Die Wahrheitssucherin

Die Kolumbianerin Claudia Tribín interviewt in Deutschland Opfer von Gewaltverbrechen für die Wahrheitskommission.

37 Minuten
Eine Frau Mitte 50 mit halblangen grauen Locken, Brille und roten Lippen lächelt in die Kamera. Sie trägt einen roten Filzschal mit einer Stoffblume um den Hals. Unscharf im Hintergrund ist eine Straße mit parkenden Autos in einer Stadt zu sehen.

Vertreibungen, Entführungen, Morde, Massaker – für viele Kolumbianerïnnen war das Alltag. Sie haben die Gewalt so verinnerlicht, dass ihnen nicht klar ist, dass sie Opfer sind. Claudia Tribín (59) ist eine von ihnen. Sie macht ihnen bewusst, dass das Erlebte nicht normal sein darf, und versucht zugleich zu ergründen, was in Kolumbien wirklich passiert ist im bewaffneten Konflikt.

Die Kolumbianerin Claudia Tribín sucht in Deutschland nach Antworten. Sie interviewt Landsleute für die kolumbianische Wahrheitskommission. Diese will ergründen: Was genau haben die Kolumbianerïnnen im bewaffneten Konflikt zwischen Staat, Guerillas, Paramilitärs und Drogenbanden in Kolumbien erlebt? Ein Gespräch über Täterïnnen und Opfer, Schuld und Verdrängung, Verzweiflung und Hoffnung.

Katharina Wojczenko: Wenn Sie von den Kolumbianerïnnen sprechen, die in Deutschland sind, verwenden Sie das Wort salida,alsoAusreise, nicht Flucht. Empfinden sich diese Menschen nicht als Geflüchtete?

Claudia Tribín: Längst nicht alle. Nicht alle baten um Asyl, nicht alle empfinden sich als im Exil, viele sehen sich als Migrantïnnen. Die meisten Interviewten sagen: Mir ist das passiert, zum Beispiel haben sie meine Mutter ermordet – dann kommt eine lange Liste – aber: Ich bin kein Opfer. Ich denke, das trifft auf 90 Prozent zu. Wir Kolumbianerïnnen haben die Gewalt so verinnerlicht, dass sie für uns normal ist, ein Teil unseres Lebens in Kolumbien. Deshalb sehen wir uns nicht als Opfer.

Sie sehen sie sich nicht als Opfer. Aber gibt es Täterïnnen?

Das natürlich schon. Aber meistens sind sie unbekannt. Das ist vielleicht ein Muster, um Beklommenheit und Angst zu schaffen. Viele Drohungen sind anonym, sehr derb und respektlos. Du lebst also in einer permanenten Situation der Unberechenbarkeit. Ist es diese Frau, mit der ich mich gezankt habe? Der Mann, der an der Ecke Süßigkeiten verkauft? Erst kommen die Drohungen, dann die Pamphlete, dann wird jemand in der Familie bedroht, jemand, den du liebst. So verlieren die Menschen ihre Mitte.

Ich frage deshalb nach, weil es wenn es Täterïnnen gibt doch auch Opfer geben muss. Warum haben diese Menschen diese beiden Gedanken nicht zusammengebracht?

Opfer zu sein gefällt niemandem. Außerdem weiß man: Wenn man zum Beispiel in einer linken Organisation ist, bringt das Probleme mit dem Staat oder mit paramilitärischen Organisationen mit sich oder eine Mischung aus beidem. Auf der anderen Seite weiß man, wenn man entführt wurde oder als Unternehmerïn bedroht wurde, steckte dahinter in der Regel die Guerilla.

Zwei junge Männer mit punkig rasiertem Haar liegen halb übereinander mit den Gesichtern nach unten in einer Erdgrube. Sie tragen nur blaue Unterhosen.
Der Fotograf Andrés Cardona ist Vollwaise. Mehr als 20 seiner Angehörigen wurden umgebracht. Für sein Langzeit-Projekt „Wreck Family and the Colombian Conflict“ rekonstruiert er die Geschichte seiner Familie und Szenen aus ihrer kollektiven Erinnerung. Er erhielt dafür vor Kurzem den renommierten W. Eugene Smith Fund Grant. Auf diesem Foto stellen Hernando und Aldemar, die ältesten Söhne von Cardona Vater und Onkel, die Beerdigung ihrer Väter nach.