad gen Osten, ohne feste Route, aber mit dem so gar nicht lyrischen Wort Wiedervereinigung im geistigen Verdauungsapparat.

Geschluckt habe ich diesen Köder am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit. Im Willy-Brandt-Haus zu Lübeck besuche ich die Ausstellung Frontiers of Piece des italienischen Fotografen Valerio Vincenzo. Sie macht selbst 31 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs subtil bewusst, dass offene Grenzen vor der Haustür keine Selbstverständlichkeit sind.

Bevor seit Mitte Oktober wieder Zuhause-Bleiben angesagt ist - bevor also die Covid-Raten auch in Deutschland wieder bizarr nach oben schnellen, peile ich nun einen weiten Bogen durch Mecklenburg, Brandenburg und Sachsen-Anhalt an.

Vier Fahrtage gebe ich mir, fünfhundert Kilometer und einen festen Recherche-Punkt, bei gut der Hälfte der Radstrecke. Der Punkt liegt am einzigen bedeutenden Mauerrest im Bereich Potsdams. Für dort verabrede ich mich für Dienstag 15 Uhr mit Michael Cramer. Der 71-jährige Vater des Mauerradwegs und des Iron Curtain Trail ist ein Radbesessener wie ich. Vorab am Telefon sprechen wir über die Mauer, über Willy Brandt und dessen am 10.11.1989 für die meisten noch undenkbaren Vorschlag,

... ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk, ein Stück davon (...) von mir aus als ein geschichtliches Monstrum stehen zu lassen.

Am Mauerrest von Potsdam - Cramer kommt ebenfalls mit dem Rad dahin - erzählt er mir (INTERVIEW UNTEN), wie seine Partei, die Grünen, vor 20 Jahren von den damals etablierten Parteien Berlins als verrückt abgestempelt wurden, weil sie "Teile dieses Monstrums für zukünftige Generationen bewahren wollten". Es stand der Vorwurf im Raum, man wolle gleichsam die Mauer erhalten, wenn nicht gar neu errichten. Cramer:

Wenn ich heute umgekehrt irgend Jemanden anspreche: 'Ihr wolltet damals alles abreißen!' - dann bekomme ich zu hören 'Nein, nein, das stimmt alles nicht'!

Cramer lacht heute über den Blick 20 Jahre zurück. Mit berstendem Ernst und unbeugsamem Eifer verschreibt er sich damals einem noch viel größeren Ziel, nämlich dem gesamten Eisernen Vorhang ein radtouristisches Denkmal zu setzen. 2018 erhält er für das Projekt „Europa-Radweg Eiserner Vorhang“ das Bundesverdienstkreuz.

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Bekannt wurde Martin C Roos als RadelnderReporter vor allem mit der Fahrt durch alle 16 Bundesländer, die er in der literarischen Collage "Zwei Räder, ein Land" dokumentierte (tredition, August 2020). Sie erscheint sukzessive auch in seinem RiffReporter-Magazin. Über neue Beiträge informiert der kostenlose Newsletter.

Clips & Sounds in diesem Beitrag

  1. Begegnung mit Mecklenburgs seltsamsten Bewohnern (kurz vor Bäk)
  2. Klaus Jante spricht über Vor- und Nachwende und rezitiert sein Lieblingsgedicht (Warlow)
  3. Interview mit Michael Cramer (Potsdam)
  4. Die Glienicker Brücke und ihre DDR-ironische Benennung (Potsdam)
  5. Die ungebrochene Verehrung von Dr. Samuel Hahnemann (Köthen)
  6. Porphyrstein und Eisen bricht: das Zeug aus dem die Hallesche Störung ist (Löbejün).

Anmerkung: Im Live-Selfie-Modus bei Facebook aufgenommene Videos verbleiben stets spiegelverkehrt in der Darstellung.

Der 63-jährige Willy Brandt mit Gitarre und Zigarette im Freien; davor der 53-jährige Autor Martin C Roos.
Von der Willy-Brandt-Stiftung gewollter Ulk: Das im Hinterhof des Brandt-Hauses angebrachte Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers lädt zu Selfies ein - hier mit dem RadelndenReporter.

Mein RadReport beginnt an der "Brandt-Mauer"

Europas einstiger Teilung ohne Mauerrest gedenken?

Heute undenkbar.

Weltberühmt sind die 1,3 Kilometer der East Side Gallery in Berlin. Weltsymbolisch zieren drei Mauersegmente vom Leipziger Platz das UN-Hauptquartier in New York. Und auch Willy Brandt bekam sein ganz privates Stück Mauer: geschenkt wahrscheinlich 1991 von Berlins damaligem regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen. Wann genau Brandt das Mauersegment erhielt, das heute im Innenhof des Willy-Brandt-Hauses steht, weiß man beim Lübecker Ableger der Brandt-Stiftung nicht. Wohl aber sagt man mir, wann und wo das Porträt entstand, dass im Riesenformat die Wand hinter dem Segment ziert (Foto oben). Es zeigt einen tiefenentspannten 63-Jährigen in einem Teutoburger Ausflugslokal, Gitarre spielend, eine frisch angesteckte Zigarette im Mundwinkel, zwei Jahre nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler im Jahr 1974.

Schuld war ein DDR-Spion. Er war einer von Brandts engsten Mitarbeitern, wofür der Kanzler die Verantwortung übernahm und zurücktrat. Brandts Erinnerung daran, dass er gleichsam über die DDR stolperte, mag Diepgens Mauergeschenk noch einmal zementiert haben.

Mecklenburg: Ein bisschen Südamerika liegt an der Route

Lübeck ist Brandts Geburtsstadt. Sie war zu DDR-Zeiten die einzige deutsche Großstadt direkt am Eisernen Vorhang. Deswegen bin ich im Nu an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Und bei Vögeln, an denen sich die Geister scheiden.

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Demnächst in meinem Riff-Magazin - aus dem Deutschlandbuch Zwei Räder, ein Land:

Erschossen wegen einer Splittermine: Das Schicksal des Michael Gartenschläger

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Neben den Transformatoren eines Umspannwerks strahlt vor dunklem Grau-Braun ein Regenbogen.
Die schöne Seite des Gewitters, das gegen 7:30 Uhr morgens südlich von Sandau (Sachsen-Anhalt) die Elbe herabdonnert - mir direkt entgegenkommend.
Vor einer waldumsäumten Straße steht das blaue Warnschild mit der Aufschrift "LÄRM - Schieß- und Übungsbetrieb".
Befindet sich zu etwa zwei Dritteln auf dem Territorium Sachsen-Anhalts und zu einem Drittel in Brandenburg: der Truppenübungsplatz Klietz.
Michael Cramer und Martin C Roos lupfen nebeneinander lachend ihr Fahrrad am Bug des Wasservehikels; im Hintergrund der von der Havel gespeiste Jungfernsee.
IronCurtain-Bikeline-Macher und RadelndeReporter entsteigen an der Meierei Potsdam dem Floß.
Karla Fritze, mit freundlicher Genehmigung

Abends, am einstigen Tag der Republik stelle ich im Bildungsforum Potsdam mein Deutschlandbuch vor.

Zu sehen ist ein Ausschnitt des Buchcovers.
"Der Autor berichtet spannend, detailreich und sehr persönlich von seiner weitgreifenden Recherche-Reise (...) und ist kein ultrafitter Supersportler, sondern einer dem die Muskeln brennen, der von Selbstzweifeln gequält wird. Das unterscheidet 'Zwei Räder, ein Land' auf sehr sympathische Weise von anderen Reiseberichten." Auszug aus der Rezension im Magazin NordSpitze, erschienen am 1.10.2020.
Das Rad lehnt an der Reling der Fähre Coswig, was auf dem roten Rettungsring gedruckt steht. Im Hintergrund das Stadtbild Coswigs.
Für 2 Euro inklusive Rad von Nord (Coswig - im Hintergrund das Schloss) nach Süd, ins Gartenreich von Wörlitz.
Die roten Felsen aus dem Steinbruch von Löbejün teilt in der Mitte eine rund drei Meter hohe, etwa ellenbreite und stark verformte Metallwand.
Aus dem Jahr 2017 stammt das Kunstwerk "Die Störung" von Herbert Nouwens, einem Metallbildhauer aus den Niederlanden. In Halle spekuliert man, die metallene "Störung" sei die Dunstabzugshaube einer Großküche.

Ein Geologe bezeichnet das Werk, dessen Fels aus Löbejün stammt, in der Mitteldeutschen Zeitung als künstlerische Imagination der Störung. Heute jedoch, am 9. Oktober, zeigt das Kunstwerk für mich eine andere allegorische Anspielung. Heute auf den Tag ist es ein Jahr her, dass ein Rechtsextremist versuchte, in Halle einen, ja, Massenmord an Juden zu begehen. Und zwei Passanten tatsächlich erschoss.

Jene Hallesche Störung, sie ist im vom Täter anvisierten Ausmaß einmalig. Und trotzdem: Die Wikipedia-"Liste von von Anschlägen auf Juden und jüdische Einrichtungen im deutschsprachigen Raum" besitzt unter dem 9.10.2019 bereits neun weitere Einträge.

Im Hintergrund lehnt das Rad des RadelndenReporters an einem Überbleibsel der Berliner Mauer.
In meinem Magazin RiffReporter.de/Deutschland thematisierte ich regelmäßig die Themen Rechte Gewalt und Deutsche Geschichte. Das Foto entstand kurz vor dem Treffen mit dem Vater des Mauerradwegs, Michael Cramer. Im Vordergrund: ein Stück alter DDR-Sicherheitszaun.
Auf der Glocke vor dem Rathausturm steht "keine Gewalt". Die Tumuhr zeigt fünf vor Zwölf.
Die Friedensglocke in Dessau-Roßlau ist ein Denkmal für die politische Wende 1989, passt aber zeitlos als Mahnung, sich gewaltbereiten Radikalen entgegenzustellen.

Disclaimer

Diese Recherche entstand mit Unterstützung der TMB Tourismus Marketing GmbH Brandenburg in Form von zwei Übernachtungen im B&B Hotel Potsdam und der Floßüberfahrt von Sacrow bis Potsdam (weil das Wassertaxi aufgrund der Corona-Situation frühzeitig den Verkehr eingestellt hatte).

Weder die Auswahl von Recherchespots noch die Berichterstattung wurden durch die Unterstützung in irgendeiner Weise beeinflusst.

Zum zitierten Mauerweg informiert Brandenburg über reiseland-brandenburg.de/poi/ruppiner-seenland/radtouren/mauerweg

Die mit Michael Cramer gefahrene Route ist Teil des Mauerradwegs Berlin. Regulär dürfte die Wasserpassage von Sacrow nach Potsdam ab Frühjahr 2021 wieder möglich sein (potsdamer-wassertaxi.de).

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RadelnderReporter